Berliner Bezirke mit dem Fahrrad erkunden
Berlin hat fast vier Millionen Einwohner, zwölf Bezirke und 97 Ortsteile – jede Menge Stoff also für kleine und große Entdeckungen. In dieser Serie nehmen wir euch mit auf unsere Fahrradtouren durch die Stadt, zeigen interessante Orte, erzählen Geschichten und schauen auch mal abseits der bekannten Wege. Die Berichte erscheinen in lockerer Folge. Den Anfang macht Pankow.
Pankow
Ein letzter Kaffee, bevor ich meine heutige Tour durch Pankow beginne. Seit der Bezirksreform 2001 gehören auch Prenzlauer Berg und Weißensee dazu. Das macht die Sache deutlich umfangreicher – aber auch spannender. Komoot hat mir eine 32 Kilometer lange Tour vorgeschlagen. Ich habe also viel vor. Salud!
Viele Attraktionen am Anfang
Der Start ist auf dem Hof der Kulturbrauerei, mitten in dem unter Denkmalschutz stehenden Ensemble der ehemaligen Schultheiss-Brauerei. Hier gibt es sage und schreibe 16 verschiedene Einrichtungen, vom Frannz Club bis zum Capoeira e.V. Irre! Ich stehe vor dem Maschinenhaus. Adam und Eva ignorieren mich völlig. Ich glaube auch zu wissen, warum. Die beiden bronzenen Skulpturen des Berliner Bildhauers Rolf Biebl stehen seit 1990 hier und sollten unter anderem die Subkultur dieses Ortes symbolisieren. Dieser besonderen Form kulturellen Schaffens fühle ich mich nicht unbedingt zugehörig; das haben die gemerkt. Macht aber auch gar nichts. Ich halte das aus.
Über die Eberswalder und Bernauer Straße komme ich zum Mauerpark, der mich immer wieder fasziniert. Auf den Ruinen des Todesstreifens haben Menschen aus Berlin und der ganzen Welt einen ganz besonderen Ort der Begegnung geschaffen. Auf meiner Mauerwegtour vor einigen Wochen bin hier natürlich auch vorbeigekommen. Ich muss die Gärtnerinnen und Gärtner des Grünflächenamtes mal fragen, wie sie den Rasen so saftig grün hinbekommen. Keine trockenen Stellen, kein gelbes Gras, auch kein Dreck oder Hundekot. Ich bin beeindruckt.
Es ist mitten in der Woche, später Vormittag und total ruhig. Das gefällt mir so gut, dass ich mich am liebsten lang ausstrecken und relaxen würde. Aber wer fährt dann die Tour für mich? Niemand. Nun denn: hoch und rauf auf den drahtigen Metallkumpel. An der Gleimstraße führt mich der Weg eigentlich nach rechts. Doch links gibt es etwas sehr Interessantes. Es ist ein Tunnel, der aber nicht gerade zum gemütlichen Durchradeln einlädt. Er führt hinüber nach Mitte und nach kräftigem Regen kann man ihn sogar schwimmend passieren. Heute ist es zum Glück trocken, dafür herrscht eine ziemlich düstere Atmosphäre. Das gelbliche Laternenlicht trägt seinen Teil dazu bei. Fehlt eigentlich nur noch die passende Filmmusik: “Willkommen am Gleimtunnel”.
In der Kopenhagener Straße 16 residiert seit dem Jahr 2000 die Kohlenquelle, auch „Koppe“ genannt. Einer der besten Sundowner-Feierabend-Spots der Gegend. Doch erstens schlägt die Uhr gerade zwölf Mal und zweitens wäre die Tour dann wohl vorbei. Ich kann mir aber gut vorstellen, bei schönem Sonnenuntergangswetter hier zu versacken. Ich fahre weiter. Alles strahlt sonnendurchflutet. Wahrscheinlich heißt das Kopfsteinpflaster unter meinen Pneus auch deshalb Sonnenburger Straße. Ich überquere die Schönfließer Brücke und diverse Gleise. Ein imposanter Anblick. Und gleich links, in rund 50 Metern Entfernung, stoppe ich schon wieder. Die Attraktionsdichte ist am Anfang der Strecke wirklich ziemlich hoch. In der Dänenstraße steht die St. Augustinus Kirche, ein spätexpressionistisches Gotteshaus, das fast 100 Jahre alt ist. Von außen eher unscheinbar in die Bauflucht der Wohnhäuser eingegliedert, ist der Anblick innen umso schöner.
Der Weg kreuzt jetzt die berühmte Bornholmer Straße mit der Bösebrücke, wo am 9. November 1989 alles endete und neu begann. Ich spare mir den Weg komplett hinunter bis in den Wedding und schaue mir stattdessen den S-Bahneingang genauer an. Der Bahnhof wurde bei seiner Eröffnung am 1. Oktober 1935 als Berlins schönster Bahnhof bezeichnet. Heute erscheint er mir eher wie ein ziemlich normaler Durchschnittshalt. Interessant ist allerdings die sogenannte Tannenbergschrift über dem Eingang. Dieser Stil wurde beibehalten, obwohl die Schrift unter der Naziherrschaft sehr beliebt war. Das kunstvoll verzierte orangefarbene Sitzmöbel davor kontrastiert auf ganz reizende Weise mit den drei gemauerten Eingängen. Schön ist anders. Egal.
Die lange grüne Mitte
Der Autoverkehr ist schrecklich. Ich versuche, unverletzt die Bornholmer Straße zu queren, und tangiere anschließend unbeschadet eine hübsche Kleingartenanlage im ehemaligen Grenzgebiet. Hier gibt es einen Kirschblütenpfad, der im Frühling bestimmt grandios aussieht. Schließlich führt mich die Grüntaler Straße unter der S-Bahntrasse hindurch zum „Nassen Dreieck“. Was für ein Name! Es handelt sich um eine Grünfläche im Dreiländereck von Prenzlauer Berg, Pankow und Gesundbrunnen, das in grauer Vorzeit einmal ein Feuchtbiotop war. Wieder etwas gelernt! Im Florakiez stoppe ich an einem ehemaligen Friedhof an der Gaillardstraße, der heute eher wie ein Park aussieht. Solche leicht morbide wirkenden Orte üben eine große Anziehungskraft auf mich aus. Mit einer gewissen Ehrfurcht betrete ich die verwilderten Grünflächen. An der Rückseite sehe ich ein altes Backsteingebäude. Viele hohe Bäume stehen hier, richtige Wege sind kaum noch zu erkennen. Zwischen den Büschen läuft mir plötzlich ein sehr kleiner Hund über den Weg: Basmati, sagt mir das freundlich lächelnde Frauchen. Sie heißt Dee und geht hier gern mit ihrem Hündchen spazieren.
Dee klärt mich über die Details zum Ex-Friedhof auf. Seit 2004 ist diese letzte Ruhestätte keine mehr, das Gebäude ist die alte Leichenhalle. Die Gräber sind fast alle verschwunden und eingeebnet. Wegen des Rechts auf Nachbeisetzung bis zum Jahr 2090 kann der Friedhof offiziell allerdings noch kein Park werden. Ich verabschiede mich. Mein Weg führt mich weiter zum Pankower Bürgerpark, den wir schon einmal in unserer Serie der schönsten Parks Berlins beschrieben haben.
Am Musikpavillon des Rosengartens mit seinen gepflegten Sandsteinsäulen reizen mich die Bänke zum Verweilen. Aber ich habe noch viel vor und die Zeit rast. Auf gekiesten Parkwegen drehen sich meine Räder weiter in Richtung Grabbeallee. Ich befinde mich nun im Ortsteil Niederschönhausen. Die Hausnummer 39 ist ein bemerkenswertes Gebäude: das denkmalgeschützte Haus Horridoh. Erbaut um 1870, ist es ein architektonisches Zeugnis der villenartigen Vorortbebauung des 19. Jahrhunderts. Es sieht ziemlich zerfallen aus, doch die einstige Schönheit mit Säulen, Pfeilern und Rundbögen blitzt zwischen der üppigen Gartenbepflanzung noch immer deutlich hervor.
Ich bleibe auf der Bundesstraße 96a. Der dichte Verkehr strengt mich an und ist trotz teilweise vorhandener Radstreifen auch nicht ganz ungefährlich. Da freue ich mich doch, dass ich wenige Minuten später schon wieder in einen Park abbiegen kann. Überhaupt ist die Tour erstaunlich grün, was ich so gar nicht erwartet hatte. Das gefällt mir. Am Eingang zum Bosepark steht die Skulptur „Mutter mit Kind“ des Bildhauers Reinhold Carl Thusmann Felderhoff. Sie trägt auch den Beinamen „Die Reisende“, weil sie seit ihrer Entstehung 1911 dreimal umziehen musste. Unter anderem stand sie einmal im Pankower Bürgerpark.
Das für den Bezirk namensgebende Flüsschen Panke aus Bernau fließt auch durch den Schlosspark von Niederschönhausen. Hier befinde ich mich jetzt an einem Ort mit unzähligen märchenhaften Fotospots, wie es heißt. Ich werde mal nach einem suchen. Das Fahrrad darf allerdings nicht mit hinein, also bewege ich mich zu Fuß weiter. Die Fassade des Schlosses ist schlicht und unterstreicht den charmanten Naturcharakter des Ensembles mitten in der Stadt. Einst schenkte Friedrich der Große das Schloss seiner Gemahlin Elisabeth Christine, die über 50 Jahre lang hier die Sommermonate verbrachte. Mir gefällt die Sicht auf das Schloss mit dem runden, gemauerten Teich davor am besten.
Das Schloss hat auch eine politische, jüngere Geschichte. Unter anderem hat Fidel Castro auf einer Kegelbahn sein Unwesen getrieben und Michail Gorbatschow 1989 hier übernachtet. Anschließend brach die DDR zusammen, was man dem Schloss heute nicht (mehr) ansieht. Ich schlendere zurück zum Fahrrad und mache mich wieder auf die Räder. Vorbei am Paracelsusplatz nähere ich mich ein weiteres Mal der S-Bahntrasse. Ein ziemlich unheimlich wirkender Graffiti-Tunnel führt mich zum S-Bahnhof Heinersdorf.
Gruselig. Schnell durch und weg, denke ich mir. Hinter dem Bahnhof muss ich einen Fahrstuhl nehmen, um auf die Prenzlauer Promenade zu kommen. Nach wenigen Metern geht es aber schon wieder runter und hinein in eine ganz normale Wohnsiedlung. Keine Highlights. Ich mache Strecke. Die Uhr geht auf halb fünf zu. Wenn ich weiter so trödele, erreiche ich den Ausgangspunkt an der Kulturbrauerei erst nach Sonnenuntergang. Alles Quatsch, denke ich mir und trete in die Pedale. Um mich herum wird es wieder grün. Der Weiße See liegt vor mir. Ich biege auf einen Parkweg und schaue unter den Bäumen hindurch aufs Wasser. Auf der anderen Seite liegt das Strandbad Weißensee. Ich kann es allerdings kaum erkennen, das Ufer ist ziemlich zugewachsen. Alles ist hübsch angelegt, ordentlich und sauber. Ich werde mir die Stelle merken und wiederkommen.
Der Name des Sees leitet sich übrigens von seiner optischen Erscheinung bei bestimmten Wetterverhältnissen her. Wusste ich vorher auch nicht. Ich drehe noch eine Runde, durchquere dann eine weitere Grünanlage und stoppe schließlich am Kreuzpfuhl. Der kleine Tümpel liegt malerisch zwischen den Häusern und beschert den Anwohnern einen herrlichen Ausblick. Zum Wasser gehören natürlich auch Grünzeug, Bäume, Wiesen, Sträucher und ein paar Wege. Und schon hat man einen Park.
Er heißt seit dem 2. September 2015 Jürgen-Kuczynski-Park, benannt nach dem international angesehenen Wirtschaftswissenschaftler, der unweit des Parks bis 1997 lebte. Ich überlege: Wie viele Grünanlagen habe ich bisher eigentlich schon durchquert? Ich weiß es nicht. Unglaublich viele jedenfalls. Klasse. Schweren Herzens überlasse ich den abendnahen Ausblick mit Sonnengeblinzel den Balkonbenutzern und strebe den Jüdischen Friedhof Weißensee am Ende der Herbert-Baum-Straße an. Er ist schon geschlossen, aber das macht nichts. Ihn zu erkunden, bedürfte sowieso einer eigenen, größeren Tour. So schaue ich nur durch den Zaun auf das Hauptgebäude mit der schwarzen Tafel davor und halte einen Augenblick inne.
Etwas bedrückt von dem Text, der eindringlicher nicht sein könnte, fahre ich zurück in Richtung Greifswalder Straße, mittenhinein in den spätnachmittäglichen Berufsverkehr.
Der Endspurt
Über die Meyerbeerstraße kürze ich ab und schaffe es unverletzt über die riesige Kreuzung Ostsee-/Michelangelostraße. Unter den S-Bahngleisen hindurch strebe ich den Ernst-Thälmann-Park an. Schon wieder einer, ich glaub´s ja nicht! Hier verweile ich allerdings nicht, sondern fahre weiter zum Zeiss-Großplanetarium. Einer der letzten Repräsentationsbauten der ehemaligen DDR ist auch vom nahegelegenen Spielplatz aus betrachtet beeindruckend.
Weiter geht's zurück durch die Stargarder Straße, entlang der Wohnblöcke. Der berühmte Kommunist Ernst Thälmann aus der Weimarer Republik ist mir ziemlich schnuppe. Ich besuche ihn nicht und lasse den Park links liegen. Derartige überdimensionierte Monumentalskulpturen mag ich sowieso nicht besonders. Ich nähere mich nun dem Ende der Tour. Über die Danziger Straße und die Prenzlauer Allee erreiche ich schließlich den Park am Wasserturm. Der Mitte des 19. Jahrhunderts erbaute Turm war eine der ersten Wasserversorgungsanlagen Berlins und wird auch „Dicker Hermann“ genannt.
Wäre es nicht schon fast 18 Uhr, könnte ich es mir mit einer Picknickdecke hier im Park gemütlich machen, dem Fernsehturm beim Rumstehen zusehen oder die Gründerzeitbauten um mich herum genießen. Mache ich nicht. Es ist schon schummrig und eine Decke habe ich auch nicht dabei. Nachdem ich mir die letzten Punkte meiner Reststrecke auf der Komoot-App angeschaut habe, überlege ich schon einmal, welches Restaurant ich leerfuttern werde. Ich schaue mir noch die Synagoge Rykestraße an, allerdings nur von außen, die Gitter sind verschlossen.
Viel erkennen kann ich nicht, aber es scheint ein imposantes Backsteingebäude zu sein. Ich lese nach und erfahre, dass sie die zweitgrößte Synagoge Europas ist. Bei Gelegenheit werde ich mir einmal eine Führung gönnen. Der letzte Stopp ist der Kollwitzplatz. In den Medien wurde in letzter Zeit berichtet, dass hier immer mehr Kitas schließen müssen, weil zu wenig Kinder da sind. Diesen Eindruck habe ich nicht. Rund um die Figur der Käthe Kollwitz wuselt es nur so. Auch das Denkmal selbst ist von Kindern belagert. Ich mache ein Abschiedsfoto und versuche dabei, eine Situation ohne ein Dutzend Schreihälse zu erwischen.
Dann ist Schluss
Ich beende meinen Erkundungstrip durch Pankow und bin wieder auf dem Hof der Kulturbrauerei. Es war eine schöne Tour – vor allem wegen der vielen, vielen Parkanlagen. Das hat mich überrascht. Die Strecke führte meistens über gute Radwege, auch wenn es hier und da eindeutig zu viel Autoverkehr gab. Über die meisten Details habe ich berichtet, aber es gibt noch viel mehr zu entdecken. Die Tour auf der Komoot-App kann deshalb als grundsätzliche Empfehlung dienen – natürlich lässt sie sich jederzeit erweitern. Hier ist der Link und das Foto mit QR-Code:
Maplibre | (C) komoot | Map data | OpenStreetMap Contributors
Und jetzt erst einmal etwas essen und danke für eure Aufmerksamkeit.



