Monika Keller: Tanzen ist mein Leben
Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster: Jeder Berliner in meinem Alter kennt die Tanzschule Keller. Wirklich jeder. Zumindest für viele West-Berlinerinnen und West-Berliner begann hier einst die Reise aufs Parkett. Foxtrott, Rumba, Diskofox. Die jungen Damen, damals noch „Fräuleins“ genannt, erschienen im Rock, die Herren selbstverständlich nicht in Jeans. Und fast jeder kennt bis heute das berühmte Logo mit dem tanzenden Paar.
Vor wenigen Wochen feierte Monika Keller ihren 80. Geburtstag. Als prägende Persönlichkeit der Berliner Tanzschul-Dynastie hat sie Generationen von Menschen das Tanzen beigebracht und die Geschichte der Tanzschule Keller entscheidend mitgeschrieben. Anlass genug für ein Gespräch über ihr Leben, ihre Karriere und ihr Buch „Tanzen ist mein Leben“.
Thomas von grad60: In unserem Blog duzen wir uns. Darf ich Monika sagen?
Monika Keller: Sehr gerne. Das ist heute auch in der Tanzschule üblich. Als ich 1969 mein Abschlusszeugnis von der Pädagogischen Hochschule erhielt, sah die Welt noch anders aus. Meine Hausarbeit trug damals den Titel „Die Tanzschule als Institution der Vermittlung von Umgangsformen“.
T: Du wolltest ursprünglich Lehrerin werden?
M: Ja, das war schon als Kind mein Berufswunsch. Parallel entdeckte ich jedoch meine Leidenschaft für den Tanzsport. 1967 lernte ich Dieter Keller näher kennen. Wir wurden ein Paar und mir wurde schnell klar, dass sich die Arbeitszeiten einer Lehrerin und die eines Tanzlehrers kaum vereinbaren lassen. So fand ich schließlich meine eigentliche Berufung und legte 1975 die Tanzlehrerprüfung ab.
Die ganze Geschichte erzähle ich ausführlich in meinem Buch, ebenso die familiären Verflechtungen und den Weg, der mich nach Dieters plötzlichem Unfalltod an die Spitze der größten Tanzschule Berlins führte.
T: Eine gewaltige Herausforderung.
M: Absolut. Viele waren es gewohnt, auf Dieter zu hören. Plötzlich musste ich mir Anerkennung und Vertrauen selbst erarbeiten. Gleichzeitig waren da große finanzielle Verpflichtungen.
Damals hatten wir die gesamte 20. Etage des Ku'damm-Karrees zur Tanzschule „Blauer Satellit“ ausgebaut. Auf rund 1.000 Quadratmetern entstand eine außergewöhnliche Tanzschule mit spektakulärem Blick über Berlin. Die Miete und Betriebskosten lagen bei rund 40.000 Mark pro Monat.
Dazu kamen große Veranstaltungen, Bälle und Turniere, die nun in meiner Verantwortung lagen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das Profitanzturnier in der Deutschlandhalle mit rund 8.000 Gästen. Allein die Moderation vor einem so großen Publikum sorgte für ordentlich Herzklopfen.
T: Vor kurzem ist dein Buch „Tanzen ist mein Leben“ erschienen. Hast du es selbst geschrieben?
M: Ja, komplett. Auf die Idee brachten mich meine Tanzfreunde Elke und Thomas. Sie halfen mir bei der Struktur und motivierten mich immer wieder. Anfangs bekam ich einfach Zettel mit Themen wie „Meine Kindheit“ oder „Wie kam ich zum Tanzen?“. Dann setzte ich mich hin und schrieb. Mal ging es leicht von der Hand, mal fehlte die Zeit oder die Inspiration.
Eine besondere Herausforderung waren die Fotos. Viele lagen jahrzehntelang in Kisten. Sie mussten sortiert, digitalisiert und vor allem rechtlich geklärt werden. Wer war der Fotograf? Wem gehören die Rechte? Für welches Medium waren die Bilder ursprünglich gedacht? Teilweise mussten wir Nutzungsrechte sogar nachträglich erwerben.
T: Darunter auch Fotos mit prominenten Tanzschülern?
M: Genau.
Für die Sendung "Hape trifft!" von RTL kamen Hape Kerkeling und Jürgen von der Lippe “zufällig” in die Tanzschule, mitten hinein in unseren Tanzkreis. Erstaunen, Lachen! Und dann tanzten sie ganz selbstverständlich mit. Unvergessen bleibt mir Hape mit der Rose. Er hatte sie mitgebracht und tanzte Tango, die Rose zwischen den Zähnen.
Für andere Fotos haben wir die Rechte nur für das Buch bekommen. Das gilt zum Beispiel für das Bild mit Günther Jauch und Thomas Gottschalk auf der Funkausstellung 1991. Für eine ZDF-Sendung durfte ich die beiden vor laufender Kamera unterrichten. Jeden Tag stand ein anderer Tanz auf dem Programm. Günther Jauch arbeitete sehr konzentriert und wollte jeden Schritt richtig machen. Allerdings verlor er regelmäßig den Takt. Thomas Gottschalk nahm es deutlich lockerer und tanzte oft einfach so, wie die Musik ihn mitnahm. Das war pädagogisch manchmal herausfordernd, aber vor allem unglaublich lustig.
Monika führt mich nun durch die Tanzschule und zeigt die ausgestellten Fotosammlungen ihrer vergangenen Wirkungsstätten.
T: Mit 80 Jahren könntest du längst den Ruhestand genießen.
M: Theoretisch schon. Die Verantwortung für die Tanzschule hat inzwischen meine Tochter übernommen. Sie führt heute das Unternehmen. Ganz im Ruhestand bin ich aber nicht. Dreimal pro Woche unterrichte ich noch Tanzkreise mit jeweils rund 15 Paaren. Außerdem besuche ich regelmäßig Kongresse des Tanzverbandes und begleite unsere Tanzreisen. Gerade komme ich von Rhodos zurück. Zweimal im Jahr organisieren wir solche Reisen. Viele Gäste reisen allein an und die meisten sind zwischen 50 und 70 Jahre alt. Damit passen sie wunderbar zur grad60-Leserschaft.
T: Langweilig wird dir also nicht?
M: Ganz bestimmt nicht. Es gibt immer etwas zu tun. Wer rastet, der rostet.
Und der nächste große Termin steht bereits fest: Am 8. November 2026 veranstalten wir in der Tanzschule einen Tag der offenen Tür.
Von Discofox über Line Dance bis zu Hip-Hop-Angeboten für Kinder wird den ganzen Tag über getanzt. Jeder ist willkommen und kann unverbindlich vorbeischauen, unsere Räume kennenlernen und vielleicht selbst ein paar Schritte wagen. Am Abend gibt es in unserem Atrium eine Tanzparty für alle. Dieser wunderschöne Saal ist unsere neueste Errungenschaft in der Steglitzer Rheinstraße 44. Ein riesig hoher Raum im Industrie-Chic mit Tanzparkett und perfekter Technik.
Wer mit Monika Keller spricht, merkt schnell: Tanzen ist für sie weit mehr als ein Beruf. Es ist Leidenschaft, Lebensinhalt und auch mit 80 Jahren noch täglicher Antrieb. Oder, wie sie selbst sagt: „Wer rastet, der rostet.“ Zum Tag der offenen Tür könnt ihr Monikas Buch in der Tanzschule kaufen und auch eine Widmung bekommen.
Wer keine Zeit findet, kann sich auf der Seite Monika Keller eine Leseprobe anschauen und das Buch bestellen.




