Einkriegezeck mit Laser-Tag
„Das machen doch nur Jugendliche oder Idioten“, urteilt Melanie über Laser-Tag in Reinickendorf. Ein hartes Urteil für unsere Gruppe. Hier ist schließlich niemand unter 50. Trotzdem stehen wir nun vor der Frage: Wollen wir das wirklich machen? Mit Pistolen aufeinander schießen? Auch wenn es nur Lichtstrahlen sind? Wir alle sind überzeugte Gegner von Gewalt. Die Vorstellung, begeistert Treffer zu sammeln, fühlt sich zunächst etwas schräg an. Andererseits haben wir als grad60 schon die unterschiedlichsten Freizeitaktivitäten ausprobiert. Und mal ehrlich: Haben wir nicht als Kinder johlend Wasserschlachten veranstaltet und uns hinter Bäumen auf die Lauer gelegt? Vielleicht steckt hinter Laser-Tag ja weniger Krieg als Fangen spielen.
Um das herauszufinden, nehmen wir die Einladung von Laser4.de zum kostenfreien Spieltest an und treffen uns zu acht in der Scharnweberstraße am Kurt-Schumacher-Platz. Melanie ist auch dabei. Unter Protest. Schon der erste Eindruck verwirrt mich etwas. Die lila-grüne Neonbeleuchtung erinnert an eine wilde Mischung aus Bowlingbahn und Spielautomatenhölle. Im Empfangsbereich wirkt alles wie die überdimensionierte, vollgesprayte Umkleide einer Turnhalle.
Passend dazu gibt es Spinde. „Zieht mal Jacken und Sweatshirts aus. Euch wird warm beim Spiel.“ Der Hinweis überrascht mich. Warm? Von ein bisschen Herumlaufen mit einer Laserpistole? Etwas unsicher schließen wir unsere Sachen ein.
Sind wir hier als grad60 wirklich richtig? Auch der böse Bär, den wir um Rat fragen, hilft nicht weiter.
Dann folgt die Einweisung. Jeder bekommt eine Weste mit Leuchtdioden. Im Modus „Jeder gegen Jeden“ leuchten sie rot. Wird man getroffen, blinken sie weiß und man ist für einige Sekunden außer Gefecht. Außer Gefecht. Schon die Begriffe klingen martialischer als mir lieb ist. Kurz frage ich mich erneut, ob das wirklich mein Ding ist.
Dann öffnet sich die Tür zum Spielfeld. Wir stürmen hinein. Vor uns liegen 800 Quadratmeter Labyrinth mit verwinkelten Gängen, Nischen und Deckungen. Ich biege scharf links ab und presse mich hinter eine Wand. Dann rechts, links, tief durchatmen. Vorsichtig schleiche ich weiter.
Was mache ich hier eigentlich? Gerade eben habe ich noch über die Moral von Laserpistolen nachgedacht, jetzt spähe ich um Ecken und suche nach Mitspielern. Da hinten bewegt sich etwas. Ein Schatten? Mein Puls steigt. Doch bevor ich genauer hinschauen kann, knattert es unmittelbar hinter mir. Ich quieke erschrocken auf. Meine Weste blinkt weiß. Getroffen.
Der Schütze verschwindet kichernd um die Ecke. Verletzt bin ich natürlich nicht. Nicht einmal berührt. Trotzdem meldet sich sofort ein neuer Gedanke: Moment mal. Das lasse ich nicht auf mir sitzen. Also nehme ich die Verfolgung auf. Ich flitze um zwei Ecken, warte einen Moment und erwische tatsächlich meinen ersten Treffer. Und erschrecke fast über mich selbst, wie sehr mich das freut.
Hört sich martialisch an? Für uns fühlt es sich überhaupt nicht so an. Es ist eher wie ein Klassenausflug mit Einkriegezeck. Hier ein Kichern, dort ein „Ach, manno!“. Niemand redet von Abschüssen. Niemand spielt Soldat. Wir lachen, verstecken uns, schleichen durch die Gänge und versuchen uns gegenseitig auszutricksen. Nach zehn Minuten kommt die erste Auswertung.
Wer hat die meisten Treffer? Leider nicht ich. Zu meiner eigenen Überraschung interessiert mich das inzwischen aber durchaus. Mit neuer Taktik geht es zurück aufs Spielfeld. Diesmal im Dark-Modus. Die Beleuchtung wird noch dunkler, die roten Leuchtdioden verschwinden. Ich suche mir eine Ecke. Mucksmäuschenstill. Diesmal werde ich clever sein, beschließe ich. Ich warte. Und warte. Und warte. Niemand kommt vorbei.
Da wird mir klar: Selbst die beste Strategie hilft nichts, wenn die Mitspieler an ganz anderen Orten herumirren. Also gebe ich meinen Hinterhalt auf und ziehe doch wieder los. Mit Risiko. Und erstaunlich viel Vergnügen. Nach einer Stunde Adrenalin ist alles vorbei.
Verschwitzt diskutieren wir über die besten Taktiken. Wer war zu offensiv? Wer hat sich zu gut versteckt? Wer hat die meisten Treffer erzielt? Und während wir reden, wird mir klar, wie weit wir uns von unseren anfänglichen Bedenken entfernt haben. Nein, wir haben keine Gewalt erlebt. Niemand wurde erniedrigt. Niemand verletzt. Eigentlich haben wir etwas sehr Bekanntes gemacht: Verstecken, Fangen, Jagen, Ausweichen. Spiele, die Menschen seit ihrer Kindheit spielen. Nur eben mit blinkenden Westen und futuristischen Effekten.
Ist so viel Spaß politisch korrekt? Wir finden: Ja. Manchmal darf man einfach das innere Kind herauslassen. Und das haben wir an diesem Nachmittag ausgiebig getan. Selbst Melanie grinst mit roten Wangen: „Ist was für Jugendliche und Junggebliebene!“
Das einstündige Spiel bei Laser4 kostet je nach Wochentag und Uhrzeit zwischen 20 und 30 Euro pro Person. Kein billiges Vergnügen, aber nach einhelliger Meinung unserer Gruppe gut investiertes Geld. Schließlich ist eine Stunde hemmungsloses Einkriegezeck heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr.
Dieser Artikel ist am Anfang mit dem Hinweis „Werbung unbezahlt“ gekennzeichnet, weil wir ohne Bezahlung diese Laser-Tag-Anlage getestet haben. Den Bericht haben wir ohne jeden Einfluss auf den Inhalt geschrieben. Der einzige Vorteil für uns bestand in der kostenlosen Nutzung der Anlage. Weitere Hinweise könnt ihr unter „Transparenz“ nachlesen.




