Gemeinsam leben heißt nicht immer gemeinsam reisen
Warum unterschiedliche Abenteuerlust eine lange Beziehung nicht trennen muss. Ein Gastbeitrag von Kurt Friedrich Gassner.
Mit 75 plante ich eine sechzigtägige Reise allein durch Südamerika. Die häufigste Frage lautete nicht, wohin ich fahren würde, sondern warum meine Frau nicht mitkam. Dahinter steckt eine Vorstellung von Nähe, die ich heute anders sehe: Ein Paar muss nicht jede Sehnsucht teilen, um sich gegenseitig zu tragen.
Zwei Arten von Lebendigkeit
Anneliese und ich führen seit vielen Jahren ein gutes gemeinsames Leben. Wir teilen Familie, Freunde, Erinnerungen und eine Vertrautheit, die nicht mehr beweisen muss, dass sie da ist. Trotzdem empfinden wir Lebendigkeit nicht immer auf dieselbe Weise.
Sie liebt stärker das Schöne im Vertrauten. Ich spüre oft die Neugier auf neue Wege, Bewegung und unmittelbare Erfahrungen. Das ist keine Wertung. Nicht besser, nicht schlechter. Nur anders. Lange Zeit dachte ich, ein gemeinsames Leben müsse sich vor allem darin zeigen, möglichst viel gemeinsam zu tun. Heute glaube ich: Es zeigt sich auch darin, Unterschiede auszuhalten, ohne sie sofort zu einem Problem zu machen.
Für meine Reise gab es natürlich die Idee, gemeinsam zu fahren. Doch je konkreter die Planung wurde, desto deutlicher sahen wir den Preis eines solchen Kompromisses. Lange Distanzen, Höhenlagen, körperliche Belastungen und die Unberechenbarkeit einer zweimonatigen Reise hätten Anneliese viel abverlangt. Gesundheitliche Rückschläge verändern den Blick aufs Risiko. Vorsicht entsteht dann nicht aus fehlender Lebenslust, sondern aus Erfahrung.
Für mich wiederum hätte eine gemeinsame Reise bedeutet, unterwegs ständig abzuwägen, ob ich sie in Situationen bringe, die ihr Angst machen oder sie überfordern könnten. Am Ende wäre es vielleicht eine Reise geworden, die keinem von uns wirklich entsprochen hätte. Also entschieden wir, dass ich allein fahre. Nicht als Trennung. Nicht als Distanz. Sondern als Form gegenseitigen Verständnisses.
Wer muss hier eigentlich wem etwas erlauben
Bei einem Abendessen erzählte ich Freunden von Patagonien, den Galápagos-Inseln, Gletschern und Vulkanen. Als ich sagte, dass ich allein reisen würde, entstand dieser kurze Moment der Irritation, den man spürt, bevor jemand etwas sagt. Einer scherzte über eine Midlife-Crisis mit fünfundsiebzig. Später wurde Anneliese von einigen Frauen gefragt, wie sie mir so etwas überhaupt erlauben könne.
Das Wort blieb bei mir hängen: erlauben. Nicht verstehen, nicht begleiten, nicht neugierig nachfragen. Erlauben. Als müsste einer von zwei erwachsenen Menschen die Sehnsucht des anderen verwalten.
Natürlich ist Freiheit in einer Beziehung nicht grenzenlos. Entscheidungen haben Folgen, Risiken betreffen oft beide und Rücksicht ist kein Zeichen von Schwäche. Aber Rücksicht ist etwas anderes als Festhalten. Wir haben über die Belastungen gesprochen, über das Alleinsein und darüber, was diese Reise für uns beide bedeuten würde. Gerade dieses offene Gespräch machte die Entscheidung tragfähig.
Eine lange Beziehung besitzt einen Vorteil: Man kennt nicht nur die Vorlieben des anderen, sondern auch seine Ängste, seine Kräfte und seine Grenzen. Daraus kann Kontrolle entstehen. Es kann daraus aber auch Vertrauen wachsen. Vielleicht war es ein Zeichen unserer gemeinsamen Geschichte, dass wir einander nicht festhalten mussten.
Ein gemeinsames Tempo braucht nicht denselben Weg
Viele Paare suchen nach dem einen gemeinsamen Reisetempo. Das klingt vernünftig, führt aber leicht dazu, dass beide dauerhaft unter oder über ihren eigenen Möglichkeiten bleiben. Der eine wartet, der andere drängt. Aus Rücksicht wird Gereiztheit, aus Vorfreude eine Verhandlung.
Vielleicht liegt die bessere Lösung nicht immer in der Mitte. Manchmal besteht Gemeinsamkeit darin, dass jeder eine Zeit lang seinen eigenen Rhythmus leben darf. Während ich unterwegs war, wurde das Leben zu Hause nicht verwaltet. Anneliese traf Familie und Freunde, kümmerte sich um Beziehungen, lachte, aß und erzählte. Auch dort entstand neue Lebendigkeit, nur auf eine andere Weise als bei mir zwischen Bergen, Tieren und langen Wegen.
Diese Vorstellung hat mich entlastet. Eine Partnerschaft ist kein Tauziehen um Aufmerksamkeit. Das Leben des einen muss nicht kleiner werden, damit das des anderen größer werden darf. Beide können eine intensive Zeit erleben, ohne dass sie am selben Ort stattfindet.
Allein zu reisen veränderte meine Wahrnehmung. In einer Gruppe bleibt ein Teil der Energie immer in der Gruppe. Zu zweit erlebt man viel gemeinsam, aber oft auch die Schnittmenge zweier Wahrnehmungen. Allein war ich offener für Begegnungen, für Landschaften und für die langen stillen Momente dazwischen. Das machte die Reise nicht besser als eine gemeinsame. Es machte sie nur anders und für diesen Abschnitt meines Lebens richtig.
Was Paare vor einem getrennten Aufbruch klären können
Nicht jede getrennte Reise ist automatisch ein Ausdruck von Freiheit, und nicht jede gemeinsame Reise ist ein guter Kompromiss. Uns halfen einige nüchterne Fragen:
· Geht es um Flucht oder um Ergänzung: Ein eigener Wunsch sollte das gemeinsame Leben erweitern, nicht einem ungelösten Konflikt ausweichen.
· Sind die Risiken offen benannt: Sicherheit entsteht nicht durch Verharmlosung, sondern durch eine realistische Planung und ehrliche Grenzen.
· Bleibt das Leben beider Menschen lebendig: Niemand sollte nur zurückbleiben und warten, während der andere seine Freiheit lebt.
· Welche Absprachen geben Halt: Kontakt, Organisation und Verantwortlichkeiten dürfen klar sein, ohne aus Vertrauen eine Überwachung zu machen.
· Kann Unterstützung ohne Selbstverleugnung gelingen: Ein Ja ist nur dann tragfähig, wenn es nicht aus Druck oder schlechtem Gewissen entsteht.
Nähe verändert ihre Form
Über Jahrzehnte verändert sich eine Beziehung. Aus Leidenschaft wird Vertrautheit, aus ständigem Aufbruch eine ruhigere Form von Gemeinsamkeit. Manchmal fehlt die Leichtigkeit der frühen Jahre. Dafür entsteht etwas anderes: Loyalität, getragenes Leben und das Wissen, dass da ein Mensch ist, auf den man sich verlassen kann.
Diese Ruhe muss nicht Stillstand bedeuten. Sie kann sogar die Grundlage dafür sein, dass beide neugierig bleiben. Wer sich sicher verbunden fühlt, muss nicht jede Bewegung des anderen als Entfernung verstehen.
Für mich war die Reise durch Südamerika deshalb keine Heldengeschichte und kein Beweis dafür, dass man mit fünfundsiebzig noch alles schaffen kann. Reale Grenzen bleiben real. Sie war eine persönliche Entscheidung, meine Neugier nicht vorschnell kleiner zu machen. Annelieses Entscheidung war ebenso persönlich: Sie musste meine Abenteuerlust nicht übernehmen, um sie zu verstehen.
Vielleicht ist das eine reife Form von Nähe: den anderen nicht nach dem eigenen Maß zu formen. Gemeinsamkeit heißt dann nicht, immer denselben Weg zu gehen. Sie heißt, einander auf unterschiedlichen Wegen nicht zu verlieren.
Über den Autor
Kurt Friedrich Gassner ist österreichischer Autor und Fotograf. Mit 75 reiste er 60 Tage allein durch Südamerika. In seinem Buch „To the End of the World“ schreibt er über bewusste Entscheidungen, Älterwerden, Begegnungen und die Frage, wie Neugier lebendig bleibt. Mehr unter https://stopwaiting.world.




