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Berlin-Amsterdam -  1000 Kilometer mit dem Rad

Berlin-Amsterdam - 1000 Kilometer mit dem Rad

Okay, nach meiner Tourplanung schlängelt sich der Radweg nicht ganz 1000 Kilometer von Berlin nach Amsterdam. Es sind genau 987! Aber mal schauen, ob es Umwege oder vielleicht auch Abkürzungen gibt. Auf jeden Fall nehme ich euch mit auf mein kleines Fahrradabenteuer und berichte jeden Tag von den Etappen.

Start in Berlin / Belzig / Bernburg / Quedlinburg / Goslar / Einbeck / Teutoburger Wald / Gütersloh / Münster / Vreden / Garderen / Amsterdam

Start in Berlin - Radtour Berlin-Amsterdam

Schlüssel verstaut? Ersatzakku geladen? Portemonnaie eingepackt? Es sind diese kleinen Gedanken, die mir beim Start meiner Radreise nach Amsterdam durch den Kopf gehen. Natürlich horche ich auch ein wenig in mich hinein: Werden die Knochen mitspielen? Aber im Großen und Ganzen prüfe ich, wie das Gepäck auf dem Rad verteilt ist – und wie sich das zusätzliche Gewicht anfühlt.

Der Start direkt vor der Haustür gefällt mir besonders gut. Keine umständliche Anreise, kein Bahnchaos. Einfach losfahren. Richtung Wannsee, dann über den Schäferberg hinunter zur Pfaueninselchaussee. Der Hügel macht gleich klar, dass die Tour nicht völlig flach wird. An der Glienicker Brücke, diesem Übergang zwischen Berlin und Potsdam, fühlt es sich endgültig an: Jetzt beginnt die Reise.

Für die erste Etappe begleitet mich Martin. Er kommt aus Falkensee und wartet wie verabredet vor unserem Lieblingsmuseum, dem Barberini. In Potsdam geht es noch ein wenig zickzack, doch bald rollen wir entspannt am Templiner und Schwielowsee entlang. Eine kurze Trinkpause an der Kirche von Petzow, dann tauchen wir ein in den Brandenburger Wald.

Hier führt der R1-Fernradweg abseits aller Straßen durch stille Kiefernwälder. Naja – fast still. Die Gepäcktaschen und Flaschen klappern bei jeder Wurzel auf dem in die Jahre gekommenen Asphalt. Eine Sanierung wäre längst überfällig.

Aber heute ist Bummeltag und so nehmen wir das Gerumpel gelassen hin. Unser Schnitt pendelt sich bei gemütlichen 16 km/h ein. Ein Blick auf die Kursächsische Postmeilensäule von 1730 in Brück rückt das ins Verhältnis: Damals brauchten Pferdegespanne 16 Stunden bis Berlin.

Nach ein paar weiteren Waldpassagen verlassen wir den R1 und halten auf Bad Belzig zu. Die Unterkunft liegt etwas abseits und so bekommen wir zum Abschluss noch eine Prise brandenburgische Realität: offene Felder, kein Baum, Gegenwind. Doch das ist schnell vergessen, sobald wir im Paulinenhof ankommen und das erste Ankunftsbier vor uns steht.
Morgen fährt Martin mit der Bahn zurück. Für mich geht es weiter – Richtung Amsterdam.

Eine tabellarische Einschätzung für diese Rad-Etappe fällt mir etwas schwer, da die Bedingungen sehr unterschiedlich waren. Viel Autoverkehr im Zentrum von Potsdam zu autofreien Waldstraßen bei Beelitz. Versorgung in Berlin und Potsdam: Top, später nicht vorhanden und die Wegbeschaffenheit teilweise gut, mit erneuerungsbedürftigen Abschnitten.

Berlin - Bad Belzig auf Komoot

Schwerer Start in Belzig - Radtour Berlin-Amsterdam

„Euphorisch? Voll Energie?“, fragt mich Martin, als ich mich wieder aufs Rad schwinge. „Eher so… regnerisch‑matschig‑meh“, gestehe ich. Passt ja auch zum Wetter. So richtig kann ich mir nicht vorstellen, wie die nächsten 900 Kilometer bis Amsterdam aussehen sollen und wie ich sie durchstehe. Aber das wird schon, denke ich beim Abschied. Martin nimmt den Zug zurück, ich schaue nach vorn – mit ein paar Regentropfen auf der Brille. Eine Duschhaube schützt mein Handy, damit die Navi‑App Komoot keinen Wasserschaden erleidet. Der Weg ist perfekt asphaltiert und führt durch frisches Grün. Meine Stimmung steigt.

Vor Lutherstadt Wittenberg wird es hügeliger als erwartet und dreimal wünsche ich mir einen kleineren Gang als den ersten. Doch es wird wärmer, der Regen lässt nach, und die Wege sind gut bis sehr gut. Wie habe ich auf meiner Tour nach Barcelona über die Wege in Sachsen‑Anhalt geschimpft – da hat sich einiges getan. Wenn kein Asphalt, dann immerhin solide festgefahrene Sandpisten. So erreiche ich fröhlich das sehenswerte Städtchen, in dem Luther seine Thesen an die Kirchentür schlug und für Aufruhr sorgte.

Mit griechischem Salat und Apfelschorle im Bauch überquere ich die Elbe – begleitet vom sanften Hintergrundrauschen einer vierspurigen Blechlawine. Kurz darauf biege ich wieder in die Wald‑Einsamkeit ab. Nichts los – außer einem Reh, das zehn Meter vor mir panisch die Radpiste kreuzt und mit Riesensprüngen im Wald verschwindet.

Nach einer Stunde treffe ich an einem Aussichtspunkt auf Hendrik aus Arnheim. Er fährt die entgegengesetzte Route, von den Niederlanden nach Berlin, seit 14 Tagen ist er unterwegs. Gemeinsam schauen wir auf das Bagger‑Ungetüm am Gremminer See, bevor wir in verschiedene Richtungen weiterrollen.

Lange mache ich heute nicht mehr. Nach 80 Kilometern ist Feierabend in Oranienbaum‑Wörlitz. Ich habe sogar noch genug Energie für einen kleinen Spaziergang durch den Schlosspark. Das Barockschloss gehört zum UNESCO‑Weltkulturerbe. Na kiek mal an – Kulturprogramm inklusive!

Der Tourabschnitt bei Komoot: Bad Belzig - Oranienbaum

Zwei Radwelten auf dem Weg nach Bernburg- Radtour Berlin-Amsterdam

„Starkregen bis 12“ warnt meine Wetter-App. Doch Petrus hält nichts von solchem neumodischen Kram und stellt die Regendusche bereits um 9 Uhr 30 ab. Vorsorglich habe ich meine Regenhose an,  doch die Regenjacke lege ich nach wenigen Metern ab. Vorbei am Schloss Oranienbaum tauche ich in die Parklandschaft von Wörlitz ein. Die Wege sind – wie Komoot so charmant formuliert – wassergebunden. Und Wasser gab es in der Nacht reichlich. Der Sandbelag schmatzt an meinen Reifen und bremst mich spürbar aus.

Zwischendurch gönnt mir die Strecke ein paar Meter Asphalt. Dann kann ich den Blick heben und das dicht-saftige Grün genießen. Klar, nicht alle wollen nur trockenen Sonnenschein.

Fürst Leopold III. ließ hier einen Waldpark anlegen und garnierte die „geordnete Wildnis“ ab 1777 mit ein paar Hinguckern. Durch das neugotische Burgtor am Sieglitzer Berg führt heute der R1-Fernradweg. Und ich bin heilfroh, nicht die abkürzende Bundesstraße nach Dessau gewählt zu haben. Manchmal lohnt sich der Umweg – besonders, wenn er hübscher ist und weniger Blech enthält.

Die Jagdbrücke über die Mulde markiert das Ende dieser Traumstrecke. Danach wird es verkehrsreicher, grauer, lauter. Noch ahne ich nicht, wie sehr sich das Bild ändern wird.

Das Wetter trübt sich ein, leichter Regen dazu – immerhin bleibt die Regenhose nicht völlig arbeitslos. Doch der Wald verschwindet und stattdessen begleiten mich offene Felder, Landstraßen mit moderatem Verkehr und eine Menge landschaftlicher … Zurückhaltung auf dem Weg von Dessau über Köthen Richtung Bernburg.

Der Weg wirkt über weite Teile zusammengeschustert: mäßiger Belag, Kopfsteinpflaster in Ortsdurchfahrten und neben Schnellstraßen gequetschte Radspuren. Doch es tut sich etwas. Kurz vor Bernburg versöhnt mich ein frisch ausgebauter Radweg entlang eines kleinen Fließes und versüßt mir die Einfahrt in die Stadt.

Mal sehen, wie lange ich hier bleibe – die Wetter-App kündigt für morgen wieder Starkregen an.
Auf meine Übersichtstabelle verzichte ich auf dieser Etappe, da ich vor und hinter Dessau zwei so unterschiedliche Wege erlebt habe, dass sich das nicht sinnvoll darstellen lässt.
Die Etappe auf Komoot: Oranienbaum - Bernburg

Regenschlacht nach Quedlinburg- Radtour Berlin-Amsterdam

Petrus und die Wetter‑App sind sich heute ausnahmsweise einig: Dauerregen. Und sie liefern zuverlässig. Mal feiner Sprühnebel, mal schwere Tropfen, mal ein dichter Wasserschleier. Eingebildet wie ich bin, rede ich mir ein, Sonnenschein sei nur etwas für Weicheier und umhülle mich mit der kompletten Regenmontur.
Hinter Bernburg geht es zunächst auf einen straßenbegleitenden Radweg. Damit das Wasser nicht nur von oben kommt, sorgen die vorbeirauschenden Lastwagen für eine zusätzliche, brüllende Dusche von der Seite.

Zum Glück darf ich bald abbiegen und rolle über ein autofreies, glänzendes Asphaltband durch endlose Felder aus Raps, Korn und frisch gepflügtem Acker. Trotz Regen radelt es sich erstaunlich gut dahin – nur der rege Querverkehr verlangt Aufmerksamkeit.

Mitten aus dem regengrauen Nichts taucht plötzlich Schloss Hohenerxleben auf. Die im 13. Jahrhundert errichtete Burganlage wurde über die Jahrhunderte mehrfach umgebaut. In den 1990er Jahren stand sie leer und wie das leider oft geschieht, wurde sie von Schwachköpfen geplündert und beschädigt. 1997 rettete schließlich eine Stiftung das Anwesen und baute es zu einem Hotel um.

Mein Weg wechselt zwischen gut ausgebauten Strecken und unter Wasser stehenden Sandpisten.

Man könnte meinen, dass mich die nasskalten Füße, die tropfende Regenjacke und die durchweichten Handschuhe mürbe machen. Doch wie gesagt: Ich bin doch kein Weichei. Und tatsächlich zaubert mir meine eigene Sturheit ein leichtes Lächeln ins Gesicht.

Um ganz ehrlich zu sein: Ich bin trotzdem froh, nach 55 Kilometern Quedlinburg zu erreichen. Für einen Besuch dieser sehenswerten Stadt mit ihren historischen Gebäuden bin ich bewusst vom R1‑Radweg abgewichen – und es ist jede Abweichung wert. Ein echtes UNESCO‑Weltkulturerbe.

Harter Brocken im Harz- Radtour Berlin-Amsterdam

Die Nacht war kalt und die Heizung meiner Pension lief auf Hochtouren. Obenauf lagen meine patschnassen Handschuhe, Socken und Radschuhe — ein olfaktorisches Abenteuer, aber immerhin startete ich die fünfte Etappe trocken. Kaum in Thale, zeigte mir der Harz sofort, wo der Hammer hängt.

Der erste Gang ist viel zu schwer, doch leichter geht’s nicht. Meine Oberschenkel brennen, mein Herz hämmert bis in die Schläfen und ich japse wie ein Walross (tun die das eigentlich?). Es ist kalt, regnet aber nicht. Doch diesmal sammelt sich der feuchte Dampf auf meiner Innenseite. Es hilft alles nichts: Ich muss absteigen.

Und es bleibt nicht bei dieser einen Schmach. Mindestens fünfmal werde ich vom Radfahrer zum Radschieber. Normalerweise tröstet mich der Gedanke, dass nach jedem harten Anstieg eine entspannte Abfahrt folgt. Doch Pustekuchen: Die Waldwege im Harz bestehen aus Schotter, Schlamm, Huckeln und losen Steinen. Die Bremsen ächzen, das Rad wackelt, das Hinterrad springt seitlich weg. Trotz steilem Gefälle schlingere ich im Schritttempo bergab.

Umso dankbarer bin ich für die Mittagspause in Wernigerode. Die historische Stadt mit ihren Fachwerkhäusern lädt zum Schlendern ein und ich schiebe meinen stählernen Begleiter nun freiwillig durch die Fußgängerzone.

Weiter geht’s in die trübe Harzlandschaft. Es regnet zwar nicht, doch ein hartnäckiges Grau liegt über allem. Ich versuche, meinen Rhythmus zu finden, aber der R1 macht mich hier nicht wirklich froh. Es geht ständig rauf und runter, oft durch Ortschaften oder Randbebauung mit Straßen, die seit den 60ern wohl keine Teermaschine mehr gesehen haben. Neue Radwege gibt es nur entlang der Landstraßen, auf denen Autos mit 100 km/h vorbeibrüllen. Vor Goslar wartet noch ein knackiger Waldanstieg. Plötzlich fahre ich durch die Knoblauchküche einer Pizzeria — zumindest denke ich das. Der Duft von hundert gepressten Knoblauchzehen umgibt mich. Doch weit und breit kein Restaurant. Der Übeltäter ist eine scheinheilig weiß blühende Waldpflanze: Bärlauch.

So rolle ich schließlich doch mit einem Lächeln in Goslar ein. Die Altstadt protzt mit 1.500 Fachwerkhäusern und ist — ihr ahnt es — UNESCO-Weltkulturerbe.

Fitness-Test - Radtour Berlin-Amsterdam

Der Himmel zeigt sich heute in einer ganzen Palette gedämpfter Töne – irgendwo zwischen staubgrau und steingrau, vielleicht sogar ein Hauch licht- bis blaugrau. Ich muss unwillkürlich an Loriot denken und schmunzle. Immerhin ist es etwas wärmer, sodass der Regen-Windbreaker in der Fahrradtasche bleiben darf. Nach dem ersten Anstieg kann ich mich sogar für eine Trinkpause auf eine Bank im Wald setzen. Frostbeulen bleiben mir heute erspart.

Nach 13 Kilometern stoße ich im Wald auf eine Abzweigung. Geradeaus führt der Weg steil bergauf und mein Navi besteht genau auf dieser Richtung. Gleichzeitig hängt dort ein windschiefes R1-Schild, das den flachen Abzweig empfiehlt. Ich zögere kurz – und folge dann doch Komoot den Berg hinauf. Es wird die übliche Quälerei: Stöhnen, Schieben, endloses Ringen mit der Steigung. Schließlich geht es über holprige Kieswege wieder bergab, bis ich an eine Kreuzung mit einem klaren Hinweisschild komme. Und da wird offensichtlich: Auch der flache Weg wäre richtig gewesen. Offenbar hat mein Navi auf meine Fitness gesetzt. Und krachend verloren.

Insgesamt bestätigt sich mein Eindruck: Der R1 im Harz wirkt, als sei er irgendwie in vorhandene Wege hineingeschustert – mal schlechter Belag, mal straßenbegleitend. Nur die Ausschilderung ist wirklich vorbildlich.

Nach 60 Kilometern erreiche ich mein Etappenziel: Einbeck, ein herausgeputztes Fachwerkstädtchen. Zu meinem Erstaunen kein UNESCO-Weltkulturerbe, obwohl hier das Bockbier erfunden wurde.

Fahrradfreude nach Detmold - Radtour Berlin-Amsterdam

Top Wetter. Top Weg. Top Stimmung. Die siebte Etappe meiner Tour von Berlin nach Amsterdam liefert wirklich alles, was das Herz eines Radlers begehrt. Die Sonne scheint, ein paar Wolken sorgen für angenehme Kühlung – perfektes Fahrradwetter, warm, aber nicht heiß. Natürlich hat der Drill‑Sergeant drei Berge in den Weg gestellt. Wir sind schließlich im Weserbergland und im Teutoburger Wald. Doch er hat den Weg so gut präpariert, dass der Bergschweiß beim Hinabrollen sofort wieder verdampft. Und ohne Holperer schafft mein Schwertransporter im Tal locker 40 km/h – ganz ohne Sturzgefahr.

Bei Holzminden biege ich vom R1 auf den Weser-Radweg ein und rufe begeistert: „So muss es sein!“ Der Radfahrer vor mir dreht sich irritiert um und gibt seinem E‑Bike erschrocken ein paar Watt mehr. Am nächsten Hügel ist er verschwunden.

Überhaupt ist an diesem Sonntag richtig Betrieb. Gefühlt 95 % E‑Bikes, auf die ich zunächst verächtlich hinabblicke – allerdings nur bis zum nächsten Anstieg. Dort wünsche ich mir selbst sehnlichst ein paar elektrische Watt unter den Hintern.
Die Landschaft steigert sich mit jeder Kurve, doch ich leide unter akutem Welterbe‑Mangel. Und weil der Fahrradgott heute besonders großzügig ist, stellt er mir plötzlich eines hin: Schloss Corvey. Das riesige Benediktinerkloster, vor über 1200 Jahren gegründet, ist weitgehend original erhalten. Fahrräder sind streng verboten und meine Packtaschen lasse ich nicht unbeaufsichtigt – also bleibt es bei einem kurzen Blick in den Hof.

Mein Wasservorrat – zwei Liter – geht langsam zur Neige. Und weil ein perfekter Tag immer noch einen draufsetzt, sprudelt genau jetzt im Teutoburger Wald die Silberbachtal‑Quelle. Unspektakulär kommt sie aus einem Steinrohr, aber das Wasser schmeckt: kühl, frisch, cremig, weich. Oder ich bilde mir das ein. Maximal 100 Liter darf man abfüllen, aber mit Blick auf den nächsten Berg bleibe ich bei meinen zwei.

Und wer denkt, dass 113 Kilometer genug Eindrücke liefern, irrt. Zum Abschluss stellt mir der Wald noch die Externsteine hin: 40 Meter hohe Sandsteinformationen, die wie vergessene Monumente aus einem Fantasy‑Roman wirken.

Top Wetter. Top Weg. Top glücklich rolle ich nach Detmold hinein. Die Strecke auf Komoot

Bad Day - Radtour Berlin-Amsterdam

Auf Sonne folgt… klar: Regen. Nicht dieses harmlose Getröpfel, sondern ein Schlag ins Gesicht. Innerhalb von Sekunden bin ich wieder klatschnass und die Erinnerung an gestern fühlt sich an wie ein schlechter Witz. Also stehe ich im Sportgeschäft, tropfe auf den Boden und kaufe für 55 Euro einen Regenponcho. Ein Stück Plastik, viel zu teuer – aber in diesem Moment fühlt es sich an wie meine letzte Verteidigungslinie gegen den Tag.

Doch der Regen ist nur der Anfang. Der Radweg nach Gütersloh ist eine Zumutung. Ich frage mich, ob hier irgendwo ein Nest für LKWs steht, aus dem sie im Sekundentakt ausgespuckt werden. Jeder Sattelzug reißt eine Wand aus Lärm mit sich, die mich trifft wie ein Schlag. Die nasse Fahrbahn verstärkt alles: Es zischt, röhrt, brüllt. Ich spüre, wie ich mich unwillkürlich kleiner mache, wie meine Schultern sich hochziehen, wie mein Körper versucht, sich vor dem nächsten vorbeischießenden Koloss zu schützen.
Zum ersten Mal auf dieser Tour stecke ich mir die Ohrhörer rein. Ein kleiner Akt der Selbstverteidigung. Daniel Powters „Bad Day“ läuft – und ich muss tatsächlich lachen. Ja, genau das ist es: ein schlechter Tag. Aber wenigstens gehört der Soundtrack mir.
Als der Regen endlich nachlässt, finde ich ein winziges Stück Weg abseits der Straße. Eine kleine Brücke, kaum der Rede wert – und doch fühlt sie sich an wie ein Geschenk. Ich halte an, atme durch, mache ein Foto. Für einen Moment ist da Ruhe. Nur ich, mein Rad und dieses kleine Stück Welt, das nicht brüllt.

Nach 50 Kilometern ist Schluss. Ich bin leer, genervt, durchgeweicht, überfahren vom Tag. Bad Day.

Münster im Gegenwind - Radtour Berlin-Amsterdam

Breitbeinig steht der Drill Sergeant vor mir, die Hände auf dem Rücken verschränkt, der Blick wie ein Presslufthammer:
„Es gibt keine Berge mehr!“
„Sir, yes, Sir!“
„Dann wird’s leichter.“
„Sir, yes, Sir!“
„Dann schicke ich Sturm!“
Ich schlucke. Der Mann meint das ernst. Also rauf auf meinen Bock, der noch immer die Narben der letzten Regen‑Matsch‑Schlachten trägt. Einmal Cosy‑Wash wäre wirklich angebracht.

Zuerst quäle ich mich durch das Auto‑Paradies rund um Gütersloh. Blech, überall Blech. Doch plötzlich öffnet sich die Landschaft wie ein Vorhang – und ich rolle hinein in ein Fahrrad‑Paradies. Sonnenschein, frisch asphaltierte Wege, so neu, dass ein Abschnitt noch abgesperrt ist. Normalerweise hält mich so etwas nicht auf. Riesenumwege? Nicht mit mir. Ich lächle den zwei Bauarbeitern zu. „Ich trage mein Rad ganz vorsichtig vorbei.“ „Und wenn was passiert, sind wir schuld!“ Trotzdem lassen sie mich durch. Freie Bahn.

Offenbar wird dem Drill Sargent nun alles zu „easy peasy“. Kaum bin ich auf offenem Gelände, schickt er mir die volle Breitseite. Windböen mit 80 km/h donnern mir entgegen. Die Grashalme am Weg knicken im rechten Winkel. Wer sich das vorstellen möchte: einfach mal auf der Stadtautobahn den Kopf aus dem Fenster halten. Nur dass ich keine PS unter mir habe. Meine berggeschwächten Beinchen müssen das alleine stemmen.

Der Wind rauscht in meinen Ohren, zerrt an meiner Jacke und drückt mich gnadenlos auf 12 km/h. „Umdrehen“, flüstert eine Stimme in mir. „AUFGEBEN IST KEINE OPTION!“, brüllt der Sergeant in meinem Kopf. Kurz bevor ich wirklich wende, taucht ein Stück Wald auf. Ein paar Bäume, die sich dem Orkan entgegenstellen und mir eine kleine Verschnaufpause schenken. Der Ems‑Radweg wird zur Oase.

Doch die Erholung hält nicht lange. Wieder hinaus ins Freie, wieder hinein in den Sturm. Ich ducke mich, kämpfe, fluche. Da entdecke ich an einem Pfahl die gelbe Jakobsmuschel – das Zeichen des Pilgerwegs. Und plötzlich denke ich an Martin, wie er sich auf dem Camino nach Santiago de Compostela gequält hat. Die nächsten Kilometer gehen leichter. Schmerz ist halt auch nur relativ.

Nach 70 Kilometern erreiche ich Münster. Fahrrad‑Paradies, zweiter Akt. Fahrradstraßen mit Vorfahrt, Haltebretter an den Ampeln, Autos nur geduldete Gäste. Na, Frau Bonde – wäre das nicht auch was für Berlin? Ich lasse mich in Münster nieder, genieße die Ruhe. Der Drill Sergeant verstummt. Für heute. Mal sehen, was er morgen für mich bereithält.

Kurz vor Holland - Radtour Berlin-Amsterdam

Über die nur für Radfahrende vorbehaltene grüne Promenade, ein Stadtring rund um den Kern von Münster, verlasse ich überraschend schnell die Stadt. Kurze Zeit später tauche ich in ein Wäldchen ein, von einer Wasserburg bewacht. Haus Vögelding entstand im 16. Jahrhundert und war später im Besitz von Freiherr Droste zu Hülshoff.

Die schützenden Bäumchen bleiben mir leider nicht lange erhalten. In dieser sehr landwirtschaftlich geprägten Gegend führen mich die Wege zwischen Weizenfelder und Kartoffelacker über freies Land. An sich kein Problem, aber der Gegenwind hat freie Bahn. Und die nutzt er. Der einzig kleine Vorteil: Die Güllegerüche an jeder Ecke zischen zügig an meiner Nase vorbei.

So kämpfe ich erneut gegen die gewaltige Windkraft und schaue nur gelegentlich zu den riesigen Windrädern auf, die um die Wette rotieren. So geduckt kommt dann ein optisches Highlight recht überraschend um die Ecke: Schloss Darfeld. Einst ein Rittergut wird es heute privat bewohnt. Mein Gott, wie weit ist denn der Weg vom Schlafgemach zum Frühstücksraum?

Na, jedenfalls nicht so weit wie heute mein Weg nach Vreden, meinem Etappenziel, kurz vor der Grenze zu den Niederlanden. Das schöne ist, der Wind lässt nach. Das schlechte, es hagelt. Der Hagel prasselt wie eine Handvoll Kieselsteine auf meinen Helm.

Ich rette mich in einen Wellblechunterstand, Sekunden später stürzt ein weiterer Radfahrer unter das Dach: Alex aus Potsdam, der wie ich auf dem R1 gegen den Wind kämpft. Auch er hat einige Radreisen hinter sich und wir tauschen Erfahrungen aus – und die Erkenntnis, dass wir beide am liebsten allein im eigenen Tempo unterwegs sind.

Der Hagel hört auf, der Regen bleibt. Laut Wetter-App dauerhaft. Also schwingen wir uns wieder in den Sattel und fahren weiter. Jeder für sich. Nach einer Stunde Regendusche erreiche ich den rettenden Hof in Vreden und stelle mich fast genauso lange unter die heiße Dusche.

Holland im Regen - Radtour Berlin-Amsterdam

Ich bin bei morgendlichen 4°C noch nicht richtig warmgelaufen, als ich auf meiner elften Tagestour ein entscheidendes Etappenziel erreiche: Die Grenze zu den Niederlanden. Und wie es sich für unsere Europäische Gemeinschaft gehört, steht da ein Schild. Das war’s. Stoppen muss ich nur für ein Foto.

Doch Holland begrüßt mich nicht wie erhofft. Der leichte Nieselregen verstärkt sich und schwarzdunkle Wolken zeigen an: hier geht noch mehr. Trotz der etwa 100 Kilometer Tagesetappe vor der Brust stoppe ich unter einem gewaltigen Baum-Regenschutz.

Nach 20 Minuten beschleicht mich ein Kältezittern und die Erkenntnis, es hört nicht auf. So nehme ich alle Kraft zusammen und stürze mich in das Inferno. Wie sagte es Forest Gump: „Wir haben so ziemlich jeden Regen gehabt, den es gibt. Regen mit kleinen, prasselnden Tropfen, richtig schönen dicken Tropfen. Regen, der von der Seite kam und manchmal sogar Regen, der von unten nach oben zu kommen schien.“ Die Tropfen prasseln auf meinen 55‑Euro‑Poncho, springen zurück in mein geducktes Gesicht und alle zwei Minuten schöpfe ich einen Liter Wasser aus der Mulde vor meiner Brust.. Als ich auf einen Waldweg abbiege, frage ich mich: Ist das noch eine Radreise oder schon ein Härtetest?

Der Vorderreifen schmatzt durch ein Schlammloch, das Hinterrad schlingert im aufgeweichten Modder und ich verkrampfe am Lenker. Hier will ich nicht abgeworfen werden. Nach elenden vier Kilometern bekomme ich wieder festen Boden unter die Pneus und hebe den Blick. Mich begleitet ein kleines Fließ in einem dichten Wald.

Der Regen hört nicht auf, er wird nur schwächer. Und als ob sich Holland dafür entschuldigen möchte, schickt es mir eine glatte Betonpiste durch den Wald. Die „Hoog Buurlose Heide“ beschert mir knorrige Eichen, stramme Fichten und dichtes Unterholz. Mit leichten Anstiegen und Abfahrten eine Radfahr-Traumstrecke. Wie schön muss es hier erst bei Sonnenschein sein.

Und nach dem Motto, was erwartest du von den Niederlanden, stellt mir der Touristenverband kurz vor meinem Ziel in Garderen das Wahrzeichen an den Wegesrand.

Völlig durchnässt erreiche ich mein Ferienhotel und stehe etwas verschämt mit meinen Dreckschuhen auf dem Teppich. Doch nach Dusche, Cappuccino und Appeltaart geht’s besser und ich freue mich auf die die letzte Etappe nach Amsterdam. Es ist übrigens Regen angesagt!

Zieleinlauf - Radtour Berlin-Amsterdam

Bevor ich mich auf die letzte Etappe wage, steht erst mal eine Grundreinigung an. Mit so einer Dreck-Karre kann man sich ja nicht in Amsterdam blicken lassen. Also spritzt der Wasserstrahl über Rahmen, Tretlager und Riemen. Keine Wellness-Schaumwäsche, aber immerhin genug, um das Rad wieder als solches erkennbar zu machen.

Seit einiger Zeit bin ich vom R1-Fernradweg abgewichen. Der führt nach Den Haag und damit an meinem Ziel Amsterdam vorbei. Doch selbst abseits der offiziellen Route zeigen die Niederlande, wie Fahrradland wirklich geht: separate Wege, breite Spuren, Wegführungen, die wirken, als hätte sie jemand mit Liebe und Verstand geplant. Autos? Geduldete Gäste, höflich, leise, fast verlegen.

Trotz all dieser Vorteile will der Fahrradgott verhindern, dass ich Amsterdam erreiche. Und er weiß genau wie. Kaum bin ich auf dem baumlosen Deich schickt er Wind. Volles Rohr. Das hatte ich doch schon alles auf den freien Feldern. Also wieder ducken, strampeln, kämpfen.

Am Ufer von Eemmeer und Gooimeer hat er mich 30 Kilometer im Griff. Eine endlose Windschneise für meine müden Oberschenkel. Die hatten sich heute auf einen lockeren Reiseabschluss von 67 Kilometern gefreut und müssen wieder volle Kanne ran. Ihrem Meister geht es nicht viel besser, meine mentale Kraft ist auf Restverbrauch. Auf dem Wasser kreuzen Segelboote. Die Skipper freuen sich über den Wind. Ich gönne es ihnen natürlich. Also… theoretisch.

Nicht zum ersten Mal auf dieser Reise müssen die letzten 20 % Reserve herhalten. Doch bevor auch die verdampfen, erscheint Amsterdam am Horizont. Und wie: Eine gewaltige Brücke über den Amsterdam–Rijnkanaal, ausschließlich für Fahrräder. Ein Monument aus Stahl und Idee. Ein Triumphbogen für Menschen, die treten statt tanken.

Mit zittrigen Beinen rolle ich in die Stadt. 910 Kilometer liegen hinter mir. Und zum ersten Mal seit Tagen freue ich mich auf etwas ganz Simples: morgen nicht wieder auf dem Sattel zu sitzen.
War’s schön? Ja. Nein. Beides. Das Wetter hat mich gezeichnet, geärgert, fast terrorisiert. Aber der R1 zwischen Berlin und Amsterdam ist eine Reise, die man erlebt haben muss: Brandenburger Fichtenwälder, die in ihrer Ruhe fast meditativ wirken. Harzanstiege, die fordern, aber belohnen. Der Teutoburger Wald mit herrlichen Ausblicken und Städte wie Quedlinburg, Goslar, Münster — Perlen am Wegesrand. Bei schönem Wetter würde ich ihn vielleicht noch einmal fahren. Vielleicht. Mit Rückenwind.

Und nu? Was macht er jetzt? Kann ich euch sagen: ich fahre weiter. Von Amsterdam hoch nach Papenburg und jetzt auf dem Nordseeküsten-Radweg.

Nordseeküsten-Radweg

Nordseeküsten-Radweg

Mit ChatGPT nach Rom: Was eine KI als Reiseplaner taugt – und wo sie versagt

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