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Kirgistan - eine kleine Reise durch die raue Schönheit im Tian-Shan-Gebirge

Kirgistan - eine kleine Reise durch die raue Schönheit im Tian-Shan-Gebirge

Kirgisistan liegt im Hochgebirge des Tian-Shans. Den 7.439 Meter hohen Dschengisch werden wir mit Sicherheit nicht besteigen, aber einige Höhenmeter verspricht die Tour durch Kirgistan schon. Über 90 % des Territoriums befinden sich oberhalb von 1.500 Metern Seehöhe, 94 % der Landesfläche sind gebirgig. Also Wanderschuhe einpacken. Und die täglichen Temperaturschwankungen sind erheblich. Im Sommer werden in den Tälern Temperaturen von bis zu 45 °C gemessen; während es in den höheren Lagen auch jetzt im Juni schneien kann. Das heißt, klamottentechnisch auf alles vorbereitet zu sein. Ich bin gespannt.

Der Name des Landes stammt übrigens vom Wort „kirkkyz“, was vierzig bedeutet; die Kirgisen glauben, dass sie Nachfahren von 40 Stämmen seien. Das Suffix -(i)stan für „das Land“ stammt aus dem Persischen, wie es auch bei anderen Staaten der Region geläufig ist.

Ich bin gemeinsam mit einer Gruppe von Nachbarn und Freunden durch einen kleinen Teil Kirgistans gereist, organisiert durch die Agentur Ak-Sai Travel. Initiatorin war unsere Nachbarin und gebürtige Kirgisin A´sel, der man auf Instagram folgen kann. Unsere Reiseziele in Kirgistan im Überblick, zum Lesen einfach daraufklicken:

Bishkek / Burana / Steine und Markt / Yssyk-Köl / Karakol / Das gebrochene Herz und die sieben Stiere / Adler und Märchenschlucht / Jurte / Son-Köl / Rückfahrt über den Kalmak-Ashuu-Pass / Shoppen und Essen in Bishkek

Am Ende des Berichtes habe ich Tipps für die Reise durch Kirgistan zusammengefasst.

Kirgistan Reisebericht, Reisegruppe aus Falkensee

Bishkek - Kirgistan-Reisebericht

Die Fahrt vom Flughafen zum Hotel Orion ist genauso entspannt wie der Flug in die kirgisische Hauptstadt. Etwas mühselig ist lediglich der Kampf durch die arbeitswütigen Taxifahrer, die uns unbedingt in die Stadt bringen wollen. Aber wir haben durch die Agentur einen Fahrer mit Kleinbus gebucht, der uns wie verabredet am oberen Teil der Straße erwartet. Nach wenigen Minuten sind wir unterwegs. Die Entfernung ist ziemlich weit und der morgendliche Verkehr nimmt zu. Es ist kurz vor neun und es dauert. Aber es macht uns nichts aus. Wir haben ja Urlaub. Wellblechhütten hinter Wellblechzäunen ziehen vorbei. Ab und zu mal ein gemauertes Haus. Alles ziemlich grau in grau. Als wir etwas weiter in die Innenstadt kommen, werden die Häuser bunter. Und grell pink.

Zehn Uhr Ortszeit, wir sind vor unserem Hotel. Ein modernes Gebäude mit viel Glas. Innen empfängt uns gediegenes Ambiente mit Charme; es gefällt uns.

Die einstige Karawanenstation an der Seidenstraße, deren ersten Besiedlungen aus dem 6. Jahrhundert stammen, hieß bis 1991 Frunse. Was für ein komischer Name! Michail Wassiljewitsch Frunse war ein sowjetischer General während des russischen Bürgerkrieges und stammte aus Bishkek. Und wenn jemand erfolgreich für den Staat kämpft, kann man schon mal eine ganze Stadt und nicht nur eine Straße nach ihm benennen. Oder vielleicht auch ein Land: Frunsistan?? Der heutige Name stammt von der 1825 durch den Khan von Kokand erbaute Lehmfestung Pischpek, die den Karawanen als Unterkunft diente. Heutzutage ist davon nichts mehr zu sehen; einen alten Stadtkern gibt es nicht. Was wir heute entdecken, ist eine schachbrettartig erbaute moderne Stadt im sowjetisch geprägten Baustil. Das erste Denkmal, das wir uns anschauen, erinnert an die Opfer zweier entscheidender politischer Umbrüche in der modernen Geschichte Kirgistans. In den Jahren 2002 und 2010 verloren viele Menschen ihr Leben beim Kampf um die Freiheit.

Wir bleiben gleich hier am Ala-Too-Platz und schauen bei der Wachablösung zu. Zwei Soldaten ehren mit ihrer Anwesenheit die Fahne Kirgistans. Eine Stunde lang stehen sie stramm, dürfen sich nicht bewegen und werden von den Touristen angeschaut. Das ist bestimmt kein leichter Job.

Neben dem rund einhundert Meter hohen Fahnenmast steht die Statue des Volkshelden Aikol Manas, der mit seinen Gefährten im 9. Jahrhundert erfolgreich gegen die Uiguren kämpfte. Ich versuche sie zusammen als Ensemble im Gegenlicht der kirgisischen Sonne einzufangen - es gelingt mir nur ansatzweise. Schwierig!

Auch am Ala-Too-Platz gelegen, gibt es das historische Museum. Unglaubliche Vielfalt und Detailgenauigkeit fesseln mich fast zwei Stunden lang. Die Geschichte des Museums würde eine eigene Story verlangen. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall.

Auf den Straßen herrscht reges Treiben. Eine Bäuerin verkauft Himbeeren. Sie kosten nur wenige Som (100 Som = 1 Euro). Super lecker sind die Früchtchen. Die Menschen hier in der Stadt sind westlich normal gekleidet, aber die Sachen der Verkäuferin scheinen mir eher traditionell zu sein.

Wir machen Pause in einem Park. Bishkek hat eine Menge Grün. Es ist mit 25 Grad nicht allzu warm, aber unter den Bäumen ist es doch angenehmer als in der prallen Sonne. Zwischen den Sträuchern sitzen die unvermeidlichen großen Heiligen des Kommunismus und diskutieren miteinander. Wir hören zu oder auch nicht.

Wir begeben uns zum Platz des Sieges. Hier steht ein Denkmal, das 1985 zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs errichtet wurde. Es hat die Form einer Jurte, bei der fast alle Streben entfernt wurden. Jede fehlende Strebe steht für einen gefallenen Soldaten. Im Zentrum des Denkmals steht die Statue einer Mutter, die auf die Rückkehr ihrer Söhne wartet. Vor ihr auf dem Boden befindet sich eine ewige Flamme. Ein ergreifender Anblick.

Auf dem Weg zurück begegne ich zwei Soldaten mit geschultertem MG und einer Munitionskiste, unterwegs an die imaginäre Front.

Zu guter Letzt schauen wir noch im kirgisischen Nationalmuseums der Schönen Künste vorbei. Vor dem Eingang begeistert mich eine Bronzeskulptur. Sie hat die Form eines Möbiusbandes. Das ist eine Fläche, die nur eine Kante und eine Seite hat und bei der man nicht zwischen unten und oben oder zwischen innen und außen unterscheiden kann.

Im Museum hängen viele zeitgenössische Werke und viele ältere Bilder. Auch hier bedürfte die Beschreibung einer eigenen Geschichte. Berühmt ist das Ölgemälde „Tochter der sowjetischen Kirgisen“ von Semyon Chuikov aus dem Jahr 1948. Das Werk ist ein Paradebeispiel für den sozialistischen Realismus. Es ist aber nur ein Replik. Das Originalgemälde befindet sich in der Staatlichen Tretjakow-Galerie in Moskau.

Nach einem üppigen Frühstück verlassen wir das fünf Sterne Hotel Orion. Mit 251 Euro pro Doppelzimmer und Frühstück nicht gerade umsonst, aber mit hoher Qualität und einwandfreiem Service sehr zu empfehlen. Urmatbek bringt unser Gepäck zum Bus. Netter Kerl. Ich gebe ihm 200 Som.

Burana - Kirgistan-Reisebericht

Der Burana ist ein Turm, dessen Name wahrscheinlich vom türkischen Wort Murana für Minarett abgeleitet ist. Er ist das letzte übrig gebliebenen Teil einer Moschee und eines der ältesten Bauwerke dieser Art in Zentralasien (10. oder 11. Jh.). Ein Erdbeben hätte auch ihm fast den Rest gegeben. Die ursprüngliche Höhe von ungefähr 40 Metern wurde auf 21,7 Meter Höhe wieder aufgebaut. Ein imposantes Bauwerk ist der Burana trotzdem.

Ich mache mich an den Aufstieg. Zunächst wartet eine harmlose Wendeltreppe aus Eisen auf mich; aber dann wird es interessant. Eng, steil und dunkel. Auf allen Vieren erobere ich die Plattform. 

Natürlich sind wir hier nicht allein. Touri um Touri kommen aus dem Loch. Runter ist im Augenblick für die anderen zuerst einmal nicht. Jedenfalls nicht solange, bis alle oben sind. Es wird voll. Egal, ich schaue mich um. Tolles Panorama. In der Ferne sehe ich die zum Teil schneebedeckten Berge des Tian-Shan-Gebirges.

Ich warte. Nach einiger Zeit habe ich einen Time-Slot und kann hinabsteigen. Ohne Kopfstoß an der niedrigen Decke. Unten atme ich durch. Das ist nichts für Klaustrophobieker. In der Nähe sind einige sogenannte Balbals zu besichtigen – das sind alte Steinfiguren aus dem 6. Jahrhundert, die aus dem kirgisischen Gebirge hierher transportiert wurden, um sie vor Diebstahl zu schützen. 

Vermutlich stellen die Balbals, die es auch in Sibirien, Südrussland, der Ukraine oder der Mongolei gibt, ehemalige Herrscher dar. Das Museum nebenan bietet weitere, interessante Details. Noch mehr fasziniert mich aber die Jurte. Da liegen lustige Mützen rum. Ich finde, die steht mir gut.

Wir sind zum Mittagessen bei Einheimischen. In einem größeren Gästehaus mit zwei Speiseräumen und einigen Gästezimmern ist schon für unsere Reisegruppe eingedeckt.

Feinstes kirgisisches Mittagsmahl mit diversen Vorspeisen und einem Kartoffelhauptgericht mit Gemüse und Rindfleisch wird aufgetischt. Wir Vegetarier bekommen etwas ohne tote Tiere. Alles sehr lecker. Nach dem Essen frage ich die Köchin, ob ich sie fotografieren darf.

Wir sind wieder unterwegs nach Tokmok; dort wartet unsere heutige Unterkunft. Unterwegs gibt es einen Fotostopp am Tschon-Kemin-Tal mit dem gleichnamigen Fluss.

Die nun folgende Fahrt im Kleinbus ist ein stark durchschüttelnder Ritt. Unser Fahrer versucht - meistens erfolglos - den Schlaglöchern auszuweichen. Schließlich sind wir in Kalmak-Ashuu. Nette, sehr ursprüngliche Unterkunft. Sauber, ordentlich. 19:00 Uhr, wir gehen zum Abendessen. Vor dem Restaurant sehen wir bei der Zubereitung der Boosok zu. Als sie fertig sind, dürfen wir gleich mal kosten. Noch sehr heiß, weich-fluffig, etwas süß, genial. Die lustige Köchin scheint etwas zu sagen wie: „Nicht alles aufessen, es soll noch fürs Abendbrot reichen.“ Machen wir nicht.

Wir steigen die Holztreppe zum Restaurant hoch und gehen auf die Terrasse. Alles leer hier.

Der Blick hinunter verblüfft mich. Mitten auf der Wiese liegt ein riesiges Werkzeug, eine Hacke.

Auf der anderen Seite stehen Birkenpappel, schön in Reih und Glied.

Der Tag endet sehr harmonisch mit Plov (einem Reisgericht) und gutem kirgisischen Bier.

Steine und Markt - Kirgistan-Reisebericht

Die Sonne weckt uns in schönster Alpenatmosphäre und verspricht einen tollen Tag.

240 Kilometer von Bishkek entfernt, nähern wir uns Yssyk-Köl, dem zweitgrößten Gebirgssee der Erde (nach dem Titicacasee in Peru). Wir besuchen zunächst das historische Freiluftmuseum in Cholpon Ata. Dies ist ein Badeort am Nordufer des Sees. Die Übersetzung des Namens lässt Spekulationen zu. Cholpon heißt „Stern der Venus“ und Ata „Vater“. War das eine Familiengeschichte oder ein Scheidungsgrund oder ging es um Astrologie? Keine Ahnung. Heute geht es um die dortigen Petroglyphen auf den Felsbrocken. Gülnura ist unser Guide und erklärt die Felszeichnungen.

Die Steine sind vermutlich durch ein Erdbeben mit Wucht vom Gebirge Richtung Strand geschleudert worden und hier liegengeblieben. Da sie so schön viele waren und nett beieinander lagen, haben die Menschen angefangen, sie zu verzieren. Die ältesten Felsmalereien und -gravuren wurden im 2. Jahrtausend v. Chr. von Menschen der bronzezeitlichen Andronowo-Kultur geschaffen. Die jüngsten Petroglyphen aus dem 7. Jahrhundert gehen auf ein hier ansässiges Turkvolk zurück. Zugegebenermaßen sind die meisten Zeichnungen nicht besonders gut zu erkennen.

An einigen Stellen gibt es runde freie Flächen, die - nach meiner Interpretation - entweder natürlichen Ursprungs sind oder von Menschenhand geschaffen wurden. Von oben gesehen erklärt sich recht gut, was ich meine.

Neben den Zeichnungen stehen auch Skulpturen rum. Die gefallen mir viel besser, da ich in etwa verstehe, was die Künstler ausdrücken wollten.

Es ist Mittagszeit. Was gibt es Leckeres als frisches Brot direkt aus dem Ofen? Nicht weit entfernt besuchen wir einen Markt. Der freundliche Bäcker aus Usbekistan, wo wir letztes Jahr waren, zeigt uns seine Arbeit.

Ich darf mal in der Ofen schauen. An den Wänden innen kleben die Teigbrote, ohne herunterzufallen. Wie machen die das? In der Mitte glüht das Feuer. Es ist ziemlich heiß. Mit einer riesigen Kelle werden sie herausgeholt.

Wir stauen und schauen zu. Schließlich kaufen wir ihm einige Brote ab, die lächerlich billig sind. Sie kosten umgerechnet 35 Cent. In der Mitte sieht man ein Logo. Es ist das Markenzeichen eines jeden Bäckereibetriebes. 

Wir schlendern weiter. Es gibt wirklich alles. Auch Fischliebhaber kommen auf ihre Kosten. Frisch aus dem See, auch in geräucherter Form, direkt an den Stand geliefert und dann auf dem Teller serviert. Ganz kurze Lieferkette. Bestimmt saulecker.

Die Markthalle ist nicht allzu groß, aber imposant. Obst und Gemüse in Hülle und Fülle. Nette Leute, gute Stimmung. So muss das sein im Urlaub.

Das bisschen Brot hat uns aber nicht wirklich satt gemacht. Wir gehen in ein Restaurant. Für Vegetarier hält die Speisekarte vor allen Dingen Salate in verschiedenen Ausprägungen bereit. Für Karnivoren ist das Angebot schon reichhaltiger. Zum Beispiel Teigtaschen.

Sie heißen Manty, die oft in Bambusdämpfern serviert werden. Sie bestehen typischerweise aus einem dünnen Teig, der mit einer Mischung aus Fleisch – meist Rind oder Lamm – und Zwiebeln gefüllt ist. Guten Appetit.

Yssyk-Köl - Kirgistan-Reisebericht

Als A´sel, unsere liebe Nachbarin mit kirgisischen Wurzeln, um kurz vor fünf Uhr früh aufbricht, um den Sonnenaufgang über dem Gebirgssee zu erleben, befindet sich der glühenden Stern noch in China. Bald wird er den Horizont küssen und das Tian-Shan-Gebirge rötlich erstrahlen lassen. Sie hatte mich gefragt, ob ich mitkommen möchte. Mir fehlte die Vorstellungskraft, das Bett um diese Uhrzeit zu verlassen, und hatte bedauernd verneint. Es hätte sich gelohnt. Als kleinen Trost hat sie mir dieses fantastische Foto mitgebracht.

Die reinen Daten zum See sind beeindruckend: 182 Kilometer lang und 60 breit. An der tiefsten Stelle hat man 668 Meter gemessen. Die Übersetzung lautet übrigens „Warmer See“, was darauf zurückzuführen ist, dass es mehrere heiße Quellen gibt, die ihn speisen. 118 Flüsse münden hinein, aber kein einziger führt hinaus. Er sieht nicht nur aus wie ein Meer, er schmeckt auch leicht salzig. Das Wetter erscheint etwas bedrohlich, ich fürchte mich aber nicht. Es ändert sich schnell, das haben wir schon mitbekommen. Ich steige jetzt mal ins Wasser.

Das Holzpier ist mehr eine Landungsbrücke und in seiner Gesamtheit beeindruckend. Es verfügt über mehrere überdachte Plattformen mit Liegestühlen. Die enorme Länge hinaus auf den See ist absolut notwendig. Der Grund ist sehr steinig auf den ersten hundert Metern und das Wasser flach. Es ist also nahezu unmöglich, vom Strand aus los zuschwimmen, um den schmerzlichen Weg über die Steine zu vermeiden. Also entweder Zähne zusammenbeißen oder Steg benutzen.

Was diesen See von einem Meer unterscheidet, ist die fehlende Brandung. Aber auch ohne ozeantypische Geräuschkulisse lässt es sich gut am Ufer flanieren. Die Wolken verziehen sich, die Sonne bekommt freie Fahrt. Mit dabei ist Nachbar Roland, der Bienenfreund aus dem Haus nebenan. Und wie so oft auf dieser Reise treten wir völlig ungeplant im Partnerlook auf – fast wie eineiige Zwillinge.

Nachmittags steht eine Bootstour an. Wir verlassen die Anlage des Karven Four Seasons Resorts und fahren mit unserem Bus ein Stück zum Ausgangspunkt der Tour in Cholpon Ata. Das Boot ist ein kleines motorisiertes Ausflugsschiff des dortigen Yachtclubs.

Kapitän Artjom, was der „Gesunde, Kräftige“ bedeutet, steuert uns hinaus auf den See. Sehr lässig.

So entspannt muss eine Bootstour sein. Gemütlich nehmen wir Platz. Ruhig schaukelt uns der blau-weiße Metallrumpf durch das glasklare, makellos saubere Wasser. 

Zwischendurch erzählt uns Leichtmatrose Anatoli Geschichten über russische und kirgische Oligarchen, die riesige Anlagen hier am See besitzen. Einer von ihnen, ein Kirgise, muss es wohl übertrieben haben mit der wohlwollenden Einflussnahme auf jeden und alles; er wurde vor zwei Jahren ins Jenseits befördert, von wem auch immer. Seitdem werden Projekte der öffentlichen Hand viel zügiger umgesetzt; auch private Bauten sind seither schneller fertig. Obwohl Anatoli eine Hose mit den berühmten drei Streifen trägt, steht auf seinem T-Shirt „Fuck Adidas“ auf Russisch. 

Diverse Ferienanlagen am Ufer des Sees ziehen an uns vorüber. Mal sehen wir Reiter vorbeigaloppieren oder Parasailer hinter schnellen Booten in den Himmel steigen. Oder nur viele Liegestühle unter bunten Schirmen. Nett sieht das alles aus, aber mit dem Tian‑Shan‑Gebirge im Rücken wirkt es noch beeindruckender.

Zurück an Land wollen wir im Resort am Strand ins Café und uns mit Cappuccino und Kuchen verwöhnen. Der Kaffee kommt schnell und ist tadellos. Der Käsekuchen hingegen lässt auf sich warten, selbst Rolands Nachfrage bringt keine Bewegung in die Sache. Offenbar hat die für Käsekuchen zuständige Servicekraft gerade Pause. Als schließlich etwas Halbgefrorenes vor uns landet, ist es praktisch ungenießbar. Das trübt den ansonsten hervorragenden Gesamteindruck der Anlage ein wenig. Wir zahlen die Rechnung nur teilweise; unsere Bedienung entschuldigt sich, obwohl sie am wenigsten dafür kann. Egal, wir sind im Urlaub, nehmen’s gelassen und lächeln kurz darauf schon wieder vergnügt in die Kamera.

Karakol - Kirgistan-Reisebericht

Der Tag ist zehn Stunden alt, Zeit zum Aufbruch. Es geht weiter nach Karakol, in eine alte Kosakensiedlung. Das Gepäck ist verstaut. Unser Fahrer sitzt wieder hinterm Steuer und wir alle dahinter.

Der erste Stopp ist das Zentrum für traditionelle Reitspiele und nomadische Kultur, das Equestrian Hippodrome. Es liegt malerisch am Nordufer des Yssyk-Köl und bietet Platz für 10.000 Besucher. Im Augenblick wird es modernisiert. Berühmt wurde es als Austragungsort der World Nomad Games.

Zwölf Kilometer vor Karakol besuchen wir das Przewalski-Museum. Der Namensgeber war ein bedeutender russischer Forschungsreisender. Bevor wir uns die Ausstellung ansehen, bewundern wir eine mächtige Skulptur, die sein Wirken symbolisiert.

Der Adler steht für Furchtlosigkeit, Entschlossenheit und seinen wachen Verstand, der Olivenzweig für die friedliche Art und Weise, wie der Forscher seine Erkenntnisse erworben hat. Die zehn Stufen weisen auf die Dauer seiner Reisen hin, nämlich zehn Jahre. Im Museum werden wir intensiv informiert über sein Leben und Wirken. Nach gut 30 Minuten sind wir wieder draußen und gehen zu einem anderen Denkmal. Es ist eigentliche eine Grabstätte, denn hinter dem monumentalen Werk für Kusein Karasaev steht sein Sarg mit den sterblichen Überresten auf einer großen Steinplatte.

Der Linguist Karasaev gilt als einer der Gründerväter der modernen kirgisischen Sprachwissenschaft. Auch für ihn gibt es ein Museum auf dem Gelände, das wir nun besuchen. Noch einmal hören wir einer russisch sprechende Dame zu, deren Erläuterungen unser Guide Gülnura anschließend ins Deutsche übersetzt. Das ist für alle recht herausfordernd. Ziemlich ausgelaugt und geistig erschöpft steigen wir nach weiteren 30 Minuten wieder in den Bus. Noch knapp eine halbe Stunde bis Karakol; dort wollen wir etwas essen. Unser Kraftfahrer empfiehlt einen Laden, der nur ein Gericht anbietet: Asch-Lyanfu.

Das ist eine uigurische, kalte Suppe mit Glasnudeln und Nudeln aus Teig sowie Stücken aus Stärke. Recht scharf und fettig. Sie soll gegen einem Kater nach durchzechter Nacht helfen. Kann ich mir vorstellen. Man vermutet, dass China die Heimat dieser Suppe ist. Es ist sehr schwierig, die Nudeln unfallfrei in den Mund zu kriegen. Ich gebe mein Bestes. Der Laden ist außergewöhnlich und sehr zu empfehlen.

Der Tag steckt so voller Programmpunkte, dass wir schon wieder unterwegs sind, diesmal zur orthodoxen Kathedrale der Heiligen Dreifaltigkeit.

Bereits 1869 wurde für die russischen Kosaken eine Kirche errichtet. Doch die Geschichte des Ortes reicht weiter zurück: Zunächst stand hier eine große Jurte als Gotteshaus, die jedoch niederbrannte. Das folgende Steingebäude wurde später durch ein Erdbeben zerstört. Erst 1895 fand man eine dauerhaftere Lösung: eine Holzkirche, die dem nächsten Erdbeben standhielt. Fotografieren ist drinnen verboten. Ich mache aber heimlich ein Foto vom Opferkerzenständer.

Und schon wartet ein weiteres Gebetshaus auf unseren Besuch: die dunganische Moschee. Die Dunganen sind eine muslimisch-chinesische Minderheit, die vor allem in den zentralasiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion lebt; so also auch hier in Karakol. Diese Moschee wurde vollständig aus Holz und ohne einen einzigen Nagel gebaut.

Wir umrunden sie einmal, anschließend dürfen nur die Männer (!) ohne Schuhe den Gebetsraum betreten. Ich verweile am längsten und versuche in mich hineinzuhorchen. Berührt mich die Situation? 

Durchaus. Doch die anderen warten bereits am Ausgang. Ich gehe raus, ziehe meine Schuhe wieder an und marschiere zum Bus. Motor läuft, Klimaanlage auch, obwohl es mit rund 25 Grad nicht allzu warm ist. Wir checken in der Unterkunft ein, machen uns kurz frisch und düsen zum Abendessen in einer einheimischen Dunganfamilie. Zu den üblichen Glasnudeln, Lagman-Nudeln, geschmortem Gemüse und gedämpften Teigtaschen berichtet uns die Hausherrin aus ihrem Leben und den dunganischen Gebräuchen. Danach tanzen die Töchter auf dem Hof unter Scheinwerferlicht uns etwas vor. Elegant, herzerwärmend, einfach schön. Wir sind begeistert.

Schließlich werden wir aufgefordert, mitzumachen und schwingen die Hüften zu kirgisischen Volksweisen. Herrlich. Zum Abschluss gibt es noch ein gemeinsames Foto der zwei jüngeren Tänzerinnen mit ihrer älteren Schwester.

Ein vollgepackter, sehr interessanter Abend geht um 22 Uhr zu Ende. Erschöpft fallen wir in die Betten.

Das gebrochene Herz und die sieben Stiere - Kirgistan-Reisebericht

Der zerbrochene Felsen steht am Eingang der Jeti-Oguz-Schlucht. Zwei junge Männer kämpften einst um das Herz einer wunderschönen Frau. Keiner gewann, beide starben. Aus Kummer über ihren Verlust und das vergossene Blut der beiden Verehrer brach das Herz der Frau. Dank der Legende können wir heute diese außergewöhnliche Felsformation bewundern.

Wenn es stark regnet, färbt das Wasser vom Felsen den Fluss darunter rot; es ist das Blut der gestorbenen Frau. Ach, Legenden sind etwas Schönes, nicht wahr? 

Ich streife durch die Gegend. Vor der Hollywood ähnlichen Panoramakulisse singt ein recht beleibter Kirgise zum ersten Hit von Modern Talking und tanzt in der Eingangstür seines Honig-Verkaufswagens. Was für eine skurrile Situation! Eigentlich will ich ihn ein wenig zu seiner Geschichte befragen, wir kommen aber nicht zueinander, die Sprachbarriere ist zu groß. Dass ich ein Foto machen will, versteht er aber.

Zuviel Zeit vertrödeln ist nicht. Mairambek wartet schon an unserem Wagen und schaut etwas grimmig. Aber keine Angst, der ist ganz lieb und nett.

Wir fahren hoch zur Plattform. Von dort aus soll man einen guten Blick auf die sieben Stiere haben, steil bergan und nur Einbahnstraße. Der Posten unten signalisiert: Die Strecke ist frei. Na dann los. Mairambek meistert die Herausforderung mit Bravour. Der Posten oben begrüßt uns nickend. Wir haben es geschafft und sind da.

Den Erzählungen nach hatte ein Khan eine schöne Frau, die auch einem anderen Mann gefiel. Er entführte sie. Das gab Ärger. Der Entführer wollte den Khan besänftigen und opferte sieben Stiere. Brachte aber nichts. Also tötete der Entführer auch die Frau, um das Objekt des Streites ein für alle Mal aus dem Weg zu schaffen. Klappte auch nicht so richtig. Wie von Zauberhand entstanden sieben blutrote Felsen, um das Verbrechen für immer und ewig zu bezeugen. In trauter Zweisamkeit will ich das Ambiente genießen. Ich setzte mich mit Petra auf eine Bank mit Blick auf die Stiere. Was für ein schöner Moment!

Auch wenn der Mythos eine blutige Geschichte erzählt, sind die Felsen geologisch korrekt aus rotem Sandstein. Auf einer Länge von 35 Kilometern stehen sie rechts und links der Schlucht.

Es ist schwer, sich vom Anblick der zahlreichen roten Felsen zu lösen. Ein letzter Blick auf ein besonders schönes Exemplar direkt von unserer Nase.

Entlang des gleichnamigen Flusses Jeti-Oguz poltern wir dem nächsten Stopp entgegen. Die Straße ist angemessen schlecht, Gegenverkehr ungünstig. Und unser Fahrer fährt nicht gerade im Schneckentempo. Aber wir sind schon einiges gewöhnt, das macht uns keine Angst. Stattdessen erfreuen wir uns am Anblick der Schlucht.

Nach unzähligen Kurven, Felsen rechts, Brücke, Felsen links, öffnet sich ein Alpengrün vom Feinsten. Eine total andere Landschaft; als wären wir schnell mal nach Österreich gebeamt worden. Wahnsinn!

Kühe, Schafe, sogar Edelweiß. „Das ist doch Fake, das haben die für uns hier hingestellt“, flüsterte ich. Nein, alles real, auch die beiden Kirgisen Kairbek und Jumabek. Sie können etwas Deutsch, weil sie zu DDR- und Sowjet-Zeiten in Ostdeutschland stationiert waren. Roland erzählt, dass er bei der Bundeswehr war und zum Feind gehörte. Sie lachen, wir auch und umarmen uns. Es fehlt nur der Wodka. Zum Schluss schließen wir Männer „Druschba“ (Frieden).

Adler und Märchenschlucht - Kirgistan-Reisebericht

Natürlich ist das Gefangenhalten und Ausbeuten von Tieren sowie das Geschäftemachen mit ihnen nicht in Ordnung. Ich bin daher im Zwiespalt, ob ich an der Adler-Show teilnehmen soll oder nicht. Mit ziemlich schlechtem Gewissen mache ich mit. 

Der weibliche Adler Tunuk, das heißt „Kristalklar“, sitzt mit Haube auf dem Arm von Talgar. Dieser alte kirgisische Name bedeutet „Stürmischer, reißender Bergfluss“. Die Haube soll dafür sorgen, dass der Adler sich konzentriert und nicht abgelenkt wird. A‘sel übersetzt die ersten Erklärungen. Dann geht es los. Die Tochter des Jägers steht auf einem nahen Hügel und lässt das Adlerweibchen frei.

Talgar pfeift und Tunuk kommt. Sie fliegt ganz flach über den Boden. Ich kann sie nicht mehr erkennen. So wird es potentiellen Beutetieren auch gehen. Das letzte, was sie hören, ist ein Rauschen. Dann landet sie auf dem Arm des Jägers und wird mit einem Stück Fleisch belohnt. 

Ein paar weitere Informationen: Mit zwei bis drei Jahren werden sie ins Trainingslager genommen. Nach 20 Jahren erlangen sie wieder Freiheit. Sie können bis zu 60 Jahre alt werden und fruchtbar bleiben sie bis ins hohe Alter. Eine Familengründung für Tunuk ist später grundsätzlich im Bereich des Möglichen. Ich darf sie auch mal auf den Arm nehmen, aber nur mit Haube.

Ganz schön schwer, ca. viereinhalb Kilo. Ich freue mich, trotz der Vorbehalte. Aber ich habe auch Respekt. Der spitze Schnabel und die messerscharfen Krallen so dicht vor meinem Gesicht sind nicht ohne. Nach einigen Minuten gebe ich sie wieder ab, unverletzt, beide. Die anderen sind dran. Danach gibt es noch eine Jagdvorführung mit Windhund und die Möglichkeit, mit dem Bogen zu schießen. Schließlich verabschiede ich mich von Tunuk mit einem Augenzwinkern. Sie ignoriert mich.

Ab geht’s in die Märchenschlucht. Wir passieren einen Posten und erreichen nach etwa 30 Minuten unser Ziel. Es ist später Nachmittag, die Sonne steht tief. Perfekt, um die Formen der Felsen deutlicher zu erkennen. Außer uns streifen noch einige andere Besucher durch die Schlucht, ein beliebter Ort. Wir lassen den Blick über die Felswände wandern und versuchen, in den Formationen Tiere zu entdecken. Das hier soll ein Elefant sein – mit etwas Fantasie erkennt man sogar den Rüssel.

Es soll auch Burgen und Schlösser geben. Ich drehe mich suchend einmal um mich selbst. Und richtig. Das da hinten ist doch die Burg aus dem Disneyland.

Wie in einem riesigen Labyrinth irren wir durch den Sandsteinpark. Dutzend verschiedene Routen, rechts, links, geradeaus? Sich aus den Augen zu verlieren, ist ganz leicht. Wo sind denn Rosa und Andreas geblieben?

Zum wiederholten Mal stelle ich fest, dass meine Schuhe einfach nicht die richtige Sohle haben. Die Wege sind oft mit einer feinen, sandkörnigen Schicht überzogen – verdammt rutschig, teilweise wie auf Eis. „Selbst schuld“, sage ich mir. Die Bergstiefel sind im Gepäck geblieben, sie waren mir für die heutige Tour zu oversized. Falsch! Aber ich schaffe es ohne Sturz wieder runter. Eine Felsspalte lockt mich. Ich schaue mal rein. Ob ich da wieder rauskomme?

Dass die Bedingungen bei Regen noch etwas heftiger sein können, zeigt diese Piste mit Fußspuren im hart gewordenen Matsch. Da freue ich mich doch über das angenehme Wetter heute.

Das könnten wir jetzt noch stundenlang weitermachen. Es gibt so viel zu sehen und zu entdecken. Gigantisch! Schließlich sind wir wieder alle zusammen und schauen ein letztes Mal in die Kamera.

Jurte - Kirgistan-Reisebericht

Ankunft in Oimo-Tash nach schier unendlicher Fahrt über sandpistige Baustellen, die irgendwann mal Asphaltstraßen werden sollen. Gut durchgerührt und schlapp geschüttelt stehen wir am Eingang unser heutigen Unterkunft und staunen über die Jurten.

Hochwertig, mit allem Komfort, „Jurte Deluxe“ sozusagen. Zeit zum Abendessen. Unser Guide, Günlara, verteilt Gastgeschenke der Agentur Ak-Sai Travel. Wir Männer bekommen hübsche Hüte, die Frauen Kopftücher. Somit sind wir auch kleidungstechnisch endgültig in Kirgistan angekommen.

Für uns Vegetarier ist das Ernährungsangebot überschaubar. Es gibt Suppen: Gemüse mit Fleischeinlage oder Kürbiscreme. Neben einem Salat aus Tomaten, Gurken und Zwiebeln platziere ich Reis pur auf meinem Teller und gieße ein halbe Kelle Kürbissuppe darüber, damit ich den Reis nicht trocken runterschlucken muss. Und es gibt Bier. Das regionale „Apa“ kostet allerdings umgerechnet fünf Euro. Nach dem Essen gehen wir runter zum Strand und lassen den Abend sehr kitschig-romantisch am Lagerfeuer ausklingen.

Der nächste Tag bricht an, er steckt noch in den Kinderschuhen. Ich schreibe am Blog und sortiere Fotos. Heute werden wir eine Jurtewerkstatt besuchen und selbst eine aufbauen. Gegen Mittag sind wir da. Nurbek stellt in vierter Generation diese traditionellen Nomadenzelte her. Ohne große Umschweife beginnt er mit den ersten Schritten der Arbeit und erklärt sie. Wir stehen drumherum und schauen zu. A‘sel und Gülnura übersetzen.

Als Holz werden die Äste der Weide benutzt. Sie sind biegsam, elastisch, bruchfest und lassen sich unter Dampf leicht in Form biegen. Nurbek zeigt uns den Ofen zum Formen der Äste.

Sind die Äste geformt und zugeschnitten, werden sie mit Knoten aus nasser Weidenrinde miteinander verbunden.

Das Dachmittelteil (Tündük) ist von besonderer Bedeutung. Es trägt das Gewicht der Kuppel, hält alle Stangen zusammen und dient als Lüftung und Auslass für ein Feuer. 

Das Tündük symbolisiert außerdem die Verbindung zwischen der Jurte, dem Himmel und dem Weltall. Jetzt sind wir mit dem Aufbau dran.

Die rot gestrichenen Seitenteile werden auseinander gezogen, aufgestellt und miteinander verbunden. Den Eingang richten wir nach Norden aus. Nun hält Roland das Tündük mit einem Stock hoch und wir stecken die Holzsparren in die Löcher. Sie müssen nach und nach an den Seitenteilen mit einer Schnur verbunden werden.

Mehrere Schilfmatten werden jetzt um die Seitenteile gelegt und befestigt. Es folgt das Dach. Die Filzteile haben lange Bänder und werden damit auf die Holzsparren gezogen. Den Schluss bildet die Abdeckung des Tündük. Fertig!

Son-Köl - Kirgistan-Reisebericht

Unser Jurtenlager für die nächsten zwei Nächte befindet sich direkt am Ufer des Son-Köl. Der See liegt inmitten einer weiten, flachen Mulde oberhalb der Baumgrenze. Er hat eine Fläche von 278 km² und liegt zwischen zwei Bergketten.

Die ihn umgebene Hochebene ist riesig. Außer uns Menschen gibt es hier nur noch Tausende von Schafen, Pferden und Kühen. Und mittendrin die Gäste Jurten.

Kirgistan Reisebericht, Jurten und Berge mit Pferd davor

Sie sind einfach, aber praktisch eingerichtet, ohne sanitäre Anlagen. Und schön bunt. Zwei Betten an den Seiten, in der Mitte ein Tisch, zwei Ablagen für die Koffer. Strom gibt es von sechs Uhr früh bis 23 Uhr abends.

Kirgistan Reisebericht, eine Gästejurte am Son-Köl

Da die Nächte bis nahe Null Grad kalt werden können, müssen die Jurten mittels eines Ofens beheizt werden. Zwei Mal, am Abend und um zwei Uhr nachts wird er von fleißigen Heinzelmännchen befüllt, deswegen dürfen wir die Jurten nicht abschließen.

Kirgistan Reisebericht, Ofen in einer Jurte

Die Toiletten und Duschen sind in einem zentralen Container untergebracht. Zweckmäßig und nicht nach Geschlechter getrennt. Ich muss beim Anblick dieser Einrichtungen an Dokumentationen über abgelegene Forschungsstationen denken, wie zum Beispiel in der Antarktis.

Bei unserer Ankunft regnet es. Das Thermometer zeigt sieben Grad. Das Gepäck wird direkt bis vor die Jurte gefahren, auf einem kleinen Elektrotransportroller. Danach treffen wir uns mit den übrigen Gästen in einer großen Gemeinschaftsjurte zum Essen.

Kirgistan Reisebericht, Gemeinschaftjurte am Son-Köl

Das Essen ist stark fleischlastig; wir Vegetarier bekommen aber Extraportionen nur mit Gemüse. Damit uns nicht langweilig wird, spielt ein Akkordeonvirtuose kirgisische Weisen und zwei Frauen singen dazu. Eine nette Geste. Wir fühlen uns noch mehr eingebettet in die Kultur dieses Landes. Die Höhe von 3.000 Meter über dem Meeresspiegel merken wir nur marginal.

Kirgistan Reisebericht, drei Personen, die Musik machen am Son-Köl

Die Nacht ist durchwachsen. Es ist einfach viel zu warm. Der Ofen bullert wie verrückt. Ich fühle mich wie in einer finnischen Sauna. Wir schlafen quasi die halbe Nacht mit offener Tür. Die Zeit vergeht schleppend. Immer wieder wache ich auf, weil mir zu warm ist. Schließlich graut der Morgen und es regnet. Für den Nachmittag ist eine Exkursion auf die Hügel geplant, die nur wenige Kilometer entfernt und dem Gebirge vorgelagert sind. Vorher werden wir eine Nomadenfamilie besuchen. Nachmittag ist es und es geht los, die Wolken verschwinden langsam, die Sonne bricht durch. Was für eine Freude. 

Kirgistan Reisebericht, Nomadenjurten am Son-Köl

Die Leute, die wir besuchen, sind eigentlich nur Halbnomaden. Im Sommer ziehen sie auf die Berge, in die Hochebenen mit Jurten und Tieren, Kind und Kegel. Im Winter wohnen sie in ihren Häusern in den Dörfern. Wir werden freundlich begrüßt, dürfen in die Jurten schauen, Stutenmilch kosten und ziehen dann weiter. Unterwegs begegnen wir immer wieder Tieren, die ziemlich zutraulich sind. Sie stehen einfach mal so im Weg rum, wie dieses etwas schmuddelige Kalb.

Kirgistan Reisebericht, Kalb am Son-Köl

Wir laufen und laufen. Die Hügel, die wir erklimmen wollen, kommen gar nicht näher. Die Entfernungen täuschen. Es ist weiter als es aussieht. Der Aufstieg ist anstrengend. Die dünnere Luft in dieser Höhe macht sich bemerkbar. Ich habe meine Wanderschuhe an. Das ist auch notwendig. Über Geröll und Steinstufen, entlang größerer Felsbrocken streben wir nach oben. An einer Stelle treffen wir auf mehrere sogenannte Steinmännchen, auch Cairns genannt. 

Kirgistan Reisebericht, Steinhaufen am Son-Köl

Diese aufgeschichteten Steine können verschiedene Bedeutungen haben: Wegemarkierungen, für religiöse Zwecke, als Nachweis handwerklichen Geschicks oder als Attraktion für die Touristen. Sie sind jedenfalls sehr beeindruckend. Ich hebe den Kopf und lasse den Blick in die Ferne schweifen. Die über 4.000 Meter hohen, zum Teil schneebedeckten Berge strahlen eine majestätische Eleganz aus.

Kirgistan Reisebericht, Berge am Son-Köl

Ich höre plötzlich ein hohes Pfeifen. Wie bei meiner Oma früher der Heißwasserkessel. Was ist das? Die vielen Löcher zwischen den Felsen auf den Wiesen lassen mich erahnen, was es sein könnte: Murmeltiere? Ich warte. Und siehe da, ich habe Glück und kann eines fotografieren.

Kirgistan Reisebericht, Murmeltier in den Bergen am Son-Köl

Wir sind jetzt knapp drei Stunden unterwegs. Das Wetter hält sich, noch. Am Horizont ist es schon wieder ziemlich dunkel. Die Wolken kommen mir hier irgendwie größer und schwerer vor. Und schneller. Plötzlich sind sie da, wo vorher noch blauer Himmel war. Es wird langsam Zeit zurückzukehren. Aufstiege sind zwar anstrengend, Abstiege nerven aber mehr. Ich spüre die Belastungen in den Knien. Der direkte Weg ist schwierig und unangenehmer als schräg in Serpentinen runterzugehen. Wir sind endlich unten. Vor der Bergkulisse haben sich einige hübsche Pferde in das Abendlicht gestellt. Das ist wunderschön.

Kirgistan Reisebericht, zwei Pferde im Abendlicht am Son-Köl

Der Tag geht und der Regen kommt wie erwartet. Doch das macht uns wenig aus. Petra und ich setzten uns an die Feuerstelle - ohne Feuer - und trinken unser Supermarkt-Bier - mit Genuss.

Kirgistan Reisebericht, zwei Personen mit Bier in der Hand am Son-Köl

Rückfahrt über den Kalmak-Ashuu-Pass - Kirgistan-Reisebericht

Abschied ist ein scharfes Schwert. Besonders, wenn klar ist, dass der Urlaub in diesem wundervollen Land in zwei Tagen endet. Gepäck richten, Frühstück einnehmen und ein letzter Blick über das Jurten Lager am Son-Köl. Inzwischen weiß ich auch, was die Tür in der Mitte bedeutet soll. Zuerst dachte ich ja es ist ein Tor in eine andere Galaxis oder Dimension, so mittels Wurmloch. Nein, es ist etwas profaner. Bei gutem Wetter ist durch die geöffnete Tür der Sonnenaufgang bzw. -untergang zu beobachten.

Kirgistan Reisebericht, Tür mit Rahmen in der Landschaft

Ich verabschiede mich noch von der Kuh Eliza, die oft nahe am Lager grast. Ein schönes Tier mit einem vermutlich recht glücklichen Leben und einem anderen oder gar keinen Namen. Aber Eliza passt zu ihr.

Kirgistan Reisebericht, Kalb auf einer Wiese am Son-Köl

Es regnet wieder, was auch sonst. Richtung Pass geht’s zügig voran. Die Landschaft ist anders. In unendlich differenten grünen Wellen fließen die Berge dahin. Wo fangen sie an, wo hören sie auf? Der bröckelnde Betonpfosten, der vielleicht mal eine wichtige Markierung war, gibt dem Auge Halt. Ich stehe und staune. Surreal.

Kirgistan Reisebericht, Betonpfosten in grüner Landschaft

Die Passhöhe des Kalmak-Ashuu-Passes mit 3.446 Metern ist eher unspektakulär, die Abfahrt aber sieht interessant aus. Sie heißt Teskej-Torpok und besteht aus 32 oder 29 Kehren, je nach Betrachtungs- bzw. Zählweise. Im Laufe der Jahre hat sie den Namen „32 Papageien“ bekommen. Warum? Die Herkunft dieser Bezeichnung ist unbekannt. Vielleicht ein Übersetzungsfehler. Die Einheimischen nennen die Abfahrt halt so.

Kirgistan Reisebericht, SAbfahrt mit vielen Kehren, mitten in der Bergen

Unten angekommen, stoppen wir, um einen kleinen Wasserfall zu besuchen. 15 Minuten Fußweg, steinig, hoch und runter, an der Seite des Baches, dessen Wasser über die Klippe springen musste. Blühendes Kraut, gelbe hübsche Stauden, sogenannte Steppenkerzen, kratzende Büsche, die gerne mal die Arme aufritzen, Natur pur zwischen harten Felsbrocken. Wir sind allein.

Kirgistan Reisebericht, Weg zwischen Steinen , am Bach entlang

Jetzt kommen uns ein paar Angler mit ihren Ruten entgegen, ohne Fische. Sie grüßen freundlich, einer gibt mir sogar die Hand. Ob das ein Mongole ist? Die sollen früher hier gelebt haben. Aber weiter, weiter, die Kaskaden sind schon zu hören. Und dann sehen wir den Wasserfall. Er stürzt in einer engen Schlucht circa 30 Meter in die Tiefe und macht dabei ganz schön Lärm. Im Frühsommer soll er bedingt durch die Schneeschmelze noch eindrucksvoller sein.

Kirgistan Reisebericht, Wasserfall

Er heißt Kazhyr Ty und der Fluss kommt vom Son-Köl. Ich kraxle ein wenig am flachen Ufer entlang Richtung Felsen. Meine Frau meint: „Applaus bekommst du von mir dafür nicht!“ Recht hat sie. Ich hätte in den Bach rutschen können, bin ich aber nicht. Der Rückweg ist anstrengender als der Hinweg, weil wir dauernd Touristen durchlassen müssen, die auch zum Wasserfall wollen. Ist hier ein Bus angekommen? Nein, aber ein Dutzend PKw´s und Kleinbusse.

Kirgistan Reisebericht, viele Autos auf einer Straße in den Bergen

Ich gehe der Sache auf den Grund. Vor einem Toyota Tundra stehen drei Typen. Sie reden, rauchen, lachen und scheinen ungefährlich zu sein. Ich spreche sie an. Die Verständigung ist schwierig; A‘sel kommt dazu, nun erfahre ich, was für Leute das sind. Es handelt sich um eine Zehn-Tage-Tour durch Kirgistan mit Gästen aus ganz Europa, neun Fahrzeuge mit je einem Selbstfahrer und drei Mitreisenden sowie zwei Begleitfahrzeuge vorn und hinten. Das ist Reisebusstärke. Busse hätten auf diesen Straßen keine Chance. Die Guides heißen Aleksei, Pavel und Nursultan.

Inzwischen kann ich Namen gut mit Nationalitäten kombinieren. Ich glaube, die ersten beiden sind Russen, der andere Kirgise. Stimmt. Wir steigen ein, es geht weiter. Das Gebirge weicht, die Hügel werden sanfter. Überall ordentlich gemähter Rasen. Kein Wunder. Die unermüdlichen Gartenpfleger lassen keinen Wildwuchs zu. 

Kirgistan Reisebericht, Schafe auf einer Wiese in den Bergen

Die letzte Pause, bevor wir auf die große Überlandstraße abbiegen und dann auch schon bald wieder in Bishkek sein werden. Ich schaue noch einmal zurück und genieße das Gebirgsmassiv des Tian-Shan, das auch Himmelsgebirge genannt wird. Ich weiß jetzt, warum. 

Kirgistan Reisebericht, Blick auf das Tian-Shan Gebirge

Shoppen und Essen in Bishkek - Kirgistan-Reisebericht

Lange Reihen von Rundbögen und Steinpfeilern zeichnen diese Arkaden am Ala-Too-Platz in Bishkek aus und die zahlreichen Geschäfte. Es ist unzweideutig ein Gebäude im Stil des sowjetischen Klassizismus. Sozialistische Bauten sind sonst nicht so mein Fall. Dieses Haus gefällt mir aber sehr gut; es scheint frisch renoviert zu sein. Die Straße, die am Platz vorbeiführt, heißt Chuy Prospekt.

Kirgistan Reisebericht, Arkaden in Bishkek

Die Boutiquen sind keine der internationalen Luxuslabels, sondern kleine inhabergeführte Läden, die hochwertige, kirgische Filzprodukte, Kleidung und Seidenschals anbieten. Und das alles für wenig Geld. Die meisten Männer, so wie ich, wissen, was sie wollen, suchen kurz, finden etwas oder auch nicht. Falls das gewählte Produkt ihren Vorstellungen entspricht, wird gekauft. Die meisten Frauen sind da anders. Der finale Vertragsabschluss ist nur der Schlusspunkt eines langen lustvollen Prozesses. Der im Übrigen in jedem Geschäft neu beginnt. Meine Beute ist recht schnell unter Dach und Fach: zwei T-Shirts und ein paar neue Hausschuhe aus Filz. Danach heißt es geduldig mitgehen, Klappe halten oder wohlwollende Kommentare abgeben, aber nur nach Aufforderung.

Kirgistan Reisebericht, in einem Shop in Bishkek, Mann auf dem Sofa, zwei Frauen in der Nähe

An der Beishenalieva Straße Ecke Chuy Prospekt gibt es den Osh-Basar, den sollte man unbedingt besuchen. Hier werden traditionelle Gebrauchsgegenstände und Lebensmittel angeboten. Und in der Parallelstraße den Kiyal-Markt bitte nicht vergessen. Das ist ein Handwerkermarkt mit Filzprodukten und Schmuck. Wer doch lieber Design-Boutiquen und spezialisierte Ateliers besuchen möchte, sollte in die Bokonbaeva Straße gehen, sie liegt etwas südlich vom Ala-Too-Platz. Wir bleiben auf dem Chuy Prospekt. Ich schaue nicht nur auf Geschäftseingänge und in Schaufenster, sondern blicke auch mal etwas weiter nach oben. Das lohnt sich. Vor der Hausnummer 126 schaut mich eine sehr hübsche Frau von einer Hauswand aus an.

Kirgistan Reisebericht, Frauenbild auf Hauswand in Bishkek

Bei meinen Recherchen erfahre ich, dass dieses Bild eine bekannte kirgisische Schauspielerin darstellt, die in dem Film „Der rote Apfel“ die Hauptrolle einer ungestümen, unnahbaren jungen Frau spielt. Das Wandbild gilt als unerreichbares, ideallisiertes Symbol für die Suche nach dem persönlichen Glück. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass der Anblick dieser Dame Gefühle des nationalen Stolzes und der Nostalgie auslöst. Sehr interessant. Unsere Frauen hingegen sind schon weiter gegangen und in irgendeinem Geschäft verschwunden. Roland hat sich währenddessen auf der anderen Seite der Straße ein Denkmal angesehen. Er ist zurück und gemeinsam suchen wir sie. Der Vergleich mit der Metapher „Nadel und Heuhaufen“ ist sicherlich maßlos übertrieben, doch so einfach ist das Wiederfinden nicht. Endlich haben wir sie. Der Laden, in dem sie sind, ist eine Mischung aus Museum und Verkaufsraum. Besonders skurril finde ich die Lenin-Büste inmitten von Geschirr, Schmuck, Filzsachen, Kleidern und allerlei Schnickschnack.

Kirgistan Reisebericht, Leninbüste

Beim nächsten Geschäft passen wir genau auf, wo sie reingehen und setzen uns davor auf eine Bank. Die Straße ist voll. Es ist Mittagszeit. Alle wollen irgendwo hin. Interessant finde ich die Kleidung der weiblichen Bevölkerung: überwiegend locker, frei, modern und westlich, kaum verschleiert, kaum Kopftücher. Warum ist das so? Kirgistan ist im Prinzip ein muslimisches Land, es war aber Teil der Sowjetunion. Diese Jahrzehnte haben die Gesellschaft stark geprägt. Der Islam ist eher Teil der kulturellen Identität als ein strenges Regelwerk. Ich drehe mich um. Hinter uns gibt es eine Haltestelle mit bunten Behältern für die Mülltrennung. Genutzt werden sie allerdings kaum, scheint es mir, obwohl die Regierung nach eigenen Angaben deutlich mehr Abfälle recyceln und zur Energiegewinnung nutzen möchte.

Kirgistan Reisebericht, Bus mit Müllbehältern davor, sehr bunt

„Tempus fugit“ und die Chicas sind immer noch im Laden. Ich schätze, dass sie mindestens 45 Minuten da drin sind. Oder hat die Boutique einen zweiten Ausgang? Ich frage Roland, aber das weiß er auch nicht. Er geht ins Geschäft und kommt auch nicht wieder raus. Ich muss hinterher. Ich erwarte Chaos in höchster Potenz. Weit gefehlt. Alle unsere Frauen stehen mit diversen Röcken, Blusen, Jacken vor der Kasse und warten aufs Abkassieren. Na, wunderbar, dann können wir ja eine Kleinigkeit zum Mittag verschnabulieren. Wir gehen ins Café Capito in der Turusbekov Straße, das auch deftige Speisen anbietet. Ich bestelle mir ein Käse-Tomaten-Sandwich und einen Matcha Latte, der so schön designt ist, dass ich ihn eigentlich nicht trinken will.

Kirgistan Reisebericht, Matcha Latte mit Löffel

Petra bestellt Baklazhany, das sind knusprig frittierte Auberginenwürfel, die ich im Laufe der Reise schon mehrmals genossen habe. Sie werden mit Tomaten, Zwiebeln, geriebenem Käse und Kräutern serviert. Dazu gibt es meistens eine Sweet-Chili-Soße. Lecker!

Kirgistan Reisebericht, Auberginengericht

Der Laden ist absolute Spitze und nicht teuer. Sehr zu empfehlen. Wir zahlen. Ich hoffe, dass uns nun der Weg zurück ins Hotel führt. Meine Einkaufstoleranzgrenze ist nämlich erreicht. Aus den Gesichtern unserer weiblichen Begleitung sehe ich ausschließlich Glücksmomente herausstrahlen. Sie scheinen befriedigt. Toll. Aber der Weg ins Hotel ist trotzdem ziemlich weit. Ich schaue auf meine Fitnessuhr und konstatiere, dass wir fast einen Drittelmarathon absolviert haben. Ein Saft to go von einem Stand im Park wäre jetzt hilfreich. Ich gönne mir einen.

Kirgistan Reisebericht, Stand mit Getränken, Schirm, Frau sitzend

Für heute Abend ist noch ein Abschiedsessen in einer der berühmtesten Lokalitäten der Stadt geplant; wir gehen in das Ethno-Restaurant Supara. Die Geschichte dieses ungewöhnlichen Projekts würde hier den Rahmen sprengen. Unter dem Link kann man aber alles Wichtige nachlesen. Wir sind von Allem total geflasht: von den Speisen, den Getränken, dem Ambiente, der Architektur und der Freundlichkeit des Personals.

Kirgistan Reisebericht, Gruppe um einen Tisch herum sitzend

Ein wunderschöner Urlaub geht zu Ende. Rosa und Andreas mussten sich beruflich bedingt leider schon ein paar Tage vorher ausklinken, deshalb sitzen wir hier nur noch zu fünft am Tisch. Wie man unschwer an der Decke über meinen Knien erkennen kann, ist es heute am Abend ein bisschen frisch. Eine lange Hose wäre besser gewesen. Wir genießen den Abschluss unter freiem Himmel bei einem fantastischne Menu und danken der lieben A´sel für die perfekte Organisation. Wir bestellen Wodka und prosten uns zu. Jeder Schluck geht mit einem Trinkspruch einher. Im Hintergrund geht die Sonne unter und scheint zu signalisieren: Kommt ja bald wieder! Warum eigentlich nicht? Wir haben schließlich nur einen kleinen Teil von Kirgistan gesehen. Bis demnächst also, vielleicht.

Kirgistan Reisebericht, Sonnenuntergang mit Bäumen

Tipps - Kirgistan-Reisebericht

Kirgistan ist ein raues, ursprüngliches und touristisch noch nicht überlaufenes Land. In den majestätischen Bergen von Tian-Shan zu wandern und kristallklare Bergseen zu bewundern sowie eine Nomadenkultur zu entdecken, die noch sehr präsent ist, sind meine Empfehlungen. An erster Stelle steht die Natur. Und selbstverständlich sind die Begegnungen mit den überaus freundlichen Menschen etwas ganz Besonderes.

Anreise

Die beste Verbindung ist mit Turkish Airlines (TK) über Istanbul. Hier gibt es die angenehmste Kombination aus Flugzeiten, Service und Umsteigekomfort. Von Berlin nach Istanbul fliegt TK drei bis fünf Mal täglich. Zwischen Istanbul und Bischkek gibt es mindestens einen täglichen Direktflug. An einigen Wochentagen kommt sogar ein zweiter Flug hinzu. Ab Berlin sind zehn bis zwölf Stunden Reisedauer einzuplanen. Die Preise bewegen sich zwischen 500 und 1.000 Euro für Hin- und Rückflug pro Person. Für die Einreise braucht man einen Pass, der noch mindestens sechs Monate gültig sein muss; ein Visum ist für 60 Tage maximalem Aufenthalt nicht erforderlich, bei der Einreise gibt es einen Stempel, mehr nicht. Die beste Reisezeit liegt im Frühling (Mai bis Juni) und im Herbst (September bis Mitte Oktober). Zu dieser Zeit sind die Temperaturen angenehm und die Pässe in den Bergen passierbar.

Fortbewegung

Die Reise mit einem durch eine Agentur beauftragten Fahrer ist sehr bequem und zu empfehlen. Die selbstständige Reise mit einem Mietwagen stelle ich mir auch unproblematisch vor. Wir hatten außerdem einen deutschsprachigen Guide an unserer Seite, das war sehr angenehm und hat uns in vielen Situationen geholfen. Die Straßen sind überwiegend in einem guten Zustand, obwohl viel gebaut wird. Anspruchsvolle Pässe, problematische Schotterstraßen, Furten haben wir nicht erlebt. Die Benzinpreise sind sehr moderat. Normalbenzin kostet deutlich weniger als umgerechnet einen Euro.

Landschaft

Das Land liegt zu über 90 % oberhalb von 1.500 Metern, es ist also sehr gebirgig. Berge prägen in unterschiedlichen Ausprägungen die Landschaft. Je nach Höhe gibt es dann auch keine Bäume mehr, nur noch Gras und Felsen und mittendrin Bergseen.

Wetter

Die Temperaturen reichen von knapp 40 Grad in Bishkek bis nahe Null Grad des nachts am Bergsee Son Kol. Es regnet oft und kräftig. Der Koffer sollte kleidungstechnisch entsprechend ausgestattet sein.

Sehenswürdigkeiten

Kirgistans eigentliche Attraktion sind weniger seine Städte als vielmehr die spektakuläre Natur zwischen ihnen. Die Städte dienen als Ausgangspunkte – die unvergesslichen Erlebnisse warten meist außerhalb der Stadtgrenzen. Bishkek ist eine vom sowjetischen Baustil dominierte Hauptstadt, die aber auch jede Menge Flair hat. Die Denkmäler, Plätze, Museen und Märkte sind sehenswert und kosten einige Zeit, wenn man alles mitnehmen will. Auch Shopping und gut Essen gehen sind Highlights. Andere empfehlenswerte Städte sind Karakol mit Kirche und Moschee sowie Osch, Kotschkor und Naryn, wo wir allerdings nicht waren. Als kleine Dörfer sollten Cholpon-Ata, Bokonbajewo und Arslanbob besucht werden. Die Seen Yssyk Köl und Son Köl dürfen auf der Route nicht fehlen. Die Schluchten mit dem gebrochenem Herz und den sieben Stieren sowie mit den Märchengestalten sind unbedingt zu besuchen. Je nach Lust und Laune kann man dort wandernd mehrere Tage verbringen. Und nicht vergessen, über den Kalmak-Ashuu-Pass zu fahren und die Abfahrt Teskej-Torpok sowie den Wasserfall Kazhyr Ty zu genießen.

Begegnungen mit Menschen

Die Halbnomaden in ihren Jurten zu besuchen, selbst in einer zu schlafen oder beim Aufbau einer zu helfen, sind absolute Highlights. Die Menschen sind überaus gastfreundlich; die angebotene Stutenmilch zu kosten, ist Pflicht. Der Islam spielt im Übrigen nur eine untergeordnete Rolle, geprägt durch die lange Sowjetherrschaft. In den Moscheen sind aber die Vorschriften unbedingt zu beachten.

Essen und Getränke

Die Küche ist herzhaft, einfach und von der nomadischen Lebensweise geprägt. Fleisch (Lamm, Rind und Pferd), Milchprodukte sowie Teiggerichte sind prägend. Die Einflüsse aus der russischen, usbekischen, uigurischen und chinesischen Küche sind allgegenwärtig. Typische Gerichte sind Plov, ein Reisgericht mit Fleischstücken, Lagman, lange, breite Nudeln mit Gemüse und Fleisch, Manti, große gedämpfte Teigtaschen, meist mit Hackfleisch und Zwiebeln gefüllt, Samsa, im Lehmofen gebackene Teigtaschen mit Fleisch, Zwiebeln oder Kürbis sowie Boorsok, kleine, goldbraun ausgebackene Hefeteigstücke. Vegetarische Varianten mit Kürbis oder anderem Gemüse sowie grundsätzlich ohne Fleisich sind möglich. Dazu Salat in verschiedenen Ausprägungen, Auberginen, gerollt oder frittiert, und Brot. Als Getränk wird immer Tee in diversen Geschmacksrichtungen angeboten. Bier ist meistens teuer. Die Preise sind insgesamt je nach Stadt, Dorf, Lage, Örtlichkeit ein Drittel bis halb so hoch wie bei uns.

Kosten

Der Som ist die Landeswährung; der derzeitige Umrechnungskurs ist 100 Som zu 1 Euro. Geldautomaten sind weit verbreitet, meistens werden Gebühren erhoben. Kirgistan ist insgesamt ein Low-Cost-Reiseland; mit 10 bis 15 Euro pro Tag, ohne Unterkunft, kann man auskommen. Die größte Preisspanne entsteht nicht zwischen Luxus und Budget, sondern zwischen Stadt und abgelegener Natur. Gästehäuser und Jurten Lager sind gut und günstig. Einfache Unterkünfte kosten acht bis 20 Euro pro Nacht und Person, Mittelklasseunterkünfte 20 bis 60 Euro, Komforthotels 60 bis 150 Euro, Luxushäuser 250 Euro.

Sicherheit

Betrüger gibt es überall, so auch in Kirgistan. Ansonsten scheint die Kriminalitätsrate gering zu sein. Der Straßenverkehr ist fast normal; in den Städten gibt es zu den Stoßzeiten Staus wie bei uns. Unterwegs in den Bergen stehen die Tiere auch mal gerne auf der Fahrbahn herum oder kreuzen sie unvermittelt, also Vorsicht. Die Höhenlagen können gesundheitliche Probleme verursachen. Das Wasser sollte grundsätzlich nicht getrunken werden, es sei denn, es kommt direkt aus einer Quelle.

Weitere praktische Informationen

Bargeld oder Karte? Gute Frage! Kartenzahlung ist auf dem Land eher selten möglich, in den Städten normal. Die Telefon- und Internetabdeckung ist grundsätzlich gut; für Internet und SIM-Karten kann ich die App „Saily“ empfehlen: gutes Preis/Leistungsverhältnis, die eigene Rufnummer kann behalten werden. Ein Reiseadapter, wenn man aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz anreist, ist nicht erforderlich. Die Netzspannung und Frequenz sind exakt europäischer Standard. Die Verständigung ist schwierig, wenn man kein Russisch oder Kirgisisch beherrscht. In den größeren Städten kommt man mit Englisch gut klar. Straßennamen oder andere Schilder zu lesen, ist ohne Kenntnisse der kyrillischen Buchstaben nicht möglich.

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