Kirgistan - eine kleine Reise durch die raue Schönheit im Tian-Shan-Gebirge
Kirgisistan liegt im Hochgebirge des Tian-Shans. Den 7.439 Meter hohen Dschengisch werden wir mit Sicherheit nicht besteigen, aber einige Höhenmeter verspricht die Tour durch Kirgistan schon. Über 90 % des Territoriums befinden sich oberhalb von 1.500 Metern Seehöhe, 94 % der Landesfläche sind gebirgig. Also Wanderschuhe einpacken. Und die täglichen Temperaturschwankungen sind erheblich. Im Sommer werden in den Tälern Temperaturen von bis zu 45 °C gemessen; während es in den höheren Lagen auch jetzt im Juni schneien kann. Das heißt, klamottentechnisch auf alles vorbereitet zu sein. Ich bin gespannt.
Der Name des Landes stammt übrigens vom Wort „kirkkyz“, was vierzig bedeutet; die Kirgisen glauben, dass sie Nachfahren von 40 Stämmen seien. Das Suffix -(i)stan für „das Land“ stammt aus dem Persischen, wie es auch bei anderen Staaten der Region geläufig ist.
In den nächsten zehn Tagen werden wir als Gruppe der Nachbarn und Freunde – hier - über unsere abenteuerliche Reise durch einen kleinen Teil Kirgistans berichten.
Bishkek - Kirgistan-Reisebericht
Die Fahrt vom Flughafen zum Hotel Orion ist genauso entspannt wie der Flug in die kirgisische Hauptstadt. Etwas mühselig ist lediglich der Kampf durch die arbeitswütigen Taxifahrer, die uns unbedingt in die Stadt bringen wollen. Aber wir haben durch die Agentur einen Fahrer mit Kleinbus gebucht, der uns wie verabredet am oberen Teil der Straße erwartet. Nach wenigen Minuten sind wir unterwegs. Die Entfernung ist ziemlich weit und der morgendliche Verkehr nimmt zu. Es ist kurz vor neun und es dauert. Aber es macht uns nichts aus. Wir haben ja Urlaub. Wellblechhütten hinter Wellblechzäunen ziehen vorbei. Ab und zu mal ein gemauertes Haus. Alles ziemlich grau in grau. Als wir etwas weiter in der Innenstadt kommen, werden die Häuser bunter. Und grell pink.
Zehn Uhr Ortszeit, wir sind vor unserem Hotel. Ein modernes Gebäude mit viel Glas. Innen empfängt uns gediegenes Ambiente mit Charme; es gefällt uns.
Die einstige Karawanenstation an der Seidenstraße, deren ersten Besiedlungen aus dem 6. Jahrhundert stammen, hieß bis 1991 Frunse. Was für ein komischer Name! Michail Wassiljewitsch Frunse war ein sowjetischer General während des Russischen Bürgerkrieges und stammte aus Bishkek. Und wenn jemand erfolgreich für den Staat kämpft, kann man schon mal eine ganze Stadt und nicht nur eine Straße nach ihm benennen. Oder vielleicht auch ein Land: Frunsistan?? Der heutige Name stammt von der 1825 durch den Khan von Kokand erbaute Lehmfestung Pischpek, die den Karawanen als Unterkunft diente. Heutzutage ist davon nichts mehr zu sehen; einen alten Stadtkern gibt es nicht. Was wir heute sehen, ist ein schachbrettartig erbaute moderne Stadt im sowjetisch geprägten Baustil. Das erste Denkmal, das wir uns anschauen, erinnert an die Opfer zweier entscheidender politischer Umbrüche in der modernen Geschichte Kirgistans. In den Jahren 2002 und 2010 verloren viele Menschen ihr Leben beim Kampf um die Freiheit.
Wir bleiben gleich hier am Ala-Too-Platz und schauen bei der Wachablösung zu. Zwei Soldaten ehren mit ihrer Anwesenheit die Fahne Kirgistans. Eine Stunde lang stehen sie stramm, dürfen sich nicht bewegen und werden von den Touristen angeschaut. Das ist bestimmt kein leichter Job.
Neben dem rund einhundert Meter hohen Fahnenmast steht die Statue des Volkshelden Aikol Manas, der mit seinen Gefährten im 9. Jahrhundert erfolgreich gegen die Uiguren kämpfte. Ich versuche sie zusammen als Ensemble im Gegenlicht der kirgisischen Sonne einzufangen - es gelingt mir nur ansatzweise. Schwierig!
Auch am Ala-Too-Platz gelegen gibt es das historische Museum. Unglaubliche Vielfalt und Detailgenauigkeit fesseln mich fast zwei Stunden lang. Die Geschichte des Museums würde eine eigene Story verlangen. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall.
Auf den Straßen herrscht reges Treiben. Eine Bäuerin verkauft Himbeeren. Sie kosten nur wenige Som. Super lecker sind die Früchtchen. Die Menschen hier in der Stadt sind westlich normal gekleidet, aber die Sachen der Verkäuferin scheinen mir eher traditionell zu sein.
Wir machen Pause in einem Park. Bishkek hat eine Menge Grün. Es ist mit 25 Grad nicht allzu warm, aber unter den Bäumen ist es doch angenehmer als in der prallen Sonne. Zwischen den Sträuchern sitzen die unvermeidlichen großen Heiligen des Kommunismus und diskutieren miteinander. Wir hören zu oder auch nicht.
Wir begeben uns zum Platz des Sieges. Hier steht ein Denkmal, das 1985 zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs errichtet wurde. Es hat die Form einer Jurte, bei der fast alle Streben entfernt wurden. Jede fehlende Strebe steht für einen gefallenen Soldaten. Im Zentrum des Denkmals steht die Statue einer Mutter, die auf die Rückkehr ihrer Söhne wartet. Vor ihr auf dem Boden befindet sich eine ewige Flamme. Ein ergreifender Anblick.
Auf dem Weg zurück begegne ich zwei Soldaten mit geschultertem MG und Munitionskiste.
Zu guter Letzt schauen wir noch im kirgisischen Nationalmuseums der Schönen Künste vorbei. Vor dem Eingang begeistert mich eine Bronzeskulptur. Sie hat die Form eines Möbiusbandes. Das ist eine Fläche, die nur eine Kante und eine Seite hat und bei der man nicht zwischen unten und oben oder zwischen innen und außen unterscheiden kann.
Im Museum hängen viele zeitgenössische Werke und viele ältere Bilder. Auch hier bedürfte die Beschreibung eine eigene Geschichte. Berühmt ist das Ölgemälde „Tochter der sowjetischen Kirgisien“ von Semyon Chuikov aus dem Jahr 1948. Das Werk ist ein Paradebeispiel für den sozialistischen Realismus. Es ist aber nur ein Replik. Das Originalgemälde befindet sich in der Staatlichen Tretjakow-Galerie in Moskau.
Nach einem üppigen Frühstück verlassen wir das fünf Sterne Hotel Orion. Mit 251 Euro pro Doppelzimmer und Frühstück nicht gerade umsonst, aber mit hoher Qualität und einwandfreiem Service sehr zu empfehlen. Urmatbek bringt unser Gepäck zum Bus. Netter Kerl. Ich gebe ihm 200 Som.

