Nordseeküsten-Radweg
Der Nordseeküsten-Radweg in Deutschland schlängelt sich entlang des namensgebenden Meeres von Papenburg/Leer bis Niebüll in Schleswig Holstein. Ich fahre die Strecke von der Niederländischen Grenze bis Hamburg und nehme euch mit auf die gemütlichen Etappen.
Start in Papenburg / Norddeich / Jever / Bremerhaven / Stade / Hamburg-Rückfahrt
Vor drei Tagen bin ich auf meiner Radtour Berlin – Amsterdam in der schönen niederländischen Stadt eingetroffen. Für den Start auf dem Nordseeküsten-Radweg ging es dann in zwei Tagen mit je 120 Kilometern quer durch dieses Fahrrad-Traumland. Hier gibt es IMMER einen Radweg, meist breiter und besser ausgebaut als die Autostraße. Von Almere bis Lelystad verwöhnt eine Neubaustrecke die Radfahrenden: breit, glatt, schnell!
Bemerkenswert finde ich auch, dass es für die „Fietsen“ oft freie Fahrt gibt. Der querende Autoverkehr muss warten und „Grün“ anfordern. Für einen leidgeprüften Radfahrer aus Deutschland eine wunderbar verkehrte Welt. So lässt es sich Strecke machen und der Wind kommt auch aus der richtigen Richtung. Da will ich nur fahren, aber an einer Ecke gibt’s ’nen Farbrausch, der mich einfach ausbremst.
Und damit beginnt meine kleine Serie entlang der Nordseeküste – Etappe für Etappe, Rückenwind inklusive.
Start in Papenburg - Nordseeküsten-Radweg
Pleiten, Pech und Pannen! Na gut, das ist übertrieben. Eine Panne gab es nicht. Aber von vorne. Papenburg begrüßt mich mit Morgensonne. Das gibt doch gleich eine bessere Stimmung. Ich fahre gemütlich am Hauptkanal durch den Ort und zähle nach: Mindestens sieben Brücken müssten hoch-, zur Seite- oder weggeklappt werden, damit der Segelkahn zur Ems kommen kann. Was für ein Aufwand.
Da habe ich es mit meinem Rad doch besser. Denke ich – und freue mich auf entspannte 50 Kilometer Tagesetappe auf ebenen Radwegen nach Emden. An der Meyer-Werft ist die Durchfahrt gesperrt und so kann ich nicht erkennen, ob dort ein neues Kreuzfahrtschiff entsteht. Aber auch ohne Dampfer-Gucken läuft es gut neben dem Deich. Leichter Rückenwind, glatter Fahrweg. Es geht voran.
Mit dem geplanten Cappuccino-Stopp in Leer im Kopf, düse ich zügig weiter. Dazu Schafe aus dem Bilderbuch, mit Schäfchen-Wolken am blauen Himmel.
Nur Komoot nervt. An jedem Gitter höre ich: „Bei nächster Möglichkeit leicht links – jetzt links – jetzt leicht links!“ Dabei fahre ich einfach nur im Bogen über die Gitterroste und ansonsten geradeaus.
So träume ich vor mich hin und frage mich irgendwann: Wo bleibt eigentlich Leer? Ein Blick aufs Navi – oh nein. Den Abzweig vor 13 Kilometern verpasst. Zurück? Keine Lust. Dann eben ohne Leer. Es geht weiter: Schafe. „Jetzt leicht links!“ Schafe. Und schließlich die Abzweigung zur Fähre in Ditzum. Ich biege ein – und es ist unheimlich still. Ein Plakat erklärt: Kein Fährbetrieb am Montag und Dienstag. Heute ist Dienstag. Hitze steigt mir in den Kopf.
Ein Skipper im Hafen sagt gelassen: „Jau, da musst du zurück über die Brücke bei Leer.“ 20 Kilometer! Keine Alternative? Nein, keine Alternative! Also zurück, jetzt gegen den Wind. Komott plärrt: „Du bist in der falschen Richtung unterwegs“, ich knurre: „ich weiß!“ Nach 40 Kilometern Umweg sitze ich schließlich doch in der Fußgängerzone von Leer und trinke meinen Cappuccino. Er schmeckt – aber… na ja.
Mit 90 Kilometern auf der Uhr komme ich schließlich nach Emden und treffe die Fährleute am Ratsdelft. Recht wortkarg und unbeweglich. Und die Moral von der Geschicht‘, frag vorher, wann die Fähre fährt nicht!
Martin hat übrigens auf unserem Blog einen wunderbaren Reisebericht über seinen Urlaub hier oben in Ostfriesland geschrieben. Den leg ich euch wärmstens ans Herz: Geschichten aus einem flachen Land.
Nach Norddeich - Nordseeküsten-Radweg
Ich bin ja lernfähig. Strecken-Check: Keine Fährüberfahrten auf der heutigen Etappe. Also rauf auf den Sattel und munter losgetreten. Unter bedecktem Himmel bläst ein kräftiger Wind – natürlich von vorne. Aber ich kenne die Strecke und weiß: Das wird sich bald ändern. Hoffentlich gilt das auch für die Wegbeschaffenheit.
Zunächst geht es direkt nach Westen zum Siel- und Schöpfwerk Knock, das ein 35.000 Hektar großes, tiefgelegenes Gebiet entwässert. Dort über die Brücke – und dann endlich Rückenwind in Richtung Nordosten. Der Weg am Deich wird besser, doch ich habe kaum Augen dafür. Es ist so einsam hier, niemand kommt mir entgegen. Wilde Gedanken steigen auf: Auch eine Brücke kann gesperrt sein. Mit bangen Schenkeln drücke ich mich den Brückenkopf hinauf. Dann fällt mir ein Fels vom Herzen: Der Weg ist frei.
Kleine ostfriesische Örtchen ducken sich hinter dem Deich und bezaubern mit Windkraftanlagen vergangener Zeiten. Die Rysumer Mühle, ein stolzer Galerieholländer von 1895, war bis 1960 in Betrieb und dient heute als Museum.
Ich fahre weiter am Deich entlang – links grüne Wiesen, rechts weites, vom Wind zerzaustes Land. Wildgänse schnattern empört über meine Störung. Weite bis zum Horizont.
Ich falle in einen meditativen Tritt, bis in der Ferne etwas Gelb-Rot-Geringeltes auftaucht: der Pilsumer Leuchtturm. Seit 1919 außer Funktion, weil die Fahrrinne versandete und das Leuchtfeuer überflüssig wurde. Berühmt machte ihn erst 1989 ein norddeutscher Komiker. Wer? Schaut einfach nach bei Martins Leuchtturm Pilsum Runde.
Kurz vor meinem Etappenziel Norddeich wechsle ich auf die wasserzugewandte Seite des Deichs. Jetzt liegt rechts das Grün und links der weite Blick über das Wattenmeer der Nordsee. Ein heftiger Regenschauer mit Windböen gibt mir noch einmal zusätzlichen Schub auf dem breiten Asphaltband des Hochwasserschutzes. 65 Kilometer – einfach so, ohne Umwege, ohne Fähre, ohne Drama.
Nach Jever - Nordseeküsten-Radweg
Jau, der Wind bläst aus der richtigen Richtung. Locker geht es vor, auf und hinter dem Deich in Richtung Osten. Breites Asphaltband, kein Betrieb, freie Fahrt. Bei 25 Kilometern Windgeschwindigkeit fahre ich mit 25 Stundenkilometern in gefühlter Windstille. Ich ziehe meinen Windbreaker aus und genieße das Tempo. Locker dahingefahren. Ein Radfahrer kommt mir entgegen, hebt die Hand: „Da hinten ist gesperrt!“ Durch seine Hilfe muss ich nur drei Kilometer zurück. Jetzt fahre ich „15“ und 40 Kilometer Wind zerren an mir. Verkrampft gefahren. Zum Verschnaufen gehe ich kurz an die Wasserkante und schaue dem Salz-Schlickgras beim Wachsen zu. Es wächst schneller als ich gerade fahre.
Im Vergleich zu meinem Fähren-„Unglück“ ist der Umweg lächerlich und ich kann wieder auf die freie Piste mit Rückenwind. Obwohl – so richtig frei ist sie nicht. Die Schafe, alte Hasen des Deichlebens, lassen sich von herandüsenden Radfahrern nicht beeindrucken. Sie stehen stoisch da, als wären sie die eigentlichen Herrscher dieser Landschaft.
Aber sie bringen etwas Abwechslung in die Strecke mit Wasser links und Deich rechts. Ein Thomas kommentiert auf Facebook: „Das ist öde.“ Nun, in unserer hektisch-medialen Welt mag mancher das so empfinden. Für mich beruhigt es die Nerven und lässt die Gedanken fliegen. Außerdem kommt alle zehn Kilometer ein „-siel“: Dornumersiel, Bensersiel, Neuharlingersiel – jeweils mit einem Hafen und den Krabbenkuttern.
Zum Schlaumeiern noch ein kurzer Ausflug in die Sielkunde: Ein Siel ist ein verschließbarer Durchlass im Deich, der überschüssiges Binnenwasser ableitet und verhindert, dass bei Flut Salzwasser ins Land strömt. Heute sind diese Orte meist Urlaubsregionen – mit Strandkörben, wenn das Wetter mitspielt.
Nach fünfzig Kilometern biege ich landeinwärts ab und steuere Jever an, die ostfriesische Bierstadt. Direkt am Ortseingang begrüßen mich die verspiegelten, 32 Meter hohen Gärtürme – glänzende Monumente der friesisch-herben Biertradition.
73 Kilometer liegen heute hinter mir. Die frühe Rückenwind-Ankunft nutze ich für einen Spaziergang durch die hübsch-kleine Innenstadt. Im Schlosspark atme ich durch, bevor ich am Marktplatz auf den Sagen-Brunnen stoße, dessen Figuren sich bewegen lassen. Besonders gefällt mir die „Scheeper-Hasen-Saga“: Ein großer weißer Hase soll einst nicht ganz nüchterne Bauern in den Graben gestoßen haben. Mir passiert das heute nicht – ich bleibe beim alkoholfreien Jever.
Streckenänderung Bremerhaven - Nordseeküsten-Radweg
Nach der Ankunft läuft mein Tagesprogramm inzwischen wie ein kleines Ritual ab: Erst einmal unter die Dusche – direkt mit Unterhose und Radshirt, damit mich am nächsten Tag wieder eine frische Brise umgibt. Danach geht’s ins Café: Fotos sichten, den ersten Blogtext in die Tasten hauen, ein bisschen sortieren, was der Tag mir vor die Räder geworfen hat.
Der wichtigste Punkt folgt jedoch erst dann: die Planung der nächsten Unterkunft. Wie viele Kilometer schaffe ich morgen realistisch? Wie steht der Wind? Was sagt die Fitness? Und wie sieht das Angebot entlang der Strecke aus? Wenn die Auswahl groß ist, verschiebe ich das Buchen gern auf den nächsten Tag – schließlich kann immer eine Fähre ausfallen. Bei knapper Auswahl buche ich sofort.
Das funktionierte hervorragend – bis Pfingsten vor der Tür steht. Plötzlich: Nichts. Nothing. Nada. Auf meiner geplanten Route war alles weg. So blieb mir nur eine Streckenänderung. Jetzt geht es über Bremerhaven und Stade nach Hamburg und von dort mit der Bahn zurück nach Berlin. Schade – ein paar Kilometer Deich, Watt und Schafe hätte ich schon noch vertragen. In Dangast nehme ich Abschied von meinen treuen Begleitern der letzten Tage.
Am Pausenplatz empfiehlt mir ein Radfahrer-Pärchen aus Osnabrück einen Stopp am Binnenhafen von Varel. Eine Stunde später halte ich tatsächlich ein Matjesbrötchen in der Hand – Empfehlung erfüllt.
Dann biege ich endgültig von meiner Küstenlinie ab und verlasse den Jadebusen. Der Weg bleibt baumlos, links und rechts grün, aber nun direkt neben der Landstraße. Jetzt kann ich den Facebook-Kommentar von Thomas nachvollziehen: öde.
Allerdings ändern sich meine tierischen Begleiter.
Weiter geht es über ungepflegt-holprige Radwege durch Nordenham und schließlich – ja, tatsächlich – mit der Fähre nach Bremerhaven. Ein dreifacher Check hat bestätigt: Sie fährt. Nach etwas Wartezeit überquere ich die Weser und rolle zur Unterkunft. Hier gab es immerhin noch einen (teuren) Restbestand.
Den Nachmittag nutze ich für einen Spaziergang am Neuen Haven – so die historische niederdeutsche Schreibweise. Buchen muss ich heute nichts mehr, denn für die letzte Nacht in Stade bin ich bereits versorgt. So bleibt Zeit, das „Schulschiff Deutschland“ mit seinen drei eindrucksvollen Masten zu bestaunen. Ganz schön hoch.
Schmucke Stadt Stade - Nordseeküsten-Radweg
21 baumlose Kilometer lang habe ich die Wahl: mich von vorbeirauschenden Autos an den Rand drücken zu lassen – oder den freigegebenen Fußweg zu nehmen. Holprig, versetzt, verbaut. Eine Zumutung für zwei Rädern. Dann endlich die Erlösung, ich biege nach rechts und der Autolärm fällt hinter mir ab. Ein dichtes Blätterdach schluckt das Dröhnen, mein Nacken wird weich, die Stirn glatt. Ich atme durch. Wohltat für die Ohren, Weite für den Blick.
Am Wegesrand glitzert es und siehe da, eine Blindschleiche im staubigen Kies. Und wie wir wissen, ist das keine Schlange, sondern eine beinlose Echse, die sich davonschlängelt.
Nach Schafen und Kühen doch mal eine richtige Abwechslung. Zu meiner Begeisterung führt der Weg weiter hinein in das Naturschutzgebiet „Hohes Moor“. Der Kieselbelag bremst mich zwar etwas aus, aber zu meinem leisen Radknirschen ruft der Kuckuck, pocht der Specht und singt das Rotkehlchen. Oder war’s die Amsel? Einfach schön.
Leider viel zu kurz. Ich passiere Bremervörde mit einem Kaffee-Stopp und muss wieder auf die Bundesstraße einschwenken. Der Radweg ist besser, der Lärm bleibt der gleiche. Nach gut 70 Kilometern ist mein letzter Übernachtungsstopp erreicht: Stade. Ein kleines Städtchen, das mir mit der autofreie Innenstadt einen sanften Ausklang bietet. Erholsam.
Nur durch meine Umplanung bin ich hierhergekommen und wie es Ron auf Facebook kommentierte: „So eine zwangsmäßige Routenänderung kann auch interessante Erlebnisse bescheren!“ Und das tut sie. Stade begeistert mich auf ganzer Linie. Was für schöne Häuser und welch geruhsame Plätze im Hansehafen an der „Schwinge“. Und was für ein Glück, dass ich umplanen musste.
Krönender Abschluss - Nordseeküsten-Radweg
Am letzten Tag dreht die Tour noch einmal richtig auf – als hätte sie gemerkt, dass sie gleich vorbei ist und jetzt unbedingt Eindruck schinden muss. Es ist einer dieser Tage, an denen hundert Kilometer nicht nach Sport, sondern nach „Och, das geht schon noch“ klingen. Die Sonne wärmt gemütlich, der Rückenwind schiebt wie ein gut gelaunter Personal Trainer, und das Grün links und rechts verwöhnt das Auge mit saftigem Grün.
Ich rolle durchs Alte Land. Hier wachsen Äpfel, Kirschen und Birnen in endlosen Reihen – das größte Obstanbaugebiet Deutschlands. Die schmalen Erschließungswege sind für den Durchgangsverkehr gesperrt, und so gleite ich fast lautlos über glatte Straßen, begleitet von Obstbäumen, an denen schon kleine Früchte wachsen.
Vergnügt und mit gutem Tempo erreiche ich einen Aussichtspunkt an der Elbe. Drüben liegt Blankenese, elegant am Hang, und erinnert mich daran, dass meine Reise sich dem Ende zuneigt.
Bevor ich zur Fähre komme, umrunde ich noch die Airbus-Werke. Zwischen den Hallen ragen die Heckflossen von Thai, United, Delta, Hainan, IndiGo und Swiss auf – wie bunte Flaggen des weltweiten Flugverkehrs, der hier am Boden beginnt.
Natürlich habe ich vorher geprüft, ob die Fähre fährt. Ich bin ja lernfähig. Beim Eintreffen am Anleger steht sie schon bereit, und ich stürze mich zur Klappe – nur um im letzten Moment von einer Hamburger Radfahrerin gerettet zu werden: falsche Linie. Zehn Minuten später trifft die richtige Fähre ein, und ich rolle erleichtert an Bord.
Tja, dann sind es nur noch wenige Kilometer und ich stehe auf dem Bahnhof in Hamburg-Altona. Noch etwas Wartezeit, ich wollte nicht zu knapp vor der Abfahrt sein, und mein Rad hängt am reservierten Haken.
Zusammen mit meiner Radtour von Berlin nach Amsterdam liegen jetzt 1600 abwechslungsreiche Radkilometer hinter mir. Es war alles dabei: Regen, Hagel, Sturm, aber auch Sonne, Wärme, Rückenwind. Einsame Waldwege haben mich verwöhnt, lärmende Bundesstraßen genervt. Aber eins gab mir immer ein gutes Gefühl: Mit sportlicher Kraft das intensive Reisen zu genießen. Schön war’s.



