Mein Parfum von Harry Lehmann
„Geben Sie einen Sprühstoß des Parfums vor sich in die Luft und gehen Sie anschließend durch die Duftwolke. So ist Ihr Oberkörper perfekt parfümiert!“ Eva lächelt mich an, faltet sorgsam die Hände und scheint mir noch sagen zu wollen: Nun trauen Sie sich schon.
Ich bin in der wahrscheinlich kleinsten Parfumfabrik der Welt – in der Kantstraße 106 in Berlin-Charlottenburg. Am 19. März 1926 gründete Harry Lehmann gemeinsam mit seinem Vater Eduard die Parfümerie „Harry Lehmann“ in der Potsdamer Straße. Es folgten der Umzug in die Friedrichstraße und schließlich zum heutigen Standort. Aufmerksam geworden durch eine Reportage über die Kantstraße im RBB, wollte ich mir selbst einmal den kleinen Luxus eines ganz persönlichen Duftes gönnen – und nicht eines der völlig überteuerten Massenprodukte von Dior und Co. „In welche Richtung soll es denn gehen?“, reißt mich Eva aus meinen Gedanken. „Äh, keine Ahnung.“ Ich bin jetzt schon überfordert. „Herb, frisch, holzig vielleicht“, stottere ich. „Das ist doch schon eine klare Aussage. Ich stelle Ihnen einmal eine kleine Auswahl vor.“
Was für ein Angebot!
Eva hat über 70 einzigartige Düfte zur Auswahl. Eine Handvoll verschiedener Flaschen rückt sie etwas nach vorn. Ich beginne zu schnuppern, hier und da an den Glasverschlüssen.
Wie ist der erste Eindruck? Was sagt mir die Kopfnote? Und die Herznote, der eigentliche Charakter des Duftes? Ich weiß es nicht. Es war mir ja klar, dass es nicht einfach wird, ein Parfum auszuwählen. Ich sollte geduldig sein. Es hetzt mich niemand. „Lassen Sie sich ruhig Zeit!“ Eva kann offenbar Gedanken lesen.
Gefangen in der Welt der Düfte
Bei „Mirage“ verweile ich etwas länger. Ist der Name Programm? Mal schauen – oder besser gesagt: riechen. Der Duft öffnet sich mit einer spritzigen Frische, nicht aufdringlich, eher zurückhaltend. Die Basisnote wirkt würzig, fast spicy. Und irgendwie elegant und geheimnisvoll. Ein kleines Wunder, wie eine Fata Morgana. Das gefällt mir.
Aber ist der Duft nicht doch etwas zu präsent? Und entspricht er wirklich meiner Persönlichkeit? Ich möchte schließlich nicht mit einer olfaktorischen Tarnkappe durch die Gegend laufen. Außerdem ist das Gefühl, womöglich eine falsche Entscheidung zu treffen, sehr präsent. Das kenne ich sonst eigentlich nicht. Bei einem Kleidungsstück weiß ich meist recht schnell, was mir gefällt. Aber Gerüche sind eine sehr intime Angelegenheit. Ein guter Duft begleitet nicht nur. Er ist viel mehr: Er umschließt dich wie eine Aura. Ich schreite weiter entlang der Flaschen und führe Stöpsel um Stöpsel an meine Nase. Bei „Springfield“ bleibe ich erneut stehen.
Hier wird die Frische auf die Spitze getrieben. Der Zitrusduft schießt durch meine Nasenflügel und krallt sich förmlich im Gehirn fest. Sauber, rein, sonnig – wie ein gerade beginnender Sommertag. Es ist früh am Morgen. Der Tag ist jung und kühl. Ich atme tief durch. Ist da noch mehr? Ich rieche erneut am Glasverschluss. Etwas Blumiges? Ja! Aber was?
Herznote verdrängt Kopfnote
Dann geschieht es: Die Kopfnote verfliegt, die Frische geht in eine warme, cremige Tiefe über. Wie weicher Stoff auf nackter Haut. Könnte „Springfield“ meine Wahl sein? Ich bin unsicher und drehe mich um. Eva ist im hinteren Verkaufsraum, sie hat sich zurückgezogen. Sie spürt offenbar, dass ich Ruhe und Konzentration brauche. Gut so. Danke, Eva. Ein letzter Versuch, der Duft: „Oud“.
Bevor ich den Geist aus der Flasche lasse, lese ich nach, was der Name bedeutet: Oud ist ein extrem seltenes, kostbares Harz, das aus dem infizierten Kernholz des südostasiatischen Adlerholzbaumes gewonnen wird. Es gilt als eines der teuersten Parfümöle weltweit. Wow. Ich bin gespannt. Ich öffne die Flasche, streiche etwas von der Flüssigkeit auf meinen Handrücken und rieche daran. Der erste Eindruck: orientalisch-holzig. Ziemlich intensiv. Ich nehme Nuancen von Erde, Leder und unbekannten Gewürzen wahr. Kein Zitrusduft, kein frischer Morgenhauch, sondern Wärme und Geborgenheit. Ich meine Moschus zu riechen. Kann das sein? Ich frage Eva. Sie bleibt vage – die genaue Komposition ist natürlich ein Geheimnis. Schon wieder ein überzeugender Duft.
Qual der Wahl
Was soll ich nur machen? Wie soll ich mich entscheiden? „Gehen Sie einmal nach draußen, laufen Sie ein Stück. Machen Sie Ihren Kopf und Ihre Nase frei. Vielleicht fällt es Ihnen dann leichter.“ Gute Idee. Ich gehe hinaus auf die Kantstraße und laufe einmal um den Block. Zwischendurch rieche ich immer wieder an meiner Hand. Der Duft verändert sich. Die Basisnote setzt sich durch: samtig-weich, holzig-elegant. Er gefällt mir immer besser. Zurück im Geschäft stehen im zweiten Raum die fertig abgefüllten Sprühflakons zum Testen bereit.
Eva führt mit mir das Ritual des Eintretens in die Duftwolke durch. Es ist berauschend. Ich fühle mich ein wenig wie Alice im Wunderland oder wie Scheherazade aus Tausendundeiner Nacht. Düfte können Erinnerungen wachrufen, von denen man nicht wusste, dass sie noch in einem wohnen. Ist dieser Duft ein leises Flüstern oder ein mutiges Statement? Ich weiß es nicht.
Ich entscheide mich
Ich glaube, „Oud“ passt zu mir. Selbstbewusst. Sinnlich. Männlich-herb. Bodenständig und doch geheimnisvoll. Ich habe mich entschieden. „Oud“ ist meinen Wahl. 30 ml kosten 50 Euro – absolut angemessen. Ich zahle und nehme die hübsche Verpackung entgegen. Mein herzlicher Dank gilt Eva für die exzellente Beratung. Ein letzter Blick in den Laden von Harry Lehmann. Ich komme garantiert wieder, versprochen.
Gerüche sind auch Verführer, da ich bin mir sicher. Ich fühle mich aber nicht verführt, sondern entführt. In eine andere, bessere Welt mit einem Geruchssinn, der sich geschärft, geöffnet, geschliffen hat. Auf dem Weg nach Hause schnupper ich an mir, an der Welt, ja selbst am Auto. Was für ein Erlebnis und wie einzigartig mein neuer Duft!



