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Peru auf eigene Faust

Peru auf eigene Faust

Peru auf eigene Faust. Ohne Reiseleiter geht es durch den Andenstaat. Wie reist es sich mit 60+ auf eigene Faust? Erfahrungen und Tipps in unserem Reisebericht.

Vorbereitung

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Den Wurm im Ohr werde ich nicht los. Gute Freunde haben ihn eingepflanzt.
In Peru, in Peru in den Anden, fliegt ‘ne Kuh, fliegt ‘ne Kuh, kann nicht landen...

Ein selten dämliches Lied begleitet jeden Vorbereitungsgedanken zu unserem Urlaubsziel. Wir reisen auf eigene Faust durch Peru, Martin und ich mit unseren Frauen. Montag geht es los. Kein Reiseleiter hilft uns weiter, wir sind auf uns alleine gestellt. Na ja, nicht ganz. Wir haben zwei Reiseführer, Lonely Planet und Stefan Loose, die nützliche Tipps aufgeschrieben haben.

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Und Martin spricht ein wenig Spanisch, wie ihr in dem Artikel „Spanisch lernen“ nachlesen könnt. Das hilft. Tipps und Vorbereitung sind auch nötig für die vier Wochen. Schon von den Temperaturen her. Vom sommerlichen Lima am Pazifik soll es zum Titicacasee in 3.800 Meter Höhe gehen, mit Frost in der Nacht. Ein weiteres Ziel ist Cusco, eine Bergstadt in den Anden. Geplant ist hier eine mehrtägige Wanderung über einen 4.650 Meter Pass zur berühmten Inka-Sehenswürdigkeit Machu Picchu. Und schließlich noch ein paar Tage im tropischen Dschungel. Da kommt einiges an Klamotten zusammen. Wanderstiefel, warme Jacke und natürlich eine umfangreiche Foto- und Filmausrüstung, um Andenkondor, Alpaka und Ara optimal abzulichten.

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Was davon klappt, was wir erleben und was davon in die Hose geht, Martin und ich werden abwechselnd berichten. Wie sehen die Unterkünfte aus, klappt die Busverbindung, gibt es nur Meerschweinchen zum Essen und schmeckt der Pisco Sour? Ihr seid dabei.

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Für ein Foto haben wir uns schon mal in Schale geworfen. In Peru, in Peru in den Anden...

Lima

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Dass der Taxifahrer sich kurz vor der Abfahrt bekreuzigt, sollte uns vielleicht stutzig machen. Wir sind da, in Lima, nach 11 Stunden Flug von Madrid. Ortszeit 18:30 Uhr. Unser Ziel ist das Casa Cielo im Ortsteil Miraflor, Calle Berlin (!). Die Autofahrer scheinen alle völlig schmerzfrei zu sein. Jedenfalls halten alle darauf zu, auf die Anderen, um erst kurz vorher abzubremsen, manchmal jedenfalls, wenn wir rollen, meistens stehen wir. Die Fahrt dauert anderthalb Stunden, ohne el accidente.

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Es ist übrigens ziemlich kühl, nur 15 Grad. Nach cuatro arepas und cuatro cervezas in einer Tapasbar ganz in der Nähe unseres Hotels steigen wir in die klammen Betten.

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Der nächste Tag ist auch wieder bewölkt und kühl, aber am frühen Nachmittag soll die Sonne rauskommen. Nach dem ausreichenden Frühstück im Hotel bestellen wir an der Rezeption einen Transport in die Altstadt. Ich versuche mich mit Spanisch, der Concierge antwortet auf Englisch. Der kann mich mal. Ich bin sauer. Später ist mir klar, dass der genauso glänzen wollte wie ich. Wir sitzen im Taxi. Was für ein Blödsinn. Einmal abbiegen und wir stehen wieder im Stau. Laufen wäre wohl besser gewesen. Merken für’s nächste Mal.

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Am Plaza de Mayor in der Altstadt von Lima schauen wir uns die Wachablösung vor dem Palacio de Gobierno an. Nach dem Einmarsch des Musikcorps und einigen Lieder vor dem dankbaren Publikum stehen die Soldaten an der Westseite des Gebäudes, ruhig und abwartend. Es ist still, fast. Hinter uns erklingen plötzlich die Glocken der Kathedrale des Palacio del Arzobispado, es ist der Bolero von Ravel. Gleichzeitig hört man jetzt von der Kapelle leise und sehr zurückhaltend nur Trommelwirbel und den tiefen Schlag der Basstrommel. Der Rhythmus ist der des Boleros. Es passt. Die vielen Leute und die vielen Kinder sind ganz ruhig und hören gebannt zu, so wie wir auch. Gänsehaut.

Mittag ist deutlich vorbei, der Jetlag fordert seinen Preis, wir sind etwas angeknockt. Und wir haben Hunger. Die Traditionsbar Cordano ganz in der Nähe verzaubert uns schon beim Eintritt.

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Gegründet 1906 und mit einem Interieur, das aus dieser Zeit zu stammen scheint, ist dieser Ort gerade prädestiniert für unseren ersten Pisco Sour. Bei der Bestellung des Essens und der Getränke schaut der auch nicht mehr junge Wirt ganz begeistert, denn das Trinken und das Mixen des Pisco Sour ist hier Kult.

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Wenige Schlucke reichen, um uns in eine angeheiterte Stimmung zu versetzen. Die Mädels verweigern dann aber die komplette Dosis. Wir Männer müssen aushelfen. Gerne doch. Es gibt schlimmere Dinge zu verteilen, meint Thomas. Daraufhin rutscht mir die Bemerkung raus, wie zum Beispiel Syphilis. Wir lachen uns schlapp, die Stimmung ist bestens. 

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Wir schlendern durch die Gassen, schauen hier und schauen da und besuchen die Kirche Iglesia y Convento de San Francisco mit spanisch gesprochener Führung. Ich soll simultan übersetzen, die spinnen wohl, mis amigos. Ich verstehe nur Bruchstücke, mierda. Aber auch ohne Verstehen der sehr netten peruanischen Frau, sind wir begeistert von diesem riesigen Franziskanerkloster samt Kirche. Das erste Highlight ist die Bibliothek. Uralte Bücher in Hogwartsoutfit verzaubern uns. Jetzt ein Foto. Aber das Verbot und die Überwachungskameras halten uns davon ab. Das zweite Highlight ist die Krypta, in der tausende Knochen Verstorbener liegen. Voller Ehrfurcht starren wir in die leeren Augenlöcher der grauweißen Schädel. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Aber lange können wir nicht verweilen. Die kleine, schwarzweiß gekleidete Peruanerin mit der netten Stimme mahnt: venga, venga. Ohne Kopfverletzungen gelangen wir wieder ans Tageslicht und Thomas zeigt mir verschmitzt ein verbotenes Foto der Gebeine. Super, na geht doch.

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In einer Bar gegenüber lassen wir den ersten Tag ausklingen. Ich setze mich an’s Laptop und hämmere unsere Eindrücke in die Tastatur. Läuft! Es geht doch nichts über ein gutes Equipment!

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Später laufen wir noch durch die abendlichen Gassen Limas und stellen fest, dass es hier außer uns nicht sehr viele Touristen zu geben scheint und dass die 8,5 Millionen Einwohner offensichtlich alle gerade unterwegs sind. Im Laufe des Abends wird es dann deutlich leerer auf den Straßen. Wir fühlen uns gut, sehr gut. Die ersten beiden Tage haben uns gefallen.

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Miraflores

Stadtteil von Lima

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Ich verstehe es nicht, wie das funktioniert. Ein Laden bietet Alpaka-Pullover, Alpaka- Figuren, Alpaka-Mützen an. Das zweite Geschäft daneben hat Alpaka-Pullover, Alpaka-Figuren, Alpaka-Mützen. Im dritten Laden dahinter gibt es Alpaka-Pullover... Wie soll hier jeder Laden seine Kunden finden? Wir sind in der Avenida Petit Thuars in Miraflores, dem Geschäftsviertel von Lima. Hunderte Läden, Buden und Stände haben das identische Angebot und hoffen auf Touristen. Wir sind vier davon und stellen uns dem ¡Hola! der Verkäufer. Ahh Deutschland. Willkommen. Bayern? Nein, Berlin-Brandenburg, blablabla. Trotz Deutschkenntnissen, sie haben Pech. Mit uns ist heute kein Geschäft zu machen. Vielleicht kurz vor dem Abflug, wenn der Mitbringseldruck steigt.

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Lima liegt am Pazifik, also los in Richtung Meer. Die Avenida José Larco gibt den Weg vor. Monsterverkehr, verbeulte Busse, sinnloses Hupen begleiten uns zum Einkaufszentrum Larcomar mit Blick vom Steilhang auf das Wasser. Leider ist es leicht neblig und frisch und der tosende Verkehr an der Küstenstraße ist ein Ambientekiller.

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Der Weg führt weiter in den Bezirk Barranco. Jetzt zum Glück abseits der lärmenden Marginalen und hier eröffnen sich kleine Seitenstraßen mit schönen Gebäuden. In einem Künstlerhaus findet wir eine ruhige Erholungsoase im Hof. Das Restaurant Dédalo bietet kleine Leckereien und einen Kolibri-Besuch, der torpedoschnell von Tisch zu Tisch flattert und aus den Blumensträußen seinen Snack saugt. Für ein Foto leider viel zu flink.

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Wrap-gestärkt und kunsterfüllt geht es weiter an Streetart vorbei zur Puente de los Suspiros, der Seufzerbrücke, ein Treffpunkt für Verliebte. Das feucht frische Wetter scheint jedoch nicht förderlich für Gefühlsausbrüche zu sein. Keine knutschenden Paare weit und breit, aber eine Pisco Sour Bar in der Nähe. Eine gute Alternative.

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Er schmeckt und lockert die Taxifahrt für 12 Soles (etwa 3,50 €) zurück nach Miraflores auf. Der immer noch in den Knochen steckende Jetlag (in Berlin ist es jetzt 4 Uhr nachts) bietet nur noch Kraft für ein kurzes Abendessen, um dann uns gähnenden Besucher ins Bett zu holen. Morgen früh geht es zeitig weiter mit dem Bus nach Paracas. Start 6:30 Uhr.

Sklaventunnel

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Mit einem Peru-Hop-Bus sind wir auf dem Weg nach Paracas, entlang der Küste des Pazifischen Ozeans. Ein cooles Angebot. Nicht viel teurer als die üblichen Buslinien und alles gut organisiert mit diversen Ausflugsangeboten.

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Fünf Stunden Fahrt liegen insgesamt vor uns. Nach rund einer Stunde essen wir etwas in einer Strandhüttenbäckerei. Angeblich die beste Frühstückslocation am Stadtrand von Lima. Okay, schlecht sind die huevos revueltos und das Brötchen mit Avocado nicht. Dazu einigermaßen guter Kaffee. Die inkludierte Tombolateilnahme und die Vorführung von Reiterkunststücken sparen wir uns.

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Der nächste Zielpunkt ist in Chincha die Casa Hacienda San Jose, eine berüchtigte Sklavenplantage aus dem 17. Jahrhundert, die jetzt ein Luxushotel ist.

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Ab dem 16. Jahrhundert bis 1856, dem Jahr, als in Peru die Sklaverei abgeschafft wurde, gelangten rund 100.000 afrikanische Menschen als Handelsware nach Peru. Heute beträgt der Anteil an Schwarzen an der Bevölkerung noch zwischen 8 und 10 Prozent. Nach einem Rundgang durch dieses wundervoll anzusehende Haus hören wir aufmerksam Walter (!) zu, unserem peruanischem Guía.

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Die Geschichte des Hauses ist gleichzeitig und fast ausschließlich auch die Geschichte der peruanischen Sklaverei. Bis zu eintausend Familien lebten und arbeiteten hier. Sehr zum Vorteil ihrer spanischen Besitzer, die sich dieses Amerikanische Südstaatenmodell mit dem riesigen Terrassenumgang bauen ließen.

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Die Geschichte endet mit der Befreiung der gequälten Menschen, die grausame Rache an ihren Peinigern nahmen. Zu Hunderten allein in der Gegend dieser Hacienda wurden sie getötet, wenn sie nicht flüchten konnten. Der Herrscherfamilie dieses Hauses gelang die Flucht zum Teil durch die unterirdischen Tunnelanlagen. Diese Anlagen dienten zum Aufenthalt und dem Schmuggel der Sklaven, die von den Schiffen kommend heimlich auf das Anwesen geschafft wurden, weil für jeden legalen, der Obrigkeit gemeldeten Sklaven Steuern an den spanischen König entrichtet werden mussten.

Nach dem Vortrag steigen wir selbst in die Anlagen hinab. Zum Schutz gegen den Staub bekommen wir Mundschutz ausgeteilt. Wer Klaustrophobie hat, soll draußen bleiben. Keiner meldet sich. Unser Guía ist klein und spricht uns etwas größer Gewachsenen an, dass es für uns nicht leicht werden wird. Ob wir immer noch wollen? Si, claro.

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Der Anfang ist easy. Wenn das alles ist, denke ich, … Nicht lange und wir zweifeln an unserer Entscheidung. Die Gänge sind mitunter nur noch ungefähr 1,50 Meter hoch und 50 Zentimeter breit. Geleuchtet wird mit den Handys. Es staubt. Gut, dass wir die Masken haben. Mit dem Mundschutz sehen wir echt gefährlich und gefährdet aus.

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Ich fühle mich nicht besonders gut. Thomas lässt sich wenig anmerken. Gruselig wird es, als Walter uns genau erklärt, was in den Räumen gemacht wurde. Die angekommenen Sklaven wurden begutachtet, eingeteilt und gebrandmarkt, mir fallen spontan die Rampen in den deutschen KZ’s ein. Das Leben und Sterben fand auch hier unmittelbar nebeneinander statt. Auf der einen Seite Tod und Siechtum, auf der anderen Seite neu geborenes Leben, dazwischen die von der Arbeit zerschundenden, leidenden Menschen. Wir sind mehr als nur beeindruckt und ganz still.

Nach 30 Minuten sind wir wieder an der Oberfläche und denken mit Schrecken an eine Zeit, zu der wir nicht gelebt haben wollen, auf jeden Fall nicht als Sklave. Im weiten Garten der Hacienda ruhen wir uns aus.

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Hop on rollt wieder, nächster Halt Paracas. Nach dem Hotelcheckin in diesem sehr kleinen, aber interessant gelegenen Örtchen promenieren wir bis zum Sonnenuntergang am Strand entlang.

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Wir beschließen den Tag mit guten Speisen und nur einem Pisco Sour in einem überwiegend veganen Restaurant, das auch etwas für unsere Carnivoren vorhält.

Paracas

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Pelikane recken ihre Hälse und hoffen auf Fischabfälle, als wir das Speedboot im Hafen von Paracas besteigen. Der leere Halssack wackelt dabei den Bewegungen hinterher. Enttäuscht drehen sie ab, als der doppelte Außenbordmotor uns kraftvoll in Bewegung setzt. Mit dem Ausruf „Dolphins“ stoppen die Maschinen gleich wieder in Hafennähe und tatsächlich taucht ein Delfin in schwungvoller, aber gemächlicher Bewegung wenige Meter neben uns auf. Wunderschön anzusehen, wie das Tier mehrfach zum Atmen an die Oberfläche kommt und dann im Meer verschwindet.

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Der Ausflug zu den Ballestas-Inseln beginnt vielversprechend und der Weg zu den Inseln bietet eine weitere Sensation: den sogenannten Kandelaber, ein riesiges Sandrelief auf den Dünen, dessen Entstehungsgeschichte völlig unklar ist. Vermutlich diente es zur Navigation der Seefahrer.

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Wir kommen mit moderner Technik auch so in einer halben Stunde zu den Inseln, die schon von Weitem ihr Panorama zeigen. Höhlen, Durchbrüche und weiße Klippen. Weiß, nicht wie die Kreidefelsen von Rügen, sondern zugeschissen mit weißem Vogelkot. Guano, der wertvollste der ganzen Welt, wie unser peruanische Guide erklärt. Millionen von Tölpeln, Kormoranen und Pinguinen sitzen dicht an dicht auf dem unter Naturschutz stehenden Eiland. Ich ziehe meine Kapuze über. Nicht weil es kalt ist, ganze Schwärme fliegen über uns hinweg und ich befürchte, selber zum „Kreidefelsen“ zu werden.
Das Boot dreht nahe an die kantigen Klippen heran und erst auf den zweiten Blick zeigen sich die Seelöwen zwischen den Steinen. Ein Seelöwenbaby löst Jubelrufe und eine Foto-Orgie aus. Die zwei Stunden Bootstour fühlen sich viel zu kurz an.

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Die Eindrücke sind kaum verarbeitet, als es mit Peru Hop auf die Halbinsel von Paracas geht. Ebenfalls ein Naturschutzgebiet, das nur auf den markierten Wegen betreten werden darf. Braun, beige, rot und gelb sind die Farben der Wüste mit blau-weißem Kontrast des Wassers, das die steilen Klippen angreift. Ein Geier posiert vor der Kamera und zeigt stolz mit rotem Kopf sein schwarzes Federkleid. Bestimmt ein Weibchen.

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Ein schriller Pfiff schallt plötzlich über die windige Einöde. Für ein Gruppenfoto waren wir nur 2 Meter über die Markierung hinaus gegangen und werden vom Ranger zurückgejagt. Zum Glück bleibt es beim bösen Blick und wir dürfen in den Bus einsteigen.

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Die Fahrt geht weiter nach Huacachina, der Oase in der Sandwüste.

Höllentrip mit Sand

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Ich opfere wieder einmal ein Käppi, diesmal dem Gott des Sandes. In Huacachina, was auf Quechua so viel heißt wie Heiliger Ort mit Frau, buchen wir eine Dünentour mit Surfoption. Die Wüste erscheint uns riesig, die Oase klein zwischen den bis zu 100 Meter hohen Sandbergen.

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Wir gehen von unserem Hotel an den Palmen vorbei zu den wartenden Drivern neben ihren Höllenbuggys, die wie wilde Tiere noch ruhig im Sand liegen, wartend bis es losgeht.

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Wir haben den Buggy Nummer 4 von Dutzenden anderen. Beim Einstieg fällt mir die sehr solide Metallkonstruktion des Schutzkäfigs auf. Dieses Auto kann sich mit Sicherheit überschlagen, ohne dass es ernsthaft Schaden nimmt. Wie dann allerdings die Insassen aussehen, keine Ahnung!

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Ich setzte dieses Käppi auf, zum letzten Mal, ziehe den Mundschutz hoch und schütze die Augen. Außerdem müssen wir uns anschnallen. Der Gurt geht vorn durch die Beine und über beide Schultern, vor dem Bauch sitzt der Verschluss. Ich bin im Sitz festgenagelt. Das ist auch absolut erforderlich, wie wir alle gleich merken.

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Wie von einem absolut Wahnsinnigen geritten, mit Vollgas schießt unser Bolide in Richtung der ersten Sanddüne, nachdem der Streckenposten unsere Tickets entgegen genommen und die Mitfahrer durchgezählt (!) hat. Und in diesem ersten Moment unserer Fahrt verabschiedet sich mein Käppi auf Nimmerwiedersehen! Nicht mein bestes, aber mein einziges auf unserem Peru-Trip.

Worte können es nicht beschreiben und Bilder nicht zeigen, was jetzt abgeht. Man stelle sich eine Achterbahnfahrt vor, mit wenig Möglichkeiten sich festzuhalten und ständige Tempo- und Richtungswechseln bei einem Höllenlärm, den der gute alte Vierzylinder Nissan Reihenmotor in perfekter Harmonie mit dem abgesägten, kurzen Auspuff erzeugt. Wie das Herz des kleinen Teufels aussieht, ist gut zu erkennen. Alles liegt offen da. Alles überflüssige wird weggelassen. Alles pur und direkt.

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Ich sitze schräg rechts hinter dem Fahrer, der eigentlich ganz normal aussieht, in einer Viererreihe mit drei anderen und klemme mir gleich mal den Mittelfinger der linken Hand, weil ich die dämlicher Weise zwischen Fahrersitz und Querträger drapiert habe. Es geht also nur mit der rechten Hand, das Festhalten. Gleich darauf werden meine Zehen unter dem Vordersitz eingequetscht, weil eine Bodenwelle alles erst einen halben Meter hoch wirft und anschließend in den Sand knallen lässt.

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Ich fühle mich wie ein Stuntman bei den Dreharbeiten zu Mad Max V. Unglaubliche Kurven, An- und Abstiege, brüllendes Anrennen gegen die Schwerkraft, die an uns zerrt. Schreie hören wir nur aus den anderen Buggys, bei uns sind alle angestrengt still und stöhnen nur hier und da mal kurz oder lang auf. Mich beruhigt ein wenig der Hinweis auf den Tip für den Fahrer, der offensichtlich davon ausgeht, dass wir alle überleben.

Nach rund 10 Minuten der erste Stopp. Die Surfbretter werden verteilt. Wir müssen mit Kerzenwachs die Gleitfähigkeit verbessern. Dann geht es los.

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Wir surfen im Liegen, na logisch, im Stehen kann das wohl keiner von uns. Vorn am Brett sind zwei Schlaufen für die Hände, die Beine ragen nach schräg hinten übers Brett, mit den Füßen kann ich bremsen. Vor mir stürzt sich die Holländerin mit der Rubensfigur in die Tiefe. Jetzt bin ich dran. Es ist ein wenig wie beim Skifahren. Von oben sieht es immer sehr steil aus und wenn man unterwegs ist, dann geht’s. Ich schiebe mein Tuch über Nase und Mund, rutsche mein Board näher an die Kante, um von der Schwerkraft nach unten gezogen zu werden. Es will nicht. Ich ruckele hin und her. Dann rutsche ich ab und los, der Sand rauscht unter mir weg. Das Board hat gut Tempo drauf, die Angst ist verschwunden, das Gefühl von rasanter Schnelligkeit ist stärker. Die Oberschenkelinnenseiten werden leicht lädiert, ebenso die Ellenbogen, als ich über eine Bodenwelle schramme. Dann bin ich unten. Adrenalin pur. Irre. Neben mir kommt Thomas zum Stehen, auch er ist voll dabei und grinst. Wir sind uns einig: das hier ist absolut loco.

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Ein paar Meter aufwärts gehen und die nächste Düne runter rutschen. Und wieder und wieder. Die Technik ist eigentlich ziemlich einfach. Ein wenig zurück auf dem Board gelegt, die Nase des Bretts hebt sich und ich werde schneller. Beine in den Sand gerammt und ich werde langsamer. So machen wir das bis uns der Buggyfahrer wieder aufnimmt und mit wildem Ritt zur nächsten Location bringt. Wir können gar nicht genug kriegen. Zum Schluss gibt es den finalen Stopp zum Sundowning.

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Zurück an der Oase, kippe ich eimerweise Sand aus den Schuhen und Hosentaschen. Im Mund knirscht es und ich muss dauern blinzeln, weil unter den Augenlidern Körnchen kleben. Wir machen uns zusammen auf ins Hotel, um zu duschen und die Kehlen frei zu spülen. Erst ein Cerveza Grande und dann ein Pisco Sour. Das war einfach nur der blanke Wahnsinn.

Pisco Sour

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Ja, ab und an trinken wir Pisco Sour. Natürlich nicht wegen des Alkohols und nicht nur wegen des Geschmacks. Sondern rein aus kulturellen Gründen. Der Pisco ist für Peru sowas wie der Champagner für Frankreich oder das Reinheitsgebot für Deutschland. Jeder Peruaner ist stolz auf den Schnaps und befindet sich im Streit mit Chile, wer den Pisco erfunden hat. Peru ist von sich als Urheber überzeugt, zumal es ja auch eine Stadt gibt, die Pisco heißt.

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Der Hop-Bus hält an einer Pisco-Bodega und wir bekommen eine Massenführung. Die laute Führerin Leslie hält sich für witzig: „Wollt ihr Pisco probieren?“ „Ja“ „Ich höre nichts!“ „Jaaaa!“ „Noch lauter!“ „JAAAAA!“ Ich fühle mich wie auf einer Amerikanischen Ballermannparty. Zum Glück gibt sie aber zunächst Ruhe und erklärt die Herstellung des Schnaps, der aus der Pisco-Weintraube gewonnen wird: Aus dem Saft und nicht aus der Schale, wie beim italienischen Grappa. „Mit den Schalen düngen wir die Pekannuss-Bäume!“ Das trockenheiße Klima bringt einen hohen Zuckergehalt in die Trauben und damit eine gute Alkoholausbeute. Der vergorene Traubensaft wird destilliert und anschließend in Tongefäßen gelagert. Mit der Menge in den Tongefäßen um uns herum würden wie eine Weile auskommen.

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Der Pisco Sour wurde in den 1929er-Jahren in einer Bar in Lima erfunden und besteht aus Pisco, Limettensaft, Zuckersirup und geschlagenem Eiweiß. Darauf gibt es noch einen Spritzer Angostura-Bitter.

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Dann geht es zur Verkostung, nachdem alle noch einmal „JAAAAA!“ schreien müssen. Laber-Leslie fordert nun auch noch zu jedem Schnaps einen elend langen Trinkspruch. Ich krieg zu viel! Martin vor mir freut sich. Scheint ihm zu gefallen.

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Mit jedem weiteren Probierschluck gibt es immer länger nachzusprechenden Toasts oder was auch immer. Ich komme in die Fremdschäm-Phase und bin froh, als der Zauber sein Ende findet. Martin leuchtet: „War doch gut!“ Na denn, für so viel Begeisterung gibt’s für ein Foto noch einen extra Schnäpschen. Leslie freut sich und wird der nächsten Gruppe wieder richtig einheizen.

Drogen in Arequipa

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Der Görlitzer Park von Arequipa ist die Markthalle. Hier gibt es Drogen. Nicht versteckt, sondern legal. Eine Tüte Coca-Blätter kostet umgerechnet 2 Euro. Ein getrocknetes Blatt enthält etwa 2 % Kokain und wird hier gegen Hunger, Kälte und gegen die Höhenkrankheit eingenommen, weil die Sauerstoffaufnahme des Blutes verbessert wird. Also ran an den Stoff.
Ich stecke mir ein Blatt in den Mund. Es schmeckt trocken, etwas bitter und fühlt sich wie ein Lorbeerblatt an. Martin verzieht sein Gesicht, schmeckt ihm wohl auch nicht.

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Auch nach zehn Blättern spüre ich keinen Rausch und auch die anderen reden nicht mehr wirres Zeug als sonst. Delirium ist ja auch nicht das Ziel. Wir alle hoffen eindringlich auf die Wirkung gegen die Höhenkrankheit. Denn morgen geht's auf 4.900 Meter und hoffentlich ohne Beschwerden. Zum Runterspülen gibt's diesmal keinen Pisco Sour, sondern eine frisch gepresste Obstvitaminbombe.

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Auch ohne Coca-Rausch ist die Stadt eine berauschende Schönheit. Dominant am Platz von Arequipa leuchtet die Kathedrale in hellen Farben. Sie ist umgeben von Kolonnaden mit Restaurants und Tour-Anbietern. Anreißer stürmen auf jeden Touristen zu und halten auch uns die Speisekarten und Ausflugs-Flyer unter die Nase. Die Wahl fällt auf einem Kartoffelrestaurant, um ein paar der 3500 Kartoffelsorten von Peru zu probieren.

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Nur sieben davon finden Platz auf meinem Teller. „Linda“ ist wohl nicht dabei. Lecker, besonders die dunkelrote Sorte.

Die größte Sehenswürdigkeit in Arequipa ist das Kloster Santa Catalina. 300 Nonnen lebten hier im 17. Jahrhundert in einer riesigen Stadt in der Stadt. Richtige Straßen führen durch die Anlage und jede Ecke gibt neue Blicke frei.

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Gespannt entdecken wir die vielen Schlafgemächer, Salons und Kochstellen. Wie Pfadfinder stoßen wir auf verrußte alte Backöfen, Kochgeschirr, Toilettenstühle. Reiche Spanische Familien steckten ihre zweitgeborenen Töchter mit einer hohen Mitgift in das Dominikanerkloster. Ein edles Glaubensgefängnis.
Am Nachmittag gelüstet es mir nach einer auch in Deutschland legalen Droge - einem Kaffee. Wie ihr aus Süßkram wisst, stelle ich hohe Ansprüche an den schwarzen Muntermacher. Sie werden hier nur selten erfüllt. Es gibt heißes Wasser und einen Beutel Brösel-Kaffee. Barbarisch. Doch der Reiseführer hat einen Tipp das „Chaqchao“. Richtig gemütlich sieht es aus und schon von weitem leuchtet die Espressomaschine. Aber ein Schild hängt davor „No Servicio“. Ein Ersatzkakao aus eigenem Bio-Anbau und die Aussicht vom kleinen Balkon auf die umliegenden Vulkane tröstet mich ein wenig.

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Der abendliche Bummel durch Alpaka-Wollgeschäfte mit Mützen, Pullovern und Handschuhen führt noch zu einer kleinen interessanten Ausstellung, wo ich unter einem riesigen Stroh-Vincent für ein Foto Platz nehme.

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Zur Nacht nehmen wir noch eine anständige Kokain-Dröhnung, denn morgen geht's früh raus und richtig hoch.

El cóndor pasa

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Der Kondor streicht dicht über unseren Köpfen dahin, dreht und fliegt elegant mehrere kleine Kreise. Dabei steigt er höher und höher. Die warme Luft aus dem Tal hilft ihm dabei. Mühelos scheint er dahinzugleiten. Wir sind atemlos, nicht nur wegen der 3.750 Höhenmeter. Am Mirador Cruz del Cóndor gibt es vormittags regelmäßig ein Treffen der Andenkondore der Colca-Schlucht und wir sind mit Hunderten anderer Touris dabei.

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Die Colca-Tour führt uns über Chivay, Maca und einige andere kleinere Orte entlang der Schlucht. Am Mirador de Los Andes erreichen wir den höchsten Punkt der Tour, 4.910 Meter. Wie steigen aus dem Bus und müssen uns aneinander festhalten. Schwindelnd, mit argem Kopfdruck und Atemnot stehen wir da und starren auf die Berge. Das ist heftig. Selbst der Toilettenbesuch ist eine echte Challenge.

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Trotz Coca-Blatt Konsum in den letzten Tagen geht’s uns nicht gut. Wir haben noch ein zweites Wundermittel, Agua de Florida, Wasser mit diversen pflanzlichen Extrakten. Es wird auf die Hände gegossen, verrieben und eingeatmet, der Rest über Kopf, Schläfen und Nacken verteilt. Anschließend muss man sich dreimal gegen Norden verbeugen und den großen Gott der Inkas um Hilfe bitten. Nichts hilft. Möglichst nicht schnell bewegen oder sich drehen. Die tolle Aussicht ist uns ziemlich schnuppe.

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Wir cruisen mit unserem Tourbus weiter den Cañon entlang. Die fantastischen Aussichten sind überwältigend. Die Landschaften wechseln zwischen völlig öden Berghängen und begrünten Terrassen.

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Im Bus beginnt eine Frau, Italienerin aus Napoli, plötzlich an zu stöhnen. Sie scheint Bauchkrämpfe zu haben. Sie krümmt sich und schreit jetzt. Wir machen die letzte Bank frei, damit sie liegen kann. Ihr Begleiter reißt von meiner Armlehne die Plastiktüte, la bella de napoli übergibt sich. Dramatik pur.

Am frühen Nachmittag erreichen wir Chivay auf 3.633 Metern zum Übernachten. Der Ort sieht mit Sonnenlicht betrachtet gar nicht so übel aus, obwohl im Reiseführer als ungeniert schmuddelig beschrieben.

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Die Italienerin hat wider Erwarten überlebt und wird in ihrem Hostel durch einen Arzt mit reinem Sauerstoff therapiert. Bei mir sind die Kopfschmerzen jetzt etwas weniger stark, der Schwindel weg, Thomas hat nichts mehr. Aber eine Treppe mal schnell hochsteigen, kann auch er nicht.

Gegen 15:00 Uhr fahren wir in ein Felsenbad mit heißen Quellwasser, bei Uyo Uyo. Ganz nett angelegt, lädt es ein zum Bade. Der Wind ist aufgefrischt und die bis zu 38 Grad heißen Wasserbecken liegen leider zum Teil im Schatten. So fühlen sich die einst angenehmen 18 Grad nur noch wir 10 an. Schnell ins Wasser und relaxt. Wir quatschen mit einem Pärchen aus Mönchengladbach, Micha und Natascha.

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Die haben Cusco mit Machu Picchu, den Salkantay Trail und Puno mit dem Titicacasee schon hinter sich und versorgen uns mit wertvollen Informationen.

In Chivay zurück, geht el sol unter. So wie es schlagartig dunkel wird, wird es auch kalt. Die Temperatur sinkt schnell auf 0 Grad. Und das Hotelzimmer ist eiskalt, wie mit einer Klimaanlage runtergekühlt. Keine Heizung, nur dicke Decken. Mierda!

Am nächsten Tag wache ich mit starken Kopfschmerzen und leichter Übelkeit auf, geschlafen habe ich auch kaum. Ich nehme eine von Michas Superpillen und hoffe auf Besserung.

Wir fahren weiter den Colca-Cañon entlang und genießen die Aussicht. In dem Dorf Mica kippt uns der Busfahrer an einem Touri-Nepp-Treffpunkt aus. Zugegeben, die Baby-Alpakas sind superniedlich. Neben den in traditioneller Kleidung posierenden Frauen sind sie das Fotomotiv schlechthin. Für ein paar Soles sind Bilder nicht nur gestattet, sondern ausdrücklich erwünscht. Wir Touris sind schließlich ihre Einnahmequelle.

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Im Übrigen sei angemerkt, dass diese bunten Kleider und Hüte der Frauen keineswegs nur Tradition sind und für uns Touristen angezogen werden, sondern ganz offensichtlich Alltagskleidung darstellen. Zumindest hier in den Bergen.

Auf dem Weg zurück nach Arequipa passieren wir wieder den höchsten Punkt des Treks. Mir geht es inzwischen richtig gut, die Pille hat geholfen, die werden wir uns kaufen. Ängstlich erwarte ich eine Verschlechterung meines Zustandes. Aber nichts passiert. Schön!

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Bei diversen Fotostopps auf der weiteren Fahrt kann ich noch einige lohnende Motive einfangen, auch von Tieren; zum Beispiel von den Vicuñias, die den Alpakas ähneln und zur Gruppe der Kamele gehören.

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Gegen 16:00 Uhr erreichen wir wieder unseren Ausgangspunkt und stehen im Stau im Außenviertel von Arequipa. Überhaupt ist hier wie auch schon in Lima der Verkehr der reinste Wahnsinn. Die sind hier verkehrstechnisch schon mausetot, die merken es nur nicht. Es wird gehupt, geschnitten, geflucht und gestikuliert. Mucho loco eben.

Titicacasee

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Hinter mir blubbert der Schiffsdiesel, ich sitze entspannt am Heck unseres Touristenkahns auf dem Titicacasee. Wir sind voller Erwartung, was wir auf diesem berühmten See erleben werden.

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Der Titicacasee liegt auf einer Höhe von 3.812 Metern, ist 178 km lang, bis 67,4 km breit und hat eine durchschnittliche Tiefe von 107 Metern. Die Herkunft des Namens Titicaca ist nicht sicher. Er soll auf zwei Aymara-Wörtern beruhen: titi heißt „Große Katze“ oder „Puma“ und caca heißt „grau“.

Die Truppe auf unserem Boot ist sehr international. Polen, Franzosen, Belgier, Kanadier, Italiener und wir Germans. Wir sind auf dem Weg zu den schwimmenden Inseln der Uros, die zu den noch an Traditionen festhaltenden Hochlandkulturen am Titicacasee gehören.

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Es sind einzigartige Konstruktionen aus Totora-Schilf. Die Pflanze wächst am Titicacasee und hat durch Hohlräume einen hohen Auftrieb. Die Inseln bestehen aus verschiedenen, kreuzförmig aufeinander gelegten Schilf-Schichten, die insgesamt bis zu zwei Meter dick sind. Da das Schilf von unten wegfault, müssen immer wieder neue Halme nachgelegt werden.

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Doch nicht nur der Untergrund besteht aus den hohlen Stängeln, auch die Hütten und Boote werden daraus gebaut. Besonders auffällig sind die kleinen Schiffe am Bug geschmückt. Und ich befürchte, vor allen Dingen für uns Touristen.

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Es ist zwar zu 100 Prozent Touristenfake, was wir hier erleben. Denn die Uros leben gar nicht mehr auf ihren Inseln, sondern kommen nur für die staunenden Besucher aus der ganzen Welt auf‘s Wasser, wenn sie von der Gemeinschaft eingeteilt worden sind. Ein nine-to-five-job für einige Tage der Woche. Aber, sei‘s drum. Die Informationen sind interessant, etwas für’s Auge gibt es auch und die Menschen hier leben von uns.

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Am frühen Nachmittag geht es weiter zur Isla Amantaní, um bei einer Familie in ihrem Haus zu wohnen. Wir werden am Pier von zwei Schwestern begrüßt, Lucretia und Nelli, bei der wir untergebracht sind. Auf dem Weg hoch zur Unterkunft fällt mir auf, dass die Häuser sehr einfach und alle irgendwie unfertig sind. Das wird wohl auch für la casa de Nelli gelten, denke ich mir. Und richtig. Noch einfacher und unfertiger geht’s wohl nicht.

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Die Gästezimmer in ersten Stock, vier an der Zahl, sind zwar fertig, aber das Geländer fehlt und die Betontreppe wird von gefährlich spitzen, nach oben ragenden Moniereisen begrenzt. Cuidado!

Im Erdgeschoss leben die Eltern mit ihren zwei Kindern. Die Tochter heißt Katharina und ist ein wenig schüchtern.

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Der Junge heißt Christian und will uns nach dem Mittagessen einen Weg den Berg hoch zeigen. Na, abwarten, ob wir dazu in der Lage sind. Die Höhenmeter machen uns nach wie vor schwer zu schaffen.

Zum Mittagessen in der kleinen, spartanisch eingerichteten Küche setzt sich der Vater mit an den Tisch, Alfredo. Ich versuche Smalltalk auf Spanisch.

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Die Einwohner der Insel sprechen übrigens in erster Linie Quechua, Spanisch nicht alle. In der Schule wird neben diesen beiden Sprachen noch Englisch gelehrt. 15 Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad dauert es bis zur Schule.

Die Hausfrau serviert leckere Quinoa-Suppe, gebratenen Fisch oder Käse mit buntem Gemüse. Nachdem wir gegessen haben, isst Nelli auf einem Schemel hockend auf dem Boden. Ist das Unterwürfigkeit oder einfach nur praktisch? Am Abend sitzt sie dann doch mit am Tisch und löffelt mit uns zusammen die Quinoa-Suppe. Vor dem Abendessen gibt es aber noch ein Spektakel mit einheimischer Kleidung, die wir alle anziehen müssen. Ich finde, die Mütze steht mir.

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Die Toilette ist eigentlich ein Loch im Boden, auf das zwar ein Becken steht, was aber auch schon alles ist. Nachgespült wird mit einem Eimer Wasser aus einer Wanne, die vor dem kleinen Raum steht, der mit der Holztür nicht zugemacht werden kann, weil die Größe der Tür nicht mit dem Rahmen harmonisiert. Zähne putzen und waschen geht nur in Freien an einem Plastikbehälter, der einen kleinen Hahn hat. Einfach halt.

Es gibt noch diverse andere Räume, die fast alle offen einsehbar und mit Zeug zugestellt sind. Unfertig halt. Aber was sollen Alfredo und Nelli auch machen? Bauen ist teuer, Geld knapp und viel Zeit ist auch nicht. Zuerst müssen die täglichen Bedürfnisse gedeckt und die Kinder versorgt werden. Aber sie machen einen glücklichen Eindruck.

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Nach einer ziemlich langen Nacht, kurz nach Untergang der Sonne lagen wir gegen 20:00 Uhr auf den militärisch harten Matratzen und unter den tonnenschweren Pferdedecken in den Betten, gibt es um 06:30 Uhr Frühstück. Die Verabschiedung von Alfredo und Nelli ist genauso herzlich wie es die Begrüßung war.

Jetzt sind wir auf der Isla Taquile. Die seit vielen tausend Jahren besiedelte Insel hat eine wunderschöne Landschaft, die an Mittelmeerregionen erinnert. Mit dem Wetter haben wir wieder Glück. Die Sonne scheint, die wenigen Wolken verziehen sich nach und nach. Wir wandern etwas umher und treffen am Marktplatz auf einen Wegweiser, der auch nach Berlin zeigt. Warum allerdings Madrid in einer ganz anderen Richtung liegen soll, erschließt sich uns nicht.

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Anschließend essen wir in einem kleinen Restaurant zu Mittag. Unser Guía, Richard, der uns schon von Anfang an, die ganze Zeit über, wunderbar informativ zutextet, erzählt etwas von den strickenden Männern der Inseln und den Bedeutungen der Mützen und ihrer Trageweise.

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Ist die Mütze in der oberen Hälfte einfarbig, ist der Träger nicht verheiratet und wenn der Zipfel rechts herunterhängt, ist er auf der Suche nach einer Frau. Vor der Heirat leben die Verlobten erst einmal zwei Jahre zusammen, um sich dann endgültig zu entscheiden. Hört sich ja recht modern an. Dann ist aber Schluss mit Lustig, der Ehebund kann nie wieder gelöst werden.

Wir steigen wieder in die schwimmende Touristenschaukel und erreichen gegen 15:00 Uhr Puno, dem Ausgangspunkt unserer Bootstour. Vom Busfahrer lassen wir uns bei „Ricos Café“ absetzen, das schon nach kurzer Zeit zu unserem Stammcafé geworden ist. Hier ist der Cappuccino dank einer sehr guten Espressomaschine hervorragend, diverse Torten locken und auch die Sandwiches sind sehr brauchbar.

Auf nach Cusco

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„Taxifahrer immer über das Hotel bestellen“, so der Hinweis in jedem Reiseführer. Das ist sicherer. Wir halten uns daran und bestellen für die Fahrt zum Flughafen Juliaca bei Puno diesen Service. Auf die Minute hält der Fahrer vor dem Hoteleingang in der einzigen Fahrspur und wir verladen unser Gepäck unter wütendem Gehupe der folgenden Fahrzeuge. Die Hupe ist hier ohnehin das wichtigste Zubehörteil um anzuzeigen, dass es zu lange dauert, dass das Taxi frei für Gäste ist oder die Ampel zu lange „rot“ zeigt.
Der Preis ist ausgehandelt, Taxis haben hier keinen Taxameter. Am Stadtrand von Puno hält unser Fahrer plötzlich an, nimmt das Taxischild vom Dach seines Kia und fährt weiter. Okay vermute ich, er hat nur eine Lizenz für die Stadt. Zügig geht es weiter über die autobahnähnliche Straße. Plötzlich erneut abruptes Bremsen und eine Wende über den unbefestigten Mittelstreifen. Er fragt Martin, wann unser Flug geht. Oh, hier stimmt was nicht. Was wird das hier? Ich fühle mich auch nicht wesentlich besser, als wir in eine kleine Seitenstraße abbiegen und an einem Dorfplatz halten. Automatisch habe ich die Bilder von überfallenden Touristen im Kopf.

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Wir sollen in einen Kleinbus umsteigen. Damit wir in den Bus passen, lädt der Busbesitzer erstmal hektisch zehn Quinoasäcke aus. Danach fuchteln: Wir sollen einsteigen. Der Taxifahrer zeigt uns an, dass er mit dem Gepäck hinterherkommt. Spätestens jetzt schrillen alle Alarmglocken, das machen wir nicht mit. Wir laden also unser Gepäck um und fahren weiter Richtung Flughafen an einer Polizeikontrolle vorbei. Aha, das war also der Grund. Unser Taxi(?) überholt uns und hält auf dem Standstreifen und es heißt wieder Umladen. Erst als wir gerade noch rechtzeitig am Airport ankommen, entspanne ich mich und sehe auch den Frauen und Martin eine gewisse Erleichterung an.

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Der kurze, einstündige Flug nach Cusco erspart uns eine siebenstündige Nachtfahrt durch die Berge. Q’osqo (Nabel der Welt) war die Hauptstadt des Inkareiches, das sich über große Teile Südamerikas erstreckte.

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Heute ist Cusco die Hauptstadt des Tourismus. Touranbieter zu einem gewissen „Machu Picchu“, Massagesalons (also nur welche, die müde Muskeln lockern) und Trekkingausstatter von nachgemachten, billigen North Face Klamotten bis hin zu sündhaft teurer, echter Patagonia Outdoor-Ausstattung, buhlen um unsere Gunst. Dazwischen natürlich 3.137 Geschäfte mit Alpakapullovern und Schals.

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Dazu ist die Stadt voll von Kathedralen, Palästen und Museen und …

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… nachts erscheint sie uns besonders reizvoll.

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Für uns heißt es jetzt erst einmal, uns auf den Salkantay-Trek zum Machu Picchu vorzubereiten.
Insbesondere achten wir gegenseitig sehr auf unsere Gesundheit und beobachten genau, wie die Höhenanpassung vonstattengeht. Mehrfach am Tag wird abgefragt. Martins heftiges Nasenbluten ist seltener, dafür schmerzt sein Zeh, Melanies Husten ist besser und die Kopfschmerzen haben auch bei Petra nachgelassen. Ich habe zwei schlaflose Nächte mit Schnappatmung verbracht und konnte erstmalig wieder durchschlafen. Nur noch gelegentlich kommen wir bei Anstrengung aus der Puste.

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Trotzdem verspüre ich sehr großen Respekt, wenn nicht gar etwas Angst vor unserer großen Tour über die Pässe: bis zu 22 Kilometer auf über 4.000 Metern Höhe wandern und dann im Zelt bei 0°Celsius übernachten. Uff, ich merke schon beim Schreiben, wie mein Puls steigt. Martin und den Frauen geht es nicht anders. Es ist immer wieder unser Thema. Reichen Kondition, Akklimatisierung und warme Klamotten aus? Für die Tour bekommen wir Schlafsäcke, Wanderstöcke und letzte Informationen, wie wir unsere Challenge überleben können.

Salkantay Trek 1. Tag

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Hätte ich etwas weiter hinten gesessen und wäre ihr Freund nicht so schnell gewesen mit der Tüte, hätte sie mir auf die Füße gekotzt. Nicht schon wieder, denke ich.

Wir sind auf den finalen Metern der Busfahrt, bevor wir gleich auf dem Salkantay Trek losmarschieren. Beim Ausstieg: Chaos! Jeder versucht sich richtig anzuziehen, nicht zu warm und nicht zu kalt. Ich entledige mich noch meiner langen Unterhose, auf dem Klo. Das führt zum Stau. Die wartenden Chicas sind unwirsch.

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Unsere Truppe besteht aus vier anderen Deutschen, zwei Typen aus Uruguay, einer Spanierin, zwei Taiwan-Frauen, zwei Amerikanerinnen und dem Pärchen auch aus Spanien, von dem die Frau über akutes Unwohlsein klagt. Unser guia heißt „Big Willy“, ist Quechuan, also indigen und Nachfahre der Inka, klein, etwas dunkelhäutig und zu 100 Prozent authentisch. Wir sind „Willy’s Team“, vorerst, bis wir einen besseren Namen finden.

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Es geht los. Wir sind in Mollepata, auf 2.900 Metern Höhe, das ist eher niedrig, wir sind inzwischen andere Höhen gewöhnt, aber die werden noch kommen, wir wollen auf 4.650 Metern den Salkantay Pass überqueren. Die ersten Schritte sind dennoch nicht einfach, ziemlich steil und zügig legen wir los. Ich muss ganz schön pumpen. Was machen die anderen? Wie geht es ihnen? Alle verhalten sich normal, nur die Frau aus Spanien sieht blass aus. Dafür leuchtet die Natur.

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Weiter über Challacancha gelangen wir im Laufe des Vormittags, mal steiler, mal weniger steil, mal moderat, mal herausfordernd mit kurzen Unterbrechungen und Erklärungen von Willy nach Soraypampa auf 3.900 Metern ins Basislager für den heutigen Tag.

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Es gibt Mittagessen, Quinoa-Suppe und anschließend Reis, Gemüse und für die Carnivoren Hühnchen-Teile. Es schmeckt. Als Getränk wird Munia-Tee serviert. Die Küchenarbeit wird vom Chefkoch mit zwei Helfern erledigt, die mit uns mitreisen. Zum Team gehört auch noch der Horseman, der mit seinen Pferden unser Gepäck transportiert, nicht mehr als fünf Kilo pro Person, der Rest muss auf dem eigenen Rücken getragen werden. Die Pferde können auch gegen einen kräftigen Geldbeitrag Personen den Berg hinauf bringen, wenn es sein muss.

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Uns geht es gut; die lange Vorbereitungen über insgesamt sieben Tage auf anspruchsvoller Höhe zahlen sich aus. Auch der absolute Verzicht auf Alkohol hilft. Wir haben wahrscheinlich vieles richtig gemacht. So ist es nicht bei allen Teilnehmern. Das Pärchen aus Spanien wird nach Cusco zurückkehren, weil es der Frau sehr schlecht geht und eine der beiden Taiwan-Frauen hat ernsthafte Probleme mit dem Magen und muss von ihrer Begleitung gestützt werden.

Wir beziehen nach dem Mittagessen unsere kleinen zeltähnlichen Metall-Holz-Strohdach-Hütten. Klein, gemütlich und praktikabel.

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Sie sind halbkreisförmig angeordnet und in Richtung des Aufstiegs zum Humantay Lake offen. An dieser Seite liegen auch die Versorgungshütten, ein kleines Geschäft und sanitären Anlagen, die ordentlich und sauber sind.

Am frühen Nachmittag steigen wir zum See hinauf. Das ist die erste wirkliche Herausforderung. Die dünne Luft und der steile Aufstieg sind der Hammer. Mein Puls ist bei 140 und die Atemfrequenz bei drei bis vier Atemzügen pro Sekunde. Der Schweiß rinnt mir den Rücken runter und mein Blick ist leicht getrübt. Ist das Schwindel? Nein, eher eine Folge der Hyperventilation, glaube ich. Ich weiß es aber nicht. Egal, ich will da hoch. Die Anzahl der Gehpausen nimmt zu und jedes neue Aufraffen und Weiterlaufen wird zur Qual.

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Nach anderthalb Stunden sind wir oben, auf 4.250 Metern. Auch Thomas musste kräftig pusten. Der Ausblick belohnt alle Strapazen. Die Lagune liegt wie hingemalt und irgendwie unwirklich vor uns. Überwältigend!

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Es wird langsam dunkel, wir müssen runter.

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Der Abstieg ist zwar im Vergleich zum Aufstieg harmlos, aber nicht minder herausfordernd. Die Wanderstöcke helfen. Nur nicht stolpern, immer Schritt für Schritt, pasito, pasito.

Nach dem Abendessen, das ansprechend hergerichtet auch für mich als Vegetarier vieles bietet, geht es gegen 20:00 Uhr in die geliehenen Thermoschlafsäcke. Es soll die kälteste Nacht des Treks werden, bis minus zwei Grad. Ein letzter Blick auf die Berge.

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Dann Tür zu. Ich ziehe alles an, was geht, auch Handschuhe und Mütze. Den Schlafsack ziehe ich bis über den Kopf zu, so dass nur noch ein kleines Atemfenster bleibt. Ich zittere mich warm und versuche durch Anspannung und Entspannung zur Ruhe zu kommen. „OM“, auch Meditation soll mir helfen. Nicht so einfach. Mir ist kalt und die Müdigkeit will nicht kommen. Nach einigen Stunden schlafe ich dann doch noch ein.  

Salkantay Trek 2. Tag

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Der 5 Uhr Coca-Tee-Lieferant klopft an die Zelttür und beendet eine windfrostige Nacht, die insbesondere für kaltfüßige Frauen nicht entspannend war. Martin und ich haben es relativ gewärmt in unserem Thermo-Schlafsäcken überstanden. 

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Beim ungeheizten, schnellen, spartanischen Frühstück, eingemummelt in unsere Trekking-Klamotten, wird der nächste Ausfall bei den Teilnehmern bekannt. Zwei Frauen aus Taiwan haben hier bei knapp 4.000 Höhenmeter Beschwerden und wollen nicht aus ihrem Nachtlager. Gegen 6:30 Uhr geht es für die anderen los und es wird schnell warm. Nicht von den Außentemperaturen, sondern der Weg hat gleich zu Beginn einen anständigen Anstieg, der anschließend unter dem gletscherschneebedeckten 6.271 Metern hohen Salkantay-Berg in eine Ebene übergeht.

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In der dünnen Luft atme ich hechelnd und mein Herz rast. Was soll das erst auf dem Anstieg zum 4.629 Metern hohen Pass werden, den unser Guide als "Gringos Death" bezeichnet hat? Den Tagesrucksack habe ich auf dem Rücken, das sonstige Gepäck bis 5 Kg wird zum Glück von Pferden und Mulis zum nächsten Camp getragen. Die armen Tiere müssen aber auch die Touris tragen, die die Anstrengung nicht schaffen. So kommen die beiden Taiwan-Ladies auf den Rücken von Mulis an uns vorbei. Nicht als Reiterinnen, sondern als gebeugte Elendshäufchen. Denen geht's echt schlecht. Etwas begehrlich schaue ich dennoch dem Schlaffitransport hinterher.

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Ich straffe mich, auf geht's zum letzten Anstieg. Gringo Death kann mich mal. Das Pferd der Schande will ich nicht besteigen und es den vielen jungen Bergsteigern zeigen. Martin und ich sind hier mit Abstand die ältesten Passbezwinger.  

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Schon der Beginn des Zickzackkurses macht mir klar, was hier den Gringo hinraffen kann. Dünne Luft und steiler Geröllnstieg. Ich puste und pumpe und komme nur Zentimeter weiter. Martin hat wohl auch zu tun. Er rammt seine Gehstöcke in den Boden, als ob er den Berg wegsprengen will und schnauft wie ein Walross. „Luft ausstoßen, damit du wieder gut einatmen kannst", seine Erklärung. Scheint zu wirken, er kommt vorwärts und auch die Frauen kämpfen sich langsam aber stetig in die Höhe. Bei mir ist der Tank leer. Eine Maschine würde jetzt einfach stehen bleiben und ich am liebsten auch. Eigentlich glaube ich nicht mehr daran, aber irgendwie finde ich doch noch nicht mehr vorhandene Kräfte und schlage Gringos Death ein Schnippchen. Beim Abklatschen und Gruppenfoto mit den Super-Hikern unter dem Passgipfelschild geht es mir schon wieder etwas besser. 

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Danach wird es feierlich. Mit unserem Guide danken wir den Bergen, dass sie uns, auch mich, bis zu diesem Punkt gelassen haben. Wir bilden einen Kreis, drei Coca-Blätter werden unter einen flachen Stein gelegt und unter einem Gebet in Quechua, der Sprache der indigenen Bevölkerung, türmen wir einen Steinhaufen auf. Eine dichte Wolke, die alles in dicken Nebel gehüllt hat, verzieht sich und ein Sonnenstrahl leuchtet uns an. Der Spanierin aus unserer Gruppe laufen die Tränen über die Wangen und auch mir steigt Feuchtigkeit in die Pupillen. Matcha Mama, Mutter Erde, wir fühlen sie mit der abfallenden Anstrengung ganz nah. Erleuchtet geht es nun 1.700 Höhenmeter runter. Das fordert zwar nicht so sehr die Kondition, bietet aber einen Muskelstresstest. 

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Endlich, kurz vor Sonnenuntergang treffen wir im Basiscamp ein. Waden, Füße und Knie brennen. Die primitive Holzbretterunterkunft mit Wellblechdach interessiert nicht besonders, da alle Körperteile, einschließlich Kopf nach dem Sandmann lechzen.

Salkantay Trek 3. Tag

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„Easy, a little bit up and down“, aber meistens flach, so unserer Guide Willy und schon rennt er los. Wir sind um 5:30 Uhr wieder mit Coca-Tee geweckt worden und Thema beim Frühstück sind unsere harten Muskelwaden. Insgesamt haben wir 31 Bergkilometer auf den gesäuerten Fasern. Heute stehen weitere 26 Kilometer an. Das „little bit up and down“ wird doch eher zu etwas mehr „up“. Willy läuft den Trek jede Woche und springt mühelos voraus über kleine Brücken und Flussläufe.

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Auf dem Weg rät er uns vom Genuss der Trompetenbaumblüte ab. Guys, die es probiert haben, rannten nackt durch die Straßen und waren 3 Tage im Delirium.

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Ein bisschen mehr Droge als den Coca-Tee für die neue Anstrengung wäre vielleicht hilfreich, doch so weit wollen wir es nicht kommen lassen. Vielleicht hilft Martin die Inka-Bemalung aus den Beeren eines Strauches.

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Aber auch er stöhnt gelegentlich bei dem Schnelldurchmarsch des Hoch-Urwaldes. Für einen Blick auf Bromelien, Cantutablüten und wilden Lupinen bleibt nur wenig Zeit. Meine Muskeln sind inzwischen richtig sauer.

Zum Lunch legen sich unsere Köche noch einmal richtig in die Pfannen und Töpfe. Es ist unglaublich, was die drei da in den Behelfsküchen zaubern. Quinoasuppe, Reis, gebratene Zucchini, verschiedene Fleischsorten. Alles muss vorher samt Geschirr von Pferden in die Berge geschleppt werden.

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Heute verabschieden wir uns von den „Paul Bocuses“ der Anden, denn unsere nächste Übernachtung wird wieder in der Zivilisation sein. Bereits hier gibt es eine Autopiste und so werden wir einige Kilometer zum Miniörtchen Hidroeléctrica transportiert. Ich bin so froh über unsere Wahl des Vier-Tage-Trekkings statt der Fünf-Tage-Tour. Denn bei mir schmerzen sämtliche Beinmuskeln. Mein Berliner Body-Pump hat vielleicht geholfen, aber hier ist zehnmal so viel gefordert. Noch ein Tag? Unvorstellbar. Und wir sind ja noch nicht am Ziel. Von Hidroeléctrica fährt eine Bahn nach Aguas Calientes, der Ausgangsort zum Machu Picchu.

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Nehmen wir aber nicht, wir laufen. Und zwar immer an den Schienen entlang. Und jetzt ist mir klar, warum Willy so Tempo gemacht hat. Es sind etliche Kilometer und wir erreichen mit wackligen Beinen erst zur Dämmerung den Zielort am Berghang. Ich scherze: „Unser Hotel ist bestimmt das ganz oben“. Es ist das vorletzte!

Die warme Dusche wandelt mein Alpaka-Äußeres, einschließlich Geruch, wieder in ein menschliches Wesen, das allerdings etwas behindert läuft. Die freudigste Nachricht gibt es zum Abendessen. Wir können den Bus zum Machu Picchu nehmen und müssen nicht eine Stunde Treppenstufen hinauf laufen. Meine Waden flüstern: „Hätten wir auch nicht mitgemacht!“

Salkantay Trek 4. Tag

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4:30 Uhr „Early morning wake up call“ der Rezeption reißt mich aus dem Tiefschlaf, auf dieser Tour zum letzten Mal. Heute werden wir von Aguas Calientes aus Machu Picchu besuchen, das große Heiligtum der Inkas.

Ticket kaufen, Anstellen zum Buseinstieg, Abfahrt. Alles funktioniert reibungslos. Die sind hier supergut organisiert, alle Achtung. Wir fahren auf der Landstraße an unseren Chicos des Teams vorbei, die laufen wollen. Die tun mir leid, ehrlich. Jetzt noch den Aufstieg bewältigen zu müssen, wäre für mich schlichtweg nicht möglich. Ich glaube, Thomas und den Frauen geht es ähnlich.

Wir sind oben und überwältig. Es ist wirklich unfassbar beeindruckend. Das Wetter spielt auch noch mit. Ich starre auf die Formation von Bergen mit dem Resten der Inkasiedlung und lasse es wirken. Schweigend stehen wir da, jeder in Gedanken versunken. Lange Zeit.

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Wir laufen etwas auf der Plattform am Guardhouse umher und warten auf Willy. Es ist inzwischen 07:00 Uhr. Wolken ziehen auf, verschleiern die Berge und lassen alles um uns herum im Nebel versinken. Und es tröpfelt, mehr und mehr. Regenponchos und Jacken raus und schützen. Jetzt regnet es richtig stark. Na toll. Willy kommt. „Good job“, ruft er uns entgegen. Ein oft von ihm gehörter Spruch. „Give five“, sagt er auch noch, wie so oft. Wir klatschen ab, das Wasser spritzt. Wir freuen uns wirklich, ihn zu sehen. Willy ist unverfälscht, Reinkarnation eines Inkas, durch und durch. Wir warten auf die anderen. Es dauert. Der Aufstieg ist für alle wahrscheinlich nicht mehr so leicht wie am Anfang des Treks.

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Schließlich sind alle da, auch die gescheiterten Spanier und Taiwanesinnen. Willy tropft wie wir alle und beginnt trotzdem unverzagt mit den Erläuterungen zu diesem beispiellosen Bauwerk aus der Zeit des Inka-Herrschers Pachacútec Yupanqui (1450 nach Chr.) Machu Picchu ist Quechua und heißt auf Deutsch alter Gipfel. Die Stadt umfasste einst 216 steinerne Bauten, die auf Terrassen gelegen und mit einem System von Treppen verbunden waren. In ihrer Hochblüte konnten bis zu 1.000 Menschen hier leben. Rund 75 Prozent der ursprünglichen Stadt sind noch erhalten, der Rest rekonstruiert. Schließlich ist Willy fertig mit seinen Erklärungen, denen wir trotz der anspruchsvollen, sehr wasserreichen Bedingungen aufmerksam folgen. Es folgt ein emotionaler Abschied untereinander. Alle umarmen sich noch einmal und wünschen sich alles Gute.

Der Salkantay Trek ist nun vorbei. Er war zu 100 Prozent leistungsorientiert und wir geben gerne Tipps an die grad60-Leser. Denn eines ist klar: das war definitiv nichts für Weicheier und Warmduscher. Eine gute bis sehr gute Kondition ist zwingende Voraussetzung und die Bereitschaft, sich bis auf‘s Blut zu quälen, sollte ausgeprägt sein. Glaubt es mir, es ist so.

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Wir wandern im Regen noch einige Zeit über das Gelände, lassen die Fantasie spielen, stellen uns vor, wie die Menschen hier mal lebten, beteten, tanzten, tranken und feierten und füllen die Speicherkarten der Kameras. Es ist ein Erlebnis an jeder Ecke, an jedem Stein der Ruinenstadt trotz des, mit Verlaub, beschissenen Regens.

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Gegen 13:00 Uhr treten wir den Rückweg an und fahren mit dem Bus zurück nach Aguas Calientes. Das Wetter ist jetzt dummerweise richtig gut, die Sonne scheint. Jetzt müsste man oben sein, auf dem Machu Picchu.

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18:20 Uhr, wir fahren mit der Bahn zurück nach Ollantaytambo. Superservice im Zug, Thomas bestellt Bier. Ich widme mich gerade dem Pilsgeschmack des Cusqueña, als es neben mir fürchterlich knallt. Thomas‘ Bier hat ein Abgang gemacht. War das Schwäche? Fiel sein Kopf auf den Tisch oder war es die Kurve? Thomas streitet die Schwäche vehement ab. Naja, ich weiß nicht. Das Servicepersonal ist übrigens so schnell mit Wischmob und Papiertaschentüchern da, dass wir keine eigenen Reinigungsversuche starten können. Klasse!

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Die Tour ist vorbei und wir sind glücklich, völlig kaputt und lassen den geplanten Pisco Sour Verzehr in Cusco außen vor. Nur noch heim ins Hotel, in die Betten und pennen. Danke, Willy und danke an das ganze Team und danke an alle anderen Teilnehmer. Wir allen waren zusammen einfach nur Super-Hiker!

Über diesem Link gibt es übrigens ein paar interessante Tipps: https://bookatrekking.com/de/blog/salkantay-trek-nach-machu-picchu-tipps/

Manu-Dschungel

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Meine Stirn glänzt, zwischen den Schulterblättern kitzelt ein Schweißtropfen in Richtung Po. Nicht weil es anstrengend ist, es ist heiß. Mein Herz puckert. Nicht weil es versucht, den Körper mit dünner Luft zu versorgen, es freut sich.

Wir sind unterwegs mit Manu-Explorers in den gleichnamigen Dschungel. Ich fühle mich so wohl, wie seit drei Wochen nicht. Willkommen Mogli und Balu. Ihr seid meine Welt. Martin und die Frauen sehen es etwas anders. „Wenn Schweiß, Sonnenmilch und Antibrumm die Sonnenbrille rutschen lassen, dann ist’s kuschelig“, meint Martin schwitzend.

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Zunächst geht es durch den Hochurwald, auf der Suche nach Vögeln, die Lust haben, sich vor den Monsterlinsen unserer Fotomaschinen zu präsentieren. Ihnen ist es aber wohl auch zu heiß und sie zeigen sich nur kurz.

Unsere Manu-Tour ist für uns 4 exklusiv. Wir haben einen Fahrer und einen Koch nur für uns. Und Clothilde, Clo gerufen, als Reiseführerin mit ihrem zweieinhalbjährigen Sohn Derrik.

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Nach einer ersten Pirsch ist am Wegesrand ein Camping-Lunch aufgebaut, mit Reis, Broccoli, Blumenkohl und Hähnchenfilet. Als unsere Vegetarier mit langen Zähnen auf das Fleisch schauen, wird schnell noch etwas Avocado zubereitet.

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Mir geht es immer besser. Es gluckst, zirpt und zwitschert hinter einem grünen Sichtschutz aus Bananenblättern, Lianen und Palmwedeln. Die Frösche pfeifen vogelähnlich, nicht vergleichbar mit dem heimischen Teichgequake.

Zur Nacht in der Bamboo-Lodge wiegen uns Quietschen, Summen und Piepsen schnell in den Schlaf. Die Hütten sind auf drei Seiten offen. Gegen saugende Eindringlinge nur mit einem Moskitonetz gesichert.

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So erholt wie lange nicht, erwache ich aus meinem Dschungelbuch. Ach die anderen haben tief und fest geschlafen. Zur morgendlichen Stärkung  bereitet  unser Koch mangogefüllte Pancakes zu.

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Ein Langboot bringt uns über den Rio-alto-Madre-de-Dios, der auch durch Bolivien und Brasilien fließt und schließlich auf der anderen Seite Südamerikas in den Atlantik mündet. Vorher haben wir Gummistiefel bekommen, damit Schlangenbisse nicht durchdringen. Okay, Kaa, mal sehen, ob wir dich treffen. Wir tragen unser Gepäck selber zur nächsten Lodge über den Kieselstrand und durch ein Stück schattig-feuchtes Blättermeer. Die langärmeligen Shirts gegen Moskito-Stiche färben sich schweiß-dunkel.

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Unfassbar dieses Peru. Eben noch in den schneebedeckten Anden und wenige Kilometer weiter im dichten heißen Urwald. Die Nachmittagswanderung lässt mir zwar den Schweiß in den Augen brennen, aber ich freue mich provokant über die Wärme, während Martin und die Frauen über die Hitze quengeln und sich auf den Salkantay-Pass zurücksehnen. Kleine Affen lugen auf uns nieder, bleiben aber vor den Kameras versteckt.

Die extreme Hitze hält auch auf der Nachtwanderung an, bei der wir im Scheinwerferlicht der Taschenlampen Käfer, Frösche, Spinnen und Zirkaden aufschrecken. Eine Eule schaut geblendet und genervt zu uns hinunter. Im Gegensatz zu ihr wollen wir nicht die Nacht zum Tage machen und es geht, wie so oft in diesem Urlaub, gegen 9 Uhr in’s Bett.

Warum heißt der Regenwald: Regenwald? Richtig! Es rauscht, blubbert, gluckst. Die Gummistiefel schmatzen in den glitschigen Pfützen, nachdem wir aus dem Langboot, einige Wildwasserkilometer flussabwärts, gestiegen sind. Der Urwaldpfad führt zu einem kleinen See, an dem urtümliche Vögel zusammengekauert von tropfenden Zweigen zu uns rüberschauen. Mein Dschungelbuch wechselt plötzlich zu Jurassic Park als diese Urzeitgesellen ein drachenähnliches Fauchen von sich geben.

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Der Manu-Nationalpark ist bei Weitem nicht so stark besucht wie die Trails um Machu Picchu. Zum Glück. So spüre ich, wie wir Menschen in dieser grünen Macht ganz klein, wie silbrig-blau glänzende Käfer unterwegs sind.

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Mannshohe Bananenblätter spiegeln regennass das durch haushohe Palmwedel gefilterte schwache Dämmerlicht, der 45 Meter riesige Cyberbaum hat einen Stammumfang, den eine Menschenkette wurmwinzig aussehen lässt.

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Dort in der Nähe wohnt ein Mann, der das Überleben im Dschungel gelernt hat. Er gehörte zu der Ethnie der Yeni, einer Gruppe, die bis heute im absolut betretungsfreien, zentralen Bereich des Manu lebt und keinen Kontakt zur sogenannten Zivilisation hat.

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Clo führt uns weiter durch das Dickicht, das mit einer endlosen Abfolge von Grüntönen auch nur unvollständig zu beschreiben ist. Gelbgrün, grasgrün, oliv… Immer wieder bestätigen wir uns: dieses Gefühl können wir nicht vollständig beschreiben, diese Eindrücke kann kein Foto abbilden, wir springen von Jurassik Park zu Avatar. Eine rote Blüte leuchtet provokativ gegen das alles beherrschende Grün. Fast unecht sieht sie aus.

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Nach so vielen Impressionen soll ein Bad in einem warmen Thermalbecken Seele und Körper entspannen. Der Trail zum Bad zieht sich durch dichten Dschungel, über Baumstammbrücken und unter Bananenstauden etwas länger als zum Vabali-Spa dahin. Allerdings ist niemand weiter unterwegs. Ich äffe gerade mit Lautsprecherstimme: „Nicht vom Beckenrand springen!“, als wir am wasserleeren Betontrog eintreffen. Zwei Ladys schrubben gerade das Becken von Algen frei. „Wird gleich wieder gefüllt“, heißt es und ein kleines Wasserrinnsal tröpfelt in das Becken. „Bis morgen nicht!“, so Martins Kommentar. Doch das vulkanerwärmte Wasser drückt von unten durch den Betonboden und füllt das Becken mit Whirlpool-Temperatur schneller als erwartet. Für etwas Meditation reicht es auf jeden Fall.

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Hurtig schnell nähert sich die Dschungelnacht und das letzte Stück des Trampelpfades zur Lodge müssen wir bereits mit Taschenlampen ausleuchten. Zum Abendessen gibt es noch etwas Vogelkunde von Clo, meine Gedanken sind aber eher bei Shir Khan und seinen Gesellen. Kaa sind wir bisher nicht auf dem Weg begegnet, aber in meinem Bett hypnotisiert sie mich problemlos in den Schlaf.

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Der auffrischende Wind findet ein kräftiges Gegenmittel gegen das Hypnosegift. Er scheppert mit dem Wellblechdach, bläst Kleiderständer im luftoffenen Bungalow um und „hilft“ die Nacht zu beenden, um rechtzeitig an der Papageienlecke zu sein. Ein Hangabbruch am Fluss, an dem die Krummschnäbel die mineralhaltige Erde fressen, um den Magen von Giften zu reinigen. Die kaum zu erwartenden Aras sind tatsächlich nicht da, dafür eine Vielzahl kleiner blauköpfiger und rotschwänziger grüner Pappageien. Doch für eine bessere Beobachtung stehen wir etwas zu weit weg und so treten wir mit der aufsteigenden Sonne den Rückweg mit dem Langboot über den wilden Fluss an. Unser Koch hat zum Frühstück Rührei zubereitet und so bleibt die einzige Schwierigkeit, die Löffelportionen im kräftigen Fahrtwind verlustfrei in den Mund zu bekommen.

Nach dem Umstieg in unseren Kleinbus geht es auf Buckelpiste wieder zurück nach Cusco. Wir alle haben ein einzigartiges Dschungelabenteuer erlebt und als ich meine eingenickten Mitfahrenden sehe, singt mir Balu ein tiefgebrummtes Lied. Nur die Affenbande rüttelt gelegentlich an meinem Kopf.

Zurück in Cusco

Viele Leute kämpfen hier auf der Straße um‘s tägliche Überleben. So kommt es mir jedenfalls vor. Alle paar Meter möchte uns irgendjemand etwas verkaufen.

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Wir kennen das inzwischen und reagieren eigentlich nicht mehr. Irgendwie bin ich zu erschöpft, um überhaupt noch „No, gracias!“ zu sagen.

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Wir als Touristen sind ihre Einnahmequelle, das ist klar, aber es ist doch arg lästig. Und inzwischen haben wir auch alles aus Alpaka, wirklich!

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Wir sind zurück in Cusco vom Salkantay Trek und vom Manu Nationalpark. In zwei Tagen geht’s über Lima zurück nach Deutschland.

Cusco, die alte Inkahauptstadt, ist ein quirliger, internationaler, sehr interessanter Ort voller Gegensätze. Die Kathedrale und die sechs anderen nicht minder imposanten Kirchen und die zahlreichen Museen locken die Touristen an. Am wildesten ist die ständig verstopfte Avenida de Sol und am schönsten der Plaza Mayor, früher Plaza de Armas, mit den alten Bogengängen, mit dem Brunnen und der Kirche.

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Im Gegensatz dazu ist die Armut der Menschen nicht zu übersehen. Rund zwei Drittel der Bevölkerung in den großen Städten ist abgehängt. Überall bitten Bettler und Bettlerinnen um eine milde Gabe und unendliche viele Leute wollen etwas verkaufen; sei es Alpacaware in Komplettausstattung oder eine Dienstleistung wie Massagen oder ein Foto mit dem Babylama oder etwas zum Essen. Und die Taxis sind überaus nervend; ständig werden wir Touris angehupt, ob wir denn nicht lieber mit dem Auto fahren als laufen wollen.

Aber es gibt auch Tanz, Spaß und Freude zu sehen. So zum Beispiel ein Aufmarsch von kostümierten Menschen vor einer Kirche, die zur handgemachten Musik eine kleine Show präsentieren.

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Etwas ganz Besonderes habe ich als ehemaliger Raucher festgestellt: Die Peruaner rauchen nicht, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Wenn ich mal jemanden gesehen habe, der an dem tödlichen Glimmstängel gesaugt hat, war es garantiert ein Tourist. Interessantes Phänomen, finde ich.

Auffällig sind auch die Straßenhunde. Ständig um einen herum, streunen sie durch die Stadt. Sie sind hochgradig an den Wahnsinn des Verkehrs angepasst, zwischen den Autos hindurchschlängelnd, kommen sie unverletzt auf die andere Seite; wer das nicht kann, hat nicht überlebt, Auslese im Stadtdschungel. Diese Hunde aller Rassen und Mischungen sind freundlich und zutraulich; ist ja auch logisch, sie wollen etwas zum Fressen, sie wollen gefüttert werden. Aggressivität gibt es nicht. Nur untereinander gibt es von Zeit zu Zeit Revierkämpfe und Hierarchiegerangel, aber meistens nur nachts. Tagsüber liegen sie oft auch einfach nur schlafend im Schatten.

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Und ein Wort muss ich noch über die unglaublich dichte Polizeipräsenz in der Stadt verlieren. Polizisten beiderlei Geschlechts stehen mal einzeln, mal in Gruppen an den Hotspots und sind einfach nur da. Aber es wirkt. Ich habe mich gut dabei gefühlt. Darüberhinaus finde ich, dass Frauen in Uniformen einfach toll aussehen.

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Abends steigen wir nach San Blas hoch. Dass Cusco auf 3.326 Metern liegt, merke ich jetzt wieder deutlich. Die scheinbar unendlich vielen Stufen rauben mir den Atem. San Blas ist das Künstlerviertel, das Viertel der jungen Leute, der kleinen, preiswerten Restaurants, der einfachen hospedajes. Unser angestrebtes Ziel, das Sietes & Sietes, hat leider geschlossen. Aber wir genießen die Aussicht auf das nächtliche Cusco.

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Etwas weiter unten, am Rande von San Blas gehen wir dann in Jack’s Cafe, ein sehr beliebtes Restaurant, in dem wir bisher keine Plätze bekommen haben, weil es ständig überfüllt war.

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Jetzt sind aber vier Plätze frei. Wir bestellen Veggie-Burger und Spicy Tofu und resümieren.

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Was waren unsere Highlights? Der wilde Ritt in der Sandwüste? Die Übernachtung bei der indigenen Familie? Das atemlose Besteigen des Salkantay? Oder schweißtriefend durch den Manu Dschungel mit Kaa und Co marschieren? Oder eines der vielen kleinen anderen Sachen, die wir gemacht haben? Eines ist uns klar. Es waren total unterschiedliche Erlebnisse und zum Teil höchst herausfordernd.

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Wenn es nur noch heißt, alles auf Überlebensmodus schalten, also Trinken, Essen, Blase- und Darminhaltentsorgung sowie Schlafen ohne zu erfrieren sicherzustellen, dann wird’s ernst. Und das war es. Ich habe mich noch nie so sehr angestrengt wie auf dem Salkantaypass, ehrlich. Als Quintessenz möchte ich letztendlich festhalten, so wie es uns der alte Schamane auf Quechua gesagt hat: Es kommt immer darauf an, was man daraus macht. Genau!

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Liebe Freunde unseres Blogs: Ihr müsst es einmal unbedingt machen: besucht Peru und lasst Euch gefangen nehmen von diesem wunderschönen Land. Und drei Dinge, die ich vorher gehört habe, muss ich hier mal richtigstellen: Man muss nicht Spanisch können, um sich hier zurechtzufinden. In fast allen Hotels und Restaurants wird Englisch gesprochen und in allen Touri-Läden können die Leute das Notwendigste. Zum zweiten: Das vegetarische Speisenangebot ist reichhaltig und ansprechend. Man muss nicht Carnivore sein, um hier gut essen zu können. Und zum dritten: Von einer hohen Kriminalitätsrate haben wir nichts gemerkt, nada. Die Leute sind trotz aller ihrer persönlichen Schwierigkeiten immer nett, zuvorkommend und den Touris zugewandt.

Im Übrigen solltet Ihr immer mal wieder einen Pisco Sour genießen, dann wird alles gut, glaubt mir!

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Liebe Leute, das einzige, was man hier wirklich braucht, ist Zeit. Wir waren vier Wochen unterwegs und haben doch nur einen Teil von Peru gesehen. Aber wie ist der Leitspruch unseres Blogs? „Jetzt haben wir Zeit für uns!“ Also lasst uns die Zeit nutzen und wagt es: Peru auf eigene Faust!

Wer von euch war schon mal dort? Habt ihr Erfahrungen und Tipps. Dann lasst es uns wissen. Wir freuen uns auf Zuschriften an info@grad60.com

Am Anfang des Artikels steht “Werbung unbeauftragt”, das heißt, dass dieser Artikel ohne Beeinflussung und Bezahlung geschrieben wurde. Warum der Vermerk trotzdem dort steht, erfahrt ihr auf unserer Seite “Transparenz”.

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