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2.600 Radkilometer nach Barcelona

2.600 Radkilometer nach Barcelona

Mindestens 2.600 Kilometer sind es mit dem Fahrrad von Berlin nach Barcelona und die will ich radeln. Alleine, nur auf mich gestellt. Das ist mein Plan. Schaffe ich das oder scheitere ich schon in Deutschland? Wie es mir dabei geht, wie ich mich fühle, was ich erlebe – das könnt ihr hier auf grad60.com verfolgen. Und zwar fast jeden Tag!

Video Fernradreise Berlin - Barcelona

Zum Abschluss meiner Fernradreise nehme ich euch noch einmal für 2 1/2 Minuten auf mein Abenteuer mit. Klickt einfach auf das Bild und ihr werdet zu unserem Youtube-Kanal weitergeleitet. Viel Spaß!

Rückflug mit Fahrrad

„Waaas? Nur vier Tage Barcelona für die lange Anreise?“ so der spontane Ausruf des 12-jährigen Sohnes von Freunden. Und er bringt es auf den Punkt. Nur mit dem entscheidenden Unterschied: Barcelona war nicht das lang ersehnte Ziel einer Anreise, es war der Endpunkt einer fantastischen Etappenreise. Und so ist mir jetzt auch klar, warum die Fanfaren fehlten. Es war eher das Ende meines Urlaubes. Und er gehört zu den erlebnisreichsten meines grad60.com-Lebens. Ich hätte noch weiterfahren können und wollen. Ich glaube, es macht mich süchtig und schon jetzt wachsen Ideen für die nächsten Touren. Bretagne, Rom, Schottland…?

Aber wie lief es weiter? Als erstes gehe ich in ein Einkaufzentrum gleich um die Ecke zum Sportgeschäft Decathlon. Nach einigem Rumfragen finde ich auch einen englischsprechenden Verkäufer, der mir sagt, dass Fahrradkartons sofort vernichtet werden. In mein enttäuschtes Gesicht erklärt er weiter, er erwarte eine neue Lieferung und würde mir einen Karton aufheben. Glücklich hinterlasse ich die Handynummer und trage das Gerät nun noch mehr unter Aufsicht bei mir, um ja nicht den Anruf zu verpassen. Aber ich sitze natürlich nicht im Hotelzimmer herum. Dazu ist Barcelona viel zu interessant. Meine Freundin kommt hingeflogen, sie braucht statt fünf Wochen nur knapp drei Stunden, und ich habe endlich die ersehnte Begleitung und Unterhaltung. Aber auch sie darf das unstete Wetter auf meiner Reise erleben.

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Ein Dauerregenguss treibt uns ins übervolle Aquarium, das mit seinem riesigen Haibecken trotzdem spannend ist. Der gebuchte Besuch der Sagrada Família ist organisiert, wie der Zutritt zum Flughafen während der rush hour. Die Architekturideen Gaudis wirken trotzdem sensationell durch ihr Farben- und Formenspiel.

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Endlich erfolgt der Anruf von Decathlon und deutlich erleichtert kann ich den kostenlosen Karton abholen. Er sieht so klein aus. Hier soll das Rad reinpassen? Also Vorderrad abgeschraubt, Schutzblech ebenso und auch der Lenker muss ab. Der Sattel ist ja ebenfalls mit der verlorenen Sicherung versehen und nur mit einigem Gefummel lässt er sich lösen. Und tatsächlich passt mein treuer Begleiter fast vollständig in die Verpackung. Eine zweite übergestülpte Pappe deckt den überstehenden Rest ab und reichlich Klebeband hält das Ganze zusammen.

Der Rest ist unspektakulär. Die Idee anderer Reisender „das geht doch als Handgepäck durch“ funktioniert nicht, aber Mitarbeiter der gebuchten Fluglinie Vueling pappen einen Klebestreifen „TXL“ drauf und weisen mich völlig entspannt auf ein breites Förderband hin, auf dem das Paket entschwindet. Aus dem Wartebereich sehe ich, wie mein verpacktes Rad in den Bauch der Maschine verladen wird.

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In Tegel befindet sich neben den Kofferbändern eine Tür mit der Aufschrift: „Sperrgepäck-Ausgabe hier“ und während ich noch denke, dass klappt doch nie, öffnet sich der Flügel und mein unbeschädigtes Paket wird hinausgeschoben. Mit Hilfe meiner Freundin und eines freundlichen Taxifahrers landet der Karton schließlich zu Hause.

Die Challenge ist zu Ende.

Etappe 32: Am Ziel! Barcelona!

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Ich habe es mir so schön ausgemalt. Der Gigant fährt ein in Barcelona. Der Tacho springt auf 2600 km, Fanfaren, ein Chor singt die Ode an die Freude. Stattdessen quäle ich mich seit zwei Stunden die Nationalstraße entlang und da die Autobahn mautpflichtig ist, fährt hier alles an mir vorbei. Motorräder brüllen, Autos dröhnen, LKWs donnern.

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Ich habe wieder die Ohrhörer aufgesetzt und auf volle Lautstärke gedreht. Das Gerät warnt: Laute Musik kann schädlich für die Ohren sein und schafft es dennoch nicht, den Straßenlärm zu übertönen. Selbst wenn es Fanfaren gäbe, ich würde sie nicht hören.

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Selbst mein Drahtesel keilt aus, An einem unachtsamen Ampelstopp bekommen die Gepäcktaschen Übergewicht, das Rad kippt zur Seite und das vordere Schutzblech verpasst mir eine schöne Schramme. Es ist die einzige Blessur auf der gesamten Fahrt.

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Ich halte Ausschau nach dem Ortsschild und auch das gibt es auf meiner Strecke nicht. Also kein Victory vor „Barcelona“. Zum Glück komme ich wenigstens am Torre Agbar vorbei, dem Phallus von Barcelona. Dann eben hier das Zielfoto. Selbst der Kilometerzähler findet seinen Abschluss nicht bei 2600 sondern schon bei 2582 km.

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Es ist irgendwie ganz anders als gedacht. Ich spüre Zufriedenheit und bin stolz auf mich. Ich bin an dem Ziel, das beim Start in Berlin so unendlich weit weg erschien. Trotzdem spüre ich nicht das grandiose Gefühl, dass mich an anderen Etappenpunkten so glücklich gemacht hat. Vielleicht ist es auch die Gewissheit, es ist das Ende meiner Challenge. Wahrscheinlich brauche ich auch etwas, um wieder runterzukommen.

Erstmal habe ich ja noch die Sorge, wie bekomme ich mein Rad wieder nach Hause? Oder will vielleicht jemand von euch damit zurückfahren? Vielen Dank für euer Interesse an den Artikeln und die zahlreichen Kommentare. Mit einer kurzen Unterbrechung gibt's dann noch den Bericht über den Fahrradrücktransport und vielleicht einen kurzen Videofilm. Dazu muss ich aber erstmal das Material sichten.

Also bleibt bitte dran, denn Martin und ich habe immer wieder neue Berichte und Martin eine ganz anders geartete und trotzdem für ihn herausfordernde Challenge: Der Countdown zur Pension. Demnächst hier auf grad60.com

Etappe 31: Weiter die Küste entlang

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Viel gibt es zu meiner Tagesstrecke nicht zu berichten. Sie beginnt mit ekelhaften Anstiegen, die ich nur mit Schieben bewältigen kann. Danach geht es an der viel befahrenen Nationalstraße lang und zum ersten Mal ziehe ich mir Ohrhörer rüber, um mit Pink Floyd und Deep House Music den Straßenlärm zu übertönen. Die Musik gibt mir etwas Balance zurück, um weiter Bilanz zu ziehen. 2500km habe ich überschritten und bis Barcelona ist es nicht mehr weit. Zur Freude, es wirklich gepackt zu haben, mischt sich Wehmut. Es war so selbstverständlich, so automatisch, aufs Rad zu steigen und meinen Weg zu machen und jetzt ist bald Ende. Ich könnte noch weiterfahren.

Wenn ich als Bilanz nur drei Punkte, schlecht und gut, nennen durfte, wären bei den schlechten: Regen, Wind und am schlimmsten die einsamen Abende am Essenstisch.

Meine Positivliste ist wesentlich länger, aber meine Highlights sind die ersten 1000 km, die Kraft gegen vermeintliche Probleme (Berge, Wind, Regen) zu bestehen und als Bestes das einzigartige Erlebnis, schrittweise ganz nah an der Natur, den Wechsel der Landschaften und Kulturen zu erleben. Das war mir in meinem ganzen Leben noch nie so bewusst.

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Dabei erlebe ich auch Rückschläge. Lloret de Mar! Für eine Eispause fahre ich an plastikblumen-begkrenzten Menschen vorbei, die um 11 Uhr vor riesigen Plastik-Cocktail-Kübeln sitzen. Ich komme mir wie ein Außerirdischer vor.

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So zieht es mich schnell weiter die Küste entlang. Bald sind die letzten Serpentinen überwunden an deren Rand Kakteen blühen. Ich nehme heute schon sehr früh ein Quartier in Pineda del Mar. Für ein spätes Mittagessen setze ich mich in eine Strandbar und erwarte den üblichen Touristenkram. Aber es sind die kleinen erfreulichen Überraschungen, die diese Reise so unvergleichlich machen. Ausgezeichnete Pimentos, kleine Paprikas, und als berechtigte Empfehlung „Colita de Rape“ mit Marmelade auf Kartoffelscheiben. Mein Google-Übersetzer sagt „Mönch Schwanz“. Keine Ahnung ob der Fisch so heißt. Aber er ist ausgezeichnet.

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Etappe 30: Serpentinen

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Der Start ist perfekt. Am Ortsausgang sehe ich einen Fahrradladen und halte kurzentschlossen. Obwohl hier keiner Englisch spricht, kann ich mein Problem mit den verlorenen Schlüsseln klarmachen. Der Mechaniker schafft es mit etwas Gefummel nach kurzer Zeit die Vorderradsicherung zu öffnen und durch einen Schnellverschluss zu ersetzen. Das Rad kann ich jetzt wieder ausbauen und dieses Problem für den Rückflug ist schon mal gelöst.

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Richtig erleichtert gehe ich den ersten Berg an, der zur echten Herausforderung wird. Eigentlich ist es ein Extrem-Wanderweg über Wurzeln und Felsen. Er ist so steil, ich rutsche aus und kann das Rad nur mit größter Mühe halten. An einer Stelle erreiche ich sogar eine Sackgasse, die wie der Eingang zu einer Höhle aussieht.

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Das Vorderrad hebt ab, weil ja die Hauptlast hinten auf dem Gepäckträger liegt. Ich muss richtig kämpfen und erreiche japsend wieder eine Straße. Die ist jetzt zwar asphaltiert, führt aber als Serpentinenstraße pausenlos nach oben. Doch sie ist wieder im Sattel zu bekämpfen. Ich denke mal als Entschädigung gibt es hinter jeder Biege einen wundervollen Ausblick auf die unter mir liegende Küste.

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Das nutze ich gerne für ein Foto und um wieder zu Luft zu kommen. Mitunter geht es auch kräftig bergab, aber wer meint, das macht mir Freude, der irrt. Ich weiß, jeder Meter Gefälle bedeutet auch wieder gleich viel Anstieg, denn diese Straße führt noch einige Kilometer an der Steilküste entlang. Aber sie ist ein Traum.

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Hier verstehe ich, warum die Costa Brava so hoch in der Gunst der Urlauber ist. Wenn ich über die Leitplanke nach unten schaue, sehe ich kleine Sandbuchten und smaragdgrünes Wasser, wie mit Photoshop bearbeitet. Kleine Kraxelpfade führen hinunter. Ich bleibe natürlich auf der Straße, auf der nur wenige Autos aber viele Rennradfahrer unterwegs sind. Einer klappst mir beim Überholen auf den Rücken und hält den Daumen hoch. Schade, dass ich nicht zum Angeben auf meinem Radshirt Berlin-Barcelona stehen habe. Würde sicher Eindruck machen.

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Das tut es jedenfalls an der Rezeption meines Hotels in Tossa de Mar, als ich meinen Ausweis zum Einchecken vorlege und die Strecke bestätige.

Nach einer erfrischenden Dusche schlendern ich durch das kleine Städtchen mit Altstadt, Burg und Strand. Entspannung. Morgen geht's weiter auf die Serpentinen.

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Etappe 29: An die Costa Brava

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Die Pyrenäen stecken mir noch in den Knochen, als ich wieder in die Pedale trete. Zum Glück habe ich mir nur eine kurze Strecke von nicht mal 60 km vorgenommen und erfreulicherweise kommt der Wind mal von hinten. Eigentlich geht es nur die Küste runter, weil ein paar Berge im Weg stehen, muss ich aber einen Bogen durchs Hinterland fahren. Endlose Obstplantagen wechseln sich mit Olivenbäumen ab und ich fange langsam an, auf meine Tour zurückzublicken.

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Froh bin ich über meinen treuen Begleiter, der mich ohne Mucken bis hierher gebracht hat. Am Morgen habe ich noch die Reifen untersucht und drei spitze Steinchen aus dem Gummi gepopelt. Zum Glück waren sie noch nicht so tief und der Schlauch blieb unbeschädigt. Ohne Panne bei dieser Materialbelastung ist schon gut. Der horrenden Preis für das Rad hat sich bezahlt gemacht, wenn ich schon an den Komfort denke. Ein USB-Ladeanschluss über den Narbendynamo lässt Lady komoot bis zum Abend plappern. Die Spezialfederung von „Kilo“ dämpft alle Schlaglöcher und sorgt für stressfreie Arme. Der „Gates“ Carbon-Riemen surrt problemlos und leichtgängig auch bei Schlamm und Regen und die „Magura“ Hydraulikbremsen stoppen mein schwer beladenes Gefährt auch bei abenteuerlichem Gefälle.

Zum Glück konnte ich mein gutes Rad in den Hotels fast immer sicher unterstellen. Oft in abgeschlossenen Garagen und Abstellräumen, in Kofferaufbewahrungs-Zimmern oder in einer Ecke im Foyer.

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Mit 2450 km auf der Uhr treffe ich wieder auf die Costa Brava, die sich heute von ihrer sonnigen Seite zeigt und Cruise nach einem Mittags-Burger die Promenade von Palamós hinunter. Kurz dahinter habe ich schon mein Quartier und bekomme sogar noch ein Upgrade für ein Zimmer mit Meerblick. Und was für einen.

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Etappe 28: Europaroute 8 über die Pyrenäen

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Kraft gibt dieses Frühstück sicher nicht. Baguette, Marmelade und ein Scheibchen Käse, Kaffee, der nicht schmeckt und immerhin ein kleines Glas frisch gepressten Orangensaft. Nun ja, ist halt so in Frankreich.

Der Himmel ist bedeckt, es ist aber nicht kalt. Es geht los und schon nach 5km muss ich eine Entscheidung treffen. Links, für die geplante Tour von komoot, rechts, der ausgeschilderte Europaradweg 8. Links ist vorgeplant, aber straßenbegleitend. Rechts geht's unbekannt ins Grüne.

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Da mir der Straßenverkehr inzwischen derartig über ist, entscheide ich mich fürs Abenteuer. Es dauert nicht lange und der Berg beginnt. Uff, das geht gut hoch. Ich fahre im ersten Gang und versuche immer wieder, noch einen Gang runter zu schalten. Geht natürlich nicht. So trete ich rein und bedauere jedes Kilo Gepäck. Hätte nicht ein T-Shirt auch gereicht? Und das nachgekaufte Fahrradschloss ist tonnenschwer. Meine Beine leisten jetzt das Maximale und sind mehrfach kurz davor, aufzugeben. Mein Navi plärrt die ganze Zeit: der Weg liegt 5km links von dir. Zu spät, ich drehe den Ton ab. Mir ist heiß, ich ziehe den Windbreaker aus. Voll Power, aber ich bekomme meinen Takt und blicke auf. Es ist völlig einsam hier, die Natur beherrscht alles. Ein junger Rehbock grast am Wegrand und schreckt von der unerwarteten Störung 20 Meter vor mir hoch. So zwirbelt sich der Weg weiter in die Höhe und gibt gelegentliche Blicke ins Tal frei.

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Ich zucke regelrecht zusammen, als zwei Mountainbiker von hinten ankommen. Plötzlich ebnet sich der Weg und früher als erwartet, habe ich den Pass erreicht. Ich schwenke in Richtung Straße. Mein Navi freut sich: Du bist zurück auf der Tour! Ich freue mich aber nicht. La Jonquera, der Grenzort, ist vollgestopft mit LKW‘s, Tankstellen, obskuren Verkaufsläden und ich fühle mich hier als Radfahrer völlig deplatziert. Zum Glück biegt die Euroroute 8 wieder ab und ein unerwartet extremer Anstieg überrascht mich. Jetzt geht nur noch schieben und zwar mit voller Kraft. Doch bald habe ich es überstanden.

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Es geht praktisch nur noch talwärts durch herrliche Landschaften. Dass ich in Spanien bin, merke ich nur durch das „¡Hola!“ von Spaziergängern. Keine Grenzkontrollen, kein Grenzstein, halt Europa. Und dennoch merke ich einen Unterschied. Der Radweg ist bei Weitem nicht mehr so gut ausgebaut wie in Frankreich. Er ist so Sachsen-Anhalt.

Viermal passiere ich einen kleinen Bach, der über die Straße geführt wird und hoffe jedes Mal, nicht auf dem glitschigen Grund auszurutschen.

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Weiter bei Gefälle ertrage ich auch einen Regenguss durch Flucht in eine Tapas-Bar. Ich bestelle ein Cerveza und bedanke mich artig mit „merci“ -äh- „gracias“. Stolz erreiche ich L‘Escala und blicke auf die regenverhangenen Pyrenäen, jetzt von der anderen Seite. Die Regenschauer regen mich aber nicht auf, dafür habe ich keine Kraft.

Etappe 27: Bis vor die Pyrenäen

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Heute soll es nur eine kurze Tour werden. Ich habe mir nämlich überlegt, bis zum Fuß der Bergetappe durch die Pyrenäen zu fahren, um morgen frisch den Aufstieg zu meistern. So trudel ich völlig entspannt am Meer entlang und sichte zum Landesinneren hin eine Artischocken-Plantage. Habe ich vorher noch nie gesehen und mir auch nicht so vorgestellt.

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Dahinter leuchten die schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen. Eindrucksvoll. Zum Glück muss ich nicht da oben rüber, sondern weit moderater, so hoffe ich, auf der EuropaRoute 8 über das Bergmassiv.

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Erneut spüre ich, wie mich diese Radreise fasziniert. In Berlin gestartet, stehe ich jetzt am Fuß der Pyrenäen und habe auf dem Weg ganz langsam die Veränderung der Landschaft, der Pflanzen, der Menschen, der Essgewohnheiten erlebt. Allein die Entwicklung der Vegetation. In Berlin erstes Grün unter Kiefernwälder, an Fulda und Rhein der blühende Löwenzahn, sprießende Weinstöcke in Baden-Württemberg, Pusteblumen und Mohn in Haute-Saône, später gelber Ginster in Rhône-Alpes und heute habe ich leuchtend rote Kirschen in Obstplantagen der Languedoc-Roussillon-Gegend entdeckt. Sozusagen als Abschied von Frankreich esse ich zu Mittag noch einmal Moules et Frites. Ab morgen werden es ja dann Tapas sein.

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Ich bin im letzten Küstenort Argelès-sur-Mer und biege jetzt in Richtung Westen ab. Links von mir erheben sich die Berge so hoch, als ob sie Eindruck bei mir schinden wollen. Aber ich habe ja gelernt. Mach dir vorher keinen Kopf, es wird schon nicht so schlimm. Aber mal ehrlich, so ganz werde ich die Ehrfurcht im Hinterkopf nicht los. Schon am frühen Nachmittag bin ich in Le Boulou. Jetzt einfach ausruhen und nicht an morgen denken!

Etappe 26: Gefühle an der Côte d'Améthyste

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Madame komoot, meine Navi-Stimme, muss es gehört haben. Heute schickt sie mich auch bei schönem Wetter auf einen Singletrail. Und was für einen. Die Reifen schmatzen im Schlamm, als ich zwischen den Gräsern den Weg durch den Morast nehme. Der Regen von gestern hat den Pfad unpassierbar gemacht. Um nicht mit der ganzen Ladung auch noch im Dreck zu liegen, schiebe ich das Rad lieber abseits durchs Gebüsch. Hier ist nun wirklich niemand und ich frage mich, wie findet das Navi derartige Wege.

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Nach 20 Minuten Kampf wird's besser. Am Rande einer kleinen Straße kann ich die typische Mittelmeervegetation bewundern und ich setze mich unter eine Pinie für eine Erdbeer-Pause.

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Die Kräftigung brauchte ich auch unbedingt, denn jetzt führt der Weg über freies Land in Richtung Westen und mir entgegenkommt, richtig, der Wind und zwar so hart, dass die ausgefransten Fahnen an Campingplatz-Masten regelrecht knattern. Tief geduckt fahre ich mit großer Anstrengung gerade einmal 12 Stundenkilometer. Im Gegensatz zu mir haben die Strandsegler und Kitesurfer ihren Spaß. Bei aller Mühe, schön ist es schon, zumal es jetzt zwischendurch, von Bäumen geschützt, etwas windstiller vorwärts geht.

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Liebe grad60-Leser, es ist so schwer alle meine Eindrücke zu schildern. Alleine auf einer Tagesetappe erlebe ich so viele Höhen und Tiefen. Unfassbar schöne Landschaften, ekelhafte Anstrengungen, Genießerwege und Schotterpiste. Es ist so gewaltig anders als durchs Autofenster, es ist so hautnah. Gerüche von blühendem Ginster, salziger Meeresluft und Autoabgasen, blendender Sonnenschein , düstere Wolken, ich spüre das so intensiv und unmittelbar wie aus einer lang vergrabenen Gefühlswelt. Es ist mein Jakobsweg.

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Inzwischen ziehen wieder ein paar Wolken auf und damit wird es merklich kühler. Mir reicht es für heute, ich finde ein kleines Strandhotel in Le Bacarès und habe noch Zeit für einen Entspannungsblick aufs Meer, um meine Eindrücke zu speichern.

Etappe 25: Wieder ein Regentag

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Habt ihr euch auch schon mal gefragt, wer die Duschhaube aus den Hotelbadezimmern benutzt? Ich kann es euch sagen. Radfahrer im Regen, die damit ihr Handy-Navi schützen. Mein Regenradar hat mich heute angeschwindelt. Der Niederschlag sollte gegen 10 Uhr vorbei sein und deshalb habe ich mich auf den Weg gemacht. War ein Irrtum. Regelrechte Regenschwaden ziehen vom Meer in meine Richtung. Damit sieht auch ein perfekter, endloser Sandstrand nicht wirklich verlockend aus. Grau und unheimlich peitscht das Mittelmeer an anderer Stelle mit aufspritzenden Wellen gegen die Kaimauer.

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Trotzdem, ich bin gefasst und genieße die Einsamkeit auf dem Küstenweg, der kilometerlang direkt hinter den Dünen verläuft. Wie das hier im Sommersonnenschein aussieht, davon zeugen endlose Auto- und Caravan-Parkplätze. Dann schon lieber so.

Aber jetzt führt mich mein duschhauben-geschütztes Handy auch noch auf einen Singletrail. Ich frage mich, warum muss das immer bei Regen sein?

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Der Nachmittag erlöst mich unerschrockenen Kämpfer von den Qualen. Der Niederschlag lässt nach, während ich am Canal du Midi in Richtung Béziers abbiege. Einige Hausboote sind auch jetzt unterwegs und stauen sich vor den Schleusen. Wer ein bisschen mehr erfahren will, der klickt jetzt hier.

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Wenig später erreiche ich das ausgestorbene Béziers. Ich habe natürlich nicht daran gedacht, hier ist Feiertag, der VE-Day, der Victory in Europe Day.

Zusätzlich setzt auch Nieselregen ein und so ziehe ich mich mit einem Glas Pinot Noir in einer Bar zurück und notiere für euch meine Erlebnisse. Dabei versuche ich meinen schmerzenden Nacken zu lockern. Die Fahrt in Regen und Wind war wohl etwas zu verkrampft. Der Tacho zeigt übrigens 2185 km an.

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Etappe 24: Am Mittelmeer

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Endlich weniger Wind. Zum Glück, dann meine Tour führt heute ein Stück in Richtung Norden, aus der in den letzten Tagen der Mistral gewütet hat. Kurz hinter meinem kleinen Ferienort Saintes-Maries-de-la-Mer ergibt sich eine Nebenstraße, die mit einer Fährüberquerung erreicht werden kann. Eine Radgruppe wartet bereits an der Schranke, als der Fährmann ein kleines Paddelboot aus dem Schuppen zieht und uns zuruft: „Prépare votre Vélo!“ Zum Glück lacht er dabei und öffnet die Schranke. Mit den Fähren steht es somit 3:2. Die Fähre, die neben den Rädern maximal sechs Autos transportieren kann und nur jede halbe Stunde verkehrt, bewirkt eine nahezu verlassene Landstraße.

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Nur zwei kapitale Stiere schauen von einer Weide zu mir rüber und behalten mich genau im Auge. Ob das an meinen feuerroten Radklamotten liegt? Der Holzzaun mit etwas Stacheldraht reicht sicher nicht, sie aufzuhalten. Torero Thomas kommt auf seinem Metall-Rappen dann aber doch unbehelligt davon.

Und dann ist es soweit, ich bin am Mittelmeer. Von Berlin mit dem Fahrrad, ein erhabenes Gefühl. Ich schiebe mein Fahrrad für ein Foto extra auf den Sandstrand.

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Die Orte erinnern nun mehr und mehr den typischen Strandurlaubsdörfern. Buden, Lokale, Bars mit Fisch, Pizza und Eis säumen den Weg. Aber auch Bausünden mit zehn Stockwerken sind unübersehbar. Mich kümmert es nicht, ich genieße die Fahrt am Meer bei Sonnenschein, auch wenn bei weitem keine Badetemperaturen herrschen.

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Zum Ende der Tagestour muss ich mich noch etwas durch den städtischen Verkehr von Montpellier kämpfen. Viel ärgerlicher ist aber etwas anderes. Ich habe meine Schlüssel verloren. Wahrscheinlich ist das gestern passiert, als das abgestellte Rad dreimal bei dem Wind umgestürzt ist. Jetzt sind nicht nur die Schlüssel von Wohnung und Fahrradschloss weg, sondern auch die Pitlock-Muttern zum Lösen des Vorderrades. Und das muss für den Rückflug ab. Ich habe keine Ahnung, wie ich das hinbekommen soll.

Triumphbogen Porte du Peyrou

Triumphbogen Porte du Peyrou

Etappe 23: 2000km in der Camargue

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Tja, ein Pausentag in Arles am Sonntag bei Orkan ist nicht so sonderlich spannend. Die Straßen sind im wahrsten Sinne leergefegt, die meisten Lokale verschlossen und der eisige Sturm treibt mich zum Aufwärmen immer wieder auf‘s Zimmer. In der Zwischenzeit schaue ich mir die Arena an, die von außen eindrucksvoller ist, als innen mit ihren überbauten Sitzen auf einer Gerüstkonstruktion.

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So freue ich mich heute richtig darauf, wieder auf Tour zu gehen. Nach einem Tipp von Lysann fahre ich aber nicht direkt in Richtung Montpellier, sondern nehme den Weg über die Camargue. Zunächst mit Rückenwind treibt es mich in eine verlassene Landschaft. Flach, herb, weit. Es ist im weitesten Sinn das Rhône-Delta, in dem sich das Flusswasser mit dem Salzwasser des Mittelmeers vermischt. Salzgräser und ausgetrocknete Mulden mit Salzkruste wechseln sich mit Brackwassertümpeln ab.

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In dieser Natur, auf einer einsamen Landstraße, springt mein Kilometerzähler auf die 2000. Grandios, dieses Gefühl, dass ich das geschafft habe. Aber noch viel großartiger ist es, ich habe immer noch Spaß und es fühlt sich immer besser an.

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Die Straße wird zur Schotterpiste, die nur für Wanderer und Radfahrer quer durch das Schutzgebiet der Camargue führt. Rückenwind ist leider zu Ende, er kommt von der Seite und von vorne. Es wird beschwerlich. Aufsteigende Flamingos, die dabei ihr rotes Federkleid zeigen und trötend ebenfalls gegen den heftigen Wind ankämpfen, lenken mich hervorragend ab.

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In allen Richtungen gibt es was zu sehen: Stiere auf den Weiden, Pferde auf Deichen und auch das Mittelmeer lugt schon zwischen den Dünen hervor.

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Aber diesen Etappenpunkt will ich später noch mal richtig zelebrieren und mit euch feiern. Heute sind es so viele Eindrücke, das reicht. Glücklich, zufrieden und überhaupt nicht angestrengt sitze ich in der Abendsonne und schreibe die Notizen für den Block. Wenn es doch immer so wäre.

Etappe 22: Vor dem Sturm nach Arles

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Für den Ohrwurm noch einmal der Blick auf die Pont d‘Avignon. Sehr schöne Stadt mit dem eindrucksvollen Papstpalast und, ihr ahnt es, sie ist UNESCO-Weltkulturerbe.

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Lysann und ich haben beschlossen, noch eine gemeinsame Etappe zu fahren und so treffen wir uns um 9:30 Uhr auf der ViaRhona. Auch wenn der Weg noch nicht komplett ausgebaut ist, so zeugen doch schon fertig gestellte, spezielle Radweg-Tunnel vom Stellenwert dieser touristischen Fernroute.

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Die Strecke führt zwischen blühendem Ginster und lila leuchtenden Disteln weiterhin an Weinreben durch die Ebene.

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Ein älteres Paar, also augenscheinlich noch älter als ich, queren mit vollgepackten Fahrradtaschen den Weg. So sonnengegerbt und komplett ausgerüstet die beiden sind, ist mir klar, die fahren nicht nur spazieren. Tatsächlich erklären sie im schönsten Schwyzerdütsch, dass ihr Ziel Grenada ist und sie im großen Bogen über das Baskenland wieder in die Schweiz nach Graubünden zurückfahren. Wow, da bin ich ja der Ausflugsradler. Ich kann sie gut verstehen. Radfahren macht süchtig, ich spüre es. Gerade heute fühle ich so eine kleine Wehmut, dass in 700 km meine Challenge zu Ende ist. Verrückt, oder? Es ist diese Mischung aus körperlicher Anstrengung, Rhythmus und Eindrücken, die an der Strecke auf mich wirken und wenn es nur ein Kirchenruine oder so was ähnliches ist.

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Das Ziel der Schweizer für heute ist noch Montpellier und so treten sie rein und sind bald entschwunden. Für uns geht's gemütlich weiter mit einer Pause in Beaucaire und einem Mittagssnack in einem gerade eröffneten Bio-Restaurant, in dem die Chefin liebevoll ihre Produkte anpreist und das Essen mit veganer Mousse au Chocolat in Macarons krönt. Lecker!

Die Landschaft wirkt zunehmend mediterran und immer häufiger schauen weiße Pferde der Camargue uns Radler lässig zu.

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Die heutige, sehr kurze Spazierfahrt von knapp 60 km, die von heftigen Windböen begleitet wird, endet in Arles. Schon der erste Eindruck der engen Gassen, Plätze und der Arena macht Vorfreude auf den morgigen Besichtigungstag. Denn ich unterbreche schon wieder die Tour, allerdings hauptsächlich wegen der angekündigten orkanartigen Sturmböen. Da will ich nicht auf dem Rad durchgerüttelt werden.

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Etappe 21: Auf nach Avignon

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Nach Sonnenschein kommt Regen, so heißt es wohl und so ist es auch. Zum Glück nur Nieselregen, der nicht weiter stört. Auch der Weg ist heute nicht so doll, die ViaRhôna wird hier noch gebaut und führt über provisorische Wege. Aber wie es sich für die Provence gehört, komme ich an den ersten Lavendelfeldern vorbei.

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Ich fahre gemütlich, die geplante Tour nach Avignon ist nicht so weit und niemand hetzt mich, denn ich muss nicht mehr arbeiten. Dabei denke ich an die verrückten Zeiten auf der Pressestelle zum 1. Mai zurück. Journalisten, die nach eingeschlagenen Scheiben und brennenden Autos gierten und nur schwer ihre Enttäuschung verhehlen konnten, wenn alles friedlich blieb. Ein Fernsehsender war sich nicht zu blöde, schon einen Aufnahmetermin reservieren zu wollen, wenn es den ersten Toten gibt. Und das war kein privater Knall-TV-Kanal.

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Wie schön ist es doch hier in der Natur. Ich folge der ausgeschilderten ViaRhôna und nicht meinem Navi, das schon seit ewigen Zeiten rumnölt: „Jetzt umkehren, die Tour liegt 10 km hinter dir“. Aber Ausschilderungen haben so ihre Besonderheiten. Riesige Schilder weisen auf den einzigen fahrbaren Weg überdeutlich hin, fehlen dafür aber an unklaren Kreuzungen. So lande ich im Niemandsland. Eine Radfahrerin kommt mir entgegen und fragt nach dem Weg. Meine Antwort: „Pardon je parle seulement peu français!“ erwiedert sie: „Prima, dann sprechen wir deutsch!“ Auch sie hat etwas die Orientierung verloren und da sie ebenfalls Avignon als Ziel hat, machen wir uns gemeinsam auf die Wegsuche. Lysann, so ihr Name, stammt aus Erkner und lebt jetzt in der Schweiz. Sie fährt ebenfalls Langstrecke und hat nach ihrem Start in Frankfurt den Weg über die Schweiz am Genfer See vorbei durch Frankreich genommen.

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Ich glaube, wir beide genießen es mal, gemütlich quatschend die Steigungen durch die Weinberge von Chateauneuf du Pape zu ertragen und die Ausblicke zu genießen. Avignon begrüßt uns mit Sonnenschein und wirkt so charmant, dass ich eine Pause einlegen werde, schon allein zur Besichtigung des Papstpalastes, der am Abend eindrucksvoll die Stadt dominiert.

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Heute muss ich nicht alleine Essen gehen und bei einem Glas Rotwein wird es etwas später. Etwas zu spät für einen Kalauer mit einem Foto auf der Brücke von Avignon: „sur le pont d'avignon“. Und wem das jetzt nicht sagt, der ist deutlich jünger als 60.

Etappe 20: Brücken über die Rhône

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Doof, dass ich schon mit Superlativen die Radwege in Frankreich gelobt habe. Wie soll ich jetzt noch erklären, dass der Rhone-Radweg alles noch toppt. Fast durchgängig bester Straßenbelag reicht schon nicht mehr. Es ist ein Fahrrad-Highway durch die Natur.

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Rechts von mir stehen die Weinreben mit ihrem ersten Grün. Der Côtes du Rhône. Jetzt ist mir klar, warum der so gut schmeckt. In dieser Landschaft, mit diesem Ausblick, das kann nicht anders sein.

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Die Provence im Sonnenschein, es blüht rechts und links der Radbahn und ich träume vor mich hin. Etwas zu sehr. Ich habe Gefälle und drücke meinen Schwerlaster bei 30 Stundenkilometer in die Rechtskurve. Kein Mensch weiß warum hier Schotter liegt. Das Vorderrad springt über einen Kiesel, rutscht weg und ich sehe mich schon über den Weg schlittern. Das Hinterrad bricht ebenfalls aus, verkleinert dadurch den Winkel und mit einem Herzschlag bis zum Hals, bekomme ich wieder die Kontrolle über mein Fahrrad. Uiuiui, das war ein Warnschuss. Ab sofort Bremse ich früher und stärker, auch wenn es schade um den Schwung ist.

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Der Weg geht immer abwechselnd links und rechts der Rhône entlang. „Über sieben Brücken musst du geh’n“ kommt mir in den Sinn, aber die Anzahl reicht lange nicht. Es sind weit mehr und oft herrlich alte Konstruktionen, die die Rhône überspannen.

Ohne zu hetzen, treibe ich weiter vor mich hin. Nur etwas vorsichtiger. Trotzdem geht es gut voran, so dass ich am frühen Nachmittag mit insgesamt über 1800 km mein Ziel in Pierrelatte erreiche, in der Provinz der Provence. Heute gibt's keine Besichtigung. Ich sitze in der Sonne.

Etappe 19: Rückenwind an der Rhône

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Der Pausentag hat mir gut getan und Lyon ist es auch wert, etwas länger besichtigt zu werden. Natürlich ist die Stadt UNESCO Weltkulturerbe, besticht aber nicht nur durch historische Kirchen, Altstadtviertel und eindrucksvolle Denkmäler. Es ist eine lebendige Stadt, nicht ganz so geleckt wie Prag, sondern in einigen Ecken gibt es auch den maroden Charme von Kreuzberg. Gefällt mir gut. Mit neuer Kraft und bei Sonnenschein werfe ich noch einen letzten Blick auf die hoch über der Stadt thronenden Kirche Notre-Dame de Fourvière.

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Die Saône fließt in Lyon in die Rhône, die fortan meine neue Begleiterin ist. Und sie macht sich gut. Nachdem ich jetzt die Vororte verlassen, Hauptstraßen und Autobahnen gequert habe, macht die grüne Veloroute Via Rhôna ihrem Namen alle Ehre. Sie gibt regelmäßig freie Blicke auf den Fluss, ist hervorragend asphaltiert und fernab von Autoverkehr. Mir geht es wieder gut. Nur noch kurz denke ich an die Horrorfahrt von Vorgestern. Ich bin richtig froh und freue mich, dass es mir nach so vielen Kilometern noch so gut geht.

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Weite Passagen führen durch herrliche Obstplantagen, in deren Bäumen sich schon die ersten Früchte entwickeln. Warum es an diesem Superweg keine Cafés oder Restaurants gibt, mag nur der Franzose erklären. Daher genieße ich zum Mittagessen Studentenfutter und Wasser auf einer Bank mit freien Blick auf die Rhône. Geht auch.

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Der kräftige Wind treibt mich weiter, ich habe praktisch den Turbo eingeschaltet und düse an den ersten Mohnblumen vorbei, in Richtung Süden.

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120 Tageskilometer sind heute keine Anstrengung und locker erreiche ich Valence, das nördliche Tor zur Provence. So darf es weitergehen.

Etappe 18: Mit Frust nach Lyon

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Ich kann nicht genug Schimpfworte für diesen Tag finden. Ich brülle lauthals „Scheiße“, es hilft nicht. Meine Finger sind klamm, der Regen tropft vom Helm und der Weg ist die absolute Zumutung. Im Schritttempo manövriere ich mich an wassergefüllten Schlammlöchern vorbei. Der Modder hängt an Fahrrad und Hose.

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Auf der Landstraße ist es aber auch nicht besser. Ich brülle mit Kraftausdrücken gegen den Lärm der vorbeidonnernden Autos an und werde doch nur von deren Gischt besprüht. 80 km können so furchtbar lang sein. Bibbernd erreiche ich Lyon.

Heute geht's nicht unter die Dusche, ich habe eine Badewanne und da weiche ich im heißen Schaum den Dreck und Frust von Körper und Seele.

Danach geht es etwas besser und ich spaziere durch das verregnete Lyon.

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Eine Pause mit Heimatgefühlen im Kaffee Berlin tut mir gut. Ich glaube ich entspanne mal und bleibe einen Tag in Lyon. Ist übrigens UNESCO-Weltkulturerbe.

Basilika Notre-Dame de Fourvière

Basilika Notre-Dame de Fourvière

Etappe 17: Im Regen durch Burgund

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Heute verlasse ich die VeloRoute6 und schwenke nach Süden auf die Route 17. Aber ich habe mich wohl in der Richtung geirrt. Statt in den Süden von Frankreich scheint es an den Nordpol zu gehen. Kalte 9°C, Regen und sturmartiger Wind sind mein Begleiter. Die EuroVelo17 ist zwar ebenso perfekt auf alten Bahngleisen ausgebaut, aber überall liegen abgerissene Zweige und Blätter herum.

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So habe ich mir die Begegnung mit dem Burgund nicht vorgestellt. Wie schön muss diese Strecke bei Sonnenschein sein. Über sanfte Hügel an Weinreben vorbei, durch Waldhänge und kleinen Orten. Ein Glas Burgunder auf der Terrasse eines Winzers. Ist aber nicht!

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Trotz aller Widrigkeiten komme ich in meinen Tritt. Auch wenn ich alleine fahre, ich komme mir auf dem Rad nicht einsam vor. Eigentlich bin ich schon immer gerne Fahrrad gefahren. Die Gedanken fliegen in die Kindheit, als ich mit meinem Freund auf dem elterlichen Mieterparkplatz die Motorradstaffel der Polizei nachgespielt habe. Damals parkten auf dem Schotterplatz so wenig Fahrzeuge, dass wir ungestört freihändig auf dem Gepäckträger stehend, unsere Runden drehen konnten. Große Kunst war auch, rückwärts auf dem Lenker zu sitzen. Ich hatte leider kein „Bonanza“-Rad und so habe ich mein Rad wenigstens als „Easy-Rider“ mit zusätzlichen Scheinwerfern, na ja, Fahrradlampen ausgestattet. Die hatte ich an einem alten Fahrrad im Keller, ich sag mal, abgebaut. Als das rauskam, gab’s ne kräftige Schelle von meinem Papa.

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In der Zwischenzeit wird der Regen immer kräftiger und, ich habe ja von gestern gelernt, so stoppe ich zur Mittagszeit in Cluny und genieße Moules et Frites, Muscheln mit Pommes, hervorragend in einer Soße mit Pfefferkörnern zubereitet. Burgunder nehme ich nicht, eine Bergsteigung liegt noch vor mir, sondern bestelle gekonnt „Une Bouteille d’eau“. Zum Nachtisch gibt es eine Crème brûlée aus Pistazien. Geht doch.

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Der anschließende Berg ist nicht ohne, aber doch zu meistern und so erreiche ich bald meinen Übernachtungsstopp Mâcon. Die 1500km sind überschritten und in der Summe war es kein schlechter Tag.

Was mir noch einfällt: vielleicht habt ihr alte Fotos von eurem Fahrrad, egal ob Bonanza oder Kinderrad, mit oder ohne euch. Mit dem Handy abfotografiert und an info@grad60.com geschickt. Würden wir veröffentlichen und wir alle hätten unseren Spaß.

Etappe 16: Durch Rapsfelder nach Chalon-sur-Saône

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Die ganze Nacht hat es geregnet, ach was, geschüttet. Jetzt am Morgen ist es bedeckt und es scheint trocken zu bleiben. Beim Frühstück wird mir klar, warum es in Frankreich petit dejeuner heißt. Betonung auf „petit“. Baguette, Marmelade, Butter und Kaffee. c'est ça. Mal sehen, ob die Energie für die Etappe heute reicht. Der Weg ist nicht besonders spannend, ich trudel so vor mich hin und denke noch mal an die Wirtin, die mit mir ein paar Worte in recht gutem Schuldeutsch gewechselt hat, weit besser als mein Französisch.

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Die Gegend ist inzwischen sehr landwirtschaftlich geprägt. Ich fahre an blühenden Rapsfeldern vorbei und muss ständig gegen die Windböen kämpfen, die über die freien Felder wehen. Etwas angestrengt erreiche ich den Zusammenfluss der Doub und der Saône.

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Leider geht der Radweg öfters weg vom Fluss. Schöne Aussichten auf Ufer und Wasser werden seltener.

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Ohnehin geht mein Blick immer wieder zum Himmel, an dem zum Teil sehr düstere Wolken entlangfegen. Ich habe Glück. Ohne Regen erreiche ich mit 1450 km die Stadt Chalon sur Saône und habe am Nachmittag noch ausgiebig Zeit, die Kathedrale St. Vincent und den Tour du Doyenné zu besichtigen und durch die Einkaufszone zu bummeln.

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Das petit dejeuner bringt mich natürlich nicht über den Tag und ich suche ein Restaurant. Aber das ist so eine Sache. Bis 14 Uhr und ab 19 Uhr gibt es was. Dazwischen: nichts. Ich frage in drei Restaurants nach und werde angeguckt, als ob ich eine Abartigkeit will. Tatsächlich ziehe ich kurz McDonald's in Erwägung. Aber so tief will ich doch nicht sinken und helfe mir in einer Patisserie mit drei Kugeln Eis über die Zeit. Gegen 19 Uhr öffnen zwar die Lokale langsam, aber in keinem sieht es aus, als ob hier vor 20 Uhr was zu beißen auf dem Tisch steht. Letztendlich lande ich in einer Pizzeria. Soviel zum Essen wie Gott in Frankreich. Ich glaube ich muss an meinem Zeitmanagement arbeiten.

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Etappe 15: Mit Glücksgefühlen nach Dole

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Es kommt völlig unerwartet. In der Brust steigt ein Glücksgefühl hoch, das mit einem Juchzen heraus will. Es gluckst in mir. Der Bauch fühlt sich an wie in einem Fahrstuhl, der viel zu schnell nach unten fährt. So leicht und kribbelig. Ich habe richtig einen Flash der Hormone und muss mein Grinsen nur kurz unterbrechen, weil ich durch Schwärme von Eintagsfliegen fahre, die wie Rauchwolken über der EuroVelo6 am Ufer der Doubs wabern.

Warum ausgerechnet heute? Noch am Morgen habe ich mich in die Radklamotten gequält, es ist kalt und regnerisch. Ich muss wieder die lange Hose und den Windbreaker mit Ärmeln anziehen. Mit trüben Gedanken, ich habe erst die Hälfte der Strecke geschafft und es ist noch sooo weit, steige ich auf die Tretmühle. 26°C und Sonne – in Berlin, hier oll und kalt.

Und jetzt das. Es flutscht. Zur Belohnung kommt auch noch die Sonne heraus und färbt das enge Tal am Fluss Le Doubs in saftiges Grün. Rotbraun darüber leuchtet der Turm vom Schloss Montferrand aus dem 13. Jahrhundert. Bei den gelegentlich vorbeituckernden Hausbooten winken die Besatzung und ich uns gegenseitig zu.

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Der asphaltierte Weg schlängelt sich am Ufer entlang, ist glatt, breit und vorbildlich ausgeschildert. Jetzt wird mir endgültig klar, warum die Tour de France zu Frankreich gehört. Hier wird dem Radfahrer etwas geboten. Hunderte von Kilometern perfekte Wege, nahezu ohne Autoverkehr, das ist soweit von den Verhältnissen in Deutschland entfernt, wie die Tour de France lang ist.

Mit der Zeit weitet sich das Tal und auf den frischen Wiesen stehen Schafe, die noch nicht einmal die Köpfe heben, als ich vorbeifahre.

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Wie gut es mir geht! Der halbe Weg nach Barcelona ist schon geschafft, viel schneller als erwartet. Heute habe ich mir nur eine kurze Etappe von 60 Kilometern vorgenommen und drossele bewusst meine Geschwindigkeit. Es bleibt Zeit, den am Wegesrand inzwischen zu Pusteblumen gewordenen Löwenzahn zu bewundern.

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Schon zur Mittagszeit erreiche ich das Städtchen Dole und schaue mir das Geburtshaus von Louis Pasteur an, dem Entwickler von Impfstoffen und der nach ihm benannten Konservierung von Flüssigkeiten.

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Beim verlassen von Dole flüstert mein Körper: „fahr doch weiter!“ Der einsetzende Regen und meine Erinnerung an Vorgestern bringen mich zur Vernunft. Ich übernachte in dem freundlichen Bed and Breakfast „Domaine de la Borde“ am Rand von Dole und freue mich auf die nächste Etappe morgen.

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Pausentag in Besançon

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Gestern war‘s doch ziemlich heftig mit den Kilometern. Schon wenige Treppenstufen strengen mich wie eine Bergbesteigung an. Weder Körper noch Geist wollen heute aufs Fahrrad. Also bleibe ich in der Stadt und schaue mich hier um. Als erstes schon wieder hoch auf die Zitadelle. Aber sie ist nun mal das Wahrzeichen der Stadt und erneut ein UNESCO Kulturerbe auf meiner Tour. Schöne Aussicht hier oben, aber sonst nicht so besonders. Außerdem ist in der Zitadelle ein Zoo untergebracht. Die Affen im Burggraben passen noch ein bisschen, aber Kängurus auf der Wiese, was soll das?

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Dafür gefällt mir in der Kirche vor der Burg die sensationelle astronomische Uhr. Gebaut um 1860 aus 30.000 Einzelteilen zeigt sie nicht nur die Uhrzeit aus Städten der ganzen Welt an, sondern die Gezeiten von verschiedenen Orten am Meer, Sonnen- und Mondfinsternisse, Osterfeiertage sowie Schaltjahre und sogar Schaltjahrhunderte. Der Zeiger bewegt sich nur alle 400 Jahre. Zum ersten Mal war das im Jahr 2000.

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Als ich aus der Kirche herauskomme, stürmt und regnet es. Also schnell ins Hotel und relaxen. Und daher nur ein Kurzbericht.

Etappe 14: EuroVelo6 nach Besançon

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Ich muss euch gestehen, mein Französisch ist miserabel. Ich habe nur mit viel Wohlwollen in der Schule eine 4- bekommen und die war schon geschmeichelt. Jetzt rächt sich das. Gestern bestelle ich gekonnt einen Café au lait und Aqua. Der Kellner schaut mich fragend an. Ich wiederhole überzeugt: „Aqua, Wasser, Water!“ Er: „ah, d’eau“, Ich: „si, äh, oui!“ Naja, ich bin ja noch am Anfang. Mein Navi ist übrigens noch schlimmer, das spricht das Französisch, wie es geschrieben wird. Ein Chateau wird zum Cha – Te - Au. Trotz aller Sprachschwierigkeiten werde ich perfekt auf die EuroVelo 6 an den Rhone-Rhein-Kanal geführt.

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Schnurgerade geht der Weg und die einzige Abwechslung an diesem wolkenverhangenen Tag sind die kleinen Schleusen. Es sind unendlich viele, manche nur 500 m voneinander entfernt. Nach der Zwanzigsten höre ich auf zu zählen und denke an Martin, wie er über das Schleusen am Canal du midi berichtet.

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Ich komme zügig voran und bin nach 60km und 3 Stunden in Montbeliar. Schon am Abend schaue ich nach, wo ich eventuell übernachten kann. Nach Montbeliard gibt es zumindest auf Booking.com und Co bis Besançon nichts mehr. Das sind noch einmal fast 100km. Ich zucke kurz, ich fühle mich fit und ohne lange zu überlegen, trete ich wieder in die Pedale. Der Weg geht weiter geradeaus, kein Autoverkehr, wenig Radfahrer, nur auf Enten muss ich achten.

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Hunger und Durst steigern auf. Ein kühles alkoholfreies Weizen und ein Burger würden passen. Und jetzt fällt es mir auf, kein Restaurant kein Biergarten, kein Kaffee weit und breit. Zum Glück habe ich genug Wasser, naja, und Eiweiß-Powerriegel dabei, naja. Aber der Platz am Fluss ist schön und langsam bessert sich auch das Wetter.

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Die Veloroute 6 wechselt zum Fluss le Doubs, der nun deutlich mehr mäandert und sich zwischen Bergen und Felsen seinen Weg sucht. Zum Glück führt der Radweg weiter am Flusslauf entlang, herrlich eingebettet zwischen üppiger Vegetation.

Schön, schön, aber es beißt in den Waden. 80 km sind für mich bequem, 100 km anstrengend, über 120 abartig. Heute sind es 150 km. Ausgerechnet vor Besançon ist der Radweg gesperrt und ich werde umgeleitet. Völlig ausgelaugt und verzweifelt sehe ich die monsterhohe Zitadelle vor mir, die Stadt ist auf der anderen Seite. Dazu plärrt mein Navi ständig: „jetzt umkehren“. Es ist zum verrückt werden. Beim dritten Umkehren sehe ich endlich den schmalen Fahrradtunnel, der durch den Berg in die Stadt führt. Angekommen. Puhh.

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Etappe 12 und 13: Bonjour Fronkreisch

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Hallo, ich bin wieder da! Zuerst möchte ich euch noch kurz von gestern berichten. Ich weiß, immer von einem perfekten Tag zu erzählen, ist langsam etwas langweilig. Aber mit Rückenwind auf dem Rheindeich, mit Abstechern durch die Feuchtgebiete der Rhein-Nebenflüsse, mit Natur ohne Autoverkehr, da kann ich einfach nicht meckern. Wenn überhaupt, sind es die Kieswege, die etwas mehr Aufmerksamkeit erfordern.

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Kurz vor 14 Uhr bin ich rechtzeitig in Breisach für eine Kellereibesichtigung bei Geldermann. 5 1/2 km Kellergänge sind mit Sektflaschen gefüllt. Viel, und auch die ganze Produktion ist ganz schön aufwändig. Martin beschreibt das in “Sekt oder Selters” sehr anschaulich, einfach mal hier klicken.

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Mit einem mitgebrachten Gin aus Straßburg, wieder ein sehenswertes UNESCO-Weltkulturerbe mit zu vielen Touristen, erreiche ich kurze Zeit später die Freunde in Merdingen. Der Grill wird angefeuert, sie haben Eis und Tonicwater...

Folgerichtig geht es heute nach einem gemütlichen Frühstück etwas verspätet los. Der Weg ist weiterhin super. Bei Neuenburg überquere ich den Rhein, je suis en France.

Nur ein lapidares Schild steht am Wegesrand und das war's. Europa, ich liebe dich. Die Wege auf der EuroVelo 6 werden ebenso hervorragend durch Wälder und ruhige Nebenstraßen geführt. Aber jetzt bin ich in Frankreich und richtig weit weg von Berlin.

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Es fühlt sich noch mehr nach Abenteuer an, als der magische Punkt 1000 km. Die kurze Etappe heute endet in Mulhouse, direkt am Rathaus. Auf dem Tacho stehen 1140 km

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Elfte Etappe: 1000km

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Schon beim Start weiß ich, heute werde ich ein entscheidendes Etappenziel erreichen. Ich freue mich diebisch und schaue alle Nase lang auf den Kilometerzähler, der heute bei 940 gestartet wurde. Perfekter kann ein Tag nicht los gehen. Die Sonne scheint, der Weg ist traumhaft und ich habe kräftigen Rückenwind  auf dem Rheindeich. Ein paar Radler kommen mir entgegen und treten verbissen gegen den Wind. Oh wie ich das kenne.

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Weiter geht es über autofreie ruhige Nebenstraßen durch ein Naturschutzgebiet. Ein paar Reiher gucken genervt und entscheiden sich bei meinem Annähern gemächlich aufzufliegen. Wie schon auf meiner Tour nach Prag summe ich „Mein Haus am See“ vor mich hin, ein Frauenchor, der für mich singt, ich höre ihn. Eine weitere Fähre über den Rhein nimmt mich auf die andere Seite. Schön, mit den Fähren steht es jetzt 2:2.

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Nebenbei schiele ich weiter auf den Tacho, um nur nicht die magische Zahl zu verpassen. Mein Übernachtungsziel ist heute die Stadt Kehl. Ich möchte am Nachmittag nach Frankreich rüber und mir Straßburg anschauen, mit der Straßenbahn. Kehl ist nicht mehr weit und zum ersten mal hoffe ich, dass der Weg zum Ziel länger ist. Und dann, perfekt wie inszeniert, springt der Kilometerzähler auf die 1000, direkt an der Passerelle neben der Europabrücke zwischen Kehl und Straßburg.

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Ich fühle mich großartig und werde mir heute bestimmt ein Glas Wein gönnen. Ich habe zwar noch nicht einmal die Hälfte geschafft, aber daran denke ich heute nicht.

Morgen habe ich übrigens schon wieder eine Verabredung. Der Bruder und die Schwägerin von unserem Martin wohnen in der Nähe von Freiburg. Und da fahre ich hin. Weil wir sicher viel zu erzählen haben, gibt’s morgen mal eine Pause auf unserem Blog. Vielleicht scrollt ihr dafür ja mal runter zu den älteren Artikeln von uns auf grad60.com. Ich glaube es sind interessante Geschichten dabei.

Zehnte Etappe: Im Butterblumenmeer den Rhein entlang

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Ist es ein Egotrip? Muss ich es beweisen? Verrückt? Ja! Und es macht Spaß. Der Claim unseres Blogs heißt: „Jetzt haben wir Zeit für uns!“ Wann dann, wenn nicht jetzt.

Alleine spule ich meine Kilometer ab, komme in einen gleichmäßigen Rhythmus und achte einfach nur auf mich. Tempo, wenn mir danach ist, jetzt mache ich Pause, hier stoppe ich für ein Foto. Das geht nur alleine.

Aber es hat auch seine Schattenseiten. Die Pasta jeden Abend ohne Begleitung zu essen, ist nicht so unterhaltsam. Meine Ablenkung ist ein kleines Notizbüchlein, das ich von der Tochter meines Freundes und Blog-Mitbetreibers Martin zur Pensionierung geschenkt bekommen habe. Darin notiere ich meine Gedanken, um sie am Abend für euch in den Blog zu übertragen.

Trotzdem ist es, auch gerade beim Frühstück, etwas öde. Aber heute ist alles anders. Eine Freundin aus dem nahen Landau ist da. Das Ei ist frischer, die Brötchen besonders knackig, der Kaffee aromatischer als sonst. Ich freu mich riesig über die Stippvisite und genieße die Unterhaltung. Es gibt viel zu erzählen und so starte ich deutlich später auf meine Tagesetappe.

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So schön wie es anfängt, geht es weiter. Herrlicher Sonnenschein, 24 Grad, nach den kurzen Hosen gestern kommen heute auch die Jackenärmel ab. Der Weg am Rhein ist perfekt. Ich fahre nicht mehr einsam meine Strecke, sondern viele Tourenradler, meist mit Elektroantrieb, Familien auf Ausflug und Rennradler zischen durch Bruchwälder, auf Auen oder den Deich entlang. Es ist ein sehr abwechslungsreicher Abschnitt. An der Böschung begleitet mich ein Meer von Butterblumen.

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Sogar die Fähre fährt. Sie bringt mich mit dutzenden von Radfahrern auf die andere Rheinseite.

Städte, die sonst nicht auf dem Plan stehen, kommen mir als Radfahrer in den Blick. Nach einem perfekten Tag steure ich Rastatt mit seinem barocken Residenzschloss an und genieße den blühenden Schlossgarten und die freundliche Innenstadt.

Heute schmeckt auch das Essen an meinem Einzeltisch.

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Neunte Etappe: Am Rhein bis Speyer

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Erstmals in kurzer Radlerhose, was für ein Gefühl! Im Sonnenschein an den Rhein. Schnell bin ich aus Mainz raus und biege auf den Rheinweg ab. Die ersten Weinberge kommen in meinen Blick. Sie zeigen ein erstes aufbrechendes Grün.

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Plötzlich und unerwartet zischt er auf den Bahngleisen neben mir vorbei. Nicht aggressiv wie ein ICE, sondern in gelassener Geschwindigkeit, der Rheingold-Express. Majestätisch, der eigenen Eleganz bewusst, zieht er vorbei. Ich meine, ein paar Gäste beim Kaffee in der Aussichtskuppel zu erkennen. So kurz der Augenblick ist, er wirft mich gedanklich in die 70er zurück. Da der Weg keine Aufmerksamkeit erfordert, fahre ich gerade als 16jähriger mit zwei und drei Jahren älteren Freunden im Renault R4 nach Speyer. Quälend eng nach heutigen Maßstäben kriechen wir mit 24 PS die Kasseler Berge hoch. Nur dunkel erinnere ich mich dann an die Besichtigung des Doms. Was ich aber weiß, ist der Kinobesuch auf dieser Fahrt. Es gab den Charakterfilm „Sex zwischen Tür und Angel“ in den ich mich trotz Altersbegrenzung schummeln konnte. Bei diesen Gedanken stört mich heute nur wenig, dass der Radweg häufig durch Industriegebiete von BASF und Gewerbebereiche von Ludwigshafen führt. Nach insgesamt 850km entdecke ich schon von Weitem den Dom von Speyer und beziehe in dieser gepflegten Touristenstadt mein Quartier. Danach besichtige ich ausgiebig die größte romanische Kirche der Welt. Kino gab’s diesmal keins.

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Achte Etappe: Kurzstrecke nach Mainz

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„Los geht's“, so begrüßt mich meine Navigations-App beim Start. Also, los geht's im Nieselregen. Ich weiß, in Berlin scheint die Sonne. Irgendwann ist es bestimmt umgekehrt. Heute habe ich nur eine kurze Etappe von 50 km vor mir, mit einer Fährüberquerung des Main. Theoretisch. Beim Ranfahren alarmiert mich schon der im Weg stehende Transporter. Und tatsächlich, der Tank der Fähre braucht dringend eine Überholung. Soll irgendwie nicht klappen.

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Ein großer Bogen über Frankfurt auf der falschen Seite des Mains bringt mich letztendlich über eine Brücke mit Blick auf die Frankfurter Skyline wieder auf die Strecke. Leider sind die Radwege zugeparkt oder auf holprigen Pflaster über viel zu schmale Gehwege geleitet. Erst auf der anderen Seite gibt es einen breiten asphaltierten Weg mit freiem Blick auf den Main.

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Ich fahre über einige Nebenstraßen und quere geplant über eine Brücke den Rhein. Ungewöhnlich früh habe ich heute mein Ziel erreicht: Mainz. Die Sonne kommt raus, also alles perfekt für eine Stadtbesichtigung und Besuch des Gutenberg Museums. Prunkvolle Bücher, historische Papierherstellung, verschiedene Drucktechniken und Druckerpressen aus der ganzen Welt zeigen anschaulich, wie aufwändig und schwer Texte zu konservieren waren. Internet und grad60.com geht eindeutig leichter.


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Siebente Etappe: Einsam auf dem Vulkanradweg

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Schade, heute verlasse ich den Fulda-Radweg und starte meinen Tag auf dem Vulkanradweg. Und siehe da, Hessen, mein neues Fahrradland. Der Vulkanradweg ist ebenso perfekt und gefällt mir fast noch besser, weil er durch einsame Buchenwälder führt und Autostraßen so gut wie nicht zu sehen und zu hören sind.

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Offensichtlich wurde der Weg auf einer alten Bahnstrecke erbaut. Viel ist davon nicht zu sehen, nur zwei Bahnsteige und ein Signal stehen jetzt ohne Funktion am Weg. Der höchste Punkt meiner heutigen Tour liegt bei 650 m üNN.

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Dank der Bahntrasse ist der Aufstieg konstant und ohne Spitzen. Trotzdem bin ich froh, auf der anderen Seite mit Gefälle wieder Tempo zu machen.

Es sind so gut wie keine Radfahrer und selten ein paar Fußgänger unterwegs. Scheuen sie alle die Anhöhe? So strahle ich alleine vor mich hin. Ein bisschen höre ich mich hinein, ob jetzt in dieser Einsamkeit die Hape-Kerkeling-Erkenntnisse kommen. Mir geht's gut, das fühle ich, aber weltbewegende Feststellungen tauchen nicht auf. Aber ich bin dann ja mal erst acht Tage und 700 km weg. Das kommt ja vielleicht noch.

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Die Abende finde ich inzwischen manchmal etwas langweilig. Alleine in Restaurants zu essen, ist auf Dauer etwas öde. Heute entdecke ich in meinem Mini-Übernachtungsort völlig unerwartet ein gepflegtes Ristorante und komme mit dem Wirt Francesco ins Gespräch. Frische Zutaten, hausgemachte Nudeln und authentische italienische Küche sind sein Anspruch. So komme ich in den Genuss eines perfekten Schwertfisch Carpaccios mit rosa Pfeffer, leckeren Linguine mit Spargel, Pistazien und einem unterhaltsamen Gespräch mit dem ambitionierten Chef des Raffinato in Kilianstädten-Schöneck.

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Sechste Etappe: Gegen den Wind nach Bad Hersfeld

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Es gibt zwei natürliche Feinde für Radfahrer. Berge, jedenfalls wenn man von unten kommt und Wind, wenn er von vorne kommt. Berge gibt's heute keine, dafür peitscht mir ein Wind mit voller Wucht von vorne ins Gesicht. Und weil der weiterhin perfekte Fulda-Radweg meist über offene Felder führt, habe ich keine Deckung. Mehrfach ducke ich mich wie ein Rennradfahrer vor den Böen, was mir mit meinem schwer beladenen Tourenrad nur teilweise gelingt.

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Nun ist die Fulda zum Glück ein naturbelassenes Flüsschen, das immer wieder seine Richtung ändert. Nach mühevollen Kilometern bläst der Wind zum Schluss von hinten. Den Unterschied merke ich sofort. Meine Geschwindigkeit ändert sich bei gleicher Anstrengung von 17 auf 27 Stundenkilometer. Das gefällt mir viel besser.

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So passiere ich mit Erdbeereisbecher gestärkt und mit Rückenwindpower Bad Hersfeld. Der Blick auf die Fulda macht so auch eindeutig mehr Spaß.

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Der Fulda-Radweg, ich möchte es noch einmal betonen, hat aus meiner Sicht 4 Sterne verdient. Der Belag ist glatt, zum Teil mit bestem Skater-Asphalt, die verschiedenen Aussichten auf den Fluss abwechslungsreich. Dazu ist er immer eindeutig ausgeschildert. So gut, dass ich den Wegweisern eher folge als meiner Navigations-App, die an einigen Stellen ungewöhnliche Wege vorschlägt.

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Mit 590 km finde ich im Örtchen Schlitz mein heutiges Ziel und habe noch Zeit, den im 14 Jahrhundert erbauten Hinterturm zu besichtigen. Der runzlige Turmwärter gibt mir eine private Führung und beschreibt mir die tief am Turmboden liegenden Verliese, in die Gefangene mit Seilen hinunter gelassen wurden. Seine ganze Begeisterung gilt aber der größten Kerze der Welt. Der 36 m hohe Turm wird zur Weihnachtszeit rot eingehüllt und die Spitze hell beleuchtet. Stolz zeigt er mir Fotos und die Guinness-Urkunde, die den Weltrekord bestätigt. Ja, so eine Radreise bildet.

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Fünfte Etappe: Über den Schneeberg nach Melsungen

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Heute habe ich die altbekannte Lektion: „Probleme muss man angehen, dann sind sie keine“ am eigenen Fahrrad-Körper erlebt. Schon an meinem freien Tag habe ich mich gedanklich mit der nächsten Etappe beschäftigt. Eine starke Steigung unmittelbar hinter Göttingen stach hervor. Mehrfach habe ich mich an den Routenplaner gesetzt und nach einer flacheren Alternative gesucht. Gab's aber nicht. So geht's mit Bammel in der gepolsterten Radlerhose heute früh bei sonnigen 0 Grad Celsius los.

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Der Aufstieg lässt nicht lange auf sich warten. Ich pumpe, ich schnaufe, ich muss absteigen. 200m schieben, dann geht es im ersten Gang weiter. Auf den Wiesen liegt noch etwas Schnee. Von der Kälte spüre ich am Rücken nichts mehr. Da ist nur Hitze und Schweiß. Der Weg biegt auf einen Waldpfad ab. Wieder schieben. An der Kuppe darf ich bei leichtem Gefälle kurz durchschnaufen, um die nächste Höhe relativ schwungvoll zu nehmen. Der Weg senkt sich wieder. Ich schaue nach links, muss ich da wieder hoch? Nein, geradeaus und weiter mit Gefälle. War es das schon? Ja! Das Problem war also nur ein Scheinriese! Ich schrei aus voller Kehle. Wäre jemand in der Nähe, würde er jetzt vorsichtshalber einen Holzknüppel nehmen.

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Jetzt fange ich an, den Tag zu genießen. Ich fahre weiter runter zur Weser und biege dann auf den Fuldatal-Radweg ab. Traumhaft. Glatter Asphalt und schöne Aussichten auf dem Fluss. Perfekt ausgeschildert und ausgebaut. Die Priorität dieses Radweges zeigt sich an einer Baustelle. Der Weg wird auf die Bundesstraße verschwenkt und dafür eine komplette Autospur gesperrt. Der Straßenverkehr muss sich ampelgeregelt die andere Spur teilen. So etwas habe ich noch nie erlebt. Respekt! Der Weg wird witzigerweise auch als Hessen R1 bezeichnet. Da sende ich doch mal freundliche Grüße nach Sachsen-Anhalt.

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An der Fuldaschleife muss ich mich noch einmal kurz anstrengen bis ich mit 500 km auf dem Tacho den kleinen hübschen Ort Melsungen in bester Laune erreiche. Beschwerden, keine.

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Vierte Etappe: Im Schneegraupel nach Göttingen

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Im Harz ist der Winter eingekehrt. Mir pieken Schneegraupel ins Gesicht und die getauten Schneekristalle verschlieren mir die Radfahrbrille. Der Weg führt mich über Geröllpisten in den Harz und hier ist es dann soweit. Ich muss absteigen und schieben. Ich schnaufe wie die alte Harz-Dampflok und komme auch beim Schieben kaum von meinem Puls runter.

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Aber nach jedem Aufstieg kommt ja auch wieder die Abfahrt. Mein schwer beladenes Rad schlingert bei 30 Stundenkilometer bedenklich. Also abbremsen, um hier nicht noch einen fulminanten Sturz auf Schotter hinzulegen.

Langsam ebnet sich der Weg. Nur hinter Bad Gandersheim stellt sich noch einmal ein Berg mit dem unscheinbaren Namen Billerberg in den Weg. Meine Finger sind trotz Handschuhen rot gefroren und meine Füße kaum noch zu spüren. An dem Flüsschen Leine ist es schließlich vollständig flach und ich genieße die ruhige Auenlandschaft im Schneeregen. Nur alle fünf Minuten donnert ein ICE auf der Strecke Hannover Göttingen an mir vorbei.

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Mit gut 400 km auf dem Zähler erreiche ich schließlich Göttingen und hier gibt es auch den ersten Pausentag. Wenn ihr nun meint, dass heute für mich ein Scheißtag war, dann habt ihr euch geirrt. Es hat mir Spaß gemacht. Ich, der Kämpfer gegen die Naturgewalt lasse mich nicht unterkriegen. Eine Challenge, die ich gemeistert habe. Mir geht es nach dem Auftauen richtig gut. Beine und Po ohne Schmerzen und auch das Ziehen im Nacken hat sich abgeschwächt. So kann es weitergehen.

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Dritte Etappe von Quedlinburg nach Goslar

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Mein Navi führt mich nur teilweise über den R1 Europaradweg. Warum auch immer. Vielleicht nimmt es Rücksicht auf die 250km die ich inzwischen auf der Uhr habe und will mich vor den besonders starken Anstiegen im Harz verschonen. Der Nachteil ist, dass ich nur gelegentlich in den Genuss des Waldes komme.

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Außerdem habe ich auch auf den straßenbegleitenden Radwegen heftige Anstiege. Runter in den ersten Gang und trotzdem pumpe ich bis zum Anschlag. Immer wenn ich ans Absteigen und Schieben denke, sehe ich ein Ende des Aufstieges und drücke mit letzter Kraft in die Pedalen.

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Ich komme durch Wernigerode, ein ebenfalls herausgeputztes Fachwerk-Schmuckstück und gönne mir eine Cappuccino-Pause. Trotz der Sonne ist es so kalt, dass ich nicht draußen sitzen mag. Ich habe inzwischen alle meine verfügbaren Sachen an. Besonders meine Füße sind kalt, weil der Wind durch die Sportschuhe pfeift. Da helfen auch die kleinen Sanitär-Plastiktütchen wenig, die ich mir aus dem letzten Hotel mitgenommen und über die Socken gezogen habe. Zum Glück ist mein heutiges Ziel nicht ganz so weit. Nach insgesamt 310 km von Berlin aus erreiche ich Goslar und spendiere mir einen Nussbecher. Ihr wisst ja, ich liebe Süßkram.

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Mit Sauna zum Aufwärmen und Rückenmassage gegen das Ziepen lasse ich mich im Anschluss verwöhnen.

Wie es mir geht? Recht froh, nicht ganz so weit und lange gefahren zu sein. Beine: angestrengt aber okay. Nacken: nach der Massage minimal besser. Po: immer noch erstaunlich gut.

Zweite Etappe von Wittenberg nach Quedlinburg

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Der Tag fängt mit einer Enttäuschung an. Die Elbfähre bei Coswig hat den Betrieb eingestellt. Ein kleiner handgeschriebener Zettel „Aus betrieblichen Gründen findet kein Fährverkehr statt“ bedeutet für mich: keine abgeschiedenen Radstrecken an der Elbe sondern ein Umweg über Bundesstraßen. Im Sekundentakt Rauschen LKWs mit 100 Sachen an mir vorbei. Mir wird angst und bange.

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Nach einer gefühlten Ewigkeit kann ich endlich auf Nebenwege abbiegen und es wird richtig gut. Störche pieken ihren spitzen Schnabel in die frisch umgepflügten Äcker, Wildgänse schnattern wie auf einer Stehparty und Ziegenböcke glotzen mich von den Elbauen an.

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Skeptisch werde ich, wenn mein Navi zuckersüß erklärt: „Jetzt rechts auf Singletrail“. Meist bedeutet das Schotterweg oder sonst wie schwierig zu befahrenes Terrain. Mehrfach ist das auch so. Allerdings mit dem Vorteil, abseits aller Zivilisation die Natur zu genießen. Und richtig zufrieden bin ich, als „Lady komoot“ für mich den Singletrail auf dem Wipper-Radweg auswählt.

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Trotz aller Unebenheiten ist er prima zu fahren und bietet herrliche Ausblicke auf das Flüsschen Wipper. Aber 125km ziehen sich auch und so bin ich glücklich endlich in Quedlinburg einzutreffen.

Eine total restaurierte Stadt, in der ich förmlich die alten Gilden, Händler und Gaukler vor den Fachwerkhäusern sehe. Alles ist erhalten und daher ist Quedlinburg auch absolut berechtigt ein UNESCO-Weltkulturerbe. Schön, dass ich es heute bis hierher geschafft habe.

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Das medizinische Bulletin vermeldet: Gemütszustand: stolz. Beine: leichter Schmerz in der linken Kniekehle. Nacken: das Ziepen ist nicht schlimmer geworden. Po okay.

Und zum Schluss, weil es so schön ist, noch ein paar Fotos aus Quedlinburg.

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Erste Etappe auf dem R1-Fernradweg Berlin - Lutherstadt Wittenberg

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Mein großes Lob an Brandenburg. Der R1 Fernradweg von Berlin nach Lutherstadt Wittenberg ist in einem perfekten Zustand. Häufig zieht sich das glatte Asphaltband durch tiefe Wälder, weitab von Straßenlärm und Autoabgasen. Heute, am Dienstag, ist wenig Betrieb. Nahezu einsam genieße ich bei zügiger Fahrt die aufblühende Natur an diesem kalten aber sonnigen Tag. Da gibt es nichts zu meckern.

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Ganz anders in Sachsen-Anhalt. In der Nähe von Burg Raben steht das Landesschild der Frühaufsteher und schlagartig wird die glatte Schnellfahrpiste zum Schotterweg. Dicke Kiesel, loser Sand und Schlaglöcher vermiesen meine Stimmung. Als auch noch mein Satelliten-Kilometerzähler bei einer besonders heftigen Rüttelstelle abspringt und ich das Teil erst nach intensiver Suche im Graben finde, bin ich echt sauer. So geht das nicht! Zum Glück habe ich schon 100 km hinter mir und nur noch 20 km sind es bis Lutherstadt Wittenberg.

Der Start war genial. Ein letzter Blick auf den Wannsee und die Fahrt über die Glienicker Brücke.

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Für mich das Symbol, ich bin raus aus Berlin, das Abenteuer liegt vor mir! Und schon nach kurzer Zeit darf ich meinen geliebten Kiefernduft einsaugen. Verstärkt durch frisch gefällte Bäume am Wegesrand.

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Durch ein paar heftige Anstiege bei Ferch darf ich, oder besser muss ich, die gewürzte Luft tief einatmen. Auch die Aufstiege bei Bad Belzig und bei Raben haben es in sich. Bei der Ankunft in Lutherstadt Wittenberg merke ich deutlich, dass 120 Radkilometer hinter mir liegen.

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Zum großen Glück finde ich ein helles freundliches Einzelzimmer im Luther Hotel Wittenberg für knapp 60 € inklusive Frühstücksbuffet. Dazu nutze ich die Sauna mit Dachterrasse und sinniere, wie es wohl morgen weitergeht.

Zum Abschluss noch das medizinische Bulletin. Gemütszustand nach Ankunft: zufrieden. Beine: schlapp. Nacken: unangenehmes Ziepen. Po: okay.

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Vorbereitung der Fahrradtour Berlin-Barcelona

Eine Mischung aus Vorfreude und gewaltigem Respekt grubbelt in meinem Bauch. 2.600 Kilometer sind weit mehr als ich jemals gefahren bin. Dagegen ist meine Tour “Rad nach Prag” nur eine Kurzstrecke und die Trainingstour “Havelradweg, ein Stück zum Glück” eben nur ein Training. Wie wird es meinem Po ergehen? Wird es langweilig, wochenlang alleine zu radeln?

Auf der anderen Seite sehe ich das glatte Asphaltband der Fernradwege durch einsame Wälder, rieche den Kiefernduft und erwarte fantastische Ausblicke auf Rhein, Rhone und Mittelmeer. Ich sehe mich im Sonnenschein, wie ich in einen kleinen französischen Ort einfahre und mein Tageswerk mit einem wunderbaren Wein begieße. Und jetzt meldet sich wieder mein Verstand:“ Wenn Du überhaupt so weit kommst!“

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Aber vorbereitet bin ich. Heute brauche ich zum Glück keinen Stapel Fahrradkarten sondern habe die gesamte Strecke auf meinem Handy gespeichert und werde mit der Fahrradnavigation von „komoot“ geleitet. Damit mein Handy nicht schlapp macht, verfügt mein Nabendynamo über eine USB-Ladebuchse. Dazu habe ich noch einen Satteliten-Kilometerzähler am Lenker, um mich an den gefressenen Kilometern zu erfreuen. Eine besondere Federgabel von „Kilo“ hilft mir, auch Schotter und Kopfsteinpflaster zu überstehen.

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Auch wenn ich nur eine Jeans und zwei Schlüppis (und natürlich Waschmittel) mitnehme, so summieren sich Werkzeug, Regenklamotten, warme Jacke, Wasser und Kulturbeutel doch zu einigem Gewicht. Daher muss ich auch zwei Fahrradtaschen an den Gepäckträger klemmen. Außerdem soll mein Netbook mit, um für euch meine aktuelle Lage zu beschreiben und online zu stellen.

Dienstag geht’s los! Hoffentlich schaut ihr häufig rein bei grad60.com. Das wird mir bestimmt helfen, irgendwann triumphierend in Barcelona einzutreffen.

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Am Anfang des Artikels steht “Werbung unbeauftragt”, das heißt, dass dieser Artikel ohne Beeinflussung und Bezahlung geschrieben wurde. Warum der Vermerk trotzdem dort steht, erfahrt ihr auf unserer Seite “Transparenz”.

Sherpa auf dem Stoffmarkt

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Bob Dylan, mein Poet

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