DSCF5710.JPG

Hallo

Herzlich willkommen auf unserer Magazin-Seite.

Wir wollen unterhalten und informieren.

Viel Spaß

Die letzte Tür - Countdown bis zur Pension

Die letzte Tür - Countdown bis zur Pension

Pension_001.jpg

Was ich vor knapp einem Jahr beschrieben habe (Papa ante portas), steht nunmehr tatsächlich vor den Toren: meine Pensionierung.

Ich werde die letzte Tür öffnen. Der dritte Abschnitt, wenn Kindheit der erste, das Arbeitsleben der zweite und der Ruhestand der dritte ist. Danach kommt keine Tür mehr, der letzte Deckel schließt sich horizontal.

Ich werde in den folgenden Wochen, bis zum 31.07.2019, in unregelmäßigen Abständen mit entsprechenden Blogeinträgen runter(er)zählen, von 10 bis 1.

Ich hoffe auf Interesse von euch.

Am Anfang des Artikels steht “Werbung unbeauftragt”, das heißt, dass dieser Artikel ohne Beeinflussung und Bezahlung geschrieben wurde. Warum der Vermerk trotzdem dort steht, erfahrt ihr auf unserer Seite "Transparenz".


Nr. 1

… und vorbei


Wir schreiben den Tag eins nach meiner Metamorphose zum Pensionär. Der Kopf ist etwas dick, die Augen leicht glasig, aber sonst fühle ich mich wohl in meiner neuen Rolle. Ich habe in den letzten Wochen aber auch alles dafür getan, dass meine Gefühlswelt in Ordnung ist.

„Tschüss“, haben gestern alle gesagt. „Mach es gut, bleib gesund und es war schön mit dir.“ Gut, dass ich nicht im Dienst weitermachen muss. Denn diese Person zu sein, die von vielen beschrieben worden ist, würde ich nie schaffen. Nur supergute Eigenschaften, Wikipedia der Direktion 3, Helfer in jeder Notlage, wohlfeil formulierender Vorlagenschreiber, au weia, … Die Kirche war vom Dorf meilenweit entfernt. Wohl wissend, dass es hier und da übertrieben war, hat es mich trotzdem sehr gefreut.

Die dienstliche Verabschiedung war vierstufig. Zuerst, schon um 08:00 Uhr, durch fast alle meine ehemaligen Chefs aus dem Stab 1 mit erinnerungsseligem, sehr nettem Smalltalk, dann die Überreichung der Entlassungsurkunde im Rahmen der Führungsbesprechung durch meinen Direktionsleiter. Die von ihm gewählten Worte hatten genau das Niveau, das er immer hält. Ich war zum letzten Mal tief beeindruckt.

Pension_070.jpg

Anschließend Kuchenessen im Kreise der Stab 1- Mitarbeitenden mit dem Meisterstück von Bernd in Form einer Gitarre, grandios. Lametta aus der Kanone, auch hier viele nette Worte und Geschenke. Ich musste dann Highlights aus meiner dienstlichen Tätigkeit zum Besten geben. Habe ich getan, die Mannschaft war aufmerksam und still. Gänsehaut. Nach rund 90 Minuten ging auch dieser Teil zu Ende. Ich habe nun ein Bilderbuch mit den beruflichen Stationen in meinem Besitz. Es ist sehr gut gelungen, auch danke dafür.

Pension_068.jpg

Und zum Schluss mein Rundgang durch alle Stabsbereiche mit viel Drücken und Schulterklopfen. Hier war die emotionale Belastungsgrenze fast erreicht. Eine Kollegin hat mir noch mit auf den Weg mitgegeben, dass Ruhestand ja nicht Stillstand bedeutet, sondern gelassenes, erfülltes und gemächliches Weitergehen. Das glaube ich auch! So werde ich es machen. Gegen 14:30 Uhr habe ich die Direktionstür hinter mir ins Schloss fallen lassen, habe mich nicht noch einmal umgedreht, soll ja Unglück bringen und bin dann vom Hof geritten. Zum letzten Mal. So wie ich schon tagelang vorher Vieles zum letzten Mal gemacht habe.

Pension_069.jpg

Am Abend habe ich den Schlusspunkt dieses denkwürdigen Tages mit Familie, Freunden und Nachbarn mit einem geselligen Zusammensein im Schleusenkrug gesetzt. Diese ganz andere Atmosphäre als im Dienst tat mir sehr gut, als ein Gegenstück, nicht besser, nicht schlechter, anders halt.

Pension_072.jpg

Auch hier fühlte ich mich eingebettet in Zuneigung und Anerkennung. Sehr emotional wurde es noch einmal, als ich über den dienstlichen Abschied gesprochen habe, da schnürten mir die aufsteigenden Tränen die Gurgel zu. Das war wie ein Flashback in den Vormittag.

Pension_077.jpg

Die Location Schleusenkrug hat übrigens einige Vorteile, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Neben dem sehr guten Essen und dem variantenreichen Getränkeangebot war heute die regendichte, riesige Markise superwichtig.

Pension_076.jpg

Denn das Gewitter mit Starkregen hätte sonst jede Feierlichkeit im Nu beendet. Aber so konnten wir gemütlich dem Regen lauschen, Flammkuchen und Schleusenkrugsalat genießen, Roséwein schlürfen und große Biere stemmen. Mit fortschreitender Zeit wurden diese mehrheitlich durch Gin Tonic ersetzt. Hier durchaus trinkbar, denn der gute Beefeater wird mit Schweppestonic, viel Eis und Zitrone serviert; und er ist stark, ziemlich stark.

Pension_074.jpg

Der sonst so heiße Sommer wurde dann eher herbstlich kühl. Aber auch mit diesem Problem wird die Schleusenkrugmannschaft fertig, es gibt knallrote Decken zum Wärmen.

Pension_078.jpg

Nachdem der „Last Order“ - Ruf verklungen und den Gingläsern kein Tropfen mehr zu entlocken war, ging es Richtung Heimat; mit ganz vielen, tollen Geschenken, die ich heute zu Hause aufgebaut habe.

Pension_071.jpg

Ich bin wirklich überwältigt und bedanke mich bei allen.

Pension_079.jpg

Mitternacht war nun vorbei und damit mein aktives Beamtenverhältnis. Denn auf der Entlassungsurkunde steht: „… mit Ablauf des 31.07.2019 …“

Nr. 2

5 vor … einem neuen Leben

Pension_066.jpg

Ich bin zurück aus dem Urlaub und reiße im Dienst die letzten Tage runter. Es ist komisch, geradezu zum Totlachen. Ich fühle mich gut, aber gebraucht werde ich nicht wirklich. Der Laden läuft auch ohne mich. Sollte er auch, sonst hätte ich in der Vorbereitung meiner Abwesenheit etwas falsch gemacht. Aber langweilig ist mir trotzdem nicht. Ich habe eine Abschiedsmail in den Direktionsäther gesandt und die Anrufe und Besuche nehmen zu. Auch richtig analoge Post habe ich schon bekommen, toll!

Pension_064.jpg

Und alle sind so nett und zurückhaltend. Nett waren sie eigentlich schon immer. Aber zurückhaltend? Als wenn sie mir den Abschied nicht so schwer machen wollen. Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein. Wahrscheinlich sogar. Die Tage fließen leicht und beschwingt vor mir her. Als ob ich sie nicht einholen soll. Will ich auch gar nicht.

Da mein eigenes Büro zu Gunsten des Projektbüros abgewickelt worden ist, stehe ich am Schreibtisch meines Chefs und denke, was für ‘ne Scheißtastatur! Das „i“ klemmt immer und die Return-Taste ist nur mit dem Ellbogen und voller Wucht zu bedienen. Schubsi bringt mir eine neue. Guter Mann, gibt sein letztes Hemd.

Pension_063.jpg

Nachdem ich erst einmal die rund eintausend E-Mails der verschiedenen Postfächer bearbeitet hatte (95 % als gelesen markieren, den Rest ignorieren), ist das tägliche E-Mail-Aufkommen überschaubar. Ja, klar, Sommerloch, sage ich mir. Aber auch wenn man es saisonal bereinigt betrachtet, ist es wenig. Sagen aber alle. Es ist ruhig. Es sind halt sehr viele mit der Strukturreform beschäftigt. Da ist keine Zeit für nervenden Blödsinn.

Ich räume meinen Umkleide-Schrank jeden Tag ein wenig mehr auf. Dieser Schrank mit seinem Inhalt ist das letzte große Stück, was vor der Pensionierung noch recycelt werden musss. Für meinen Schrankerben. Der soll einen Schrank kriegen, der rein ist, klinisch rein. Ist noch etwas Arbeit.

Pension_065.jpg

Heute habe ich ein Modell des Raumschiff Enterprise mit nach Hause genommen. Das war mal ein Geschenk meines Bruders (vor 30 Jahren?). Ich hatte das Teil vor langer Zeit in meinem Büro stehen, weil es Geräusche von sich gab, wenn man auf den Knopf drückte: „Beam me up, Scottie!“ Ich hatte es ganz vergessen.

Pension_061.jpg

Außerdem habe ich meine alte dienstliche Lederjacke aus den ’80 Jahren im Kofferraum; die Kleiderkammer wollte sie nicht mehr. Dieses gute Stück kriegt jetzt eine neue Aufgabe. Sie wird zur Motorradjacke umfunktioniert. Sieht jetzt schon gut aus, oder?

Pension_062.jpg

Leute, ich sage euch, es geht mir gut und es wird gut. Ich habe nur noch wenige Tage und ich freue mich (ein bisschen jedenfalls). Dies ist mein vorletzter Countdown-Eintrag. Der letzte wird dann ein Bericht über die Abschiedsfeierlichkeiten sein. Also, in diesem Sinne, Augen geradeaus und los!

Nr. 3

Der perfekte Tag

Heute ist der letzte Tag vom Rest meines Lebens, deshalb werde ich mal versuchen, einen perfekten daraus zu machen.

Auswahl_056.jpg

Halb sechs, die Frau ist gerade aus dem Haus, ich stehe auf und mache mir einen Kaffee mit der fast neuen Maschine. Latte oder Cappuccino? Weder noch, jetzt jedenfalls nicht. Ein einfacher Schwarzer mit Mandelmilch soll’s sein. Ilea, unsere Katze, ist schon gefüttert, sie chillt auf der Bank, ich setze mich dazu, schaue in die aufgehende Sonne und lese in meiner Wochenzeitung, der FAZ am Sonntag. Obwohl wir nicht Sonntag haben, sondern Donnerstag. Die Zeitung reicht immer bis Samstag; ich habe also noch ein paar ungelesene Zeilen. Der Start ist schon mal recht gut gelungen.

Pension_059.jpg

Im Kühlschrank steht der grüne Smoothie für die Zeit nach dem Morgenlauf. Es ist jetzt kurz nach sieben und ich drehe eine kurze Runde durch den Falkenseer Forst. Weder Knie noch rechte Großzehe schmerzen. Na, geht doch, denke ich. Das ist leider nicht immer so. Ich bin langsam unterwegs, schnell muss nicht sein. Relaxen geht auch beim Joggen. Ich fühle mich gut. Dieses Wohlfühlambiente gilt es zu bewahren: abspeichern, aufheben und zu schlechten Zeiten abrufen.

Pension_051.jpg

Nach dem Duschen kippe ich das eiskalte grüne Zeug in den Körper und sitze damit schon wieder auf der Terrasse. Diesmal am Tisch. Die Sonne steht jetzt deutlich höher. Ich mache den Schirm auf, Sonnenbrand muss nicht sein. Bei meinem quasi unsichtbaren Haupthaar ist das vernünftig. Ich checke unsere Homepage, soziale Netzwerke, Mails. Nicht Besonderes, läuft.

Pension_050.jpg

Ich klappe mein Spanischbuch auf und arbeitete meine Hausaufgaben ab. Spanisch zu lernen ist nicht so einfach, wie ich dachte. Und das liegt an meinem Anspruch, nämlich so viel zu können, dass ich ein Spanisch sprechendes Wesen verstehe, zumindest etwas. In Peru, im Urlaub, mit Ehefrau und Freunden. Es ist und bleibt eine Herausforderung. Ich muss mich ganz schön reinhängen. Aber noch macht es Spaß.

Pension_054.jpg

Ein paar Stunden später knurrt der Magen nachhaltig und hörbar. Müsli mit Vanillesoja. Ja, ich bin Veganer, will ich hier gar nicht besonders betonen. Aber, … es fällt auf, ich weiß. Und ich genieße das Zeug, auch wenn der Hafer des Müslis dann mittelschwer im Magen liegt. Bewegung wäre jetzt gut. Die Blumen und der Rasen brauchen Wasser. Ich komme meiner Pflicht nach, denn ich bin ja quasi Pensionär, der hat ja Zeit. Die Erledigung dieses Jobs wird erwartet.

Pension_049.jpg

Inzwischen ist fast Highnoon, ich bin mit Thomas verabredet, wir wollen E-Scooter ausprobieren und einen Bericht darüber schreiben. Das macht richtig Spaß, wir sind begeistert. Später darüber mehr in einem weiteren Blogbeitrag.

Auswahl_058.jpg

Nach dem Abenteuer mit Roller bin ich im Haus zurück und weiß, dass im Garten bzw. auf der Terrasse noch Arbeit wartet, Fegen und Unkraut aus den Fugen kratzen, äh … umgekehrte Reihenfolge. Und was ist daran Teil eines perfekten Tages? Das ist schließlich ziemlich harte Maloche. Ich sehe die zweifelnden Blicke der Leser. Abwarten. Ich mache mich an die Arbeit. Die Sonne ist gnädig, knallt nicht mehr so sehr auf meinen armen Schädel, versteckt sich ein wenig hinter weißen Wolken. Aber ich habe trotzdem vorgesorgt, +50 Sonnenschutz ist drauf. 

Pension_060.jpg

Nach gut sechzig Minuten bin ich fertig und das Gefühl, fertig zu sein, ist toll. Das ist gut, das ist perfekt. Getane Arbeit, bei der man den Erfolg sofort sieht, ist einfach geil. Genauso wie machen statt wollen, auch geil. Gutes Gefühl, abspeichern.

Erst knallt das Garagentor, dann klappern die Schlüssel, die Frau ist wieder da. Wir wollen gemeinsam essen. Sie macht sich an den Salat und in der Pfanne brutzeln die Bratlinge. Ich dusche inzwischen zum zweiten Mal. Wunschgemäß per WhatsApp angeordnet, liegt der Rosé schon länger auf Eis. Die Sonne steht inzwischen im Westen, leicht rötlich angefärbt, und schaut über die Weinblätter auf unseren Abendbrottisch, der auf der geputzten (sic!) Terrasse steht. Wie kitschig, genau so soll es sein.

Pension_055.jpg

Der entspannte Smalltalk plätschert zwischen uns hin und her, die Katze liegt unter dem Bambus und pennt, wie immer eigentlich. Ein paar Mal schenke ich den Wein noch nach, dann ist sie leer, die Flasche. Keine zweite bitte, das wäre Alkoholismus. Leicht erheitert, mit vielen guten Gefühlen im Kopf, lasse ich den Tag Revue passieren. Wie war er?

Der Tag war perfekt.

Nachtrag:

Nicht mehr lange, dann ist Schluss mit der Vorbereitung auf die Pension, dann ist er da, der Ruhestand. Genau noch 20 Tage. Es werden noch zwei Countdownberichte folgen. Am Montag steige ich erst einmal wieder in den Dienstbetrieb ein. Irgendwie albern. Muss aber sein.

Nr. 4

Coaching

Mein guter Freund Thomas hat schon damals bei meinem 60. Geburtstag von einer Website fabuliert, die er gerne mit mir betreiben würde. Sie sollte Beschäftigungstherapie und Erlebnisstimulation zugleich sein. Denn nur wer etwas erlebt, kann darüber schreiben. Ich war skeptisch, aber nicht abgeneigt.

Pension_042.jpg

Die ersten Ideen wurden schon während der Party durchs Hirn gejagt, Details kamen aber erst später. Thommy war die treibende Kraft, ich mehr so der Tender. Im April 2018, also immerhin fast zwei Jahre später, sind wir dann online gegangen und haben inzwischen knapp 60 Blogbeiträge veröffentlicht. Nicht so schlecht, denken wir. Andere mögen Anderes denken. Wir sind ein wenig stolz darauf.

Pension_044.jpg

Was Thommy da mit mir gemacht hat, war coaching. Er hat mir schon lange vor dem Ende meiner aktiven Laufbahn, Perspektiven aufgezeigt, wie man Zeit totschlagen kann. Besser gesagt, mejor dicho, wie der Spanier meint, sinnvoll verbringen kann. Neben dem Lernen der spanischen Sprache für unsere Peru-Challenge, beschäftigt mich das Sinnieren über neue Texte, respektive das Ausdenken irgendwelcher Aktionen täglich. Vielleicht mal Skateboarden?

Pension_045.jpg

Zeit für Langeweile bleibt jedenfalls nicht.

Thommy coacht mich aber auch, indem er mir sein entspanntes Pensionärsleben vorführt. Das ist ja nur durch meine, in seinen Augen illegale, Dienstzeitverlängerung möglich geworden, sonst wäre ich eher in Pension gewesen als er. Hat der geschimpft, der gute Thomas, damals auf dem Weihnachtsmarkt am Schloss Charlottenburg; auch heute noch ist er nicht gut zu sprechen auf meinen Coup.

Pension_047.jpg

Ein anderer guter Betreuer in meiner Trainingszeit vor dem Eintritt in den Ruhestand ist mein guter Nachbar Roland, den ich inzwischen nicht nur als Nachbar, sondern als Freund bezeichnen möchte. Das ist der mit den Bienen und einigen anderen Hobbys. Unter anderem laufen wir sonntags zusammen durch den Wald, singen an unseren Singeabenden Duette und lernen zusammen Spanisch.

Pension_043.jpg

Er ist jetzt seit drei Jahren im Vorruhestand und ist mein diesbezüglicher Gesprächspartner und Ratgeber bei unzähligen Waldläufen. Er hatte sich zum Beispiel ein dreimonatige Quarantäne nach Eintritt in die arbeitsfreie Zeit verordnet. Drei Monate erst einmal nichts tun und abwarten und sich auch von niemanden reinreden lassen, in Quarantäne halt. Jetzt ist seine Woche ziemlich durchgetaktet; es stört ihn aber nicht, er mag das so.

Coaching betreibt auch meine Frau mit mir. Sie schaut mich dann so eigenartig an und erhebt die Stimme. Manchmal zeigt sie auf den kleinen Buddha, der in unserer Küche steht und ich weiß genau, was sie sagen will: bleib gelassen und nimm die Dinge so, wie sie sind!

Pension_046.jpg

Und bitte: Keiner, der noch nicht im Ruhestand ist, soll mir sagen, es wäre doch ganz einfach und er wüsste ganz genau, was er täte. Wenn Blinde von der Farbe reden, ist das einfach nur lächerlich.

Nr. 5

Einmal Madeira, bitte!

Pension_001_.jpg

Unser Taxifahrer liefert uns nach 12 Stunden Anreise mit Umstieg und Aufenthalt in Lissabon um 02:00 Uhr Ortszeit im Hotel Quinta do Lorde an Madeiras äußersten Ostküstenzipfel ab. Fertig mit der Welt sinken wir in die Hotelbetten. Mal sehen, was der Morgen bringt.

Pension_108.jpg

Schönster Sonnenschein bestrahlt den Leuchtturm direkt vor unserem Balkon, der Tag lacht uns an, aber besonders mich. Während der Vorbereitungen auf meinen Berufsausstieg hatte ich mir vorgenommen, auch einen kleinen Urlaub mit meiner Frau zu unternehmen; unsere Wahl fiel auf Madeira. Und jetzt sind wir da. Den ersten Tag verbringen wir in dieser sehr hübschen Anlage am Wasser. Uns verblüffen die Ruhe und die wenigen anderen Gäste. Sehr entspannend.

Pension_106.jpg

Wir hatten uns vorgenommen, einige Tage nichts zu tun und dann richtig loszulegen mit Inselerkundung, Wanderung, Hauptstadtbummel und so weiter … Wir halten es nur einen Tag aus, dann machen wir die erste Wanderung, direkt vom Hotel aus in Richtung Ponta de São Lourenço. Beim Blick über die Halbinsel bleiben die Augen unweigerlich am markanten Gipfel des Morro do Furado hängen. Das ist unser Ziel. Auf dem Weg dorthin gibt es zahlreiche spektakuläre Aussichtspunkte auf die bizarr geformte Nordküste.

Pension_107.jpg

Auf dem Rückweg opfere ich mein Käppi dem Gott der Winde, damit der uns gewogen bleibt und muss fortan mit dem Strohhut meiner Frau auskommen.

Pension_109.jpg

Einige Tage später, nachdem wir Funchal mehrmals unsicher gemacht haben, wollen wir eine der beliebtesten und anstrengendsten Wandertouren Madeiras unternehmen: vom Pico der Ariero (1.818 m) zum Pico Ruivo (1.862 m). Da beide Gipfel oft von Wolken verhangen sind, soll man vorher mal die webcam bemühen. Machen wir, alles sonnig, also ab durch die Mitte. Zum Ausgangspunkt fahren wir mit dem Mietwagen. Nach einigen Hundert Metern Ab- und Aufstieg zieht Nebel auf. Wolken haben sich verflogen und hängen zwischen den Felsen. Das wird wohl dann nichts mit der Aussicht vom höchsten Berg der Insel. Ist aber gar nicht schlimm, so brennt uns die Sonne wenigsten kein Loch in den Schädel. Im Gegenteil, es wird richtig kühl. Gut, dass wir die Jacken mithaben.

Pension_112.jpg

Nach knapp drei Stunden sind wir am Gipfelkreuz des Ruivo; viele Wolken, keine Sicht ins Tal. Glücklich hier oben endlich angekommen zu sein, sind wir aber trotzdem, auch ohne Sicht ins Tal. Das waren jetzt 1.300 Höhenmeter verteilt auf gut sieben Kilometer, immer schön hoch, ganz hoch und dann schön runter, ganz runter. Die Pumpe geht dabei richtig in die Vollen und die Schenkel brennen. Jetzt machen wir erst einmal Pause.

Pension_102.jpg

Etwas Kraft schöpfen, Wasser, Kaffee, Brownie, Toilettenbesuch und ab auf den Weg zurück. Wieder passieren wir diverse Tunnel, die sind uns unheimlich. Gut, dass wir eine Taschenlampe dabeihaben; überhaupt ist ganz Madeira mit zahllosen Auto- und Fußgängertunnel durchlöchert wie ein Schweizer Käse.

Pesnion_110.jpg

Noch Tage später fühlen sich unsere Beine wie nach einem Marathon an. Diese Tour war richtig fordernd, aber total schön. Wir sitzen in der Captain’s Bar unserer Hotelanlage, trinken Roséwein, essen eine Kleinigkeit und lassen das Erlebte Revue passieren. Madeira hat uns sehr gut gefallen, alles war perfekt.

Pension_111.jpg

Der Blick auf die Marina mit der untergehenden Sonne im Hintergrund lässt mich wieder an meine Pensionierung denken. Ich schreibe ja diesen Blog auch, um mich vorzubereiten; aber auch, weil ich gerne Andere an meinen Gedanken teilhaben lassen möchte. Es geht mir gut dabei.

Pension_103.jpg

Pensionierungszeit ist nicht Arbeitslosigkeit und auch nicht Ruhestand (was für ein blödes Wort!). Nein, es ist dann alles Freizeit, alles ist frei und es ist Zeit und es ist ohne Bedingungen. Ich kann machen, was ich will und wann und wie oft ich will. Schöne Aussichten, oder? Doch, unbedingt. Das wird mir von Tag zu Tag bewusster. Es ist die letzte Tür, die aufgeht und ich freue mich drauf. Denn den Raum dahinter gestalte ich selbst. Ich bin der Baumeister meiner Zukunft, sonst niemand.

Nr. 6

Rollenspiel

Auswahl_039.jpg

Damals auf einer Weihnachtsfeier unter Kolleginnen und Kollegen vor einigen Jahren spielte ich eine Rolle, die mir Spaß gemacht hat. Die Rolle des Hippies der frühen 70er Jahre, als ich noch zur Schule ging und tatsächlich ziemlich lange Haare hatte.

Mit dem Eintritt in die Polizei im April 1976 musste ich eine neue, mir völlig unbekannte, fremde Rolle übernehmen, die des Polizisten. Die allgemein ziemlich schwierige Rolle der Institution Polizei in der Gesellschaft hat natürlich Auswirkungen auf das subjektive Finden dieser Position. Ich hatte Erwartungen, mein polizeiliches Gegenüber hatte Erwartungen und die Peergroup meiner Dienststelle hatte welche. Diese drei Rollenvorstellungen lagen anfangs erheblich weit voneinander entfernt. Ich wusste nicht, wo ich stehen sollte. Aber sie haben versucht, mich festzunageln, so wie das Leute immer tun.

Pension_036.jpg

Zunächst aber war es relativ einfach. Ich ging zur Fachhochschule, meine Gymnasialzeit ging damit eigentlich nur in die Verlängerung, meine Mitstreiter waren wie ich, das war einfach. Das änderte sich aber mit den ersten Praktika. Bei der Einsatzhundertschaft 24 war ich eines Sonntagsfrüh als Kielschwein in einem Streifenwagen unterwegs. 06:00 Uhr, nichts los, Streife durch den Grunewald. Und plötzlich ein Auftrag für uns: „Verkehrsunfall mit Verdacht Trunkenheit!“ Am Einsatzort eingetroffen, sollte ich die Führerscheindaten notieren. Gesagt, getan. Der Klient war tatsächlich alkoholisiert, folglich ab zur Blutentnahme. Auf dem Weg zur Gefangenensammelstelle stellte mir mein Streifenführer so ganz nebenbei die Frage nach dem „Lappen“. Ich hätte ihn doch wohl, oder? „Ähh… nee“, war meine Antwort. „Na dann sieh mal zu, du Vollpfosten, wie du ihn noch bekommst!“ Leicht pikiert drehte ich mich weg. Ich hatte nicht daran gedacht. Wahrscheinlich auch, weil es mir schon peinlich genug war, einen mir völlig unbekannten Menschen überhaupt nach etwas zu fragen. Die Polizistenrolle war mir noch fremd. Unter einem fadenscheinigen Vorwand kurz vor der Blutentnahme konnte ich die „Pappe“ dann an mich bringen und die Beschlagnahme aussprechen.

Pension_038.jpg

Nach allem Anfangsschwierigkeiten habe ich im Laufe der Jahre meine ganz persönliche Rolle im Beruf gefunden. Der Weg war ziemlich hart. Da waren die abschätzenden Blicke der alten Hasen, das Anbiedern der Unterdrückten, das Schulterklopfen der Jüngeren. Und immer ein wenig Unsicherheit auf meiner Seite. Ich habe mir Mühe gegeben, mich reingehängt. Aber nicht immer wurde das honoriert. Zwangsläufig folgte dann auch Anpassung und das Festrütteln in der Position, auf der Bühne des Theaterstücks Polizei. Ein einheitliches Verhaltensmuster und Einheitskonformität meinerseits habe ich aber immer abgelehnt. Das hat mir auch bei anderen nicht gefallen und das merkt man mir heute noch deutlich an. Jeder Mensch spielt seine Rollen; in verschiedenen Formen, je nach Bedarf, ich habe bald eine neue Figur abzuliefern. Ich werde es schaffen, ganz sicher. Ich bleibe bei meinen Überzeugungen und versuche so ehrlich wie möglich zu sein. Damit bin ich gut gefahren.

Es sind übrigens noch gut sechs Wochen bis “Zero” und davon vier im Urlaub, der mir täglich besser gefällt. Dieser Urlaub ist Anpassung, Vorbereitung, Training. Dieses Trainingslager dient unter anderem dafür, meine Rolle als Kielschwein des Pensionsbusses zu finden. Die Rolle also proben, ein Rollenspiel machen.

Bei der Durchführung von Rollenspielen werden häufig Fehler gemacht, die sich auf den Erfolg ungünstig auswirken können. Deshalb wird dringend empfohlen, dieses Trainingselement vor Beginn des eigentlichen Ernstfalls ausführlich zu nutzen und von allen Seiten zu betrachten. Das mach ich. Und es gelingt mir täglich besser.

Pension_040.jpg

Nr. 7

Alt wie ein Baum

Pensionl_032.jpg

Ich war auf dem Friedhof, am Grab meines Vaters, zusammen mit meiner Mutter; er wäre heute 92 geworden. Das Verhältnis zu meinem Vater war eng und auf gegenseitigem Respekt gegründet. Wir hatten viel gemeinsam. Ich habe es leider nicht mehr geschafft, ihn nach seinen Gefühlen und möglichen Ängsten vor der Rente zu fragen. Das bereue ich heute; er hätte mir bestimmt Einiges mit auf den Weg geben können.

Pension_035.jpg

Leben ist Zeichnen ohne Radiergummi. Was einmal getan wurde, bleibt, ist nicht mehr rückgängig zu machen. Das Alter haut uns die Jugendsünden voll um die Ohren, ohne Rücksicht auf Verluste. Mit dem derzeitigen Equipment muss ich jetzt die restliche Strecke bewältigen, da kommt nichts mehr dazu. Im Gegenteil, es wird von Tag zu Tag etwas weniger. Aber ich habe vorgesorgt: habe vor langer Zeit mit dem Rauchen aufgehört, bin dem Alkohol nur noch in Maßen zugetan, habe umgestellt auf vegane Ernährung, treibe regelmäßig Sport und trainiere mein Gehirn unter anderem mit Spanisch lernen. Die Basics sind also da, der Rest ist Schicksal.

Pension_033.jpg

Beim Stichwort Spanisch muss ich kurz mal die letzte Woche reflektieren. Teresa, mi profesora, ist supernett, aber unerbittlich und permanent fordernd. Ist ja schließlich ein Intensivkurs. Auch nur kurz unkonzentriert zu sein, bedeutet, in den darauffolgenden Minuten nichts mehr mitzubekommen. Irgendeine Vokabel wurde erfragt, erläutert und gleich mal mit einigen Beispielssätzen verarbeitet. Dazu gehören selbstverständlich auch Fragen an die Probanden. Und dann trifft mich die Frage und mein Gehirn verweigert den Dienst. Toll! Das Einzige, was mir dann einfällt: no sé. Aber es hilft, mitzubekommen, dass es den anderen ab und zu auch nicht besser geht. Und Teresa hilft natürlich, denn die ist ja supernett.

Pension_031.jpg

In der Dämmerung gibt es die blaue Stunde. Die besondere Färbung des Himmels während der Zeit nach Sonnenuntergang vor Eintritt der nächtlichen Dunkelheit ist Namensgeber. Ich habe in den letzten Tagen in der blauen Stunde ziemlich oft auf der Terrasse gesessen und versucht, die Zeit etwas langsamer ablaufen zu lassen. Sie zu dehnen und die Sekunden tröpfchenweise zu genießen. Es ist mir ganz gut gelungen. Entschleunigen heißt das Modewort.

Pension_030.jpg

Im Übrigen ist die Idee vom Ruhestand, von der wir vor langer Zeit gehört und auf die wir hingearbeitet hatten, anders als gedacht, sie ist nicht stimmig. Denn vorher, richtig, das war davor und jetzt, sehr richtig, das ist nachher. Aber unser Gehirn, das hilft, mit der neuen Situation umzugehen. Es macht neue Ansagen. Ich fühle mich mitunter wie in einer zweiten Pubertät. Abenteuerlustiger, kompromissloser. Es heißt, im Alter werden wir zu dem, was wir wirklich sind oder sein wollten. Kann sein. Muss nicht sein.

Pension_034.jpg

Und … alt wie ein Baum, möchte ich werden, wie der Dichter es beschreibt (Dank an die Puhdys). Ein Baum ist beständig, gelassen, erhaben, unerschütterlich. So will ich auch sein.

Nr. 8

Geh schwimmen - seggt mien Frau


Pension_028.jpg

Bin ich dann auch, schwimmen gegangen. Ging mir gleich besser. Sport ist ein gutes Regulativ, regelt auch ein angehendes Pensionärs-Dasein. Seitdem läuft das Tagesgeschäft einigermaßen rund.

Ich mache jetzt regelmäßig wieder Sport, gehe nicht nur Schwimmen, sondern auch Laufen.

Pension_021.jpg

Und mache Yoga, ja wirklich, …oder ich versuch‘s wenigstens. Auch daran ist meine Frau schuld, sie kann den Sonnengruß und andere Verrenkungen. Bei mir ist es mehr Stretching und es sind Liegestütz und Kniebeugen, aber auch das ist gut für das seelische Gleichgewicht.

Pension_023.jpg

Beim Schwimmbadbesuch ist mir übrigens etwas Lustiges passiert. Da gib es ein Schließfach für Wertsachen am Eingang und ich dachte mir, sicher ist sicher. Packe also Brieftasche, Schlüssel, Handy etc. rein und stecke einen Euro ins Schlüsselfach, schließe die Tür ab und fertig. In den Umkleidekabinen ziehe ich mich um, packe die Sachen in den Umkleideschrank und … brauche auch hier einen Euro für den Schließmechanismus, na logisch, habe aber keinen, denn die Brieftasche ist im Schließfach. Ich bin ja nicht nackt, sondern habe eine Badehose an, kann also durchaus vor die Umkleidekabinen treten, zurück in die Semiöffentlichkeit. Ich lasse meine Sachen unbewacht im Ungewissen zurück.

Schließfach auf, einen Euro im Portemonnaie gefunden, alles wieder verschlossen, zurück zum Schrank, Euro rein und zu und … der Schlüssel geht nicht raus, der Mechanismus streikt. Der Euro kommt aber auch nicht wieder raus. Helfer sind nicht in Sicht, wie auch? Also alles noch mal … zurück zum Kassenhäuschen, komische Blicke abgewehrt, Schließfach auf, … glücklicherweise habe ich noch einen weiteren Euro.

Pension_024.jpg

Ich schwimme meine Bahnen und die älteren Damen und Herren im Nachbarbecken performen sehr schön ihr Hupfdohlenballett. Bei Wassergymnastik denke ich immer, das wirst du nicht machen. Niemals. Aber wer weiß? Während ich so sinnierend zuschaue, fällt mir auf, dass ich nur einen Schlüssel am Handgelenk habe, den vom Umkleideschrank. Und wo ist der Schlüssel vom Schließfach? Natürlich in der Tasche, im Seitenfach, im Umkleideschrank. Na toll, das ist jetzt aber wirklich bombensicher! Was für ein Aufwand for nothing! Oh, Mann!

Pension_024.jpg

Was lerne ich daraus? Auf Einhundertprozent Sicherheit setzten, bringt nichts. Pläne müssen sein, aber das Schicksal, die Vorsehung, der große Unbekannte, the big Father of all oder wer oder was auch immer, werden es schon richten. Sei unbesorgt, schau nach vorn, es wird schon.

Bald beginnt mein neuer Spanischintensivkurs, mal sehen, wie das wird. Auch hier läuft ein Countdown. Nicht mehr lange und wir fliegen nach Peru, dann will ich einigermaßen fit sein für den Smalltalk auf Spanisch. Cuatro cervezas kann jeder, aber wenn es um Land und Leute geht, wird es schwierig.

Als Quintessenz dieses Blogeintrages halte ich fest, dass eine gewisse Vorbereitung sein muss, aber dass mehr Gelassenheit auch mehr Lebensqualität bringt. Von Wilhelm Busch soll der schöne Satz stammen: „Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt!" Und das mag ich an den Plattdeutschen überhaupt, die auch sagen: dat kummt as et kummt! Ich sage nur erfrischend, ehrlich, norddeutsch: Flensburger. Teil ich mir ein, ist aber auch alkoholfrei.

Pension_024.jpg

 

Nr. 9

Trainingslager

Pension_020.jpg

Ich habe jetzt 9 (neun!) Wochen Urlaub, muss ja alle Tage aufbrauchen. Anschließend gehe ich noch ein letztes Mal zum Dienst für gut 2 Wochen. Und dann ist Schluss (mit lustig), neee … eigentlich nicht. Nach dem 31.07.2019 fängt das Leben erst so richtig an, verdad?

Pension_012.jpg

Diese lange Zeit vor dem Finale soll mein Trainingslager sein, zum Eingewöhnen. Na dann! Mache ich mal. Die ersten Tage waren ehrlich gesagt ätzend. Bin immer gegen 5 Uhr wach geworden, noch einmal einschlafen sinn-, zweck-, nutzlos. Also aufstehen. Frau ist auch schon wach, sie geht arbeiten und ich? Habe ja Zeit, etwas zu tun, was ich schon immer tun wollte.

Was wollte ich gleich nochmal „immer schon tun“? Die Agenda der wirklich wichtigen und umfangreichen Arbeiten, vor allen Dingen am und für’s Haus und im Garten, ist lang; aber das will ich doch jetzt nicht angehen, oder? Nein, will ich nicht.

Die Tage sind geprägt vom Zeitungslesen und Spanischlernen, immer schön abwechselnd, bis mir das zum Hals raushängt, aber meilenweit. Wenn die Frau nach Hause kommt, bin ich entsprechend gelaunt, nicht gut, sondern schlecht.

Pension_013.jpg

Jede Erwartung ist eine Falle, glaube ich. Was erwarte ich also? Besser erst einmal nichts, de nada! Erwartungshaltung ist Stress. Im Job, als ich noch auf der Straße gedient habe, hatte jeder Tag Interessantes und Aufregendes zu bieten. Wenn ich von der Wache aus als Wachleiter zu einem Einsatzort gefahren bin, schlug mir das Herz oftmals bis zum Hals, weil ich nicht wusste, was mich erwartete. Im Kopf habe ich alles Mögliche vorgeplant. Und dann am Ort des Geschehens? War alles anders und doch wusste ich meistens auf Anhieb, was zu tun war. Die Erwartungshaltung hatte mir nicht geholfen, im Gegenteil.

Pension_015.jpg

Pensionierungszeit soll ja der Aufbruch in die neue Freizeit werden, sagt mein Freund Thomas. Ob ich mich von ihm coachen lassen sollte? Der weiß offensichtlich, wie es geht, sieht man ja: 2600 Radkilometer nach Barcelona

Wie habe ich ihn eigentlich kennengelernt?

Pension_014.jpg

Bevor ich an die Front der Wache ging, war ich für einige Zeit beim Lagedienst und Thomas beim Kriminaldauerdienst. Wir waren beide jeweils Vertreter unserer Chefs. Und wenn die nicht da waren, haben wir uns gegenübergesessen und Blödsinn gequatscht, wenn die Telefone mal gerade nicht läuteten. Dieser Quatsch setzte sich dann auch in der Freizeit fort; wir haben Einiges zusammen erlebt, meine Herren, das waren Zeiten. Und seitdem sind wir befreundet.

Im Sinne und mit Hilfe von Thomas werde ich es schon packen. „Get your own goals“, heißt es in irgendeinem Song. Ich werde es versuchen und berichten. Hasta luego!

Nr. 10

Wissenstransfer

Pension_002.jpg

Nilay hat mich sicher geleitet auf dem Weg des Wissenstransfers und der Dialogbegleitung. Mit Empathie, Geduld und Lockerheit.

Nilay heißt Mond über dem Nil und ist türkisch. Sie ist meine Kollegin und Wissensmanagerin aus dem Personalbereich meiner Behörde. Ihre Aufgabe besteht darin, Erfahrung und Wissen beim Ausscheiden aus dem Arbeitsleben an jemand Neues gebündelt und strukturiert weiterzugeben.

Ich bin also Erblasser meiner Tätigkeit an … ja an wen eigentlich? Am Anfang unserer gemeinsamen Arbeit gingen wir davon aus, dass da am Ende jemand ist; inzwischen ist klar, mein Job wird aufgrund weitreichender Umstrukturierungsmaßnahmen nicht neu besetzt, sondern abgewickelt.

Pension_004.JPG

Das hat uns aber nicht entmutig, sondern eher angespornt, jetzt erst recht, dachten wir. Denn es wird diese Tätigkeit mit einem ähnlichen Profil mit Sicherheit einmal geben, aber nicht gleich.  

Pension_003.jpg

Als Nilay vor einigen Monaten an meine Tür klopfte, war ich einigermaßen skeptisch. Aber nicht lange. Dafür ist Nilay als Ein-Frau-startup in unserer Direktion viel zu gut. Wir haben zunächst einfach nur drauflos gequatscht, aber dabei hat sie mich schon sehr geschickt manövriert und ausgehorcht. Und ich habe gestaunt, was ich schon alles gemacht habe.

Zum Beispiel nach der Maueröffnung in den “Osten” zu gehen, das war der Hammer. “Wild, wild, East” im wahrsten Sinne des Wortes. Gemeinsam mit den trotz aller Widrigkeiten motivierten Ost-Kolleginnen und Kollegen, die uns durch die unheimlich wirkenden Straßen führten, haben wir “Wessis”, die wir zwar das gültige Strafgesetzbuch unter dem Arm hatten, aber sonst keine Ahnung von Ostberlin, es gerockt. Mein damaliger Chef sagte: “Mach so, dass es läuft, mehr will ich nicht wissen …”, habe ich gemacht und es lief. Die engen Polizei-Ladas, die komischen Telefone, die eigenartig eingerichteten Wachen, überhaupt das ganze “Ambiente” waren schon gewöhnungsbedürftig. Aber es war meine beste Polizeizeit, ich will sie auf keinen Fall missen.

Pension_002.jpg
1990 Wache Wadzeckstraße

Im Lauf der Zeit habe ich dann auch begriffen, dass es ein ganzes Stück Anerkennung ist, was Nilay da mit mir anstellt. Ich bin es wert, dass sich andere Gedanken darüber machen, was ich für Erfahrung und Wissen angehäuft habe. Und dass beides nicht verloren gehen soll. Das baut auf.

Pension_006.jpg

Vor ein paar Tagen hatten wir unser Abschlussgespräch, das wir bei einem gemütlichen Frühstück beim „Deichgraf“ am Nordufer führten. Ich war hinreichend auskunftswillig und sogar einigermaßen nett gewesen, hätte Nilay sagen können. Hat sie aber nicht. Ihr Statement war deutlich positiver.

Der Schlusspunkt ist das Überreichen des gebundenen Berichtes; das sind komprimierte Informationen des Dienens, nicht des Arbeitens, ich bin schließlich Beamter.

Wir haben festgestellt, dass wir uns sympathisch waren, dass es funktioniert hat. Es war eine Fleißarbeit, wir sind beide stolz darauf.

Danke, Nilay!

Pension_007.jpg
Beerenjagd in Klaistow

Beerenjagd in Klaistow

Mit grad60 auf E-Scootern

Mit grad60 auf E-Scootern