Besuch im Tierpark Berlin
Als ehemaliger Westberliner hat sich mir der Tierpark Berlin bislang entzogen – warum auch immer. Vielleicht war er zu weit entfernt, zu umständlich zu erreichen, zu groß oder einfach nie zur richtigen Zeit dran. Dabei steht er schon seit Jahren ganz oben auf meiner Wunschliste. Er soll fantastisch sein; vielen, mit denen ich gesprochen habe, gefällt er besser als der Zoologische Garten im ehemaligen Westberlin. Na, dann schauen wir mal. Heute ist es soweit. Superwetter, warm, aber nicht zu heiß, Schäfchenwolken, ein mildes Windchen streichelt meinen kahlen Schädel und die Stimmung ist high. Ich betrete den Park und stelle fest, die Anlage scheint in der Tat sehr weitläufig zu sein. Und es sind kaum Menschen zu sehen, trotz Ferien in Berlin, es müsste doch voll sein. Ist es aber nicht.
Ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll mit meiner Tour. So wandere ich auf den breiten Wegen hinein in den Park und lasse mich treiben, schlendere zwischen den alten Bäumen hindurch, an großen Wiesen und Teichen vorbei. Es ist ruhig. Das strahlt auf mich ab. Die Anfahrt mit dem Auto war etwas nervig. Das Gefühl ist jetzt vollständig verschwunden. Langsam setze ich Schritt für Schritt meinen Körper in Bewegung. Keine Hektik, kein Stress, nur Gelassenheit. Ich lasse es wirken und freue mich auf die ersten Tiere. Ein Blick auf die Übersichtskarte hilft mir bei der Orientierung. Welche Gattungen interessieren mich besonders? Ich überlege und lege eine Strecke fest.
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Ich wandere an den Affengehegen vorbei und bewundere das verrückte Treiben dieser nahen Verwandten des Menschen. Heiter besteige ich den nahen Himalaya. Plötzlich wechselt die Landschaft. Felsen, Gebirgsvegetation und eine ganz besondere Atmosphäre verändern meine Wahrnehmung. Ich scheine tatsächlich im Hochgebirge Asiens unterwegs zu sein. Das Konzept geht auf. Der Tierpark Berlin legt seit seiner Eröffnung 1955 großen Wert darauf, die Tiere in möglichst naturnahen Anlagen zu zeigen. Zwischen den schroffen Hängen lassen sich Lebewesen entdecken, die perfekt an das Leben in den Bergen angepasst sind. So wie dieser Schneeleopard.
Madam zeigt mir aber nur ihre kalte, graue, schwarzbepunkte Schulter, gähnt ab und zu und bewegt sich kaum. Da kann ich noch so intensiv zischen, schnalzen, pfeifen, sie schaut mich nicht an. Auch wenn das Gehege ziemlich groß ist, bleibt diese Großkatze doch interniert und eingezäunt. Ich verstehe sehr gut, dass sie sauer ist. Wäre ich auch. Ich klettere weiter und treffe auf einen Vogel mit einem markanten schwarzen Bartstreif an der Kehle sowie einen auffälligen roten Ring um das Auge. Es ist ein Bartgeier.
Der Vogel ernährt sich zu einem großen Teil von Knochen, die er verschlingt oder aus großer Höhe auf Felsen fallen lässt, um sie zu zerkleinern, lese ich. Er ist in hochalpinen Gebirgen Europas, Asiens und Afrikas heimisch. Ein bunter Geier. Bemerkenswert! Ich starre ihn an, er starrt zurück. Was der wohl denkt? Keine Ahnung. Ich wandere wieder bergab und besuche die Giraffen. Ich nähere mich von hinten dem Bereich der langhalsigen, netztragenden Tiere mit den wunderschönen Wimpern. Ich komme mir vor wie in einem Unterstand in der Wildnis Afrikas. Erinnerungen an unsere Namibia und Botswana Tour im Jahr 2024 erscheinen sofort vor meinem geistigen Auge. Genau aus solchen zusammengezimmerten Verschlägen haben wir die Tiere oft beobobachtet. Es sind ein halbes Dutzend Giraffen, die friedlich aus Nahrungskörben in luftiger Höhe fressen. Das macht einen außergewöhnlich authentischen Eindruck. Die Männer und Frauen des Tierparks verstehen ihr Handwerk.
Weiter geht es zu den Elefanten. Zunächst treffe ich auf eine Baustelle. „Ein moderner Tierpark ist nie fertig. Schließlich soll es für Tiere und Gäste stets schöner werden.“ So heißt es auf der Website des Parks. Die Elefanten sind zwar im Juni 2026 aus Halle zurückgekehrt und wir Besucher können die Herde mit Leitkuh Pori und ihren Nachkommen wieder bewundern, doch ein Teil der Anlage ist noch gesperrt. Es ist aber schon gut zu erkennen, wie es mal fertig aussehen soll. Ich entdecke einen afrikanischen Elefanten aus den Savannen- und Waldgebieten südlich der Sahara. Da sind sie frei, die grauen Riesen, aber auch nicht ungestört. Wir Touristen wollen sie schließlich möglichst nah erleben und düsen mit den Safarifahrzeugen durch die Gegend. Das ist zwar ein großer Unterschied zum Eingesperrtsein hier, aber auch nicht unproblematisch, wie wir wissen. Und traurig sieht er aus.
Sinn und Unsinn von Zoologischen Gärten wird seit jeher intensiv diskutiert. Zu recht. Aber heute will ich mich bei allem Verständnis für diese Problematik nur von den Eindrücken dieser imposanten Tiere leiten lassen. Meine Schritte führen mich nun zum Rainforest House. Ich biege um die Ecke und bin sofort geflasht vom Anblick eines wunderschönen Pärchens der Sumatra-Tiger. Diese bemerkenswerten und außergewöhnlich eleganten Tiere begrüßen mich im Modelstatus und posieren sehr cool auf den Felsen vor dem Wasserbecken. Ihnen scheint es hier gut zu gefallen. Und mir erst. Ich kann mich gar nicht sattsehen.
Das ist wirklich unglaublich spektakulär gemacht. Direkt am Eingang zum Tropenhaus die Tiger zu platzieren, ist mega, vorzüglich, wunderbar. Das Alfred-Behm-Haus stammt aus dem Jahr 1963 und wurde 2020 nach mehrjähriger Sanierung wieder eröffnet. Es ist mit 5.000 m² das größte Tierhaus der Welt. Darin eine dschungelartige Landschaft mit farbenprächtigen Vögeln und kleinen Krokodilen. In Terrarien gibt es Schlangen und andere Reptilien. Es ist die tropische Vielfalt der Inselwelt Südostasiens. Eine Kragenechse gefällt mir besonders gut. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich ein Exemplar dieser Gattung auf unserer Tour durch Australien gesehen haben könnte.
Mit jedem weiteren Schritt durch diesen weitläufigen Tierpark füllt sich mein Kopf mehr und mehr mit Bildern von unzähligen Tieren. Jedes verdient betrachtet zu werden, jedes ist auf seine Weise faszinierend. Aber leicht erschöpft und an der Grenze meine Aufnahmekapazität brauche ich eine Pause. An einem Wasserfall stoppe ich und setze mich auf eine Bank. Die unaufdringlichen Geräusche des Parks säuseln in meinem Ohr, es ist angenehm. Ich gönne meinen Sinnen eine Pause. Dabei wird mir bewusst, dass man einen Tierpark nicht nur mit den Augen erleben kann. Manchmal genügt es, einen Moment innezuhalten und die Atmosphäre zu genießen.
Die Erholung tut mir gut. Ich stehe auf. Langsam, mit kleinen Schritten gehe ich wieder zurück zum Sandweg. Die kleinen Steine knirschen unter meinen Sohlen. „Aha“, sage ich mir, „Details erreichen also wieder dein Zerebrum.“ Na dann, weiter geht´s. Zwischen den Bäumen sehe ich einen südostasiatischen Pfahlbau, einem sogenannten Kelong. Diese Hütte ist perfekt in die Landschaft gestellt. Meine Gedanken schicken mich auf die Philippinen und nach Thailand.
Eine Ecke weiter toben kleine, länglich-nass glänzende Wesen auf Baumstämmen am Wasser. Es sind Zwergkrallenotter. Am 13. Oktober 2025 haben sie das Licht der Welt erblickt. Vierlinge, drei männliche Tiere und ein Weibchen. Die Eltern heißen übrigens Ottilie und Otti, wie auch sonst? Ich schaue ihnen eine ganze Weile zu. Was für eine Energie! Es ist kaum möglich, sie mal in Ruhestellung auf einem Foto festzuhalten. Schließlich gelingt es mir.
Nun soll Schluss sein. Es ist fast 18 Uhr, um 18:30 werden die Pforten geschlossen. Ich passiere das barocke Schloss am Eingang. Es ist wunderbar restauriert und strahlt im alten Glanz. Ich lese nochmals nach, wieso der Tierpark im historischen Schlosspark Friedrichsfelde entstand. Nach der Teilung Berlins wünschte sich die Staatsführung der DDR einen ebenso beliebten Zoo wie im Westteil der Stadt. Als Standort wurde der Landschaftspark des Gartenkünstlers Peter Joseph Lenné erkoren. Die Entscheidung hatte sowohl praktische als auch historische und gestalterische Gründe. Geschwungene Wege, alte Baumgruppen, Wiesen, Teiche und Sichtachsen bildeten eine ideale Grundlage für einen Tierpark. Statt ein völlig neues Gelände gestalten zu müssen, konnte man die vorhandene Parklandschaft sinnvoll einbeziehen. Mit seinen rund 160 Hektar gehört der Tierpark Berlin zu den größten Landschaftstiergärten Europas.
Ein erstklassiger Tag geht zu Ende. Ein Besuch des Tierparks ist eine gelungene Mischung aus Natur, Erholung und interessanten Einblicken in die Tierwelt sowie in die Geschichte Berlins. Wer durch den Park spaziert, genießt neben den Tieren zugleich ein bedeutendes Gartenkunstwerk des 19. Jahrhunderts. Ein Ausflug in den zweiten, ganz anderen Zoo Berlins ist uneingeschränkt zu empfehlen. Es lohnt sich! Man sollte allerdings genügend Zeit, gutes Schuhwerk und etwas Ausdauer mitbringen. Ich war bestimmt nicht zum letzten Mal hier.




