Wellness in Hakone – Ein Aufenthalt zwischen Onsen, Ruhe und japanischer Ästhetik
Wir freuen uns, hier einen neuen Gastbeitrag von Monica präsentieren zu können. Ihre Erlebnisse zu Wellness und Erholung sind eine schöne Ergänzung zu Erikas Rundreisebericht durch Japan.
Ich bin wieder unterwegs und es kribbelt in den Fingern, endlich wieder zu schreiben.
Diesmal ist die Reise jedoch anders: Nicht ich habe sie geplant, sondern mein Sohn und seine Verlobte. Die beiden erfüllen sich einen Traum und bereisen gleich mehrere Kontinente – Europa, Asien und Amerika. In den vergangenen Jahren war ich diejenige, die immer wieder die Welt entdecken wollte. Jetzt hat wohl die „Jugend“ den Geschmack daran gefunden.
Da kann ich ihnen nur zustimmen. Jetzt haben sie die Zeit, sind ungebunden und die politische Lage lässt solche Reisen noch zu, denn wir leben in schwierigen Zeiten mit offenem Ausgang. Umso wichtiger ist es, zu genießen und schöne Momente zu sammeln, solange es möglich ist. Doch ich schweife ab.
Ich fahre mit meinen „Kindern“ gemeinsam in den Urlaub, zumindest darf ich sie ein Stück begleiten. Also steige ich in Frankfurt ins Flugzeug und fliege nach Tokio.
Tokio, ist eine der fünf größten Städte der Welt, mit rund 34 bis 37 Millionen Einwohnern, je nach Statistik. Die eigentliche Stadt Tokio existiert seit 1943 nicht mehr; heute besteht sie aus 23 Stadtteilen. Eine Megacity. Tokio ist ein Ort der Gegensätze: ultramodern wie der Tokyo Skytree-Tower oder das verspielte digitale Museum TeamLab Borderless und gleichzeitig tief verwurzelt in jahrtausendealter Tradition, sichtbar im Kaiserlichen Ostgarten oder in den vielen Parkanlagen mitten in der Stadt.
Tokio wäre einen eigenen Artikel wert. Doch heute möchte ich über meinen Besuch im Ryokan schreiben, einem traditionellen japanischen Gasthaus.
Pünktlich geht es mit dem Shinkansen nach Odawara. Die Deutsche Bahn würde vor Neid erblassen, wenn sie nur annähernd so zuverlässig und sauber wäre.
Von dort fahren wir mit dem Taxi in die Berge zum Wellness Hotel Matsuzakaya Honten, etwa 750 Meter über dem Meeresspiegel. Das Hotel liegt mitten im Wald, im absoluten Nirgendwo. Ich frage mich kurz: Worauf haben wir uns da eingelassen?
Gleich nach der Ankunft sollen wir unsere Schuhe ausziehen und bekommen japanische Zori-Sandalen aus Stroh. Während wir auf unsere Zimmer warten und unser Gepäck gebracht wird, serviert man uns ein köstliches Begrüßungshäppchen: ein marzipanartiges Stück mit Rosenduft. Genau mein Geschmack, auch wenn das Essen mit den Stäbchen mich herausfordert. Doch am Ende der Reise bin ich im Umgang mit dem „Japanischen Besteck“ erstaunlich geübt.
Vorsichtig laufe ich in den ungewohnten Sandalen zu meinem Zimmer. Wider Erwarten läuft es sich ganz gut darin und ich komme trotz langer Flure und einiger Treppen heil und unbeschadet an.
Mein Zimmer heißt „Akebono“, was „Dämmerung“ bedeutet. Der Klang gefällt mir und irgendwie passt dieser Name zu meinem Lebensabschnitt.
Im Gegensatz zum Bett. Die Matratze liegt gefährlich tief, ist aber sehr bequem. Wenigstens kein Futon. Die Dusche ist schlicht und makellos sauber, wie alles in Japan.
Das Waschbecken dagegen ist ein echter Hingucker: kunstvolle japanische Motive, Kranich und Kiefer, intensive Farben. Der Kranich steht für Glück und langes Leben, die Kiefer für Kraft und ebenfalls langes Leben. Zahnpastaflecken sind hier unbedingt zu vermeiden.
Der Rest des Zimmers ist schlicht, klar, ruhig. Auf der kleinen Terrasse wartet mein persönliches Onsen: ein von heißen Quellen gespeistes japanisches Bad. Bis zur Buchung wusste ich nicht, was ein Onsen ist. Das Wasser ist mineralreich und riecht manchmal leicht nach Schwefel. Da ich Island mit seinen Quellen kenne, ist mir dieser Geruch vertraut.
Hier gibt es zusätzlich einen Hahn für kaltes Wasser, sodass ich die Temperatur perfekt einstellen kann. Es ist eine Wohltat, im warmen Wasser zu liegen, den Himmel über mir, die Natur um mich herum.
Am Abend geht es im Yukata zum Dinner – der leichten, unkomplizierten Variante des Kimonos. Im Hotelguide steht genau beschrieben, wie man ihn bindet: Die linke Seite muss über der rechten liegen. Andersherum ist den Verstorbenen vorbehalten. Das möchte ich dann doch vermeiden. Es fühlt sich ungewohnt an, im „Bademantel“ essen zu gehen. Was zieht man darunter an? Ich entscheide mich für ein Shirt, auch wegen der kühlen Temperaturen.
Zu meiner Erleichterung sitzen wir nicht im Schneidersitz auf dem Boden, sondern an einem normalen Tisch mit Stühlen. Wahrscheinlich eine Konzession an uns Europäer. Mein Rücken dankt dafür.
Das Frühstück am nächsten Morgen ist eine echte Herausforderung. Es ist reich an Proteinen, „zur Stärkung des Reisenden“, wie die Karte sagt. Für mich ist ein Frühstück ohne Kaffee und mit überwiegendem Fischgeschmack gewöhnungsbedürftig. Ein kleiner Joghurt, der eher wie Pudding schmeckt, wird zu meiner Rettung. Zusammen mit dem Reis erinnert er mich an Milchreis – davon esse ich gleich drei Schüsselchen. Optisch ist das Frühstück allerdings ein Kunstwerk, wie alle Speisen, die uns serviert werden.
Nach dem Frühstück fahren wir mit dem Bus zum Lake Ashi. Nach etwa 15 Minuten erreichen wir die Uferpromenade. Erst einmal meinen heiß ersehnten Kaffee im Bakery and Table Hakone. Es gibt sogar verschiedene Sorten gerösteten Kaffees, dazu einen herrlichen Blick auf den See.
Gestärkt kaufen wir Tickets für eine Rundfahrt. Das Schiff ist überraschend verspielt: Schaukeln auf Deck, weiße eiförmige Hängesessel im Unterdeck, Spielecken für Kinder und ein mit Kunstrasen ausgelegter Bereich für Hunde und Fotosessions.
Die Liebe zu Hunden spielt in Japan eine besondere Rolle. Die Vierbeiner werden herausgeputzt wie Models und oft im Kinderwagen herumkutschiert. Ob das den Hunden gefällt, lasse ich mal offen.
Während der Fahrt entdecken wir natürlich auch eine Sehenswürdigkeit: das große rote Friedenstor des Hakone-Schreins. Es symbolisiert den Übergang von der Welt der Menschen in die Welt der Götter und ist ein beliebtes Fotomotiv. Erhaben steht es im Wasser. Und direkt daneben fährt eine gelb-rote Ente vorbei: Ein Tretboot in kitschigem Kontrast. Wie aus den 90er Jahren. Jedenfalls ist es für mich so lange her, dass ich mit meinem Sohn in solch einem Gefährt saß.
Der Aufenthalt im Wellnesshotel ist für mich eine der schönsten Erfahrungen dieser Reise. Zwei Tage lang kann ich eine neue Kultur nicht nur sehen, sondern erleben. Natürlich habe ich mich vorher eingelesen – über Do’s and Don’ts – doch alles kann man nicht vorbereiten. Neues zu entdecken gehört zum Reisen.
Japan ist für mich ein Land voller Gegensätze: Modernes trifft auf Tradition, Zukunft auf Vergangenheit. Alles ist sauber und funktionstüchtig, egal wie alt, das gilt auch für Hotels, Einrichtungen, Boote. Das Stadtbild, ob Tokio oder Kyoto, ist klar und einfach, während die Jugend, vor allem junge Mädchen und Frauen, verspielte Kleidung mögen: Schleifen, Blümchen, Tüll und Spitze. Verspielt trifft klare Linien. Tradition trifft Zukunft. Japan eben.
Tief in mir bleibt der Wunsch, dieses faszinierende Land noch einmal zu bereisen: seine Stille, seine Gegensätze, seine Schönheit.




