Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad
Der Berliner Mauerweg ist etwa 160 Kilometer lang. Er verläuft in Berlin und Brandenburg weitgehend auf dem früheren Postenweg der Grenztruppen der DDR. Ich erhoffe mir, meine Geschichtskenntnisse zu erweitern und weitere Information am Weg aufzunehmen. In den nächsten drei Tagen werde ich ihn mit dem Fahrrad erobern und darüber berichten. Als Navigationshilfe nutze ich Komoot™.
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1. Tag - Eiskeller bis Brandenburger Tor - 55 Kilometer
Ich starte gegen neun Uhr am kältesten Ort Berlins, an der Exklave Eiskeller im Spandauer Forst. Der Name hängt mit der Lage in einer Senke zusammen, in der sich grundsätzlich mehr kalte Luft als in der Umgebung sammelt. Die Temperaturen können hier bis zu 10 °C unter denen der restlichen Stadt liegen. Früher wurde das Gebiet im Winter zur Lagerung von Natureis genutzt, das aus dem nahen Falkenhagener See geschlagen und an Brauereien verkauft wurde. Heute ist das Wetter allerdings alles andere als eisig: angenehme 25 Grad. Am Himmel drohen zwar ein paar Wolken mit Nässe, ich hoffe aber, verschont zu werden. Entspannt fahre ich los und bin gespannt, was mich erwartet. Ringsherum: Natur pur. Auf einem Feld bei Wansdorf entdecke ich eine erste Besonderheit, einen ehemaligen Trafoturm. Ich recherchiere, dass er schon seit einiger Zeit einem Artenschutzprojekt dient. Fledermäuse, Schleiereulen, Meisen und Spatzen wohnen jetzt unter seinem Dach. Elektrizität gibt es hier also nicht mehr, dafür jede Menge tierische Bewohner.
Durch einen Kiefernwald gelange ich zu einer Aussichtsplattform, die allerdings nicht wirklich einen freien Blick auf die Havel zulässt. Alles ist zugewachsen. Etwas enttäuscht klettere ich wieder hinunter und steige aufs Rad. Ich passiere den Ort Papenberge. Der Hügel ist glücklicherweise nur 48 Meter hoch – ich merke ihn kaum. Vor mir liegt nun die Siedlung Niederneuendorf mit einem der letzten vollständig erhaltenen Grenztürme. Er stammt aus dem Jahr 1987 und diente dem DDR-Grenzregiment 38 „Clara Zetkin“ als Kommandozentrale. Die Havel ist hier besonders schmal. Wegen der geografischen Lage war dies ein Brennpunkt für Fluchtversuche. Im Inneren befindet sich heute ein gut gemachtes Museum.
Ich lasse Hennigsdorf links liegen und überquere auf der Ruppiner Straße die Havel. Der Himmel wird immer dunkler, es zieht zu und Petrus macht seine Drohung wahr. Aus einem leichten Tröpfeln wird richtiger Regen. Es hilft nichts, ich muss den Regenponcho überziehen. Ich finde, die Farben stehen mir gut. Blau mit Pink war schon immer mein Favorit.
Dank eines innen im Poncho angebrachten Bandes kann ich das Teil zuverlässig am Körper fixieren, sodass der aufkommende Wind mir den Regenschutz nicht um die Ohren wehen lässt. Er reicht sogar bis zum Lenker und über die Hände, die somit trocken bleiben. Es könnte schlimmer sein. Zum Beispiel kalt. Die Temperaturen sinken aber nicht, sondern wärmen mich sogar. Weiter geht die wilde Fahrt. In Hohen Neuendorf stoppe ich an einem Stück Grenzmauer. Sie steht als Solitär in einer neu gestalteten Gedenkstätte.
Der Regen lässt nach, hört schließlich ganz auf und die Sonne bricht durch. Mein Poncho ist mir nun viel zu warm, also muss er wieder runter. Ich bin gut durch das feuchte Geschenk des Himmels gekommen und entsprechend guter Dinge. Am Tegeler Fließ beginnt die Strecke des Mauerwegs durch Berlin. Die Reifen rollen jetzt auf solidem Asphalt. Bisher war der Untergrund mal schlecht, mal recht – vor allem aber ständig wechselnd. Es ist angenehm, wenn die Räder einfach leicht dahinrollen. Ich kreuze den Schildower Weg und fluche. Was ist das denn für ein Anstieg vor mir? Unangekündigt und bedrohlich steil. Schwung nehmen und hoch, lautet die Devise. Trotz aller Mühen muss ich schließlich absteigen und schieben.
Es sind die Ausläufer der Lübarser Höhen, immerhin 85 Meter hoch. Dieses Gebiet war mir bisher eher als uralte Steinzeitsiedlung ein Begriff, aber nicht als Mittelgebirge. Die Sonne brennt inzwischen immer stärker auf meinen Helm, Schweiß tropft von der Stirn und landet zielgenau in meinen Augen. Oben angekommen, atme ich erst einmal kräftig durch und befürchte, dass dies nicht der letzte Anstieg gewesen sein könnte. Wieder auf meinem Drahtesel thronend, lasse ich mich bergab rollen. Der Fahrtwind kühlt. Herrlich! Aber nicht zu schnell – bloß nicht stürzen. Ich fahre also etwas langsamer und schaue mich um. Rechts liegt das „merkwürdige“ Märkische Viertel, wie ich erkenne, links Rosenthal und vor mir total neu aussehende Bahngleise. Es ist die reaktivierte Stammstrecke der Heidekrautbahn. Am Ende mündet sie im Bahnhof Berlin-Wilhelmsruh. Und für mich mündet sie in einer Pause an einem türkischen Imbiss in der Kopenhagener Straße. Es ist 14 Uhr und damit eindeutig Zeit zum Ausruhen. Ich genieße einen Halloumi-Burger und einen schwarzen Tee.
Gut 40 Kilometer liegen hinter mir. Das Landleben auf der Grenzstrecke zwischen Berlin und dem Umland Brandenburgs war abwechslungsreich und sehr interessant. Ganz anders, als ich erwartet hatte. Ich war von einem langweiligen, immer sehr ähnlich aussehenden Mauerweg entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenzanlagen ausgegangen. Aber es war viel besser. Jetzt wartet der Mauerweg in der Stadt auf mich – zwischen dem ehemaligen West- und Ostberlin. Etwas schwerfällig erhebe ich mich und sattle mein Fahrrad. Unter der Bornholmer Brücke versuche ich, mich in die Graffiti-Kunst der Hauptstadt zu integrieren.
Das Fahren wird schwieriger. Viele Autos und Lkw, dazu diverse andere Radfahrer und unzählige Fußgänger machen das Vorwärtskommen komplizierter. Aber es klappt trotzdem ziemlich reibungslos. Erstaunlich. Ich merke schnell, dass die Interaktion mit anderen enorm wichtig ist. Ein kurzer Blickkontakt genügt meistens – zumindest zwischen Radfahrern und Fußgängern –, um Kollisionen zu vermeiden. Am Ende der Norwegerstraße verstellt mir plötzlich eine Wikingerbraut den Weg und versucht, mich mit einem Fisch vom Rad zu holen. Ich kann ihr knapp ausweichen. Sachen gibt’s!
Von der Behmstraßenbrücke aus habe ich einen tollen Blick auf die Gleise, die zum Bahnhof Gesundbrunnen führen. Mir war gar nicht bewusst, wie viele es tatsächlich sind. Linksseitig der Brücke führt ein Steg bis zur Schwedter Straße. Ich stoppe und schaue in Richtung Berlin-Mitte. Bis zum heutigen Endpunkt scheint es jetzt nicht mehr weit zu sein, denn ich kann schon den Fernsehturm am Alex sehen – auch wenn der etwas abseits meines Tagesziels, dem Brandenburger Tor, steht.
Die Gleimstraße führt an der Rückseite des Mauerparks entlang. Da möchte ich hinein und besuche das Amphitheater. Ich vermisse Joe Hatchiban und die Hunderte von Zuschauern, die beim Bearpit-Karaoke mitmachen wollen. Aber es ist Dienstag – und nicht Sonntag. Niemand will mit mir singen. Schade. Dabei hätte ich mich durchaus für eine Soloeinlage zur Verfügung gestellt.
Die Zeit schreitet zügig voran, es geht auf 16 Uhr zu. Ich passiere „Tante Käthe“, die legendäre Fußballkneipe mit den riesigen vier Leinwänden, auf denen man die 1. und 2. Bundesliga, Europapokal, DFB-Pokal und andere ausgewählte Fußballspiele live erleben kann. Aktuell gibt es kein relevantes Spiel. Die Saison hat ja auch gerade erst begonnen, alles ist ruhig. Fußball-Deutschland scheint noch im Urlaub zu sein. Ich ziehe weiter. Auf der linken Seite der Bernauer Straße wuseln Touristen ohne Ende in Richtung Gedenkstätte Berliner Mauer. Ich halte gegenüber der Kapelle der Versöhnung und gedenke der vielen menschlichen Tragödien, die sich hier abgespielt haben. Dem Mauerweg nun exakt zu folgen, ist etwas tricky, da er verwinkelt und im Zickzackkurs durch Mitte führt. Ich kürze ab und befinde mich kurzerhand im Regierungsviertel. Oberhalb führt das Kapelle-Ufer entlang, ich fahre unten, direkt am Wasser der Spree. Vor mir liegt nun der Marie-Elisabeth-Lüders-Steg. So ein langer Name für so ein kurzes Stück Brücke.
Sie ist wirklich hübsch gestaltet, diese Spreepromenade. Während meiner Zeit als Polizist in Berlin-Mitte habe ich das überhaupt nicht angemessen gewürdigt. Jetzt genieße ich es. Am anderen Ufer fällt mir der Gedenkort „Weiße Kreuze“ auf. Am Friedrich-Ebert-Platz neben dem Reichstagsgebäude erinnern sie an die Todesopfer an der Berliner Mauer. Der private Berliner Bürger-Verein stiftete die Gedenkstätte am 10. Jahrestag des Mauerbaus, am 13. August 1971. Eigentlich wollten die Initiatoren in ganz Berlin weiße Kreuze an Orten aufstellen, an denen Menschen durch DDR-Grenzorgane getötet worden waren. Aber es starben einfach zu viele.
Der Platz hinter dem Reichstag ist frei, keine Gitter verwehren mir die Weiterfahrt und ich kann ihn ungestört queren. Während der Sitzungswochen des Bundestages ist hier regelmäßig abgesperrt. Aber jetzt ist ja Sommerpause, die Parlamentarier urlauben. Vor mir liegt nun das Etappenziel des ersten Tages: das Brandenburger Tor. Die Mauer verlief einst halbkreisförmig an der jetzigen Gehwegkante in Richtung Westen und war das erste Stück, das die Menschen am 9. November 1989 in Besitz nahmen. Ich erinnere mich noch genau an den Tag. Wir saßen mit Freunden bei Thomas zusammen und warteten noch auf Uwe. Der kam dann endlich und meinte nur trocken: “Ich bin der erste Ossi!”. Und wir alle: “Hä?”, und alle stürzten zum Fernseher. Wir konnten nicht glauben, was wir sahen. Auch heute noch ist es für mich unfassbar, was die mutigen Menschen in der DDR vollbracht haben. Chapeau!
In der Nähe des Potsdamer Platzes checke ich im Grimm's Hotel ein. Gut 55 Kilometer stecken in meinen Beinen, und ich merke es deutlich. Aber es war fantastisch und sehr interessant. Ich genieße einen Imbiss und ein paar Bier im Gleisdreieck-Park. Den kenne ich gut von unserer Serie “Schönste Parks in Berlin”. Später am Abend gibt’s auf der Dachterrasse noch einen Gin Tonic, mit dem ich der Sonne beim Untergehen zuschaue. Was für ein erster Tag! So kann es gerne weitergehen.


