Hallo

Herzlich willkommen auf unserer Magazin-Seite.

Wir wollen unterhalten und informieren.

Viel Spaß!

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad

Der Berliner Mauerweg ist rund 160 Kilometer lang und führt durch Berlin und Brandenburg weitgehend entlang des ehemaligen Postenwegs der DDR-Grenztruppen. Im Juli 2026 bin ich diese Strecke drei Tage lang mit dem Fahrrad abgefahren – und ich bin noch immer schwer begeistert. Warum? Das ist leicht gesagt: Obwohl ich gebürtiger Berliner bin, waren meine Kenntnisse über die Geschichte der Berliner Mauer eher rudimentär. Die wichtigsten Daten und Ereignisse waren mir bewusst, aber insgesamt doch ziemlich abstrakt. Erst jetzt, unterwegs direkt an den ehemaligen Grenzanlagen, wurde alles plötzlich besser begreifbar. Die zahlreichen Informationen am Wegesrand, Gedenkstätten und historischen Orte – ergänzt durch meine eigenen Recherchen – haben mich nicht nur fasziniert, sondern auch meinen Blick auf die deutsche Teilung geschärft. Hinter fast jeder Kurve wartete ein neues Stück Vergangenheit, manchmal bedrückend, manchmal erstaunlich und immer wieder unglaublich spannend.

Diese Radtour kann ich deshalb nur wärmstens empfehlen. Sie verbindet Bewegung, Natur und Geschichte auf eine ganz besondere Weise – und zeigt, dass man auf einem Fahrrad nicht nur Kilometer machen, sondern manchmal auch eine ganze Menge dazulernen kann. Der Berliner Mauerweg: 160 Kilometer erlebbare Geschichte.

Als Navigationshilfe habe ich Komoot™ benutzt. Den Link zu einer der möglichen Touren gibt es -hier-

Maplibre | © komoot | Map data © OpenStreetMap Contributors

Maplibre | © komoot | Map data © OpenStreetMap Contributors

Die einzelnen Etappen sind auch direkt auszuwählen, einfach auf den Namen klicken:

1. Tag / 2. Tag / 3. Tag

_____

1. Tag - Eiskeller bis Brandenburger Tor - 55 Kilometer

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Mann auf Fahrrad an Mauerweg-Stelen

Ich starte gegen neun Uhr am kältesten Ort Berlins, an der Exklave Eiskeller im Spandauer Forst. Der Name hängt mit der Lage in einer Senke zusammen, in der sich grundsätzlich mehr kalte Luft als in der Umgebung sammelt. Die Temperaturen können hier bis zu 10 °C unter denen der restlichen Stadt liegen. Früher wurde das Gebiet im Winter zur Lagerung von Natureis genutzt, das aus dem nahen Falkenhagener See geschlagen und an Brauereien verkauft wurde. Heute ist das Wetter allerdings alles andere als eisig: angenehme 25 Grad. Am Himmel drohen zwar ein paar Wolken mit Nässe, ich hoffe aber, verschont zu werden. Entspannt fahre ich los und bin gespannt, was mich erwartet. Ringsherum: Natur pur. Auf einem Feld bei Wansdorf entdecke ich eine erste Besonderheit, einen ehemaligen Trafoturm. Ich recherchiere, dass er schon seit einiger Zeit einem Artenschutzprojekt dient. Fledermäuse, Schleiereulen, Meisen und Spatzen wohnen jetzt unter seinem Dach. Elektrizität gibt es hier also nicht mehr, dafür jede Menge tierische Bewohner.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Heuballen und Turm

Durch einen Kiefernwald gelange ich zu einer Aussichtsplattform, die allerdings nicht wirklich einen freien Blick auf die Havel zulässt. Alles ist zugewachsen. Etwas enttäuscht klettere ich wieder hinunter und steige aufs Rad. Ich passiere den Ort Papenberge. Der Hügel ist glücklicherweise nur 48 Meter hoch – ich merke ihn kaum. Vor mir liegt nun die Siedlung Niederneuendorf mit einem der letzten vollständig erhaltenen Grenztürme. Er stammt aus dem Jahr 1987 und diente dem DDR-Grenzregiment 38 „Clara Zetkin“ als Kommandozentrale. Die Havel ist hier besonders schmal. Wegen der geografischen Lage war dies ein Brennpunkt für Fluchtversuche. Im Inneren befindet sich heute ein gut gemachtes Museum.

Berliner Mauerweg mit Fahrrad, Grenzturm der DDR in Nieder Neuendorf

Ich lasse Hennigsdorf links liegen und überquere auf der Ruppiner Straße die Havel. Der Himmel wird immer dunkler, es zieht zu und Petrus macht seine Drohung wahr. Aus einem leichten Tröpfeln wird richtiger Regen. Es hilft nichts, ich muss den Regenponcho überziehen. Ich finde, die Farben stehen mir gut. Blau mit Pink war schon immer mein Favorit.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Mann mit Regenponcho auf Fahrrad

Dank eines innen im Poncho angebrachten Bandes kann ich das Teil zuverlässig am Körper fixieren, sodass der aufkommende Wind mir den Regenschutz nicht um die Ohren wehen lässt. Er reicht sogar bis zum Lenker und über die Hände, die somit trocken bleiben. Es könnte schlimmer sein. Zum Beispiel kalt. Die Temperaturen sinken aber nicht, sondern wärmen mich sogar. Weiter geht die wilde Fahrt. In Hohen Neuendorf stoppe ich an einem Stück Grenzmauer. Sie steht als Solitär in einer neu gestalteten Gedenkstätte.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Mauerrest mit Mann auf Fahrrad davor

Der Regen lässt nach, hört schließlich ganz auf und die Sonne bricht durch. Mein Poncho ist mir nun viel zu warm, also muss er wieder runter. Ich bin gut durch das feuchte Geschenk des Himmels gekommen und entsprechend guter Dinge. Am Tegeler Fließ beginnt die Strecke des Mauerwegs durch Berlin. Die Reifen rollen jetzt auf solidem Asphalt. Bisher war der Untergrund mal schlecht, mal recht – vor allem aber ständig wechselnd. Es ist angenehm, wenn die Räder einfach leicht dahinrollen. Ich kreuze den Schildower Weg und fluche. Was ist das denn für ein Anstieg vor mir? Unangekündigt und bedrohlich steil. Schwung nehmen und hoch, lautet die Devise. Trotz aller Mühen muss ich schließlich absteigen und schieben.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Mann Fahrrad schiebend auf Weg

Es sind die Ausläufer der Lübarser Höhen, immerhin 85 Meter hoch. Dieses Gebiet war mir bisher eher als uralte Steinzeitsiedlung ein Begriff, aber nicht als Mittelgebirge. Die Sonne brennt inzwischen immer stärker auf meinen Helm, Schweiß tropft von der Stirn und landet zielgenau in meinen Augen. Oben angekommen, atme ich erst einmal kräftig durch und befürchte, dass dies nicht der letzte Anstieg gewesen sein könnte. Wieder auf meinem Drahtesel thronend, lasse ich mich bergab rollen. Der Fahrtwind kühlt. Herrlich! Aber nicht zu schnell – bloß nicht stürzen. Ich fahre also etwas langsamer und schaue mich um. Rechts liegt das „merkwürdige“ Märkische Viertel, wie ich erkenne, links Rosenthal und vor mir total neu aussehende Bahngleise. Es ist die reaktivierte Stammstrecke der Heidekrautbahn. Am Ende mündet sie im Bahnhof Berlin-Wilhelmsruh. Und für mich mündet sie in einer Pause an einem türkischen Imbiss in der Kopenhagener Straße. Es ist 14 Uhr und damit eindeutig Zeit zum Ausruhen. Ich genieße einen Halloumi-Burger und einen schwarzen Tee.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Mann Döner essend

Gut 40 Kilometer liegen hinter mir. Das Landleben auf der Grenzstrecke zwischen Berlin und dem Umland Brandenburgs war abwechslungsreich und sehr interessant. Ganz anders, als ich erwartet hatte. Ich war von einem langweiligen, immer sehr ähnlich aussehenden Mauerweg entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenzanlagen ausgegangen. Aber es war viel besser. Jetzt wartet der Mauerweg in der Stadt auf mich – zwischen dem ehemaligen West- und Ostberlin. Etwas schwerfällig erhebe ich mich und sattle mein Fahrrad. Unter der Bornholmer Brücke versuche ich, mich in die Graffiti-Kunst der Hauptstadt zu integrieren.

Berliner Mauerweg, Graffiti-Kunst unter einer Brücke mir Mann und Fahrrad

Das Fahren wird schwieriger. Viele Autos und Lkw, dazu diverse andere Radfahrer und unzählige Fußgänger machen das Vorwärtskommen komplizierter. Aber es klappt trotzdem ziemlich reibungslos. Erstaunlich. Ich merke schnell, dass die Interaktion mit anderen enorm wichtig ist. Ein kurzer Blickkontakt genügt meistens – zumindest zwischen Radfahrern und Fußgängern –, um Kollisionen zu vermeiden. Am Ende der Norwegerstraße verstellt mir plötzlich eine Wikingerbraut den Weg und versucht, mich mit einem Fisch vom Rad zu holen. Ich kann ihr knapp ausweichen. Sachen gibt’s!

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Holzfigur einer Wikingerfrau

Von der Behmstraßenbrücke aus habe ich einen tollen Blick auf die Gleise, die zum Bahnhof Gesundbrunnen führen. Mir war gar nicht bewusst, wie viele es tatsächlich sind. Linksseitig der Brücke führt ein Steg bis zur Schwedter Straße. Ich stoppe und schaue in Richtung Berlin-Mitte. Bis zum heutigen Endpunkt scheint es jetzt nicht mehr weit zu sein, denn ich kann schon den Fernsehturm am Alex sehen – auch wenn der etwas abseits meines Tagesziels, dem Brandenburger Tor, steht.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Mann auf Brücke mit dem Fernsehturm aus Berlin im Hintergrund

Die Gleimstraße führt an der Rückseite des Mauerparks entlang. Da möchte ich hinein und besuche das Amphitheater. Ich vermisse Joe Hatchiban und die Hunderte von Zuschauern, die beim Bearpit-Karaoke mitmachen wollen. Aber es ist Dienstag – und nicht Sonntag. Niemand will mit mir singen. Schade. Dabei hätte ich mich durchaus für eine Soloeinlage zur Verfügung gestellt.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Mann allein im Mauerpark im Amphittheater

Die Zeit schreitet zügig voran, es geht auf 16 Uhr zu. Ich passiere „Tante Käthe“, die legendäre Fußballkneipe mit den riesigen vier Leinwänden, auf denen man die 1. und 2. Bundesliga, Europapokal, DFB-Pokal und andere ausgewählte Fußballspiele live erleben kann. Aktuell gibt es kein relevantes Spiel. Die Saison hat ja auch gerade erst begonnen, alles ist ruhig. Fußball-Deutschland scheint noch im Urlaub zu sein. Ich ziehe weiter. Auf der linken Seite der Bernauer Straße wuseln Touristen ohne Ende in Richtung Gedenkstätte Berliner Mauer. Ich halte gegenüber der Kapelle der Versöhnung und gedenke der vielen menschlichen Tragödien, die sich hier abgespielt haben. Dem Mauerweg nun exakt zu folgen, ist etwas tricky, da er verwinkelt und im Zickzackkurs durch Mitte führt. Ich kürze ab und befinde mich kurzerhand im Regierungsviertel. Oberhalb führt das Kapelle-Ufer entlang, ich fahre unten, direkt am Wasser der Spree. Vor mir liegt nun der Marie-Elisabeth-Lüders-Steg. So ein langer Name für so ein kurzes Stück Brücke.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Mann auf Fahrrad im Regierungsviertel

Sie ist wirklich hübsch gestaltet, diese Spreepromenade. Während meiner Zeit als Polizist in Berlin-Mitte habe ich das überhaupt nicht angemessen gewürdigt. Jetzt genieße ich es. Am anderen Ufer fällt mir der Gedenkort „Weiße Kreuze“ auf. Am Friedrich-Ebert-Platz neben dem Reichstagsgebäude erinnern sie an die Todesopfer an der Berliner Mauer. Der private Berliner Bürger-Verein stiftete die Gedenkstätte am 10. Jahrestag des Mauerbaus, am 13. August 1971. Eigentlich wollten die Initiatoren in ganz Berlin weiße Kreuze an Orten aufstellen, an denen Menschen durch DDR-Grenzorgane getötet worden waren. Aber es starben einfach zu viele.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Reichstag mit weißen Kreuzen

Der Platz hinter dem Reichstag ist frei, keine Gitter verwehren mir die Weiterfahrt und ich kann ihn ungestört queren. Während der Sitzungswochen des Bundestages ist hier regelmäßig abgesperrt. Aber jetzt ist ja Sommerpause, die Parlamentarier urlauben. Vor mir liegt nun das Etappenziel des ersten Tages: das Brandenburger Tor. Die Mauer verlief einst halbkreisförmig an der jetzigen Gehwegkante in Richtung Westen und war das erste Stück, das die Menschen am 9. November 1989 in Besitz nahmen. Ich erinnere mich noch genau an den Tag. Wir saßen mit Freunden bei Thomas zusammen und warteten noch auf Uwe. Der kam dann endlich und meinte nur trocken: “Ich bin der erste Ossi!”. Und wir alle: “Hä?”, und alle stürzten zum Fernseher. Wir konnten nicht glauben, was wir sahen. Auch heute noch ist es für mich unfassbar, was die mutigen Menschen in der DDR vollbracht haben. Chapeau!

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Mann mit Fahrrad vor dem Brandenburger Tor

In der Nähe des Potsdamer Platzes checke ich im Grimm's Hotel ein. Gut 55 Kilometer stecken in meinen Beinen, und ich merke es deutlich. Aber es war fantastisch und sehr interessant. Ich genieße einen Imbiss und ein paar Bier im Gleisdreieck-Park. Den kenne ich gut von unserer Serie “Schönste Parks in Berlin”. Später am Abend gibt’s auf der Dachterrasse noch einen Gin Tonic, mit dem ich der Sonne beim Untergehen zuschaue. Was für ein erster Tag! So kann es gerne weitergehen.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Glas in einer Hand mit Skyline

_____

2. Tag - Potsdamer Platz bis Teltow - 54 Kilometer

Nachts hat es etwas geregnet, jetzt ist alles wieder trocken. Auschecken, abfahren und Spur aufnehmen. Es geht die Stresemannstraße entlang bis zur Niederkirchnerstraße. Kurz dem Freiherrn vom Stein vor dem ehemaligen Preußischen Landtag, heute Berliner Abgeordnetenhaus, einen Gruß entbieten, einen Schauer an der Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ abschütteln und an der Kreuzung Wilhelmstraße stoppen – das alles ist eine einzige, fließende, ineinander übergehende Handlung. Kaum begonnen, bin ich schon wieder im Flow. Toll! Hier muss ich aber mal meinen Schweif blicken lassen. Ein Fesselballon der Firma Air Service Berlin, gesponsert von der Zeitschrift „Welt“, erregt meine Aufmerksamkeit.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Fesselballon der Zeitschrift "Die Welt"

30 Passagiere können 150 Meter hoch steigen und haben mit Sicherheit eine betörende Aussicht. Das Aufsteigen des Ballons ist stark witterungsabhängig; der kleinste Windhauch kann jegliche Aktivität stoppen. Der Preis beträgt übrigens zwischen 30 und 32 Euro für Erwachsene. Coole Sache, gut angelegtes Geld, scheint mir. Ich will aber die Speichen wieder schnell zum Schwingen bringen. Das geht aber kaum. Zu viel Verkehr, dauernd irgendeine Ampel und in die Luft starrende Touristen. Die will ich natürlich nicht überfahren. Während eines weiteren erzwungenen Halts an einer Lichtzeichenanlage schaue ich mir die gepflasterte Doppelreihe des ehemaligen Mauerverlaufs genauer an.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, gepflasterter Mauerverlauf mit Tafel

Das rund 5,7 Kilometer lange Projekt wurde 1996 von den Berliner Abgeordneten beschlossen und geht auf einen Entwurf des Künstlers Gunter Demnig zurück, der europaweit für seine „Stolpersteine“ berühmt ist. Diese steinernen Markierungen finde ich absolut notwendig. Der Mauerverlauf ist in der Stadt sonst nur noch durch einige wenige Reste oder Gedenkstätten zu erkennen. In Gedanken versunken, merke ich fast zu spät, dass mich das grüne Ampelmännchen eindringlich auffordert, endlich weiterzufahren. Es geht nun zügiger voran. Checkpoint Charlie und die Springerhäuser rauschen vorbei. Und das Wohnhaus der Terroristin Daniela Klette in der Sebastianstraße 73 sieht erschreckend normal aus. Ich lasse es rechts ohne Halt liegen. Aber kaum bin ich in die Waldemarstraße hineingehoppelt – Kopfsteinpflaster! –, muss ich scharf bremsen. Der Anblick des Engelbeckens samt St.-Michael-Kirche reißt mich aus dem Sattel. Wow, das sieht richtig gut aus. Und es ist leer, ohne Menschen. Wie geht das denn?

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Engelbecken in Berlin Kreuzberg mit Kirche

Es ist halt Mittwochmorgen und die Stadt schläft noch oder arbeitet schon innerhäusig. Ich genieße den Anblick einige Minuten lang. Ein erhebendes Gefühl, es kribbelt. Liegt es daran, dass ich eigentlich über dem Wasser des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals schwebe, der zwischen 1926 und 1929 zugeschüttet wurde? Keine Ahnung. Ich schüttle den Kopf. Ich bin kaum 30 Minuten unterwegs und fühle mich geschichtsmäßig schon total geflasht. Wenn das so weitergeht, werde ich das zweite Etappenziel in Teltow in dieser Woche nicht mehr erreichen. Wasserspeicher kurz aufgefüllt und Helm aufgesetzt – weiter geht’s. Es folgen nun einige weniger interessante Locations. Erst an der East Side Gallery in der Mühlenstraße schaue ich mich wieder genauer um. Hier stehen viele Mauersegmente, allesamt künstlerisch gestaltet. Eigentlich ist jedes ein Foto und Bericht wert. Absolut. Aber welches Bild soll ich auswählen? Nach langem Hin und Her entscheide ich mich für das Werk der Künstlerin Yvonne Matzat: “Berlin bei Nacht”

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Yvonne Matzat (Yoni) – Berlin bei Nacht, East Side Gallery, Berlin,  ,,

Yvonne Matzat (Yoni) – Berlin bei Nacht, East Side Gallery, Berlin

Warum habe ich gerade dieses Motiv ausgewählt? Es ist surreal, bedeutungsschwanger, schwer zu deuten. Es ist ein Blick in die Welt der Fantasie – einfach mein Ding. 118 Kunstschaffende aus 21 Ländern haben diese längste Open-Air-Galerie der Welt gestaltet. Ich komme zu den sehr markanten Backsteintürmen der Oberbaumbrücke.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Oberbaumbrücke

Sie verbindet Friedrichshain mit Kreuzberg und dient dem Straßenverkehr, Fußgängern und Radfahrern sowie der U-Bahnlinie 1 als Querungshilfe über die Spree. Ihren Namen verdankt sie der Funktion ihrer hölzernen Vorgängerin als Zollsperre mittels Baum. Die Nazis zerstörten die Brücke größtenteils, um die Rote Armee aufzuhalten, was bekanntermaßen nicht wirklich gelang – zum Glück. Während der Teilung der Stadt diente die Oberbaumbrücke lediglich als Grenzübergang für Fußgänger. Daran erinnern auch die unter den Backsteinbögen hängenden Schuhe. Eine Kunstinstallation, die man auch „Shoefiti“ nennt.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Schuhe hängend unter den Bögen der Oberbaumbrücke

Ein leichtes Lüftchen kommt auf – dankenswerterweise nicht von vorn, eher so von schräg hinten. Sanft streichelt mir der Wind um den Bart, als wollte er mir sagen: „Tranquilo, entspann dich, das dicke Ende kommt noch!“ Bange machen gilt nicht, denke ich mir, und rolle ohne Stress und Hektik durch Neukölln. Ich passiere das südliche, äußerste Ende der Sonnenallee, die vor dem Mauerfall so eine illustre Sackgasse war. Hundert Meter weiter duftet es nach Kaffee. „Hä, wo kommt das denn her?“, frage ich mich und sehe sogleich die Auflösung des olfaktorischen Rätsels: Jakobs Krönung

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Kaffee Fabrik Jakobs Krönung mit Fahrradfahrer

„Berlin ist wunderbar“, steht da noch. Recht haben sie, die Werber für guten Kaffee. Wenn man allerdings Chris Gueffroy hieß, dann galt das an dieser Stelle überhaupt nicht. Kurz vor dem Mauerfall, am 5. Februar 1989, wurde er von Grenzern getötet. Er hatte versucht, die Grenze der DDR am Britzer Verbindungskanal zu überwinden.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Erinnerungsstele des Chris Gueffroy

Chris war der letzte Mensch, der an der Berliner Mauer von DDR-Grenzsoldaten erschossen wurde. Perfiderweise wurden die vier beteiligten Grenzsoldaten mit dem Leistungsabzeichen der Grenztruppen und je 150 Ost-Mark Prämie für ihre Tat ausgezeichnet. Nach der Wiedervereinigung gab es eine juristische Aufarbeitung mit unterschiedlichen Urteilen für die vier Beteiligten. Nachdenklich strample ich weiter. Es folgt nun eine ziemlich öde Strecke, eingeklemmt zwischen der A 113 auf der linken und dem Teltowkanal auf der rechten Seite. Dafür lässt wunderbaren Asphalt die Reifen schnurren. Das ist eine beliebte, rund sechs Kilometer lange Speedskate- und Radtrainingsstrecke. Sie wird „Ostkrone“ genannt.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Asphaltstrecke mit Bäumen

Trotz der heutigen 35 Kilometer und der gestrigen 55 in den Beinen bin ich recht schnell unterwegs. Der Untergrund macht’s. Ich muss nun eine Rampe hoch, um den Teltowkanal zu queren, bleibe dennoch weiter an der Seite der A 113, die in meine Richtung führt. Es geht nun kreuz und quer an der Grenze zwischen Buckow und Schönefeld entlang. Die Flieger des BER grüßen von oben, unter mir ist der Untergrund nicht mehr so schön. Er wechselt ständig. Ich bin nun in Lichtenrade. Auf dem Töpchiner Weg lockt mich eine Pizzeria für einen Mittagssnack.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Eingang der Pizzeria Bellissimo in Berlin Lichtenrade

Sie macht ihrem Namen alle Ehre – soweit ich das bei Bruschetta, Oliven, Brot und einer Fassbrause beurteilen kann. Die Uhr zeigt auf die drei. Endspurt! Noch ungefähr 14 Kilometer liegen vor mir. Körperlich geht es mir erstaunlich gut. Der Allerwerteste schmerzt etwas, der Rest ist okay. Der Mauerweg führt mich nun hinaus aus der urbanen Einfamilienhausidylle in die Felder. Mal mehr Grün über mir, mal weniger. Die Wege sind schmal und zum Teil richtig zugewachsen. Kurz vor dem Kirchhainer Damm stoppe ich, um das Ambiente besser in mich aufnehmen zu können.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Fahrrad im Grünen mit vielen Bäumen

Gleich nach der Überquerung der B 96 halte ich schon wieder an. Eine weitere Erinnerungsstele erweckt meine Aufmerksamkeit, denn dieser Fall eines Mauertoten zeigt besonders drastisch, wie die DDR-Führung mit Leuten umging, die die Grenze überwinden wollten. Zwischen 1961 und 1989 starben mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer. Hier, an dieser Stelle, traf es Herbert Kiebler, der am 27. Juni 1975 sein Leben verlor.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Erinnerungsstele des Herbert Kiebler im Wald mit Mann und Fahrrad

Kurz nach Mitternacht überwindet er den Signalzaun und bewegt sich weiter in Richtung Kfz-Sperrgraben. Unbemerkt hatte er einen Alarm ausgelöst. Durch zwei Grenzposten wird er gestellt und erschossen. Da im Osten wie im Westen niemand den Vorfall bemerkt zu haben scheint, wird er vertuscht und als Selbstmord deklariert. Der Tatort wird in einen grenzfernen Wald verlegt. An dieser Verschleierungstaktik sind Förster, Volkspolizei, Standesbeamte, Pathologen und Staatsanwälte beteiligt. Erst nach der Wende kommt 1990 die Wahrheit ans Licht. Ich stelle fest, dass ich bei meiner Mauerwegstour vieles erfahre, was mir vorher so detailliert nicht bewusst war. Ich fahre weiter, entlang des Mahlower Grenzgrabens. Vor mir liegen die Gleise der „Dresdner Bahn“, die man früher umständlich umfahren musste. Jetzt gibt es einen Tunnel. Ich umkurve das Wäldchen am Königsgraben und befinde mich auf dem Tilkeroder Weg. Das Ziel ist nahe. Es ist 16 Uhr, noch fünf Kilometer. Ich halte noch einmal an, um den Blick über die Felder zu genießen.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Mann von hinten mit Fahrrad auf einem Baumstamm

Ein weiteres Grimm’s Hotel in Teltow bietet mir Herberge für die Nacht. Der Tag war noch abwechslungsreicher als gestern. Gerade in der Innenstadt war die Informationsdichte enorm hoch. Ich konnte kaum ein paar Kilometer ohne Anhalten zurücklegen. Ich wollte ja nichts Wichtiges verpassen. Ich freue mich schon auf morgen.

_____

3. Tag - Teltow bis Eiskeller - 51 Kilometer

Das Wetter ist etwas frisch, aber sonnig. Mir geht es mental sehr gut, körperlich spüre ich die letzten beiden Tage allerdings schon. Komischerweise schmerzen meine Schultern mehr als mein Hintern. Egal – nach einem guten Frühstück im Grimm’s Hotel fahre ich voller Elan los und bin sogleich wieder am Teltowkanal. Nach wenigen hundert Metern biege ich rechts auf einen Uferweg ab und folge dem originalen Mauerverlauf. Links von mir liegt das Gebiet des Buschgrabens. Er befindet sich zwischen Kleinmachnow und Zehlendorf, ist ein Landschaftsschutzgebiet mit einer besonderen Geschichte und sieht wirklich urig aus. Es ist fast wie im Märchen – mystisch und ein bisschen unheimlich.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Landschaftsschutzgebiet Buschgraben

Im Zuge des „Verkehrsprojekts Deutsche Einheit Nr. 17“ sollte auch der Teltowkanal für große Containerschiffe nutzbar gemacht werden. Dafür hätte die Schleuse Kleinmachnow deutlich vergrößert, der Buschgraben zugeschüttet und der Uferwald abgeholzt werden müssen. Auf Druck des BUND gab der Bund diese Pläne 2009 endgültig auf. Welch eine kluge Entscheidung! Schweren Herzens trenne ich mich von diesem unglaublich schönen Anblick. Weiter geht es durch die Wildnis am ehemaligen Grenzstreifen. Ich schlängle mich durch die Einfamilienhaussiedlungen der besser Betuchten und komme schließlich zum ziemlich langen Königsweg. Am Waldfriedhof Zehlendorf vorbei, erreiche ich den Checkpoint Bravo, den ehemaligen Grenzübergang Drewitz/Dreilinden. Total unspektakulär. Da hätte man aus einem so wichtigen Relikt der deutschen Teilung durchaus etwas mehr machen können. Immerhin gibt es eine Stele – also informiere ich mich.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Stele mit Fahrrad

Die linke blaue Tafel zeigt den exakten topografischen Verlauf der Sperranlagen und des Todesstreifens. Die mittlere und die rechte Tafel dokumentieren die Abfertigungsbaracken, Kontrollbereiche und den Kommandantenturm. Ich kann mich noch gut an die schikanöse Behandlung durch die Grenzposten erinnern. Zum Glück ist das Geschichte. Ich schiebe mein Fahrrad zurück zum Weg, fahre über die Brücke und hinein in den Wald. Ich trete kräftig in die Pedale. Ich will zur Havel, ans Wasser, raus aus den Bäumen – der Königsweg ist mir einfach zu langweilig.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, im Wald auf einem Weg., Mann mit Fahrrad

Ich bin wieder am Teltowkanal und schaue mir die Geschichte dieses Wasserwegs einmal genauer an. Im Jahr 1906 eröffnet, war er für selbstfahrende Dampfschiffe zu schmal. Lastkähne wurden mithilfe elektrischer Lokomotiven am Ufer durch den Kanal gezogen. Dieses Treidelsystem, entwickelt von der Firma Siemens & Halske, diente später als Vorbild für den Schleppverkehr am Panamakanal. Interessant! Gerade als ich wieder aufs Rad steigen will, fährt eine den alten Treidelloks sehr ähnliche Zugmaschine über die Eisenbahnbrücke. Wow, was für ein besonderer Moment!

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Treidellok auf Eisenbahnbrücke und Wasser

Über Bäke- und Stubenrauchstraße komme ich hinunter zum Wasser. Es ist der Griebnitzsee. Die Grenze zwischen Berlin und Brandenburg verläuft genau in der Mitte. Ich befinde mich am linken Ufer, in Potsdam, genauer gesagt in Neubabelsberg. Hier gibt es das wunderschöne, denkmalgeschützte Schweizerhaus „Fernbach“. Die dunkle, bläulich schimmernde Holzfassade und die reich verzierte Veranda sind ein absoluter Hingucker. Und das Hirschgeweih passt hier einfach hin, auch wenn ich derartige Darstellungen toter Tiere eigentlich nicht mag.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Schweizerhaus Fernbach mit Holzfassade und Veranda

Das Haus steht in der Karl-Marx-Straße 4 und wurde 1905 für den Bankier und Verleger Carl Fernbach gebaut. Um mich herum gibt es noch viele andere berühmte Häuser. Zum Beispiel die Truman-Villa, die Stalin-Villa, das Marlene-Dietrich-Haus oder die Gebäude der Quandt-Familie. Alles Millionenobjekte in einer Kommunistenstraße. Aber Karl Marx hat ja schließlich auch „Das Kapital“ geschrieben. Passt dann irgendwie wieder. Ich passiere das Pförtnerhaus des Parks Babelsberg und fahre ein kurzes Stück hindurch, obwohl es eigentlich verboten ist. Anschließend quere ich die Parkbrücke und gönne mir einen Latte Macchiato in Wartsmanns Café.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Mann mit Latte Macchiato

Es ist wenig los im Café, aber es ist ja auch erst später Vormittag. Das Wetter ist super: nicht zu heiß, blauer Himmel, ein paar Schäfchenwolken – mir geht es gut. So muss das sein. Ich genieße den Moment, aber nicht unbedingt den Latte. Der ist so heiß, dass ich das Glas lange Zeit nicht einmal anfassen kann, geschweige denn etwas trinken. Was soll's! Ich habe Zeit. Gefühlte Stunden später schwinge ich mich mit intakter Zunge wieder aufs Rad und fahre zur Glienicker Brücke hinauf. Wie am Anfang des gestrigen Tages reihen sich auch heute geschichtsträchtige Orte aneinander wie Perlen auf einer Kette. Diverse Spionage- und andere Thriller schießen mir durch den Kopf. Ich stelle mich auf die linke Seite, fixiere die Brücke, schließe die Augen und stelle mir vor: Die Sonne geht unter, der Himmel höchstdramatisch und James Bond kommt gleich um die Ecke. Ich öffne die Augen – und siehe da: KI macht’s möglich.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Glienicker Brücke KI verändert

Hinweis: Foto wurde mit KI bearbeitet

Zurück in die Realität und ab durch den Park Glienicke. Ich fahre entlang der Havel, vorbei an der Pfaueninsel, und muss ganz schön strampeln. Es geht zwar nicht besonders steil, aber dafür ständig bergauf. Es folgt eine Rechtskurve und wieder bergab, hinein in die Wannseesiedlung und hinunter bis zum Biergarten Loretta. Von Weitem sehe ich schon die Fähre, die ich jetzt nehmen muss, um auf der anderen Uferseite weiter dem Mauerweg folgen zu können. Schnell zwei Fahrscheine für mich und mein Fahrrad am Automaten gekauft und rauf aufs Schiff. Die Fähre F10 gehört zum ÖPNV der BVG und verbindet Wannsee mit Alt-Kladow. Die Strecke ist viereinhalb Kilometer lang und dauert etwa 20 Minuten. In meiner Erinnerung war die Fähre früher viel kleiner. Jetzt passen 300 Passagiere und 60 Fahrräder rauf. Und sie ist voll. An der Anlegestelle auf der anderen Seite ist mächtig was los. Auch das hatte ich anders in Erinnerung. Restaurants, Spielplatz, Badestelle und Leute ohne Ende.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Mann verlässt eine Fähre mit Fahrrad

Auf der Imchenallee geht es nun südwestlich am Ufer der Havel entlang in Richtung Luisenberg. Die 78 Meter Höhe schrecken mich nicht, zumal ich sie nur am Rande mitbekomme. Ich fahre vorbei am Sacrower See zum Groß Glienicker See, der übrigens nichts mit der Glienicker Brücke zu tun hat, und wundere mich, wie schmal der Radweg teilweise ist.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Mann auf Fahrrad im Wald auf engem Weg

Das Wort Glienicke leitet sich übrigens vom slawischen Wort glina für Lehm ab und verweist auf eine Siedlung auf feuchtem, lehmigem Boden. Feucht ist das Stichwort. Die Sonne brennt inzwischen recht stark, auch wenn es im Wald gut auszuhalten ist. „Ein Stopp am Wasser wäre doch nicht das Schlechteste“, sage ich mir. Gesagt, getan.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Mann bis zu den Knien im Wasser stehend

Gut gekühlt und erfrischt klettere ich wieder in den Sattel. Die Beine schmerzen etwas und der Popo will eigentlich nicht mehr. Aber nur keine Müdigkeit vortäuschen – es ist erst gut Halbzeit auf der heutigen Tour. Von Endspurt kann also noch keine Rede sein. Fast 20 Kilometer warten auf mich. Doch bevor ich richtig in die Pedale treten kann, muss ich mir noch einen Mauerrest anschauen. Die Grenze kommt vom Wasser her an Land, klettert das Ufer hoch und teilt die Gutsstraße. Ich stelle mich an die Mauer, um sie einmal zu fühlen. Ob ich die umwerfen kann?

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Mann beim Versuch eine Mauer umzustoßen

Sinn macht die Mauer hier natürlich längst nicht mehr. Aber man kann sich daran erinnern, was einmal war. Und das ist gut so. Anschließend passiere ich eine deutlich gekennzeichnete Privatstraße, allerdings ohne Schranke. Eigenartig. Sie scheint aber öffentlich genutztes Straßenland zu sein. Ich fahre durch – ohne Probleme. Auf der Potsdamer Chaussee muss ich daran denken, dass es auch hier diverse Fluchtversuche gab. Vor allem kurz nach dem Mauerbau, als die Grenzanlagen noch nicht perfekt ausgebaut waren. Jetzt liegt alles friedlich da. Der Radweg führt nicht immer direkt an der Straße entlang, sondern weicht des Öfteren nach rechts in Felder und Wiesen aus. Das ist vortrefflich gemacht und fährt sich ausgesprochen angenehm.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Hochstand auf Feld

Kurz vor dem Weinmeisterhornweg muss ich nach links abbiegen, in Richtung Fort Hahneberg. Hoffentlich muss ich da nicht hoch – es wären immerhin 87 Meter. Die preußische Festung aus dem Jahr 1888 ist bestimmt einen Besuch wert, aber bitte nicht heute. Doch der Gott der Radfahrer hat ein Einsehen und führt mich an der westlichen Seite vorbei. Ich kreuze die Heerstraße, die etwas weiter westlich Hamburger Chaussee heißt. Einen kleinen Anstieg muss ich dann allerdings doch bewältigen. Der Weg hinauf zur S-Bahn-Station Staaken ist nicht ohne. Dahinter, am Ende der Bergstraße, schaue ich mir zum letzten Mal eine Gedenkstätte für einen Mauertoten an.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Gedenkstätte mit Kreuz

Sie erinnert an Dieter Wohlfahrt, einen österreichischen Fluchthelfer. Er verlor am 9. Dezember 1961 im Alter von nur 20 Jahren sein Leben. Er war das erste ausländische Todesopfer an der Berliner Mauer. Durch seinen Ausländerstatus durfte er die Grenze weitgehend ungehindert passieren. Das nutzte er, um Menschen bei der Flucht aus der DDR zu helfen. Das wurde ihm schnell zum Verhängnis. Ich ziehe weiter, zum letzten Mal tief beeindruckt von einem weiteren Schicksal. Der Mauerweg befindet sich hier ein ganzes Stück entfernt von der heutigen Grenze zwischen Berlin und Brandenburg. Das liegt am damaligen Gebietstausch West-Staaken gegen Gatow, der erst mit der Wiedervereinigung 1990 rückgängig gemacht wurde. An der Spandauer Straße in Falkensee gibt es eine Bilderstrecke aus der Zeit kurz nach der Maueröffnung. Interessant gemacht, mit vielen historischen Fotos.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Bilderstrecke an der Spandauer Straße in Falkensee

Der Zieleinlauf ist nun nicht mehr weit. Noch einige wenige Kilometer durch den Spandauer Forst, und ich werde wieder in Eiskeller sein, wo ich vor zwei Tagen gestartet bin. Als ob mir der Herr aller Höhenmeter noch einmal zeigen will, wo der Hammer hängt, muss ich in Höhe des Oberjägerwegs eine letzte, mächtige Steigung überwinden. Auch danach geht es noch einige Male hoch und runter. Am Weg stehen nochmals diverse Erinnerungsstelen für die Mauertoten dieses Abschnitts. Ich halte aber nicht mehr an. Ich habe mich auf der Tour sehr oft informiert – es reicht mir. Eine letzte Kurve, und ich bin da.

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Mann mit Fahrrad von Stelen im Wald

Um eine grandiose (Grenz-)Erfahrung reicher, freue ich mich, dass ich es geschafft habe. Zwischendurch war es schon einige Male anstrengend, aber insgesamt war die Tour gut zu bewältigen und vor allem: super spannend. Hätte Schabowski bewusst oder unbewusst nicht von „sofortiger“ Reisefreiheit gesprochen und hätten die Grenzsoldaten am ehemaligen Grenzübergang Bornholmer Straße am 9. November 1989 gegen 23.30 Uhr nicht die Schranken geöffnet, hätte ich diese Tour nicht machen können. Liebe ehemalige Bewohner der DDR: „Das habt ihr richtig gut gemacht. Bravo und danke dafür. Prost!“

Berliner Mauerweg mit dem Fahrrad, Mann mit Bier in der Hand
Wellness in Hakone – Ein Aufenthalt zwischen Onsen, Ruhe und japanischer Ästhetik

Wellness in Hakone – Ein Aufenthalt zwischen Onsen, Ruhe und japanischer Ästhetik

Morgenpostmenü, so funktioniert’s!

Morgenpostmenü, so funktioniert’s!