grad60 im Fernsehen
Fünf Uhr früh in Köln. Martins Glatze glänzt. Die Maskenbildnerin tupft sie fürs Fernsehen matt und Thomas bekommt Makeup auf die Falten. Der Erfolg ist mäßig. Aber unsere Alterserscheinungen passen zum Thema.
Wir sind Gäste im Morgenmagazin von ARD und ZDF und berichten über die Gefühls-Hürden auf dem Weg in den Ruhestand. Als wir damals vor dem Schritt aus dem aktiven Berufsleben in die Pensionierung standen, hat der Blog grad60.com uns geholfen, die Schwierigkeiten zu überwinden. Dieses Projekt bringt uns nun ins Fernsehen. Die Redaktion des MoMa war auf der Suche nach passenden Protagonisten und unsere Seite erregte ihre Aufmerksamkeit. Mit einer E-Mail bekamen wir die Anfrage. Ein paar Telefonate folgten. Wahrscheinlich wollte der Sender ergründen, ob wir nicht nur schreiben, sondern auch sprechen können. Ein letztes Interview überzeugte, prompt folgte die Einladung nach Köln, wo der WDR im Wechsel mit dem ZDF das Morgenmagazin produziert. Das Thema: „Wie komme ich gut in den Ruhestand?“ Genau unser Thema! Während der Wochen bis zum Sendetermin haben wir gründlich darüber nachgedacht, was wir eigentlich sagen sollen. „Reicht das für einen Fernsehauftritt? Ist das nicht zu profan? Was wollen die eigentlich hören?“ Selbst beim Einstieg in Berlin muss Martin leicht geschoben werden: „Bringen wir das auch ‘rüber?“
Es ist noch dunkle Nacht, ein Werksstudent des Senders holt uns ab und leitet uns vom Hotel zum Sender. Es sind nur ein paar Schritte, der Weg ist leicht zu finden. Doch zu nachtschlafender Zeit ist es schön, dem jungen Mann einfach nur zu folgen, ohne selbst große Aufmerksamkeit aufbringen zu müssen.
Im Sendehaus wird es kompliziert: Am Pförtner vorbei links um die Ecke, in den Aufzug zwei Etagen tiefer, rechts, links… wir trotten einfach hinterher. Und stehen plötzlich vor hell erleuchteten Spiegeln in der Maske. Zwei freundliche Damen pudern uns die Nachtblässe aus dem Gesicht, damit wir vor der Kamera ein gutes Bild abgeben.
Leicht nachgebräunt schleust uns der Student durch die Katakomben und führt uns in den Warteraum mit Morgenkaffee und Stullen. Ein paar Süßriegel zur Nervennahrung sind auch dabei. Wir setzen uns auf die Couch und harren dem Auftritt. „Wie wird es, haben wir einen Blackout, wissen wir immer die passende Antwort?“ Wirre Gedanken schießen durch den Kopf, Zweifel bleiben.
Dann ist es soweit. Es geht zum Studio gegenüber, „SENDUNG“ leuchtet rot an der Tür.
Eine Mitarbeiterin steckt uns kleine Mikrofone ans Revers und wir friemeln das Kabel unter dem Hemd zum Funksender an der Hosenrückseite.
Wir stehen in einer großen Halle mit leuchtenden Monitoren in jeder Ecke. Auf den Bildschirmen zählen die Sekunden zum nächsten Schnitt herunter. Zeilen zeigen den Programmablauf. Und über dem Ganzen hängt ein Wald von 200 riesigen Scheinwerfern.
Tief beeindruckt stehen wir im Halbdunkel. Dann ist es soweit! Die Moderatorin kündigt das Thema an: „Ruhestand ohne Leerlauf: So gelingt der Neustart nach dem Job“. Wir schreiten über Kamerakabel ins Scheinwerferlicht. Susan Link, die Moderatorin für diese Woche, lächelt, reicht uns die Hand und zeigt den Platz auf der Studio-Couch. Der Studioleiter ruckelt uns etwas zurecht. Irgendwer ruft „Achtung!“ Gedämpfte Studioakustik ohne Schall legt sich über die Halle. Susan Link wendet sich lächelnd zur Kamera, moderiert uns an und stellt die erste Frage.
Wir plaudern wie bei Freunden auf der Couch. Keine Kamera, kein Monitor, keine Aufnahmeleitung, wir blenden alles aus. Mit einem herzlichen Strahlen lenkt und moderiert Susan Link unsere Antworten. Eine reizende Frau. Sie macht es uns leicht. Die Minuten rasen. Unser Auftritt dauert viereinhalb Minuten. Vorbei. Es folgt das nächste Thema. Wir sollen noch kurz sitzen bleiben, um nicht durch die Kamera des nächsten Moderators zu laufen, dann geht’s mit Dank und positivem Feedback in die Pause. In unser ersten Bilanz stellen wir fest, schlecht war es nicht, aber so kurz! Uns fehlt jegliches Zeitgefühl.
Geläutert und die Erfahrung: Es ist nicht so schwierig wie befürchtet. So schauen wir den beiden nächsten Interviews im Stundenabstand deutlich entspannter entgegen. Dazu überschüttet uns Nina Laack von der Redaktion mit Lob und Anerkennung und überbrückt die Wartezeit mit einer Führung durch Redaktion und Aufnahmeleitung. Staunend beobachten wir das Räderwerk von sekundengenauen Schaltungen, Kamerawechseln und Einspielern. So etwas bekommt nicht jeder zu sehen. Nicht zum ersten Mal beschert uns der Blog Erlebnisse ganz besonderer Art. Ganz zu schweigen vom Aufmerksamkeitsbooster. In New York wackeln die Server, die Klickzahl von grad60 explodiert.
Außerdem stehen frische Kontakte mit neuen interessanten Geschichten in den Startlöchern, direkt nach Sendeschluss. Wir ziehen Bilanz: Der Ausflug nach Köln hat sich gelohnt! Abgeschminkt und ohne Puder streifen wir zum Abschluss noch durch die Stadt mit Dom und Kölnisch Wasser.
Zum Schluss unsere Tipps für den Eintritt in den Ruhestand in komprimierter Form:
Plane rechtzeitig konkrete Maßnahmen
Setze bewusst neue Ziele
Baue eine neue Struktur für den Alltag
Erwäge ein Ehrenamt anzustreben, damit kann die (neue) Bedeutungslosigkeit, das fehlende Feedback und die Langeweile kompensiert werden
Stärke den Freundeskreis
Sage der ehemaligen Kollegenschaft „Goodbye“ ; ein „Nichtloslassen können“ nervt auf Dauer beide Seiten
Konfiguriere die Partnerschaft
Letztlich empfehlen wir, dem Körper, dem Geist und der Seele mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Im Detail heißt das Sport, Gesundheitsvorsorge, mentale Herausforderung, Zeit zum Nichtstun genießen.
Und grad60 lesen! Und zum Anschauen gehts hier zum Beitrag in der Mediathek vom WDR.



