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Tosca – Ein Besuch der Staatsoper Unter den Linden in Berlin

Tosca – Ein Besuch der Staatsoper Unter den Linden in Berlin

Scarpia wartet auf seine Schergen, während in der Kirche ein Te Deum zur vermeintlichen Niederlage Napoleons erklingt. Cavaradossi wird gefoltert, und schließlich stürzt sich Tosca von der Engelsburg in den Tod. Diese Oper ist von einer derart realistischen Brutalität, dass sie eigentlich erst ab 18 Jahren freigegeben werden dürfte. Nun gut, um mich herum entdecke ich ohnehin keine Jungspunde.

Es ist kurz vor fünf am Sonntagnachmittag. Ich bin mit meiner Ehefrau und unserer guten Freundin Suse in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Wir wollen uns die bei ihrer Uraufführung im Januar 1900 ziemlich umstrittene Oper von Giacomo Puccini ansehen. Heute wird die Neuproduktion aus dem Jahr 2014 zum 72. Mal aufgeführt. Wir sind gespannt.

Tosca – Ein Opernbesuch in der Staatsoper Unter den Linden, Mann vor Schaukasten am Abend

Bevor das Drama seinen Lauf nimmt, schlendern wir noch ein wenig durch die Gänge. Friedrich der Große hatte den Bau in Auftrag gegeben, wohl aus persönlicher Leidenschaft für die Kunst, aber auch aus machtpolitischem Kalkül. Am 7. Dezember 1742 wurde das Opernhaus eröffnet. In seiner mehr als 280-jährigen Geschichte musste es einiges erleiden: niedergebrannt, zerstört und umgebaut, erstrahlt es seit der Generalsanierung 2017 wieder in altem Glanz. Wir gehen ins Untergeschoss, wo sich die Bar befindet. Ich meine, die Kronleuchter freundlich klingeln zu hören. Auch optisch sind sie ein Hingucker. Das fein geschliffene Kristallglas bricht das Licht der Kerzenlampen und lässt es in unzähligen Facetten aufblitzen. Auf dem Parkettboden weist uns eine Lichtspur den Weg zu den schneeweißen Hussen der Stehtische. Wir schreiten durch die geöffnete Flügeltür.

Tosca – Ein Opernbesuch in der Staatsoper Unter den Linden, Duchgang zur Bar im Keller des Opernhauses

Der historische Glanz ist allgegenwärtig. Alles ist geschmackvoll aufeinander abgestimmt: nicht kitschig, sondern stilvoll. Ich drehe mich einmal um mich selbst und inhaliere das gediegene Flair dieses Opernhauses. Das edle Holz an den Wänden strahlt im gedämpften Licht Wärme und Behaglichkeit aus. Ich lasse die Atmosphäre auf mich wirken und schließe die Augen. Leises Lachen, ein Seufzen, Rascheln. Ein üppiges Kleid scheint meine Beine zu streifen. Ich öffne wieder die Augen. War das Madame Butterfly? Wohl kaum, falsche Oper. Die Menschen strömen in die Bar. Wir bestellen Sekt.

Tosca – Ein Opernbesuch in der Staatsoper Unter den Linden, Mann mit Sektglas in der Hand

In mir breitet sich ein Gefühl erwartungsvoller Spannung aus, verbunden mit einer angenehmen Geborgenheit in diesem luxuriösen Ambiente. Es wird voller. Vom Nebentisch höre ich Italienisch, vom anderen Spanisch und Englisch. Dazwischen dringen osteuropäisch gefärbte Wortfetzen an mein Ohr. Ein internationales Publikum. Die Berliner Staatsoper ist berühmt, und Tosca erfreut sich großer Beliebtheit. Zum zweiten Mal läutet es. Es ist Viertel vor sechs. Wir sollten in den Saal gehen.

Parkett, Reihe 13, ziemlich in der Mitte. Alle sitzen bereits und müssen nun für uns aufstehen. „Excuse me, scusi, excusez-moi, disculpe!“ Polnisch oder Russisch fallen mir gerade nicht ein. Egal, wir sitzen. Hinter dem Orchestergraben, auf der Bühne, hängt kein klassischer roter Vorhang, sondern eine Leinwand mit dem Titel und den Namen der Schöpfer der Oper.

Es ist unglaublich laut. Alle scheinen noch etwas zu sagen zu haben. Das dritte Läuten. Das Licht wird langsam dunkler, die Menschen versinken im Halbdunkel. Die Oboe gibt den Kammerton A an, die anderen Musiker stimmen ihre Instrumente darauf ab. Was anschließend passiert, kann ich nicht erkennen. Die Ereignisse spielen sich im Orchestergraben ab. Doch der Dirigent muss inzwischen erschienen sein. Einige Zuschauer haben es bemerkt, Applaus brandet auf und verebbt schnell wieder. Die Leinwand ist noch geschlossen. Absolute Ruhe. Konzentration pur.

Plötzlich zertrümmern drei musikalische Hammerschläge die Stille. Sofort ist alles anders. Ich fühle eine unheimliche, von Gewalt bedrohte Atmosphäre. Es ist das sogenannte Scarpia-Motiv, das musikalische Erkennungszeichen des personifizierten Bösen, des Polizeichefs Baron Vitellio Scarpia. Die Töne verklingen. Die Leinwand hebt sich und gibt den Blick auf den Innenraum der römischen Kirche Sant’Andrea della Valle frei. Zwischen den Säulen zeigt eine großflächige Projektion das Bild der Maria Magdalena. Der Messner und der Maler Mario Cavaradossi erscheinen nacheinander und sprechen über das Gemälde und die Ähnlichkeit mit einer Besucherin der Kirche.

Tosca – Ein Opernbesuch in der Staatsoper Unter den Linden, Bühnenbild mit Bildnis der Maria Magdalena und zwei Protagonisten

Copyright Hermann und Clärchen Baus

Die beiden verschwinden. Das Orchester setzt mit einer unruhigen, gehetzten Melodie ein. Sie scheint die nackte Panik des entflohenen politischen Gefangenen Cesare Angelotti musikalisch einzufangen. Im Sträflingsgewand stürzt er in die Kirche Sant’Andrea della Valle. Cavaradossi hilft ihm, Scarpia kommt ihm auf die Spur und Tosca gerät in den Konflikt hinein. Die Handlung entwickelt sich höchst dramatisch weiter. Ich fühle mich wie in einen 3-D-Kinofilm: Ich bin nicht nur dabei, sondern mittendrin.

Knapp unterhalb der Operndecke werden die deutschen und englischen Übersetzungen des italienischen Gesangs eingeblendet. Das ist sehr hilfreich. So können wir dem Geschehen mühelos folgen. Schließlich erscheint Scarpia mit seinen Leuten. Und wie zu Beginn bricht sein Motiv über uns herein – diesmal noch gewaltiger, noch pompöser. Die Musik legt sich wie ein eiserner Griff um die Szene, Angst und Ohnmacht der potenziellen Opfer Scarpias sind fast körperlich zu spüren.

Tosca – Ein Opernbesuch in der Staatsoper Unter den Linden, Bühnenbild mit Scarpia und Begleitung

Copyright Hermann und Clärchen Baus

Die Oper dauert zwei Stunden und 40 Minuten. Da kommt die Pause nach dem ersten Akt gerade recht. Fast alle strömen in die Bar und stellen sich für Getränke an. Wir nicht. Wir haben nämlich vorbestellt. Auf Tisch 32 warten nochmals drei Gläser Sekt auf uns. Wir diskutieren über das Bühnenbild und die Leistungen der Protagonisten. Unglaublich, wie laut und klar die Stimmen der Sängerinnen und Sänger bis in die 13. Reihe dringen. Sie müssen nicht nur die Entfernung überwinden, sondern sich auch gegen die musikalische Wucht des Orchesters behaupten. Der Auftakt unseres Opernbesuchs ist schon einmal beeindruckend. Da sind wir uns einig. Wohlan, es geht weiter. Das dritte Läuten wollen wir diesmal lieber auf unseren Sitzen erleben und nicht wieder über alle anderen hinwegsteigen müssen. Ich werfe noch einen letzten Blick auf die schlichten, aber wirkungsvollen dreiarmigen Wandleuchten. Es ist einfach schön hier.

Tosca – Ein Opernbesuch in der Staatsoper Unter den Linden, dreiarmige Wandleuchte in der Bar der Oper

Wir befinden uns in Scarpias Arbeitszimmer im Palazzo Farnese in Rom. Der zweite Akt beginnt mit einer schweren, abwärts gerichteten Phrase der Streicher und Holzbläser. Träge fließen die Töne aus dem Graben in den Zuschauerraum. Es ist finster und melancholisch. Eine bedrückende Atmosphäre liegt über Scarpias Gemächern. In den folgenden Szenen wird Cavaradossi gefoltert, weil er den Aufenthaltsort des flüchtigen Angelotti nicht preisgeben will. Tosca hält das Leiden ihres Geliebten schließlich nicht mehr aus und verrät, wo sich Angelotti versteckt hält. Doch dann kommt es zu einer unerwarteten Wendung. Scarpia versucht, ihre Verzweiflung sexuell auszunutzen. Tosca scheint auf seine Forderung einzugehen. Doch als er sich ihr nähert, um sie zu umarmen, rammt sie ihm ein Messer in die Brust. Das Orchester bricht abrupt in zwei gellende Akkorde aus.

Tosca – Ein Opernbesuch in der Staatsoper Unter den Linden, Bühne mit Tosca und Scarpia

Copyright Herrmann und Clärchen Baus

Diese Fortissimo-Ausbrüche wirken wie ein orchestraler Aufschrei des Entsetzens. Scarpia stirbt. Die Musik scheint nach diesem Gewaltausbruch selbst kurz nach Luft zu ringen. Tosca triumphiert. Sie hat gewonnen. Sie hat Widerstand geleistet. Ist das die Selbstbehauptung einer Frau gegen die Macht des Bösen? Vielleicht. Der Akt endet schließlich im absoluten Pianissimo. Ein dumpfer Schlag der großen Trommel begleitet Toscas lautloses Hinausschleichen aus dem Zimmer. Der Vorhang fällt. Einige Sekunden lang passiert nichts. Stille. Auch das Orchester scheint den Atem anzuhalten. Die Leinwand ist noch geschlossen.

Vier Hörner beginnen nun, unisono dasselbe Motiv zu spielen. Eine feierliche Phrase, die wie ein musikalischer Sonnenaufgang über Rom wirkt. Der dritte Akt beginnt, der Vorhang hebt sich. Die Streicher spielen extrem hohe, lang gehaltene Akkorde, ganz leise. Das Publikum ist ausgesprochen diszipliniert. Niemand hustet. Plötzlich öffnet sich über den Dächern Roms ein akustisches Glockenpanorama. Aus allen Richtungen höre ich das Läuten. Die Hinrichtung Cavaradossis steht unmittelbar bevor. Es folgt „E lucevan le stelle“, die berühmteste Arie dieser Oper. Cavaradossi singt sie mit aller Inbrunst und Hingabe. Er blickt dem Tod entgegen und fürchtet ihn zugleich.

Tosca glaubt, Cavaradossi werde nur zum Schein erschossen. So war es vereinbart. Doch Cavaradossi stirbt im Kugelhagel der Soldaten. Tosca begreift, dass Scarpias perfides Spiel auch nach seinem Tod weiterwirkt. Sein letzter Betrug hat ihr alles genommen. Man hört Stimmen. Der Mord an Scarpia ist entdeckt worden. Seine Schergen wollen Tosca ergreifen. Doch bevor sie sie erreichen können, stürzt sie sich von der Engelsburg in den Tod.

Tosca – Ein Opernbesuch in der Staatsoper Unter den Linden, Bühne mit Tosca vor dem Hintergrund der Engelsburg

Copyright Herrmann und Clärchen Baus

Es ertönt das Tutti-Fortissimo des Cavaradossi-Themas, genau in dem Moment, als Tosca springt. Das Orchester spielt mit maximaler Wucht die bittersüße Hauptmelodie der Abschiedsarie. Immer wieder. Die Musik reißt alles mit sich in einem unaufhaltsamen Mahlstrom. Nach drei monumentalen, brutal abgehackten Orchesterschlägen bricht sie mit maximaler Lautstärke abrupt ab. Dann fällt der Vorhang. Ich fühle mich ein wenig ausgelaugt, geradezu wie erschlagen. Was für ein Werk! Das Publikum braucht ebenso wie wir einen Moment der Sammlung, bevor es in Begeisterungsstürme ausbricht. Standing Ovations und etliche Vorhänge.

Tosca – Ein Opernbesuch in der Staatsoper Unter den Linden, die Protagonisten der Aufführung vor dem roten Vorhang, verbeugend

Während die Frauen bereits ihre Mäntel holen, verweile ich noch ziemlich lange im Zuschauerraum. Das war ein fantastischer Abend. Beste Unterhaltung, überwältigende Musik, grandiose Stimmen. Und diese Oper funktioniert auch als moderner Storyteller, Tosca als Tatort.

Liebe, Eifersucht, Verzweiflung, Intrige, Folter, Mord, Suizid und bildende Kunst – all das vereint in einem einzigen Werk. Eine solche Mischung ist außergewöhnlich, selbst für heutige Verhältnisse. Die Oper Tosca ist sehr zu empfehlen. Für alle Jahrgänge, vielleicht mit Ausnahme der ganz jungen. Wegen des Jugendschutzes, versteht sich.

Tosca – Ein Opernbesuch in der Staatsoper Unter den Linden, leerer Zuschauerraum der Oper
Monika Keller: Tanzen ist mein Leben

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