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Bob Dylan, mein Poet

Bob Dylan, mein Poet

Ich schaue von der Terrasse der Mercedes-Benz-Arena auf der Vorplatz, genieße den lauen Aprilabend und schaue in die untergehende Sonne. Ich freue mich, dass ich schon drin bin und mich nicht in die langen Schlangen einreihen muss, die sich langsam am Eingang bilden. Ein privater Reinigungsdienstmann bleibt bei einer obdachlosen Frau stehen, die sich an einer Laterne festhält und in Plastiktüten, die um sie rum am Boden stehen, Flaschen sammelt. Er öffnet seine Tonne und holt Pfandflaschen raus, die er der Frau gibt. Sie nickt ihm zu, er lächelt. Was für eine kleine, anrührende Geste, denke ich. Und der Gedanke wird zum Kribbeln, kriecht hinten am Nacken hoch, meine spärlichen Nackenhaare stellen sich auf und wegen der goose skin auf beiden Armen ergießt sich das Bier fast auf den Platz unter mir.

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Was für ein Zeichen, was für ein Fingerzeig des großen Allmächtigen, wenn es ihn denn gibt! Es passieren Sachen, die würden aus jedem Drehbuch gestrichen werden, weil die total kitschig und unrealistisch sind. Aber heute Abend sind sie wahr. Warum nimmt mich das so mit? Im Refrain „How does it feel? To be on your own, to be without a home, like a complete unknown, like a rolling stone?” vom 1965er Album “Highway 61 Revisited” wird das Leid einer Obdachlosen beschrieben, die mal reich und wohlhabend war. Und ich bin heute hier, um einen Abend mit einem alten Vorbild aus der Jugendzeit zu verbringen. Mit Bob Dylan, der immer noch auf Tour ist, auf der „Neverending World Tour“, die 1989 begonnen hat; übrigens auf Geheiß des „Chief Commander“, wie Dylan einmal sagte, wer auch immer das sein soll.

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(c) Plattencover

Die Ereignisbrücke zu den Texten von Mr. Robert Allen Zimmermann, der sich schon früh zum Beginn seiner Karriere Bob Dylan nannte, lässt mich unvermittelt flashbackend an die späten 60iger respektive frühen 70er Jahre denken. „Blowing in the wind“ vom 1963er „The Freewheelin’ Bob Dylan“ war eines der ersten Lieder, das ich auf der Gitarre spielen konnte.

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Ein gern gehörtes Stück, für jedes Lagerfeuer geeignet und leicht zu singen. Berühmt geworden als Anti-Kriegs-Hymne der Folk-Rock-Bewegung, besonders in der Interpretation mit Joan Baez. Auch für mich als langhaariger, linksorientierter Gymnasiast waren die Beiden meine Helden und der Text verpflichtende Grundeinstellung zum Leben. Ich habe es versucht.

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(c) Rowland Scherman - U.S. National Archives and Records Administration, Public Domain

Bob Dylans Stimme ist jetzt 77 Jahre alt und sie war schon schlechter. Glasklar, aber wie eh und je stark vernuschelt, knarzend, singend, wimmert, aber im Rahmen des seriös Möglichen präzise den Ton treffend, steht sie über dem angenehm eher leisen Klangteppich seiner perfekt miteinander kommunizierenden Band. Gitarrist Charlie Sexton, Bassist Tony Garnier, Schlagzeuger George Receli und der an Pedal-Steel- und Lapsteel-Gitarre, Banjo sowie Geige aktive Donnie Herron stärken Dylan routiniert und virtuos den Rücken.

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(c) Plakat zum Auftritt am 4. April 2019 in Berlin

Manchmal scheint es, als tanze er ein wenig, als wippe er. Viel sehe ich davon aber nicht. Bob kommt mit Strass besetzter, enger Lederhose und hellem Dinnerjacket leicht wankend auf die Bühne. Und das ist kein Rock’n’Roll, glaube ich, sondern das Alter. Er geht sofort hinter den Flügel. Gitarre spielt er schon lange nicht mehr. 1978 in Rotterdam war das noch anders. Aktuelle Fotos gibt es von ihm übrigens auch nicht. Ist das Eitelkeit? Bobby, das hast du doch nicht nötig!

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(c) Chris Hakkens CC-BY-SA

Die bewusst unspektakulär, spartanisch gestaltete Bühne ist urgemütlich; wie eine Bar der 80iger Jahre. Brauner Vorhang als Backdrop, rot illuminiert, im Halbrund nach hinten abschließend. Von der Decke hängen riesige Filmscheinwerfer direkt vor den Vorhängen, sie glimmen nur leicht. Auf der Bühnen verteilt stehen einzelnen Ständer, die jeweils nur ein Glühlampe tragen. Die Musiker werden sparsam mit Profilscheinwerfern von oben beleuchtet. Keine Verfolgerlichter von weit weg. Alles bleibt in einem warmen, sehr angenehmen Licht. Ich schaue auf diese Bühnenkomposition und fühle mich wohl. Und das ist genauso gewollt, glaube ich. Allerdings ist die Bühne ziemlich weit weg, ich brauche eine Sehhilfe.

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Die Band beginnt die Instrumente zu stimmen, scheint es. Es folgt keine Begrüßung, kein Hallo. Aber das ist nichts Neues, das war schon immer so. Das Volk huldigt ihm, soll es doch. Er macht seine Musik, mit oder auch ohne uns. Aus dem Durcheinander der Töne wird plötzlich ein Stück.

Mit „Things Have Changed“, das hat inzwischen schon Tradition, eröffnet Bob Dylan diesen wunderbaren Abend. Der Titel ist Programm. Dinge ändern sich immer. So auch die Interpretation seiner Songs. Das Erkennen fällt mir schwer. Jedes Lied ist ein besonderer Moment, weil der Groschen erst nach zwei, drei Takten und später oder gar nicht fällt. Bob Dylan zerlegt seine Lieder, er tut es seit Jahrzehnten. Ich schaue mich um, ob es den anderen Gästen ähnlich geht. Eher nicht; alle sind ganz bei der Sache, summen mit und scheinen sich sicher zu sein. Erstaunlich. Ich habe viele Stücke erst im Nachhinein beim Studieren der Playlist erkannt. Zum Beispiel „Serve Somebody“, „Twist of Fate“ oder „It ain’t me you looking for, Babe“.

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(c) Plattencover

Bei “Scarlett Town” erhebt sich der alte Mann von der Klavierbank und steht zwischen dem Gitarristen und seinem Bassisten, der ihm schon seit 30 Jahren treu zur Seite steht und hält sich am Mikrofonständer fest. Schön klingt der Song, der auch schon von Gillian Welch und David Rawlings oder Joe Bonamassa gut in Szene gesetzt worden ist.

Klassiker wie „Like a Rolling Stone“ und „Blowin’ in the Wind“, das er als Zugabe spielt, sind für Fans natürlich umgehend am Text zu identifizieren. Am Allerschönsten ist für mich und viele im Publikum die Fassung von „Don’t think twice“. Fast nur der Flügel ist zu hören, der Scheinwerfer ist alleine auf Bob Dylan gerichtet, und am Ende steigt die Mundharmonika ein. Mein Blick trübt sich etwas, was weiß ich, warum.

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Bob Dylan, der als bisher einziger Musiker am 13. Oktober 2016 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, nimmt seine sprachlich komplexen Lieder immer wieder in die Mangel und formt sie neu. Aber nur musikalisch, sprachlich bleibt alles beim Alten. Zu Recht, da muss nichts geändert werden. Die Sprache und die Aussagen sind für mich in der Musikerwelt ohnegleichen. Er wird nicht umsonst auch der Shakespeare der Musik genannt.

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(c) Stoned59 CC BY 2.0

Newsweek schrieb mal, dass Bob Dylan für die Popmusik das Gleiche ist wie Einstein für die Physik. Und seine Texte beziehen Stellung. Songs wie „Hard Rain“ und „Masters of War“ zusammen mit „Blowing in the wind“ sind klare Ansagen an die Kriegstreiberei der 60iger Jahre. Andere Stoßrichtungen seiner Texte sind Anklagen rassistischer Umtriebe wie der Song „Hurricane“ über den Boxer Rubin Carter und ganz private Erkenntnisse, dass zum Beispiel Dinge halt sind wie sie sind und man sie ja doch nicht ändern kann in dem Stück „Don’t think twice“ und Frauen dableiben oder auch nicht in den Werken „Lay Lady Lay“ oder „Tangled up in blue“.

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Bob Dylan hat die Mischpoke der Plattenlabel schon früh durchschaut, hat Ihnen nur gegeben, was er ihnen geben wollte. Und das, was er wollte und was er gab, war von Anfang an eine neue Dimension der Rockmusik mit einer sprachlichen Komplexität, mit Metaphern und literarischen Querbezügen, mit surrealen Wortkaskaden, die vorher nicht da waren.

Eines erlaube ich mir aber auch zu bemerken: er hat sehr oft sehr viel Gutes zu Papier gebracht und vertont, dennoch war auch manchmal Schlechtes dabei, auch musikalisch. Aber … er blieb immer er selbst und er ist es heute noch. Das ist ein Lebensmotto, was mir gefällt. Und auch ich bleibe dabei, basta!

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