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Schätzing und der Schmetterling

Schätzing und der Schmetterling

Ich rezensiere hier den 2018 erschienenen Roman von Frank Schätzing „Die Tyrannei des Schmetterlings“.

Warum dieser Titel? Als Hinweis und Beschreibung der Sinnes- und Erlebniswelt von Insekten bis tief in die Windungen ihrer Genome und der brutalen, blutigen Macht, die sie aufgrund ihrer zentral gesteuerten Intelligenz über die wenigen noch verbliebenen Menschen ausüben, ist er für mich einfach zu flach. Dass dieser Roman die Gefahren der künstlichen Intelligenz (KI) bis ins letzte tödliche Detail ausreizt, ist genial geschriebene Unterhaltung. Warum gibt es im Titel nicht den leisesten Hinweis darauf? Ich hätte mir eine andere Überschrift gewünscht, denn es lohnt sich, dieses Buch zu lesen.

„In der Schlucht schwebt ein blutiger Engel“, so beginnt das zweite Kapitel. Das erste ist ein längerer Prolog aus einem afrikanischen Bürgerkriegsland, an dessen Ende ein vorerst rätselhaft bleibendes Massaker steht. In einer sehr fesselnden Story rund um den „Undersheriff“ Luther Opoku in Downieville, Sierra County, Kalifornien, wird hier der Einstieg mit einem intensiven Blick in das provinzielle, durch illegalen Drogenanbau und Personalknappheit geprägte polizeiliche Alltagsleben der ehemaligen Goldgräberregion gewählt. Der Autor beschreibt zunächst einen Todesfall, der zwar ungewöhnlich in seinen näheren Umständen ist, aber noch als normale Ermittlungstätigkeit für das zuständige Sheriff-Büro anzusehen ist.

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Das bleibt aber nicht lange so. Diese sehr analoge Welt switcht mehr und mehr in die digitale und zieht den Leser hinein in ein Geflecht von heutiger Realität aus dem Silicon Valley und ausgedachtem Geschehen in einer fiktiven Firma in Palo Alto. Der Firmengründer und Computernerd Elmar Nordvisk baut einen Supercomputer, der auf Quantentechnik basiert, selbstlernende Rechenschritte machen kann und sich nach und nach an die Weltspitze der Themenfelder Sprach- und Gesichtserkennung, Medizintechnik und pilotiertes Fahren setzt. Das Projekt, der Superrechner A.R.E.S. (steht für „Artificial Research and Exploring Systems“), wird immer größer und der Raumbedarf nimmt zu. Außerdem sollte nicht alle Welt erfahren, wie gut (und wie gefährlich?) dieses Betriebssystem inzwischen ist. Deshalb wird für die Erweiterungen der Maschine die Abgeschiedenheit des Sierra Countys gewählt, wo man im Untergrund alles verbauen kann, ohne dass es jemand merkt. Außer Luther Opoku …

Die KI oder englisch AI (Artificial Intelligence) scheint das in aller Konsequenz letale und damit letzte Ereignis für die menschliche Rasse zu sein, so jedenfalls Schätzing in seinem Roman. In weiteren vier Kapiteln erzeugt er durchweg atemlose Spannung, die es mir sehr schwer gemacht hat, das Buch auch mal zur Seite zu legen.

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(c) Paul Schmitz; Hintergrund: Ram Kay/Shutterstock.com

Schätzing hält sich wohltuend fern von den derzeit sehr beliebten Androiden, es gibt auch keine Liebesbeziehung wie in „Her“ oder ein Überwachungsdrama wie in „The Circle“. Er spinnt den Gedanken zu Ende, dass, wenn eine Maschine gebaut wird, die mittels KI alles und jeden überflügelt, dieses Computerprogramm schließlich zu dem unweigerlichen Schluss komm muss: der Mensch ist nicht geeignet für das Erreichen des einst als absolut programmierten Ziels „Frieden und Glück für alle“. Dieser Fehltritt der Evolution, die menschliche Rasse, stört, sie ist auszulöschen, sonst keine Vollendung.

Der israelische Historiker Prof. Dr. Yuval Noah Harari, u.a. Autor von „Homo Deus“ und „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ (rezensiert hier im Blog unter https://www.grad60.com/home/2018/10/3/die-menschheit-prof-harari-und-ich), warnt übrigens sehr eindringlich davor, KI könnte in autoritären Staaten effizienter eingesetzt werden als in Demokratien. Ich habe dieses Buch gelesen und kann mit Blick nach China und Russland Harari nur zustimmen.

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Frank Schätzing ist nicht unumstritten, das ist mir klar. Aber ich habe schon „Der Schwarm“ (2005) verschlungen und war auch von „Limit“ (2009) begeistert. Die Kritik im Netz zum aktuellen, 728 Seiten umfassenden Werk, beschäftigt sich vor allen Dingen mit der ausufernden Sprache. Da ist vom irreparablen Desaster krummer und schiefer Metapher die Rede, vom dräuenden, teutonischen Wortwürmern. Na und? Ich mag das: „Amorphe Verläufe am Rande des Gesichtsfelds, die von kolossalen, in ständiger Selbsterschaffung und -vernichtung begriffenen Strukturen zeugen, ein lautloses Mäandern, Wabern, Kräuseln, sich Blähen, Annihilieren, Kochen und Überquellen des Eventuellen.“ Es gibt viele derartiger Stellen im Buch. Ich musste sie oft zweimal lesen, um einerseits den Sinn dahinter zu erkennen und andererseits die Schönheit des beschriebenen Bildes aufzunehmen. Ich wollte das aber auch. Ich hasse die glatte Vierwortsätze-Literatur, bei der ich die halbe Seite mit einem Blick erfassen kann. Ich grüble gern über in Text gegossene Unmöglichkeiten nach und lasse vor meinem geistigen Auge „Science-Fiction“ Wirklichkeit werden.

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Die „Tyrannei des Schmetterlings“ ist der achte Roman des deutschen Schriftstellers Frank Schätzing. Das Thema des am 24.04.2018 erschienenen Science-Fiction-Thrillers sind die Möglichkeiten und Gefahren der KI. Die tiefe Ambivalenz, die unser Verhältnis zu der und unsere Erwartungen an die KI durchziehen, wird in diesem Roman deutlich. Schätzing ist wie immer sehr genau in seinen Recherchen. Alles, was derzeit an Wissen über selbstlernende Systeme, Superintelligenz, Paralleluniversen, verborgene Wirklichkeiten und Vieles mehr verfügbar ist, fließt mit ein in dieses mich absolut überzeugende Werk. Lest es und bildet Euch Eure eigene Meinung; ich verspreche Euch, es lohnt sich.

Frank Schätzing: „Die Tyrannei des Schmetterlings“, Roman, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018, ISBN 978-3-462-05084-4

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