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Unterwegs in Neuseeland

Unterwegs in Neuseeland

Ein Gastbeitrag von Dr. Thomas Abel

Meine Frau und ich sind in Christchurch, unserem Ausgangspunkt, angekommen und versuchen, die 48 Stunden Anreisestress abzuschütteln. Und diese Stadt macht es uns leicht. Ruhiger Verkehr, freundliche Ansprache und vor allem eine unglaubliche Sauberkeit. Im Stadtzentrum ein angenehmer Grünzug an einem kleinen Fluss entlang, viele Bänke, viel Platz für Fußgänger, der durch keine Restaurantvorbauten eingeschränkt wird. Auf vielen Baustellen wird an der Beseitigung des Erdbebens von 2011 gearbeitet, das weit über zehntausend Häuser zerstört hat, vor allem die historische Bausubstanz, die das Gesicht der Stadt prägte. Jetzt hat man sich auch entschlossen, die Kathedrale im Zentrum in Teilen wiederherzustellen. Bis jetzt standen ihre Reste durch starke Eisenträger abgestützt, weil man sich über ihr weiteres Schicksal nicht im Klaren war.

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Heute übernehmen wir den Campingbus. Ich gestehe, dass ich im Vorfeld der Reise manchmal überlegt hatte, ob ich mich mit dem Entschluss, einen Camper in einem Land mit Linksverkehr zwei Monate durchs Land zu kutschieren, nicht doch übernommen habe. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Nach der sehr ausführlichen Einweisung fotografiere ich unser neues Zuhause, einen ausgebauten Sprinter, von allen Seiten, wuchte das Gepäck hinein, und dann geht es im Schneckentempo – links fahren, links fahren – zum nächsten Supermarkt. Wir müssen erst einmal unsere Lebensmittelvorräte auffüllen. Auf den Parkplatz herauf- und dann wieder hinunterzukommen, ist schon ein Erlebnis. Die Ausmaße dieses über sieben Meter langen Gefährts in die Fingerspitzen zu bekommen, ist eine echte Herausforderung.

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Die weitere Fahrt führt uns an die Ostküste der Südinsel. Zwei Städte, Oamaru und Dunedin, geben einen Eindruck der Stadtbilder im 19. Jahrhundert wieder. Anklänge an Neuengland sind deutlich zu erkennen. In Dunedin können wir Spuren der schottischen Siedler entdecken. Auf den Friedhöfen verraten die Geburtsorte die Herkunft der ersten Einwohner, und auch das Schottenkaro auf den Röcken der Schulkinder erinnert daran. Ein gut ausgestattetes Museum zur Ansiedlung in Otago gibt uns weitere Informationen.

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Auf der weiteren Fahrt wird uns im Reiseführer immer wieder die Beobachtung von Pinguinen versprochen. Aber offenbar sind wir an den betreffenden Stellen immer zur falschen Tageszeit. Nur einmal gelingt es mir nach stundenlangem Warten im Regen, einen einsamen Gelbaugenpinguin zu entdecken, der sich vor den neugierigen Augen der Touristen hinter einem Felsen versteckt. Aber er flüchtet vor meiner Kamera, kein Foto für mich. Trotzdem genießen wir den Anblick der rauen, felsigen Küstenabschnitte, an denen sich die hohen Wellen gischtend brechen.

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Von dort aus ist es nicht mehr weit bis zum südlich gelegenen Fjordland, eine Landschaft wenig erschlossen und daher weitgehend unberührt. Hier unternehmen wir einen Ausflug zum Doubtful Sound, einem System von Buchten und Fjorden, das schließlich ins freie Meer führt. Dazu müssen wir eine Fahrt über einen großen Bergsee und eine anschließende Busfahrt unternehmen, bis uns eine Katamaran-Yacht zum eigentlichen Ziel bringt. Frühmorgens lässt sich die eindrucksvolle Landschaft im Nebel und mit den tiefhängenden Wolken erst erahnen. Später klart es auf und wir werfen einen Blick auf Te Anau, einen Ort, der eine Art touristischer Drehscheibe darstellt. Hier wird alles angeboten, vom Flug mit dem Hubschrauber, Wasserflugzeug, Ausflügen mit Schnellbooten, Dampferrundfahrten, es bleiben kaum Wünsche offen.

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Wir fahren weiter und bestimmen einen Stellplatz am Rand eines Regenwalds als nächstes Ziel. Wir nutzen den Sonnenschein zu einem angenehmen längeren Spaziergang. Die neuseeländischen Regenwälder sind wirklich etwas Besonderes. Ein grünes Universum mit den unterschiedlichsten Pflanzenarten, in dem umgestürzte Bäume liegenbleiben und jungen Sprösslingen als Unterlage dienen. Epiphyten und Rankenpflanzen bewachsen große und alte Bäume, dazu eine vielfältige Vogelwelt, die man hört, aber kaum sieht. Damit der Besucher keine Machete schwingen muss, hat das DOC, die neuseeländische Verwaltung der Naturschönheiten, in diesen Wäldern angenehme Wanderwege mit eindeutiger Beschriftung angelegt, sodass sich auch der Ortsfremde ohne Mühe zurechtfindet und sich unbeeinträchtigt an der Natur erfreuen kann.

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Ein paar Tage später sind wir in Queenstown, auf einem kommerziellen Campingplatz, gut eingerichtet, aber mit sehr engen Stellplätzen, die mir viel Konzentration beim Rangieren abverlangen. Dann die Stadt, sie birst geradezu vor jungen Leuten, entsprechend ist das Angebot an Gastronomie, Agenturen, die alles vom Bungeespringen, über Speedbootfahren bis zu Fernflügen anbieten. Aber auch andere Touristengruppen sind reichlich vertreten, sodass ich mich frage, wie es hier erst in der Hochsaison aussehen mag. Auf den Hausberg bringt einen schnell die Seilbahn eines österreichischen Seilbahnspezialisten. Oben wartet dann eine Abfahrt mit Mountainbikes auf den Kundigen, aber auch Bungeespringen und eine Art Seifenkistenrennen. Ältere Menschen dürfen sich auch nur an der Aussicht erfreuen.

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Am nächsten Tag besuchen wir Arrowtown, eine Gründung aus der Goldgräberzeit mit einer interessanten Geschichte und einem sehenswerten Museum. Seine Hauptstraße mit den ursprünglichen Fassaden lässt das Bild des damaligen Lebens wieder lebendig werden. Auch wenn sich hinter den Fassaden heute ein breites Angebot für uns Touristen verbirgt.

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Wir sehen darüber hinweg und kommen ohne Kratzer wieder von dem gut besuchten Parkplatz herunter. Dafür entschädigt uns die kommende Strecke über den Haast Pass durch schöne Landschaftsbilder und eine herausfordernde Straßenführung mit unzähligen Kurven und Kehren, die ein Abbremsen bis auf 25 km/h fordern, aber bei dem geringen Verkehr eher Spaß machen. Da die Fahrt länger dauert als gedacht, stehen wir unterwegs für eine Nacht auf einem Platz an einem Berghang. Zuerst ganz allein, dann kommen aber noch einige Wagen dazu. Der Ausblick hier ist einfach zu schön.

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Einige Tage später, immer entlang der Fernstraße sechs, finden wir einen wunderschönen Campingplatz direkt an der Küste. Hier können wir am Nachmittag ausgedehnte Strandspaziergänge unternehmen. Den Strand bedecken überwiegend kleine und größere Steine. Uns faszinieren ihre Vielfalt, unterschiedlichste Größen und Formen, alle möglichen Farbschattierungen. Nicht weit davon befinden sich die Pancake-Felsen. Sie bestehen aus unterschiedlichen Felsmaterialien, sodass das Meer die löslicheren Anteile in den Jahrtausenden herauswaschen konnte und die Felsen jetzt wie eine Aufhäufung von Steinscheiben – eben Pancakes – aussehen. Eindrucksvoll, wie das Meer mit großen Wellen in die ausgespülten Kammern und Becken schlägt und das Wasser hoch gischtet.

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Am nächsten Morgen starten wir früh, da wir bis zum Abel Tasman-Nationalpark fahren wollen. Als wir wieder auf die Fernstraße sechs rollen, sind die Holztrucks mit den großen Baumstämmen schon da und nutzen jede Gelegenheit uns zu überholen. Deshalb biege ich gern in eine Nebenstraße ein, die sich landschaftlich reizvoll mit einzeln verteilten Farmen durch ein kleines Flusstal bewegt. Einen schon durch die Morgensonne beschienenden Parkplatz nutzen wir und frühstücken mit Muße. Auf einer Weide gegenüber grast eine Schafherde schon fleißig vor sich hin.

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Am nächsten Tag erreichen wir nach kurzer Fahrt Nelson, wo wir drei Tage bleiben wollen. Neugierig wandern wir durch die Stadt, deren Straßennamen an die Hochzeiten der Britischen Flotte erinnern. Die Trafalgar Street ist die Vorzeigestraße, angenehme Restaurants für jeden Geschmack und jedes Alter. Aber auch Tische, die die Stadt für Gäste bereithält, die nur lesen, sich unterhalten oder selbst verpflegen wollen. Wie angenehm. Den Hügel darüber bestimmt die anglikanische Kathedrale, deren schwierige und langwierige Geschichte uns allen Respekt abverlangt. Ebenso das persönliche Durchhaltevermögen der ersten Pfarrer. In der Kirche findet gerade die Mittagsandacht statt. Im Chor hat sich die kleine Ortsgemeinde versammelt. Wir verfolgen den anglikanischen Ritus. Zum Schluss verabschiedet der Pfarrer seine Gemeinde und vergisst auch die etwas entfernter sitzenden Touristen nicht.

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Unsere letzte Station auf der Südinsel ist Picton. Von dort fährt dann die Fähre aus dem Queen Charlotte Sound über die Cook Street nach Wellington auf der Nordinsel. Auf dem Weg dorthin erleben wir noch einmal eine abwechslungsreiche, kurvige Straße mit schönen Ausblicken. Ein Ausblick macht uns sehr nachdenklich. Von einer Anhöhe sehen wir auf ein riesiges Holzlager mit großen Baumstämmen. Im angrenzenden Sound hat ein Frachtschiff festgemacht, das mit diesen Baumstämmen beladen wird. Wir wissen nicht, wohin die Ladung gehen soll, ob nach Australien oder Japan. Wir wissen aber, dass in Neuseeland bald 90 % des ursprünglichen Waldbestandes abgeholzt worden ist. Und wir sehen, dass die gesamte übrige Wertschöpfungskette nicht in Neuseeland stattfindet. Vor Picton können wir schon auf den Fährhafen sehen und auf die dort wartenden Fähren. Eine von ihnen wird uns am nächsten Morgen auf den Weg nach Norden bringen.

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In Wellington angekommen, sind wir bald auf dem Weg ins Zentrum und finden schließlich auch einen Parkplatz am „Te Papa“, dem berühmten Museum hier. Ein interessanter Bau, der mit freiem Eintritt geradezu zum Besuch einlädt. Mit Berliner Erfahrungen im Kopf fragen wir, ob wir unsere kleinen Rucksäcke abgeben müssen . . . und erfahren zu unserer Überraschung, es liege ganz in unserem Belieben. Dieses Museum versammelt wie auch andere Museen in Neuseeland die Erfahrungen der unterschiedlichen Einwanderungs- und Bevölkerungsgruppen. Den Maoris wird hier viel Raum zur Selbstdarstellung gegeben. Sie haben sich dafür bedankt, indem sie historische Boote zur Verfügung stellten, aber auch reich geschnitzte Versammlungshäuser und Getreidespeicher. Alles darf aus nächster Nähe betrachtet und angefasst werden. Mir gefallen besonders die Filmaufnahmen von Versammlungen und Tanzdarbietungen. Ihr Kriegstanz Haka ist nicht ganz unbekannt, seitdem die neuseeländische Rugby-Mannschaft ihre Gegner mit seiner Aufführung vor Spielbeginn beeindruckt.

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Ein sehr schönes Erlebnis haben wir am Mt. Tanaki, einem noch aktiven Vulkan an der Westküste. Er gilt als der meist bestiegene Berg Neuseelands. Dabei ist er vollkommen unberechenbar, was Wetter- und Sichtverhältnisse angeht. Deshalb kommt es bei Besteigungen auch immer wieder zu tödlichen Unfällen. Wir sind schon zufrieden, als wir mit dem Camper einen schönen Stellplatz auf halber Höhe finden und dort eine längere Wanderung durch den Regenwald unternehmen können. Während des ganzen Nachmittags verhüllt sich der Mt. Tanaki und lässt auch nicht den kleinsten Blick auf seine westliche Flanke zu. Obwohl der Wind von der See kommend ständig die Wolken in Bewegung hält, blieb der Vulkan unsichtbar. Als ich dann am späten Abend einen kurzen Gang durch die tiefschwarze Nacht unternehme, grüßt der Mt. Tanaki unverhofft als ein scharf begrenzter Schatten vor dem südlichen Sternenhimmel. Ein Anblick, den ich nicht so schnell vergessen werde und den ich unbedingt mit anderen teilen möchte. So stehen wir bald zu sechst in der Kälte und können uns lange nicht von diesem Bild trennen. Am nächsten Morgen zeigt ein schneller Blick aus dem Fenster, dass der Berg noch vollkommen frei von Wolken dasteht und dass am Horizont eine erste Ahnung der Morgenröte aufkommt. So können wir das seltene Ereignis eines Sonnenaufgangs am Mt. Tanaki in aller Ruhe und Ungestörtheit erleben.

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Bei tief verhangenem Himmel und gelegentlichem Nebel erleben wir den „Forgotten Highway“, eine Schotterstraße durch das verlassene Hinterland. Der Zustand und der Verlauf der Straße lassen oft nur 30 bis 40 km/h zu, manchmal noch deutlich weniger. Viele scharfe Kurven, Engstellen und schmale Brücken tun ein Übriges dazu. Trotzdem beeindruckt mich diese Strecke nachhaltig. Die einsamen, zum Teil aufgegebenen Gehöfte, Schafweiden, ursprünglicher, dichter Regenwald und eine wunderbare Ruhe über allem.

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Die weitere Fahrt führt uns in den Tongariro Nationalpark, eine Hochfläche mit zahlreichen noch aktiven Vulkanen und fast Steppencharakter. Dieses Gebiet befand sich früher im Besitz der Maoris. Sie stellten es weitsichtig unter den Schutz der englischen Krone, verbunden mit der Auflage, es in ein Naturreservat umzuwandeln. Ähnlich wie in den USA zeichnen sich diese Nationalparks durch gut und überlegt geführte Wanderwege aus. So gelangen wir durch ein bewaldetes Flusstal mit Hängebrücke nach längerem Aufstieg zu einem Hochplateau, das einen weiten Blick in die Landschaft erlaubt. Wegen des niedrigen, aber sehr empfindlichen Pflanzenbewuchs ist der Weg mit Holzplanken abgedeckt. An den Stellen, wo man gern verharren möchte, stehen wie herbeigerufen Bänke und laden zum Sitzen ein. Erst nach längeren Umschauen erschließt sich uns die strenge Schönheit dieser Landschaft. Dazu haben wir uns hier oben ungestört ausreichend Zeit nehmen können.

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Entlang dem größten See der Nordinsel, dem Taupo-See gelangen wir anschließend in die Stadt Taupo. Sie ist weitgehend touristisch ausgerichtet. So passieren wir sie ohne Halt. Am Stadtrand kommen wir aber gerade richtig, um einen Wasserschwall an den Aratiatia Rapids zu beobachten. Er entsteht regelmäßig, wenn das benachbarte Wasserkraftwerk sein Wehr öffnet. Auf der Suche nach einem Stellplatz gelangen wir an einen See in Orakei Korako, einem geothermisch aktiven Gebiet. Überall steigen Dampfwolken auf, es riecht nach Schwefel. Ein Motorboot bringt uns über den See auf ein Gebiet mit heißen Quellen, Schlamm-Geysiren und terrassenförmigen, farbigen Salzablagerungen. Wir durchstreifen das weite Gelände und sind abgesehen von wenigen Besuchern allein. Wenn man dieses privat betriebene Gelände besucht, darf man mit seinem Camper nachts auf dem Parkplatz stehen bleiben und auch die Toilette benutzen. Mit uns übernachten noch drei andere Familien. Morgens bekommen wir ein besonderes Schauspiel geboten. Über dem dampfenden See geht tiefrot die Sonne auf. Dabei verfärben sich unzählige kleine Federwölkchen, bevor die eigentlichen Sonnenstrahlen erscheinen. Ein wunderbares Bild.

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Unsere nächste Station heißt Rotorua. Dessen ehemals berühmte Salzterrassen haben aber inzwischen Erdbeben zerstört. Trotzdem ist die Stadt ein Anziehungspunkt für Touristen geblieben. Die Infrastruktur erlaubt daran keinen Zweifel. Wir interessieren uns hier für den Bezirk, in dem überwiegend Maoris wohnen. Wir besichtigen die Kirche und den dazugehörigen Friedhof, auf dem auch Soldaten der beiden Weltkriege begraben sind. Daneben steht ein Gemeinschaftshaus in der typischen Holzarchitektur und mit den reichen Schnitzereien und Figuren. Gerade findet eine Begräbnisfeier statt. Wir hören, wie christliche Lieder gesungen werden. Aber auch ein Vertreter ihres alten Glaubens ist zu sehen. Mittags sind wir zufrieden, wieder fern der Stadt einen ruhigen Platz am Meer gefunden zu haben. Gerade läuft vor uns die Flut in der Lagune ab. Die zahlreichen Seevögel bedienen sich am reich gedeckten Tisch, und wir haben viel zu beobachten.

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Wir entschließen uns, an Auckland vorbei nach Norden in Richtung auf das Cape Reinga zuzufahren. So landen wir schließlich auf dem Parkplatz einer großen Marina am Waitemata Harbour gegenüber Auckland, das sich in der Nacht als ein farbiges Band am Horizont abzeichnet. Auf dem Parkplatz ist der Bereich für Camper mit eindeutigen Hinweisen abgegrenzt, und es werden auch die Folgen der Nichtbeachtung genau beschrieben. Einige Spätankömmlinge lassen sich davon nicht beeindrucken, sind aber am frühen Morgen schon wieder abgereist. Abends beobachten wir Pendler, die mit der Fähre aus Auckland kommen, hier in ihre Autos steigen und nach Hause fahren. So sparen sie sich ungefähr 50 km Fahrstrecke und etliche Staus. Wir sind froh, bei der Weiterfahrt bald die stark befahrene Fernstraße verlassen und auf Nebenstraßen ausweichen zu können. Wir steuern unser Wunschziel, die Helene Bay an, eine abgelegenen Bucht mit dunklem Sand. Anfangs sind wir auf dem Parkplatz allein, später gesellen sich noch zwei andere Camper dazu. Am Rand der Bucht sind bescheidene Ferienhäuser entstanden, wahrscheinlich auch Eigenbauten. Ihre Bewohner sitzen zusammen am Strand, in offensichtlich vertrauter Runde. Ein wirklicher Rückzugsort. Aber das Paradies hat auch dunkle Flecken. Meine Frau Dana studiert eine umfangreiche Informationstafel auf dem Parkplatz, die auf mögliche Tsunamis hinweist, den Grad der Gefährdung in den unterschiedlichen Höhenlagen erklärt und Anweisungen für den Ernstfall gibt. Wir hoffen, dass wir in dieser Nacht davon keinen Gebrauch machen müssen.

Am übernächsten Tag sind wir schon früh in Waitangi. Hier wurde 1840 zwischen der Englischen Krone, die die europäischen Siedler vertrat, und den Maoristämmen ein grundlegender Vertrag geschlossen. Dieser Vertragsschluss wird auch als Geburtsstunde des heutigen Neuseelands betrachtet. Das Haus des englischen Repräsentanten wurde umfangreich restauriert und in seiner Nachbarschaft ein bemerkenswertes Museum gebaut. Es beschreibt ausführlich die Entdeckung Neuseelands durch Maoris, ozeanische Einwanderer im 13. und 14. Jahrhundert, das Auftauchen der ersten europäischen Entdecker von Abel Tasman bis zu James Cook und die zunehmenden Kontakte zu europäischen und nordamerikanischen Walfängern. Diese Kontakte wurden auch enger, sodass sich noch heute Familien aus diesen Begegnungen herleiten. Mit der zunehmenden Einwanderung aus England und Schottland wurden die Maoris verdrängt, ein Vorgang, der auch durch den Vertrag von Waitangi nicht spürbar aufgehalten worden ist.

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Daneben fesselt uns der sehr gut ausgestattete Museumsladen, es gibt schöne Holzerzeugnisse, die verschiedene maorische Künstler in der benachbarten Werkstatt anfertigen und gern Interessenten erklären. So lernt Dana, wozu ein Schwirrholz dient und wie man mit ihm umgeht. Zum Schluss nehmen wir an einer Tanzveranstaltung teil. Eine Gruppe der Maoris führt uns in ihre Begrüßungsrituale ein und zeigt uns verschiedene Formen von Tänzen, mit großem Körpereinsatz, auch mit Augenrollen, Zunge herausstrecken und lauten Ausrufen. Ich bin anfangs eher zurückhaltend und skeptisch gegenüber dieser Darbietung. Aber dadurch, dass die Maoris sie auf eine selbstbewusste und selbstverständliche Art präsentieren, gewinnen die Tänze für mich einen anderen Charakter, und ich freute mich zum Schluss, sie gesehen zu haben.

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Jetzt sind wir auf der Weiterfahrt zum Cape Reinga. Die fast hundert Kilometer bis zum Kap bieten keine landschaftlichen Besonderheiten. Der Zugang zu der Dünenlandschaft an der Westküste ist eben nur vereinzelt möglich. Wir machen den Versuch auf einer unbefestigten Straße, die mit zunehmender Entfernung von der Hauptstraße immer unwegsamer wird. Ein entgegenkommender Truckfahrer überzeugt uns davon, dass für unseren Camper dort kein Durchkommen sei. Allein das Wenden gelingt uns nur mit Hilfe von Anwohnern über ihr Anwesen. Am Kap angelangt, suchen wir zuerst den empfohlenen Campingplatz auf und hängen unversehens auf einer Schotterstraße in einer dichten Staubwolke hinter einer Straßenbaumaschine. Umdrehen ist keine wirkliche Alternative, denn wir brauchen unseren Stellplatz. Also fahren wir geduldig im Schneckentempo hinter diesem überbreiten Gefährt hinterher, bis uns der Fahrer schließlich mit Blinkzeichen und Ausweichen das Überholen ermöglicht. Als Lohn für unsere Geduld finden wir einen ausnehmend schön gelegenen Campingplatz vor, eine Sandbucht von Felsen begrenzt mit weitem Blick auf das Meer.

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Später am Nachmittag fahren wir über eine gewundene Bergstraße hinauf zum eigentlichen Kap. Von einem Parkplatz aus über einen längeren Fußweg gelangen wir zum Leuchtturm. Hier treffen Pazifischer Ozean und die Tasmanische See zusammen. Dieser Ort hat eine besondere spirituelle Bedeutung für die Maoris. Wir sehen an der Inselspitze einen prominenten Felsen mit einem einsamen Baum, einem Pohutukawa-Baum. Von dort aus treten nach Vorstellung der Maoris die Seelen der Verstorbenen ihre Reise über das Meer in die alte Heimat in Ozeanien an. Ein landschaftlich eindrucksvoller Ort mit einer besonderen Ausstrahlung, von dem wir uns erst langsam wieder trennen.

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Auf der Rückfahrt können wir beobachten, wie gerade mit Hilfe von Raupenfahrzeugen eine ausgedehnte Avocado-Plantage angelegt wird, also für einen Baum, der sich besonders durch seinen großen Wasserbedarf auszeichnet. Gleichzeitig lesen wir in der Zeitung, wie auch hier in Neuseeland ein zunehmender Wassermangel entsteht. Wie passt das zusammen? Früher bedeckten ausgedehnte Kauriwälder diesen Teil der Nordinsel. Bis auf wenige Reste sind sie im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert abgeholzt worden. Die Böden wurden noch lange nach dem kostbaren Harz der Kauribäume metertief aufgewühlt. 

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Durch eine abwechslungsreiche hügelige Landschaft gelangen wir an eine tief ins Land hineinreichende Meeresbucht, den Hokianga Harbour. Eine Fähre soll uns in einer halbstündigen Fahrt an das andere Ufer bringen. Offensichtlich wird die Fähre überwiegend von Einheimischen benutzt. Als wir in Rawene ankommen, finden wir nur leere Restaurants vor, die kurz darauf auch schließen, zwei kleine Lebensmittelläden bieten ein übersichtliches Sortiment an. Auf der Straße einige Autos, wenige Fußgänger. Auf einer steilen Straße erklimmt unser Camper schließlich einen Campingplatz, dessen angenehmstes Merkmal seine schöne Aussicht ist. Offensichtlich gibt es hier erst wenig Tourismus. Dafür lernen wir am folgenden Tag Kauribäume kennen. Hier gibt es noch kleinere Wälder, die der Besucher nur über Schleusen betreten darf, um die Bäume vor einer tödlichen Pilzerkrankung zu schützen. Und dann stehen wir vor dem ersten Baum, über dreißig Meter hoch, ein Stammdurchmesser von sechs Metern. In seiner fernen Krone haben sich auch andere Pflanzen angesiedelt. Es sieht dort oben wie ein eigenes Reich aus.  Glücklicherweise sind erst wenige Besucher unterwegs, und so wir können uns in Ruhe in seinen Anblick versenken. Ich habe den Eindruck, einem Lebewesen, einer Persönlichkeit gegenüberzustehen. Und man ahnt in diesem vielgestaltigen Wald die vielfältigen Beziehungen und Abhängigkeiten nur der Pflanzen untereinander, in die der Mensch immer wieder tumb und zerstörerisch eingreift. Dabei ist die Tierwelt in diese Überlegungen noch gar nicht miteinbezogen.

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Die folgenden beiden Tage führen uns noch einmal an die Westküste, dort stehen wir in einer Bucht mit Austernbänken vor Gedenksteinen für die ersten schottischen Siedler. Ihr Leben muss in den ersten Jahren nach der Ankunft ausgesprochen hart gewesen sein. Eine erhebliche Zahl von ihnen ist an den Strapazen und den damit verbundenen Krankheiten bald gestorben.

Unsere letzte Nacht im Camper verbringen wir an der Muniwai Beach, die durch ihre großen Tölpel-Kolonien bekannt ist. Hier kann man diese großen Seevögel aus nächster Nähe beim Brutgeschäft beobachten und ihre Jungen dann bei ihren ersten Flugversuchen.

Wir müssen aber packen und Fächer und Kühlschrank ausräumen, nach über sechs Wochen Fahrt alle Neuanschaffungen in Koffern und Taschen unterbringen, alle gesammelten Muscheln, Schnecken und Steine kritisch begutachten und uns von Vielem trennen. Die Fahrt nach Auckland verläuft dann so schnell und problemlos, auch die Rückgabe des Campers, dass wir gar nicht dazu kommen, über die plötzliche Trennung von unserem mehrwöchigen Zuhause nachzudenken. Schon sitzen wir im Taxi, das uns nach Auckland zu unserem Hotel bringt, und der Traum unseres Nomadenlebens ist zu Ende.

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Der erste Nachmittag in Auckland lässt uns etwas willkürlich durch die Stadt schlendern, nur mit einem ungefähren Ziel. Ich wollte schon einmal einen Blick auf die alte Synagoge werfen, dabei kreuzen wir einen schön angelegten Park und treffen auf eine moderne städtische Galerie. Für ihre Betrachtung nehmen wir uns viel Zeit, freuen uns an der offenen, reichlich Holz verwendenden Architektur. Nach einem Blick in den Museumsladen verlassen wir das Museum und steigen eine breite Treppe hinunter in eine Art Piazetta mit mehreren umgebenden Cafés, Menschen sitzen draußen, unterhalten sich lebhaft, es herrscht eine freundliche, entspannte Atmosphäre. Wir kreuzen die Queens Street, den Mittelpunkt von Aucklands Einkaufs- und Geschäftsviertel. Viel Straßenverkehr, Busse, Trucks, entsprechender Lärm, aber auch viele Fußgänger, erstaunlich viel junge Leute sind unterwegs.

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Wir gelangen in den Hafenbereich, hier liegen in den verschiedenen Marinas große Motoryachten, aber auch die High Tech-Rennyachten für den Admirals Cup umgeben von großzügigen Appartementhäusern. Auf breiten Wegen lässt es sich hier angenehm flanieren, die zahlreichen Fußgänger bestätigen das. Wir sehen uns nach einem Restaurant um, in dem wir noch ein kleines Abendessen einnehmen können. Die Auswahl ist fast zu groß. Wir finden aber einen angenehmen Platz, windgeschützt, mit guter Aussicht auf die Umgebung. In meinem Rücken sitzen drei sehr umfängliche Männer, ich werfe nur einen kurzen Blick hinüber. Dafür beschreibt mir Dana minutiös das Geschehen am Nachbartisch. Im Berlin der zwanziger Jahre hätte man die Männer den bekannt berüchtigten Ringvereinen zugeordnet. Da sie wahrscheinlich ihre SUV weit weg in einer Tiefgarage abgeben mussten, trumpfen sie jetzt mit ihren Bestellungen auf. Jeder von Ihnen bestellt sich eine große Platte mit Fleisch und Fisch, die für eine vierköpfige Familie ausgereicht hätte. Sie dagegen knabbern an einer Hähnchenkeule, probieren das Steak, stochern in den Meeresfrüchten und lassen alles wieder zurückgehen. Für ein Nachkriegskind ist das schwer auszuhalten. 

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Am nächsten Vormittag ist das Maritime Museum unser Ziel. Es schildert die Entwicklung der Schifffahrt in Neuseeland und in Auckland. Die Schifffahrt war die Nabelschnur, die sie mit dem Mutterland England verband. Waren sie mit den Segelschiffen noch vier Monate unterwegs, beschleunigte sich die Fahrt mit dem Aufkommen der Dampfschifffahrt erheblich, insbesondere nach der Eröffnung des Suezkanals. Die Gewässer um Neuseeland mit ihren zahlreichen Felsen und Untiefen stellen ein schwieriges Fahrrevier dar, Havarien waren an der Tagesordnung. So wird hier der Untergang der HMS Orpheus vor Auckland beschrieben. Der befehlshabende Commodore hatte es eilig und wollte schnell in Auckland ankommen. Er mischte sich in die Diskussion um die sicherste oder schnellste Route ein und setzte eine vermeintliche Abkürzung durch. Dabei übersah er ein Untiefe. Das Schiff lief schließlich trotz verzweifelter Signale des Hafenlotsen auf ein Riff und sank. Nur wenige Besatzungsangehörige konnten sich damals retten.

Am Nachmittag besuchen wir die Jüdische Gemeinde. Wegen des Attentats in Christchurch stehen jetzt auch hier Polizisten vor dem modernen Gemeindehaus. Zusätzliche Sicherheitsleute regeln den Zugang. So wird auch ein flüchtiger Passant auf das sonst unauffällige Gebäude aufmerksam. Die innenliegenden Bauten wie Schule und Synagoge werden durch einen großzügigen Hof erschlossen. Die Feiertagssynagoge wirkt durch ihre weißen Wände hell und leicht, die Frauenempore ist wie auch die Bima holzverkleidet. Dagegen hat der Thoraschrein eine Steinverkleidung und wird von einem blauen Samtvorhang verschlossen. Die Wochentagssynagoge ist ebenfalls schlicht und eher als Mehrzweckraum angelegt.

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Auf dem Weg zum alten jüdischen Friedhof in der Symonds Street komme ich auch zur oberen Queens Street und der Karangahape Road. Hier liegt eines der Vergnügungszentren der Stadt, Restaurants und Kneipen mit unterschiedlichster Ausrichtung, Sexläden, Späteinkaufläden, Tanzschuppen, alles mit etwas fragwürdigem Charakter. Der Jüdische Friedhof liegt überraschend mit den verschiedenen christlichen gemeinsam auf einem Gelände und ist frei zugänglich. Die vorhandenen Grabsteine sind unzerstört, die Inschriften noch gut leserlich.

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Mich interessiert noch der alte Bahnhof Aucklands. Wir können ihn gut von unserem Hotelfenster aus sehen. Ein eindrucksvolles großes Gebäude aus rotem Sandstein. Mittlerweile sind die Gleise in den Untergrund verlegt worden und der Bahnhof wurde in ein Appartementgebäude umgewandelt. Glücklicherweise hat man den Eingangsbereich und die Schalterhalle in ihrem früheren Aussehen bewahrt, sodass wir uns gut in die Zeit der dampfbetriebenen Züge zurückversetzen können.

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Am letzten Tag haben wir uns einen Tisch im Restaurant auf dem Sky Tower bestellt. Am Fuß dieses Turms nehmen wir erst einmal die falsche Rolltreppe und landen in einer Spielbank, wir stehen vor unzähligen Spielautomaten und fühlen uns an Las Vegas erinnert. Dann aber finden wir den richtigen Eingang und werden mit dem Fahrstuhl in kürzester Zeit in die Aussichtsetage transportiert. Eine weite Rundumsicht erwartet uns. Ich nehme erst einmal die vielfältigen Bilder in mich auf, bevor ich ans Fotografieren denke. Auch bei leichtem Dunst ist die Fernsicht gut. Hier wird auch die Erdkrümmung am Horizont sichtbar. In der Ferne ahnen wir unseren Stellplatz von vor zehn Tagen in Harbour West, am anderen Ende der Fährlinie.

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Um 12 Uhr steigen wir in das Restaurant hinauf und erhalten nach mehreren Anläufen einen Tisch, der uns gefällt. Das Eindrucksvollste hier oben ist, dass man an seinem Platz innerhalb einer Stunde einmal 360 Grad im Kreis gefahren wird und so ohne Mühe einen Rundumblick erhält. Ein angenehmer Ort, dessen wechselnder Ausblick auch immer wieder neuen Anlass zum Gespräch gibt. Wir verlassen den Turm mit neuen Eindrücken und gehen ins Hotel zurück, um unser Gepäck für den morgigen Flug nach Sydney vorzubereiten.

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Dazu betrachten wir noch einmal die Wanderschuhe und Wanderstöcke kritisch und befreien sie von den letzten Erdresten. Auch unsere sonstigen Mitbringsel sehen wir noch einmal aufmerksam durch, wie mit den Augen des australischen Zolls, damit es bei der Einreise in Sydney keine Probleme gibt. Morgen früh wird uns dann ein Shuttle Service noch zu nachtschlafender Zeit zum Flughafen bringen.

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Am Anfang des Artikels steht “Werbung unbeauftragt”, das heißt, dass dieser Artikel ohne Beeinflussung und Bezahlung geschrieben wurde. Warum der Vermerk trotzdem dort steht, erfahrt ihr auf unserer Seite “Transparenz”

Karibik und Mittelamerika mit der AIDAluna

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