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66-Seen-Weg - Ein Gastbeitrag von Michael Jahn

66-Seen-Weg - Ein Gastbeitrag von Michael Jahn

Die Tage werden kürzer und die Temperaturen sinken. Was gibt es da schöneres, als in sommerlichen Wander-Erinnerungen zu schwelgen. Vielen Dank lieber Michael für deinen spannenden Bericht!

Es ist der 16. Juli 2020, 10:00 Uhr, ich sitze im Regio auf dem Weg nach Wünsdorf, meinem Startpunkt für die jetzt geplanten Wander-Etappen auf dem „66-Seen-Weg“. Die komplette Tour besteht aus 20 Etappen, führt rund 420 Kilometer durch das schöne Brandenburger Land und wie es der Name  schon sagt, an 66 Seen vorbei. Dank Corona, das meine ursprünglichen Reisepläne vereitelte und einer 20% Rabatt-Aktion bei meinem Lieblingsladen Globetrotter, habe ich (zwangsweise) beschlossen, Brandenburg weiter zu erkunden und so werde ich in den kommenden vier Tagen drei Etappen mit gut 80 Kilometer Länge dieses Weges wandernd bewältigen. Auch wenn diese Tour ursprünglich nicht so geplant war, wandere ich gerne und halte es mit dem alten Goethe, der schon treffend bemerkte, dass nur dort, wo man zu Fuß war, auch wirklich gewesen ist.

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Die Rabatt-Aktion bei Globetrotter kam dazu genau zum richtigen Zeitpunkt. Sie verführte mich, ein Ultraleicht-Zelt zu kaufen, was bei mir schon lange auf der Wunschliste stand. Mit der dazu passenden Zeltunterlage kann ich meinen Rucksack, so hoffe ich, doch um einige Kilo erleichtern. Damit auch der Schlaf noch erholsamer wird, fällt auch noch eine neue Isomatte ab. Alle notwendigen und auch einige nicht ganz so notwendigen Dinge suche ich also zusammen und verstaue sie in dem Rucksack. Als am Ende noch einiges fürs leibliche Wohl und auch Wasser gebunkert ist, steht die Waage dann doch bei 15 Kilo. Ich hätte davon noch etwas einsparen können, möchte aber auf einige „Genussmittel“ für den Abend am Zelt nicht verzichten und so beiße ich in den bekannten sauren… und trage eben anfangs etwas mehr.

Ich erreiche Wünsdorf und starte gleich durch.

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Das in vielen Teilen noch recht ursprüngliche Wünsdorf ist schnell durchquert und ich tauche ein in den Wald, der mich auf einem schönen und abwechslungsreichen Weg nach Sperenberg führt. Die Sonne bricht durch die Wolken und taucht den Wald in schöne Farben.

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Hier merke ich, dass ich ein paar Kleinigkeiten vergessen habe, nämlich meine Sonnenbrille, was aber nicht so schlimm ist, da ja mein Hut auf dem Kopf sitzt. Er übernimmt die Funktion der Sonnenbrille, indem er die Sonne ausreichend abschirmt. Kurz darauf vermisse ich beim Griff in meine Hosentasche der Lederhose mein kleines Tuch. Es steckt normalerweise immer griffbereit für die schweißtreibenden Passagen in der linken Hosentasche. Später muss ich noch feststellen, dass ich auch noch Sonnencreme und Autan vergessen habe. Aber sowohl die Mücken, als auch die Sonne haben Erbarmen mit mir und ich überstehe die Tage, ohne von der Sonne verbrannt und von den Mücken über die Maßen zerstochen zu werden.

Der blaue Kreis auf weißem Grund ist fortan mein ständiger Begleiter, denn er markiert den Weg über die gesamte Tour. Immer wieder öffnet sich die Landschaft und gibt den Blick frei auf neue, scheinbar unberührte Seen in einer tollen Landschaft. Vereinzelt gibt es auch Badestellen, die mich zu Pausen einladen.

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Ich durchquere Sperenberg und stehe kurze Zeit später vor dem verschlossenen Tor des Militärgeländes zum ehemaligen Flughafen Sperenberg.

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Hier im „Niemandsland“ sollte Anfang der 1990er Jahre der Großflughafen Berlin/Brandenburg gebaut werden. Was daraus wurde, wissen wir alle. Jetzt, nach Fertigstellung des BER werde ich darüber aber keine Witze mehr machen. Aktuell werden die 2400 Hektar nicht genutzt; nur der Weg führt mich mit Blick auf das umzäunte Areal an der Mauer entlang und lässt einen die Größe des Geländes erahnen. Und plötzlich liegt er vor mir, der „Platz in der Sonne“ mit Bank, mitten in Brandenburg. Nicht sehr einladend, aber eine Bank.

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Das wird übrigens bis Caputh auch die einzige Bank sein, auf die ich während der drei Etappen treffe. So gut die Markierung des Weges ist, hinsichtlich der Möglichkeiten für eine bequeme Pause in der schönen Landschaft ist noch viel Luft nach oben. Das habe ich auf vielen anderen Wanderwegen besser kennengelernt, wo einladende Tische und Bänke am Wegesrand eine zünftige Brotzeit zum Vergnügen machen und das anschließende Weitergehen erleichtern. In Kummersdorf finde ich eine geöffnete Gaststätte, wo ich unter Einhaltung der Corona-Abstandsregeln und Notierung der Kontaktdaten einen schönen Platz auf der Terrasse bekomme und mich für die zweite Hälfte des Tages stärken kann.

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Das dazugehörige Weizenbier hat leider nicht mehr aufs Foto gepasst.

Hinter Kummersdorf laufe ich auf Betonplatten ca. drei Kilometer am Feldrand entlang, bevor es wieder in den Wald geht. Ich erreiche gegen 17:30 Uhr den Großen Gadsdorfer See, wo ich für heute Schluss machen möchte. Ein schöner Platz in der Sonne ist zügig gefunden und auch der Zeltaufbau ist schnell erledigt. Jetzt raus aus den Klamotten und ab in den See. Die Temperaturen sind angenehm und lassen die müden und verspannten Muskeln ein wenig auflockern; auch der Boden ist nicht schlammig. Ich lasse mich von der Sonne trocknen und schaue, was mein Rucksack fürs Abendessen so hergibt. Das besteht heute aus leckerem Brot, französischer Salami und kräftigem deutschem Bergkäse aus dem Allgäu. Zum Abschluss findet sich auch noch etwas Süßes in den Tiefen des Rucksacks. Auf warme Küche verzichte ich auf Wanderungen meist, da ich versuche, unterwegs etwas zu essen und ich den Abwasch und Abfall auf ein Minimum reduzieren möchte. Anschließend gieße ich mir einen Drink ein, zünde mir eine Zigarre an und genieße die untergehend Sonne. Kann das Leben schöner sein…?

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Um 06:15 Uhr ist die Nacht vorbei und der Tag beginnt mit einem Sprung in den See. Das frühe Aufstehen ist auch dem Umstand geschuldet, dass meine Neuerwerbung gelb und sehr durchscheinend ist. Aber auch das fröhliche Trillili unser gefiederten Freunde sorgt für frühes Aufstehen. Mein anderes Zelt ist dunkelgrün, was sich der Umgebung mehr anpasst und auch einen besseren Lichtschutz bietet. Während ich mir Kaffee koche und mein Lager abbaue, bekomme ich Besuch von einem VW-Bus. Ein Angler will sein Wochenende hier verbringen und lädt dafür unendlich viel Equipment aus. Er geht auf Barsch, antwortet er auf meine Frage, aber er isst gar keinen Fisch. Der wird nur geangelt, fotografiert und wieder freigelassen. Diese Art von Sportangeln kann ich nicht nachvollziehen, vor allem, weil dabei auch häufig Fische verletzt werden. Gegen 08:00 Uhr starte ich und bin froh, dass ich meine Sachen alle in einen Rucksack bekomme – wenn auch gerade so. Es geht sonnig Richtung Christinendorf durch den Wald, an Feldern und Windrädern vorbei bis an den Ortsrand.

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Hier bin ich einen Augenblick unaufmerksam und biege dort gleich nach links auf den neben der Straße verlaufenden kombinierten Rad-/ Fußweg ab, statt erst in den Ort hinein zu laufen. Dafür muss ich zur Strafe einen vier km langen verkehrsreichen „Highway-walk“ bis nach Trebbin machen. Hier finde ich die einzig geöffnete Bäckerei, wo ich hungrig eine Frühstückspause einlege. Hinter Trebbin erklimme ich im Wald den Löwendorfer Berg und den dortigen Aussichtsturm. Dort oben erwartet mich nach 126 Stufen ein toller Ausblick auf die Umgebung. Für Höhenempfindliche ist der Blick über das Geländer nach unten keine gute Idee. Auf der weiteren abwechslungsreichen Strecke durch Wald und Flur zieht sich der Himmel zu und es zeigen sich viele dunkle Wolken. Ich höre es auch vereinzelt grummeln, habe aber Glück, dass sich die Wolken immer woanders entladen. Ich erreiche jedenfalls trocken das schöne, im Naturpark Nuthe-Nieplitz gelegene Dorf Blankensee, was auch an dem gleichnamigen See liegt. Der Bohlensteg führt mich am Seeufer entlang und eröffnet wundervolle Ausblicke.

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Obwohl der See eine Gesamtfläche von ca. 280 ha hat, beträgt die maximale Wassertiefe nur zwei Meter. Er ist von einem stellenweise mehrere hundert Meter breiten Schilfgürtel umgeben und steht unter Naturschutz. Baden und Angeln sind hier verboten.

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Ich kehre in die gemütliche Museumsschänke ein, wo gerade noch die Spuren des Wolkenbruchs beseitigt werden und bestelle mir leckere Pfifferlinge. Während ich auf das Essen warte, beobachte ich zwei Jungstörche, die kurz davor sind, ihre ersten Flugversuche zu unternehmen.

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Beim Aufbruch komme ich noch an einer Bäckerei vorbei, wo ich oft Pause mache, wenn ich mit dem Rennrad unterwegs bin. Allerdings „fliegt“ man mit dem Rad immer förmlich durch die Landschaft und verpasst viele Details, die ich jetzt zu Fuß intensiver wahrnehme. Es geht weiter auf einer sehr ruhigen Straße in den kleinen Ort Stücken und dahinter wieder in dichten Wald hinein. Der Weg verläuft anfangs wie ein idealer Single Trail für Mountainbikes und während ich noch in Gedanken den Weg abradele, schießt mir schon eins entgegen. Später passiere ich noch gelbleuchtende Felder voller Sonnenblumen, bevor ich den Kähnsdorfer See erreiche.

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Anfangs kann ich den See nicht einmal sehen, zu dicht sind die Schilfgürtel. Vergeblich mein Versuch, einen schönen Platz am Gewässer zu bekommen. Als sich der Himmel mit dunklen Wolken zuzieht und Regen ankündigt, springt mir ein Schild: „Zeltwiese“ und „Rezeption“ ins Auge. Ein Campingplatz, der seltsamerweise nicht in dem Guide eingezeichnet ist, mir aber jetzt wie gerufen kommt. Er ist fast ausschließlich mit Dauercampern belegt, bietet aber auf einer Wiese auch Platz für einige Zelte. Aktuell haben nur zwei Radwanderer ihr Stoffbehausung dort aufgeschlagen. Wie sich in einem Gespräch herausstellt, wieder Angler, die allerdings ihren Fang auch verspeisen. Nach dem Zeltaufbau ist es Zeit für das Abendessen. Wandern macht hungrig und vor allem durstig. Ich trinke noch zwei Flens, die ich von dem Platzwart neben der Duschmarke bekommen habe.

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Wie schon am Vortag treibt mich der „Lärm“ der Natur und das Tageslicht um 06:15 Uhr aus dem Zelt. Geregnet hat es nicht mehr, feucht ist dennoch alles. Ein Kaffee vertreibt die letzte Müdigkeit und lässt mich anschließend die Dusche testen. Die Duschmarke öffnet die Tür zu einem Raum mit zwei Duschen. Hier weht noch der Charme der vergangenen DDR durch. Ich habe sogar das Gefühl, die damaligen Reinigungsmittel noch zu riechen. 08:00 Uhr ist Abmarsch. Nach 200 Metern treffe ich auf einen Platz, wo einige Zelte und Wohnmobile stehen. Dahinter öffnet sich hinter dichten Sträuchern der Seddiner See.

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Das wäre auch ein schöner Platz für die Nacht gewesen, aber Dusche und Toilette waren auch nicht zu verachten. Der Himmel reißt auf und die wärmende Sonne begleitet mich auf einem abwechslungsreichen Weg, oft am Ufer des Großen Seddiner Sees entlang bis nach Seddin.

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Hier hoffe ich auf ein Frühstück. Eine Bäckerei mit belegten Brötchen und Kaffee würde mir schon reichen. Man wird ja bescheiden. Aber nicht einmal das gibt es hier. Lediglich einen kleinen Lebensmittelmarkt, wo ich wenigstens meine Vorräte auffüllen kann und muss, finde ich hier; denn bis Caputh, meinem heutigen Tagesziel, gibt es keine weitere Versorgungsmöglichkeit. Und „das Himmelreich“ (so der Name des Campingplatzes) in Caputh, wo ich übernachten möchte, ist nach telefonischer Auskunft voll. Ich kenne den Platz, war schon mehrfach dort, habe allerdings nicht reserviert.

Bevor ich zur zweiten Hälfte des Tages starte, bekomme ich noch einen Kaffee und einen kleinen Imbiss im einzigen geöffneten Restaurant in Seddin. Allerdings auch nur schwarzen Kaffee, denn „Milchschaum ist zur Zeit nicht möglich“.

Die nächsten knapp 15 Kilometer führen mich an drei Seen vorbei, lassen mich eine Bahnlinie und die A 10 unterqueren, bis ich schließlich Caputh erreiche. Hier steuere ich erst einmal eine mir bekannte Eisdiele an und verwöhne mich mit einem großen und sehr leckeren Eis. Noch auf dem Anmarsch beschließe ich, den Campingplatz persönlich aufzusuchen und meine Bitte vorzutragen, irgendwo mein kleines Zelt aufstellen zu können. Und - mein Stoßgebet wird erhört. Die Chefin der Platzvergabe hat ein Herz und erhört mein Flehen. Viel weiter hätte ich auch nicht mehr laufen wollen und können. Lediglich in den gemütlichen Biergarten tragen mich meine müden Beine noch, um ein leckeres Bier zu trinken.

Heute am 19. Juli ist ausruhen angesagt. Der Tag beginnt mit einem Bad im See, einem hervorragenden Cappuccino und frischen Brötchen. Später gehe ich ins nahegelegene Strandbad und genieße die Sonne. Das Baden ist leider etwas eingeschränkt, da aufgrund der hohen Temperaturen der letzten Tage der Algenwuchs zugenommen hat. Das trübt das Wasser, aber nicht meine Stimmung. Später esse ich im Fährhaus sehr guten Zander und nehme zum Abschluss des Tages noch einen Drink im Biergarten. Ich weiß, dass ich mich wiederhole, aber: „Kann das Leben schöner sein!!“

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Heute am 20. Juli werde ich die Tour am Brandenburger Tor in Potsdam beenden. Dazu führt mich der Weg erst einmal zum Schloss Caputh und von dort am Templiner See entlang zum Kavaliershaus, das jetzt ein Restaurant beherbergt. Kurze Zeit später erreiche ich das Sommerhaus von Einstein. Es liegt sehr ruhig auf einer Anhöhe im Wald, mit einem schönen Blick auf die Landschaft. Hier in der Ruhe betrieb er auch seine Forschungen und empfing viele Persönlichkeiten. Normalerweise ist es zu besichtigen, aber was ist schon normal in Corona-Zeiten. Also bleibt dieser Punkt auf der „To-Do-Liste für Ausflüge“ für eine hoffentlich bald kommende „Nach-Corona-Zeit“.

Ein schmaler Waldweg führt mich wieder zum Seeufer hinab und ich erreiche bald die Bahnbrücke, wo ich den See auf das linke Seeufer quere. Hier sind die Ausläufer Potsdams schon erreicht; ich habe aber weiterhin noch schöne Ausblicke auf den See. Hinter dem Yachthafen Potsdam biege ich nach links ab und stehe bald darauf im Park Sanssouci. Auch hier gibt es Flecken, die einen nicht sofort an einen künstlichen Park denken lassen. Nach dem Park ist das letzte Stück des Weges schnell geschafft und ich stehe vor dem Potsdamer Brandenburger Tor.

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Fazit: Es war ja nicht meine ersten Etappe des 66-Seen-Weges und es waren wieder schöne Tage in einer wunderschönen Landschaft, die man wandernd intensiv wahrnimmt. Leider sind die Versorgungsmöglichkeiten in der Region immer noch sehr spärlich und es gibt leider keine Rastplätze an der Wegstrecke, obwohl es diesen Weg schon mindestens zehn Jahre gibt. Schöne Plätze für Parkbänke und Tische habe ich genug gesehen. Hier gibt es für den Brandenburger Tourismus noch viel Entwicklungspotenzial. Die tolle unverbaute Landschaft dafür haben sie.

Kommentare:

  • von Nimra: Danke Michael, durch die kurzweilige und interessante Schilderung deiner Tour, den schönen Fotos, hab ich jetzt richtig Bock auf den 66-Seen Weg
    (die Route 66 Brandeburgs)...und auf auf abendliche Drinks😊

  • von Andreas: Danke Michael für diese lebhafte Schilderung und die tollen Fotos.

    Da können wir von grad60.com nur zustimmen

Corona und Urlaub? Was sonst und jetzt erst recht!

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Seattle – Liebe auf den zweiten Blick

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